Psychologische Hilfe vor und nach der Geburt

Inga Erchova, Dipl.-Psychologin

Für Fachleute auf dem Gebiet der menschlichen Seele.

April8

Uns Psychologen passiert das Gleiche, wie den Menschen, die bei uns Hilfe suchen – wir verdrängen ins Unbewusste die Kleinkriege unseres Egos, die dunklen Seiten unserer Seele. Wir haben Angst vor Offenbarung, nicht nur vor unserem Gegenüber sondern auch vor uns selbst. Dafür gibt uns unser Beruf eine bequeme Position – er richtet die Aufmerksamkeit auf die Probleme des anderen, nicht unsere eigenen.

Die „professionelle“ Einstellung wird als das Zurückhalten vom Privaten aus der Beziehung mit dem Klienten verstanden und drückt sich oft in einer unterkühlten Distanz aus. Die vermeintliche Professionalität wird zu einer Maske, hinter der wir uns verstecken, zur Markierung von Distanz.

Wir hören nicht wirklich zu, sondern warten nur auf Stichwörter, um prompt mit unserem Fachwissen zu glänzen. Das Wissen hilft dann nicht dem Patienten, sondern poliert nur unser Ego auf. Es fühlt sich gut an, Ratschläge zu geben. Wir fühlen uns wichtig und kompetent.

Wir vergessen, dass wir ganz und gar nicht frei indem sind, wie wir die Erzählungen unseres Gegenübers interpretieren, was wir davon überhören und welchen Episoden wir besondere Aufmerksamkeit schenken. Unsere persönliche Linse, durch die wir alles wahrnehmen führt die Regie. Auch unsere „professionelle“ Wahrnehmung ist in Wirklichkeit nur ein Ausschnitt der Realität, nur eine Perspektive – unsere subjektive Sichtweise.

In der Arbeit mit Wöchnerinnen treffen wir auf junge Mütter im Zustand der seelischen Fragilität. Die Geburt reißt nicht nur an ihrem Körper, sie produziert auch in der Seele Risse und Verletzungen, besonders nach einer traumatischen Erfahrung. Aber auch wenn vordergründig alles gut verläuft, ist das Wochenbett die Zeit der Begegnung mit seelischen Untiefen. Der Schatten erwacht und breitet sich ungebremst aus. Unsere Aufgabe besteht darin, Frauen liebevoll, unterstützend und behutsam an ihren Schatten heranzuführen, ihn zusammen anzuschauen und Stück für Stück annehmen zu lassen.

Dies trauen sie sich nur in der Situation kompletten Vertrauens, wenn anstelle von professioneller Belehrung eine menschliche Begegnung stattfindet. Fragen, die zu Reflektion verleiten bewegen mehr als in Beton gegossene Statements. Frauen können sich öffnen, schöpfen Mut, einen schwierigen Weg anzugehen. Wir können sie auf diesem Weg nur ein Stück begleiten und ziehen uns dann mit Respekt und Bescheidenheit zurück.

Das gelingt uns, wenn wir nie aufhören, unseren eigenen Schatten zu erforschen, immer und immer wieder. Wenn wir glauben, es gibt nichts mehr, was wir über uns selbst dazu lernen können, weil wir eine Selbstanalyse in der Therapieausbildung abgeschlossen haben, oder weil wir zur Supervision gehen oder regelmäßig Yoga praktizieren, dann nutzen wir diese nur als Refugium, d. h. als eine Art Selbstberuhigung, um uns mit dem Thema nicht zu befassen. Wenn wir uns selbst nicht mehr anschauen, dann benutzen wir den Raum mit dem Anderen dazu, eigene seelische Baustellen zu behandeln.

posted under Allgemein, Wochenbett
2 Comments to

“Für Fachleute auf dem Gebiet der menschlichen Seele.”

  1. Am Juli 23rd, 2011 um 21:13 Inga Says:

    Vielen Dank für Ihre Worte!

  2. Am Juli 22nd, 2011 um 11:28 M* Says:

    Beeindruckende Seite, beeindruckende Worte, offenbar auch beeindruckende Frau…

    Ich selber bin nicht Psychologin sondern Sozialarbeiterin beim JSD. Auch hier erlebe ich Kollegen und Kolleginnen im Kontakt mit Mneschen und ihren Gesichichten und insebondere in Bezug auf den Umgang mit Verständnis den Menschen gegenüber mit denen wir arbeiten sehr unterschiedlich. Ich selber finde es gut und sehr hilfreich und fachlich auch vollkommen richtig und wichtig sich seiner eigenen „Grenzerfahrungen“ beim Eltern werden und sein bewußt zu sein…vor diesem Hintergrund hat man denke ich eine viel dem Klienten nähere und realistischere Möglichkeit WIRKLICH mit den Klienten zu arbeiten. Mutter werden und sein ist eine große Herausforderung…eine unfassbare Cahnce der Entwicklungsmöglichekt die einem häufig erst während des Prozeses des Mutterseins bewußt wird in seiner Tragweite der persönlichen Entwicklungspotentiale. Dafür liebe ich meine Kinder und bin so dankbar für diese Erfahrung….auch im professionellen Kontext.
    Außerdem liebe ich meine Kinder natürlich soweiso weil sie das Wunderschönste sind was ich mir denken kann! 🙂
    Danke für diese Seite! Ich finde sie fachlich und menschlich sehr, sehr gut und werde sie sicher weiterempfehlen!
    M*

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