Psychologische Hilfe vor und nach der Geburt

Inga Erchova, Dipl.-Psychologin

Essstörungen als Folge mütterlicher Dominanz.

Mai27

Psychologisch gesehen ist Nahrung – die Mutter. Sie ist etwas was uns nicht nur mit Nährstoffen, sondern auch mit Sicherheit, Geborgenheit und Liebe am Leben hält. So ist es nicht verwunderlich, dass kaum einer von uns ein unproblematisches Verhältnis zum Essen genauso wie zur eigenen Mutter hat, doch manchmal nimmt es fatale Ausmaße an.

Frauen oder Männer, die von der Bulimie oder Magersucht betroffen sind, haben etwas gemeinsam – eine dominante und bestimmende Mutter, deren Wünsche und Forderungen verwüstend sind. Manchmal nimmt es versteckte Formen an, z.B. wenn die Mutter chronisch krank oder selbst ein Gewaltopfer war. Doch selbst dann – auf eine subtile Art und Weise – richtet sie es so ein, dass nur ihre Wünsche und Bedürfnisse die einzigen sind, die eine Berechtigung haben zu existieren. Die Töchter und Söhne wachsen unter ständigem Druck auf, die Erwartungen der Mutter zu erfüllen, immer zu ihrer Unzufriedenheit. Sie haben eine einzige Aufgabe im Leben – sie glücklich zu machen.

(An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass es keinen Zweck hat, die Schuldigen zu suchen, sondern die Entstehung der Essstörungen zu verstehen. Die Mütter der Betroffenen hatten keine böse Absicht. Ganz im Gegenteil, subjektiv empfunden, haben sie das Maximum des Möglichen, wie jede andere Mutter auch, für ihre Kinder getan. Sie wurden wiederum von ihren eigenen Mütter emotional vernachlässigt und waren sich dessen nicht bewusst. Die Kette der emotionalen Gewalt wird von Generation zu Generation weiter gegeben, wenn man sie nicht durch Bewusstmachen unterbricht..)

Das Überschwemmen mit eigenen Bedürfnissen der Mutter geht einher mit der extremen Vernachlässigung der Bedürfnisse der Kinder. So wie sich die Magersüchtigen unsichtbar machen, sind sie für ihre Mütter schon immer unsichtbar gewesen. Und so wie sich die bulimischen Frauen nicht gegen Essen wehren können, können sie nichts gegen die Dominanz ihrer Mutter ausrichten.

Die Bulimie und die Magersucht sind zwei Seiten einer Medaille – es sind zwei Überlebensmöglichkeiten angesichts der Abwesenheit von Liebe und Beachtung seitens der eigenen Mutter. Die Magersüchtigen verschließen den Mund, weil es das einzige ist, was sie selbst für sich entscheiden können. Sie finden etwas, wo sie endlich gewinnen können – gegen den eigenen Hunger. Wenn sie Nein zum Essen sagen, sagen sie symbolisch zu ihrer eigenen Mutter „Ich brauche dich nicht, ich komme auch ohne dich klar.“ Magersüchtige tragen den stolzen Blick der Siegerin, auch wenn sie bereit sind, diesen Sieg mit dem Leben zu bezahlen.

Während die bulimischen Frauen gegen das Essen, wie auch gegen ihre Mutter, jedes Mal verlieren. Sie werden vom Essen praktisch aufgefressen. Sie tragen den verschämten Verliererblick. Beide leiden unwahrscheinlich, doch eigentlich nicht unter Bulimie oder Magersucht, sondern unter der Tatsache, ungeliebt und unbeachtet zu sein von der eigenen Mutter.

Literaturhinweis: Laura Gutman, La revolución de las madres.

6 Comments to

“Essstörungen als Folge mütterlicher Dominanz.”

  1. Am Februar 25th, 2010 um 14:54 IngaInga Says:

    Das tragische ist, dass keine anderen Ursachen als unsere eigene Mutter die Essstörungen verursachen können. Wir wollen es jedoch nicht wahrhaben, so unerträglich ist diese Vorstellung. Die Mode, die Models und das Schlankheitsideal bieten nur ein Ventil, diesen Konflikt in einem von der Gesellschaft mehr oder weniger akzeptierten Rahmen auszuleben. Ein schlanker Körper ist sozusagen nur ein Symptom (die Ersatzlösung) und nicht das eigentliche Problem. Wenn das so wäre, würden alle Jugendliche untergewichtig sein, denn sie alle sind den gleichen Schönheitsidealen ausgesetzt. Die Wahrheit ist, die meisten von ihnen neigen zum Übergewicht. Wie die Kultur und das, was zuhause passiert, bei den Essstörungen zusammen wirken ist sicherlich einen eigenständigen Artikel wert, den ich bald aufsetzen möchte.

  2. Am Januar 23rd, 2010 um 21:41 Schreibabys.comSchreibabys.com Says:

    Ich denke auch, dass die im Beitrag dargestellten Ursachen nur einen kleinen Teil von allen Möglichkeiten die eine Essstörung verursachen können beleuchtet jedoch sehr gut die schwere dieser Situationen beschreibt.

  3. Am Januar 13th, 2010 um 16:08 medizin-im-text » Blog Archive » Magersucht – wie ein Strich in der Landschaftmedizin-im-text » Blog Archive » Magersucht – wie ein Strich in der Landschaft Says:

    [...] Inga Erchova: Essstörungen als Folge mütterlicher Dominanz http://www.mutterinstinkt.net Essstörungen – Informationen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), http://www.bzga-essstoerungen.de [...]

  4. Am Dezember 29th, 2009 um 12:49 Märchenprinzessin96Märchenprinzessin96 Says:

    Hallo, ich bin zufällig auf dieser Seite gelangt und noch keine Mutter
    Ich habe selber Essstörungen doch seit einem stationeren Aufenthalt geht es mi besser. Ich finde den Artikel sehr passent, ich würde mir wünschen das meine Mutter ihn liest. Den genau so wie oben beschrieben ist es bei uns auch. Also schenken sie ihren Kindern genug Aufmerksamkeit und Liebe

  5. Am August 7th, 2009 um 10:30 Ingainga Says:

    Liebe Iris,

    Es freut mich sehr, dass es Ihrer Tochter wieder besser geht. Der Zusammenhang mit der Schule macht durchaus Sinn. In vielen Fällen aktiviert sich die Krankheit erst durch die äußere Umstände, meistens wenn Mädchen einem Druck ausgesetzt werden oder wenn sie sich alleine fühlen. In den meisten Fällen war der Druck aber schon immer da gewesen, sie konnten ihn bisher nur einigermaßen meistern.

    Es ist viel beruhigender für uns Mütter zu denken, dass die Schule etc. schuld dran haben. Auf der anderen Seite, wenn wir wenigstens ein Teil der Verantwortung akzeptieren, haben wir die Möglichkeit, etwas zu tun, gleich heute, in eigenen viel Wänden – ein offenes Ohr, ein ehrliches Gespräch anbieten, die Fassade der perfekten Mutter fallen lassen, den einen oder anderen Fehler zugeben und es auch Ihrer Tochter sagen, sich entschuldigen, oder einfach nur fragen “Was kann ich für dich tun?”. Die schlimmste Schule oder Freunde können ihr nicht an, wenn sie sich bei Ihnen und zuhause beschützt und angenommen fühlt.

  6. Am August 6th, 2009 um 12:38 IrisIris Says:

    Hallo,

    ist die Sache mit der dominanten Mutter die einzige Erklärung, die ihr einer Entstehung von Essstörungen zuschreibt? Es gibt auch andere Bereiche im Leben eines Kindes, die Druck erzeugen (z.B. Schule, Freunde, etc).
    Meine Tochter hatte eine Magersuchts-Phase. Mittlerweile hat sie ihr normales Gewicht wieder. Erstaunlicherweise fiel das ganz genau in das Jahr, in dem sie, nach einem von mehreren Wechseln, in eine andere Schulklasse kam, in der sie sich häufig allein fühlte. Außerdem gab es genau in diesem Jahr einige Lehrer, die enormen Druck ausgeübt haben. Seit sie seit einem Jahr, nachdem sie sitzengeblieben ist, in eine neue Klasse geht, hat sich ihr Gewicht auch wieder normalisiert. Ich finde diesen Zusammenhang schon bemerkenswert.

    Herzlichen Dank, Iris

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