Psychologische Hilfe vor und nach der Geburt

Inga Erchova, Dipl.-Psychologin

Erlaubnis zu lieben.

November21

Bei einer Wohnungsbesichtigung in Kreuzberg treffe ich auf stillende Mutter. Ihr zufriedenes, 4 Monate altes Baby trinkt friedlich an der Brust. Während des ganzen Besuches meldet sich das Baby mit keinem Mucks. In der Wohnung herrscht angenehme Ruhe.

„Ach, sie sind Psychologin“, freut sich die junge Mutter, „ich habe da ein Problem. Mein Sohn wacht seit 2 Wochen um 5 Uhr morgens auf und erzählt und erzählt. Nichts bringt ihn zurück zum Schlafen. Was soll ich tun? Ich habe da in einer Zeitschrift über so ein „Schlafprogramm“ gelesen. Man solle das Kind wach in das Bett legen, das Zimmer verlassen und erst nach 10 Minuten zurückkehren…“ Ihr fragendes Gesicht überschattet sich mit Angst.

Mein erster Wunsch war, die Autoren von solchen Artikeln zu fragen, wie sie das, was sie schreiben mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Babys alleine schreien zu lassen ist ein brutaler Akt von Gewalt. Babys sind absolut hilflos und auf unsere Hilfe angewiesen. Wenn sie schreien, geht es für sie um Leben und Tod. Wenn sie aufhören zu schreien, dann nicht weil sie zufrieden sind, sondern weil sie resignieren. Sie lernen, dass ihre Bedürfnisse nicht ernst genommen werden, dass es sich nicht lohnt, für sich zu kämpfen, dass sie alleine nichts ausrichten können und dass sie nur ein Opfer der höheren Gewalt sind. Auch im Erwachsenenalter werden sie nicht an sich glauben. Kann man das wirklich verantworten?

Der andere Gedanke war, warum glauben wir Mütter solchen Artikeln? Warum müssen wir uns von Fachleuten sagen lassen, wie wir unsere Kinder behandeln sollen. Was ist aus unserem Mutterinstinkt geworden?

Ich frage sie, „wenn du deine Hand aufs Herz legst, was sagt dir dein Herz?“. Sie lächelt erleichtert. „Ja, natürlich nicht alleine lassen und nicht weinen lassen. Ich bin ja froh, dass sie das sagen. Ich würde ihn auch lieber auf den Arm nehmen und stillen, aber dachte das wäre übertrieben.“ Nein, man kann Babys nicht genug Liebe, Arme, Milch, Küsse, süße Worte, Körpernähe und Körperwärme geben. Das ist für Babys kein Luxus sondern ein Grundbedürfnis.

Dann bleibt noch das Problem mit dem Aufwachen. Meine Antwort war – gelassen nehmen und versuchen, den Schlaf tagsüber zusammen mit dem Baby nachzuholen. Das Baby weiß noch nicht, dass man um 5 Uhr morgens zu schlafen hat. Es kennt noch keine Regeln, und sein Schlafrhythmus ist sowieso ständig im Wandel. Stillen in der Stille, wenn alle drum herum schlafen kann eine wahre Meditation sein. Zusammen den Sonnenaufgang erleben, die Welt aufwachen sehen, den anbrechenden Tag mit Liebe anfangen.

posted under Erziehung, Kinder, Wochenbett
4 Comments to

“Erlaubnis zu lieben.”

  1. Am Dezember 3rd, 2008 um 14:00 inga Says:

    Das ist schön, dass du Fragen stellst und nach Antworten suchst. Es ist eine lange und Umweg-reiche Reise. „Jedem das seine“ und „finde es selbst heraus“ kann jedoch sehr beliebig werden. Es gibt objektive Baby-Bedürfnisse nach Liebe, Nähe, Zuwendung und Kommunikation. In ihrer Befriedigung ist das Kind auf uns angewiesen. Schon Experimente mit Affen zeigen, dass die Affen-Babys, die nicht kuscheln konnten, später auffälliges Verhalten hatten.

    aber ich wollte auch nicht den Eindruck erwecken, man solle mit der Stoppuhr zum Baby rennen und es möglichst schnell zum schweigen bringen. Gerade so-genannte Schrei-Babys – die, die schreien, obwohl sie satt, gewickelt, getragen und gestillt werden – schreien noch um was ganz anderes. Wenn Kinder zur Welt kommen, verkörpern sie für die Mutter bisher unbewusste Teile ihrer eigenen Persönlichkeit. Unbewusst, weil unangenehm, unattraktiv, schmerzhaft. Auf einmal hält die Mutter diese Seiten auf dem Arm, sieht sie wie im Spigelbild und kann sich ihnen nicht mehr entziehen. Das Kind schreit um den Schmerz der Mutter. Hier soll sich die Mutter fragen, warum (oder wo drum) schreit ihre eigene Seele, in den Schrei „eintauchen“, ihm den Raum geben und in sich reinhorchen. Ist es der Schmerz ihrer eigenen Kindheit, unglücklichen Beziehung oder Einsamkeit? Eine ehrliche Antwort sich selbst zu geben befreit das Kind vom Schreien. In dem Sinne ja, jede soll es für sich herausfinden.

  2. Am Dezember 3rd, 2008 um 12:01 Hannah Says:

    Liebe Inga,
    die Erschöpfung war bei mir aber nur Auslöser dafür etwas richtig zu machen und mich von dem, was ich in Ratgebern gelesen hatte, zu lösen. Heute lass ich meine zweite Tochter auch mal ganz ohne Not ein bisschen schreien und gucke was passiert. Windet sie sich und wird ihr Schreien immer schriller? Dann geh ich selbstverständlich wieder rein und nehm sie hoch. Wird es langsam schwächer, warte ich. Manchmal hört es dann auf, manchmal nimmt es aber auch wieder zu. Genaue Tipps kann man darum nicht geben.

    Du stellst ja in Deinem Artikel ganz richtige Fragen: Warum brauchen wir den Rat von Fachleuten? Wo ist unser Mutterinstinkt? Die Antwort ist, dieser Instinkt ist zum Großteil Erfahrung und diese Erfahrung fehlt uns, weil die Kinder in unserer Gesellschaft fehlen. Darum sind wir insbesondere beim ersten Kind häufig panisch: trinkt es genug, spuckt es zuviel – wenn es zu lange schreit, denken wir schnell, es müsse krank sein. Genau wegen dieser Panik, finde ich es genauso falsch Müttern zu raten, das Kind nie schreien zu lassen, immer zu stillen usw. wie es falsch ist, ein 10-Minuten-Schlaf-Programm zu empfehlen. Die einzige Lösung – und die ist leider gar nicht einfach – ist: Eltern müssen selbst herausfinden, was gut für ihr Baby ist und – ganz wichtig! – was gut für sie selber ist. Denn ein Kind kann auch schreien, weil seine Eltern völlig panisch alles mögliche mit ihm anstellen, um es vom Schreien abzubringen. Das gleiche gilt übrigens für’s Stillen. Meine erste Tochter wollte praktisch immer gestillt werden, das heißt, sie hat immer aufgehört zu schreien, wenn sie die Brust bekam. Nach drei Monaten wollte ich wieder anfangen stundenweise zu arbeiten und habe sie deshalb auf einen vier Stunden Rhythmus eingestellt. Das ging natürlich zwei, drei Tage mit viel Schreien einher und es tat mir in der Seele weh – auch weil ich überall gelesen hatte, dass dieser 4-Stunden-Rhythmus, wie ihn unsere Mütter ja noch selbstverständlich umgesezt haben, brutal sei, das Urvertrauen zerstöre. Als die drei Tage aber überstanden waren – und eigentlich mit gar nicht soo viel Schreien, da wir mit ihr in der Zeit drei, vier mal am Tag spazieren gegangen sind – ging es meiner Tochter viel besser: Sie hat viel weniger gespuckt und hatte weniger Blähungen. Und ich hatte begriffen, dass ich genauer auf die Signale meines Babys achten musste. Wo ich dachte, sie hätte Hunger, wollte sie vielleicht nur Aufmerksamkeit. Das stand aber nicht in Ratgebern. Da stand, das Baby wisse selbst schon, wann es Hunger hat. Das war falsch, weil Kinder eben unterschiedlich sind. Meine zweite Tochter z.B. lässt sich nicht einfach so mit Brust beruhigen, wenn sie eigentlich satt ist und sie lässt sich auch nicht auf einen anderen Rhythmus ein, als den, den sie selbst bestimmt. Jedem das seine halt!

  3. Am Dezember 2nd, 2008 um 21:19 inga Says:

    Hallo Hannah,

    danke für deinen Kommentar. Der Moment, den du beschreibst, wenn wir erschöpft und überfordert sind, durch ewigen Schlafentzug wie im Trans, wenn es uns nach Heulen oder Weglaufen ist, wenn es uns nichts anderes mehr übrig bleibt, als uns diesem Kind zu widmen, ist der Moment, wenn wir erst wirklich zu Müttern werden.

    Die Rechnung „3 Minuten – Psychiater“ ist natürlich eine Überzeichnung, aber man kann ohne zu übertreiben sagen, dass sich die Welt in zwei Lager teilt – die Protagonisten und die Zuschauer, die Fahrer und die Passagieren, Menschen mit Berufung und die Zeitvertreiber, die das Geben nicht mit Verlieren gleich setzen und die, die das tun…

  4. Am Dezember 2nd, 2008 um 15:42 Hannah Says:

    Erstmal: beim Schreien geht es nicht um Leben und Tod für das Baby, sondern in der Regel um Bauch – entweder will Milch rein oder Luft raus. Da kann logischerweise „Schreien lassen“ nicht helfen, sondern es höchstens schlimmer machen, weil das Baby dabei nämlich zusätzlich Luft schluckt. Allerdings geht es manchmal auch um was anderes und dann ist permanentes Kümmern genauso Gift. Bei meiner ersten Tochter dachte ich auch noch, man dürfe ein Baby auf gar keinen Fall auch nur eine halbe Minute schreien lassen, bis nachts um 2 habe ich sie häufig gewiegt, besungen und geschaukelt. Eines nachts konnte ich nicht mehr und bin einfach – schlechtes Gewissen hin, Urvertrauen her – raus gegangen, einfach mal frische Luft schnappen auf dem Balkon. Und was macht dieses Kind? Es hört nach nicht mal einer Minute auf zu schreien und schläft tief und fest bis zum nächsten Morgen. Sie war einfach überdreht und schrie, weil sie in Ruhe gelassen werden wollte. Seit dem bin ich sehr dafür ein Baby auch mal schreien zu lassen, jedenfalls wenn Hunger oder Blähungen oder volle Windel usw. nicht das Problem sind. Im übrigen: Den Luxus, das Baby immer gleich beim ersten Quäken hochzunehmen kann man sich sowieso nur beim ersten Kind leisten, will man die älteren Kinder nicht völlig vernachlässigen und eifersüchtig machen. Wenn es also stimmte, dass Menschen, die man als Babys hin und wieder 5 Minuten schreien gelassen hat, auf Dauer ihr Vertrauen in Welt verlören, dann könnte man alls zweit-dritt-viertgeborenen umgehend zum Psychotherapeuten schicken.
    Hannah

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