Psychologische Hilfe vor und nach der Geburt

Inga Erchova, Dipl.-Psychologin

Die Supernanny und das Aschenputtel.

November27

Obwohl sich viele über das deutsche Fernsehen beschweren, finde ich es gar nicht so schlecht, vor allem all die Lebensbewältigungsformate, die zu jeder Lebenssituation eine Hilfestellung bieten – vom Hausrenovieren, Schulden–los-Werden bis zum Auswandern und wieder Zurückkehren. Bequem auf dem Sofa können wir die Dramen anderer Menschen mitverfolgen und vielleicht etwas für uns selbst daraus lernen.

Natürlich wollte ich etwas über die Supernanny schreiben. In dieser Episode ging es um die zweite Ehe einer Mutter, ihre zwei Töchter – die ältere (ca. 8 Jahre) aus der ersten Beziehung und die jüngere (2 Jahre) aus der aktuellen. Der Konflikt bestand zwischen der älteren Tochter und ihrer Mutter und dem Stiefvater. Wie das Aschenputtel wurde sie mit Hausarbeit überladen, aus jedem nichtigen Anlass gepeinigt. Ihr wurde Liebe entzogen wie auch jegliches Recht, Kind zu sein. Alleine schmierte sie sich morgens traurig die Brote, während der Rest der Familie gemütlich zusammen frühstückte, kaum dass sie durch die Tür war. Die jüngere Tochter wurde dagegen liebevoll ins Bett gebracht, betüddelt, beschert und geliebt. Die Kleine war ein Teil der neuen Familie, während die Ältere am ausgestreckten Arm verhungerte. Die Eltern gaben die Schuld der älteren Tochter und ihrem „schlechten Benehmen“. Sie wollten, dass sie sich ändere.

Schnell hatte die Supernanny die Partei des Mädchens ergriffen und die Eltern zu Rede gestellt: „Was hat sie euch angetan? Warum seid ihr so grausam zu ihr?“, ohne versucht zu haben zu verstehen, warum es so ist wie es ist.

Wenn wir uns in unserem Familien- und Freundenskreis umschauen, werden wir feststellen, dass es viele Familien auch mit rein leiblichen Eltern gibt, die ein „gutes“ und ein „schlechtes“ Kind haben – das eine ist ein Schreikind, das andere – ein Superbaby, das eine ist gut in der Schule, studiert und bekommt einen ordentlichen Job, das andere bringt nur schlechte Nachrichten nach Hause, hat zweifelhafte Freunde, verfällt einer Sucht oder wird ewig nicht erwachsen. Und das ist kein Zufall.

Der Ursprung dieses Phänomens liegt darin, dass die Mütter, wenn sie sich von ihren Schattenseiten distanzieren, diese auf ihre Kinder projizieren. Jede Mutter, wie auch jeder Mensch, hat Seiten der Persönlichkeit, die unbewusst, sozusagen im Schatten sind. Der Schatten ist etwas, weswegen wir uns schämen, was uns Angst macht oder weh tut. Schattenseiten sind nicht unbedingt negativ, sie sind nur ins Unbewusste verdrängt. Nur da hören sie nicht auf, zu existieren und unser Verhalten zu bestimmen. Und je mehr sich die Mutter von ihren Schattenseiten distanziert, desto mehr projiziert sie diese auf ihre nächste Umgebung – auf die Kinder. So wird ein Kind zum Träger der Schattenseiten der Mutter, während das andere ihre Wunschbilder verkörpert.

Die Supernanny hätte der Familie wesentlich mehr geholfen, wenn sie sich mit der Mutter über ihre erste Beziehung unterhalten hätte, darüber woran sie gescheitert ist, über die Vorwürfe, die sie sich eventuell macht, über die Vergangenheit, mit der sie abschließen will und was sie alles in der neuen Beziehung besser machen will. Dann würde die Mutter erkennen, dass sie nicht ihre Tochter ablehnt, sondern Teile von sich, die ihr weh tun. Erst wenn die Mutter mit liebevoller Begleitung der Supernanny (Therapeutin, Psychologin, etc.) in die Lage versetzt wird, ihre dunklen Seiten anzunehmen, kann sie ihre Tochter vom Aschenputtel-Dasein befreien.

posted under Erziehung, Frauen, Kinder

Email will not be published

Website example

Your Comment:

*
Um sicher zu stellen, dass Sie eine Person (und nicht ein spam script) sind, tippen Sie bitte das im Bild gezeigte Sicherheitswort ein.Klicken Sie auf das Bild, um das Wort zu hšren.
Klicken, um das Anti-Spam-Wort zu hšren.