Psychologische Hilfe vor und nach der Geburt

Inga Erchova, Dipl.-Psychologin

Erpressung mit dem Lolly.

November17

In öffentlichen Verkehrsmitteln bei so vielen Zuschauern geraten Eltern oft unter Druck, mit ihren Erziehungsmethoden eine gute Figur zu machen, mit mehr oder weniger Erfolg.

An diesem Abend in dem von Berufspendlern gut gefüllten Bus stand ein Vater mit seinem um die 2 Jahre alten Sohn. Der Sohn saß in seinem Kinderwagen. Auf seiner Augenhöhe befand sich der Behinderten-Halteknopf, der die Rampe zum Ausfahren bringt. Der Knopf war schön groß, rund und bunt mit kleinen roten Lämpchen, die spielerisch im Kreis blinkten – ein Stück Unterhaltung für das Kind bei einer monotonen Busfahrt. Der Junge lutschte genüsslich an seinem Lolly und streckte seine Finger Richtung Knopf. Nach mehrfachem Drücken stellte er schnell fest, dass die Lämpchen auf seine Berührung sogar mit grünem Licht reagierten. Toll!

Nun merkt der Vater den „Unfug“ und meldet sich mit dem abrupten „Nein, lass das!“ Der Junge blickt kurz auf und drückt weiter. „Nein, du sollst nicht drücken,“ schreit der Vater. Drück, drück, drück. Der Vater greift den Lolly aus der Hand des Jungen. Der schreit wie am Spieß. Der Schrei im vollen Bus beschert den beiden noch mehr Aufmerksamkeit der Fahrgäste . Der Vater hält es selbst kaum mehrere Sekunden aus und gibt den Lolly zurück an den Sohn. Der fängt sofort wieder an, den Knopf zu drücken…

Der Schlagabtausch wiederholte sich mehrmals im Kreis, bis die beiden ausgestiegen sind. Das war wie Tauziehen – mal ist es auf meiner Seite, mal auf deiner, mal bin ich der Gewinner ( wenn auch nur für ein paar Sekunden), mal bist du es, doch niemals sind wir beide glücklich. Leider legen wir Eltern diese Entweder-ich-oder-Kind-Denke sehr oft an den Tag, so dass Kinder mit der Gewissheit aufwachsen „damit es mir gut geht, muss es dem anderen schlecht gehen“.

Und unser Vater, was hätte er sonst machen können, um nicht nur bei den Fahrgästen sondern auch bei seinem Sohn zu punkten? Wie wäre es damit zu erklären, wofür der Knopf überhaupt da ist und was er bewirkt, zu erzählen, dass es Menschen gibt, die sich in so einer Art Wagen auf Rädern fortbewegen und Hilfe zum Aussteigen brauchen, etc, etc, etc. Kinder brauchen jemanden, der ihnen die Welt erklärt und zwischen ihnen und der Welt vermittelt. So hat unser Junge an diesem Abend nichts über die Welt erfahren sondern nur etwas über die Waffen der Kriegsführung.

posted under Erziehung, Kinder
2 Comments to

“Erpressung mit dem Lolly.”

  1. Am November 21st, 2008 um 14:11 inga Says:

    Hallo Marha,

    sehr gut beobachtet. Der Lolli passt natürlich sehr gut in die Beziehung von den beiden, denn Süßigkeiten, Fernseher und andere „Unterhalter“ ermöglichen den Eltern, eine wahre Auseinandersetzung mit dem Kind zu vermeiden.

    Schön, dass du dabei bist 🙂

  2. Am November 20th, 2008 um 23:58 Marha Says:

    hach, du sprichst mir aus der Seele. ich kann dieses sinnlose verneinen ohne Gründe zu nennen nicht mehr ertragen. Denken die Eltern ihre Kinder sind nicht in der Lage zu verstehen?!

    Und warum hat ein zwaijähriges Kind einen Lolli im Mund? Aber das ist wohl wieder eine andere Frage 😉

    Ich schau ab jezt täglich in deinen Blog 😉

    Liebe Grüße

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