Psychologische Hilfe vor und nach der Geburt

Inga Erchova, Dipl.-Psychologin

Die unsichtbare Gewalt.

September21

Wenn wir über Gewalt sprechen, dann stellen wir uns meistens laute und brutale Szenen vor – mit Schlägen oder Schreien, weinenden Opfern oder Verletzten. So ein Bild lässt bei uns keinen Zweifel daran, wer der Täter und wer das Opfer ist und wessen Partei wir ergreifen wollen. Doch stellen wir uns ein anderes Bild vor.

Ein kleines Mädchen sucht die Zuneigung ihrer Mutter oder bittet ihre Eltern um etwas und bekommt es nicht. Eine Weile später ärgert sie ihren älteren Bruder mit etwas, wovon sie genau weiß, dass er sich aufregen würde, weil es ihm sehr wichtig ist. Sie lässt nicht nach. Es kommt zur Eskalation. Der Bruder wird handgreiflich und attackiert die kleine Schwester. Sie weint. Dann kommen die Eltern. Sie bekommt den Schutz und der Bruder – die Strafe. Doch das ist nicht alles. Was ist der Gewinn der ganzen Situation für das Mädchen? Jetzt, wenn sie noch weinend den Trost ihrer Eltern genießt, regiert sie die Welt. Sie hat die gesuchte Zuneigung der Mutter und kann ihre Eltern um alles bitten und sie bekommt es auch.

Es gibt Gewalt, die für das bloße Auge unsichtbar ist, sie ist schwer zu entdecken – das ist die emotionale Gewalt. Sie ist subtil, subversiv, versteckt, doch ist deswegen nicht weniger schmerzhaft. Emotionale Gewalt kann viele Formen annehmen, eine davon ist die oben beschriebene Manipulation.

Warum wird eine Person manipulativ? In einer Familie, in der die Eltern über wenig emotionale Disponibilität für ihre Kinder verfügen, weil sie mit eigenen seelischen Problemen beschäftigt sind und selbst als Kinder wenig Zuwendung erfahren haben, lernen die Kinder früh, alle Mittel einzusetzen, um den privilegierten Platz an der Seite der Mutter zu bekommen. Weil diese Kinder die Liebe und die Zuwendung nicht auf eine natürliche und selbstverständliche Art und Weise bekommen, müssen sie darum kämpfen. So lernen sie, die Gefühlswelt der Menschen in ihrer Umgebung akribisch aufzuspüren und zu kontrollieren, ihre Wünsche auszutricksen, um an die Mutter ran zu kommen. Und weil der Platz „unter der Sonne“ so knapp ist, lernen Kinder schnell, den anderen (Geschwistern) ihre Wünsche zu rauben oder sie so zu verändern, dass sie mit den eigenen gleich werden.

Später im erwachsenen Alter, setzen sie ihre Fähigkeiten dafür ein, um ganz nah an der Macht zu sein – da, wo Entscheidungen getroffen werden. Sie rauben weiterhin den anderen ihre Wünsche oder lassen sie sich selbst zugute kommen. Doch das fällt niemandem auf, denn sie sind wortgewandt, intelligent und höflich. Sie sind in der Lage, den anderen das Gefühl zu vermitteln, sie glücklich zu machen, während sie in Wirklichkeit für eigene Ziele zu benutzen. Doch ganz egal, wie mächtig oder reich sie werden, niemals werden sie das Gefühl erreichen, das Wichtigste für ihre Mutter zu sein, denn darum geht es uns in Wirklichkeit.

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