Psychologische Hilfe vor und nach der Geburt

Inga Erchova, Dipl.-Psychologin

Geburt in einer maskulinen Welt.

August4

Wir leben in einer maskulinen Welt. Maskulin heißt nicht oder nicht nur, dass Männer die Politik, Wirtschaft oder Kultur dominieren. Es geht viel mehr um die Art und Weise zu denken, um Dinge, die wir für glaubwürdig oder seriös halten, um die Werte und Ansichten. Auch wir Frauen haben das männliche Denken angenommen, ohne es zu merken.

Wenn wir die Welt betrachten, dann merken wir, dass sie aus Polaritäten besteht: der Tag und die Nacht, warm und kalt, aktiv oder passiv, männlich oder weiblich. Auch unsere seelische Realität ist polarisiert – wir haben eine rechte und eine linke Gehirnhälfte, bewusste und unbewusste Emotionen, Verstand und Intuition, etc. Leider schenken wir dem maskulinen (rationalen, geradlinigen, logischen) Denken viel mehr Gewicht und Bedeutung als dem Femininen (Intuitiven, Subtilen, Unbewussten und Irrationalen).

Unsere westliche Kultur ist eine Eroberungskultur – ohne Wachstum kann die Wirtschaft nicht funktionieren. Fortschritt, Wissenschaft, Entwicklung sind die Treiber der Kultur, angeheizt durch Adrenalin und Testosteron. Wir suchen nach Konkretem, Greifbarem, Messbarem und Sichtbarem. Selbst wenn wir über Psychologie oder Emotionen sprechen ist das Gehirn das Maß der Dinge. „Die Gestörten reagieren im Gehirn anders als die Gesunden“ – wir fühlen uns wohl mit so einer Aussage, ohne dass sie irgendeinen Sinn ergibt oder hilft, den Gegenstand besser zu verstehen.

Das hat natürlich Auswirkungen darauf, wie wir Kinder zur Welt bringen – zu 90 Prozent im Krankenhaus. Die Geburt wird in erster Linie als eine Gefahrsituation gesehen, die eine ärztliche Intervention benötigt. Wir werden anästhesiert, überwacht, in eine passive Position gebracht. Oft werden wir bevormundet oder eingeschüchtert. Doch wir schenken den Ärzten das Vertrauen, dass sie das Beste für uns und das Baby tun, mehr als wir an uns selbst glauben – an unsere Kraft, ein Kind zur Welt zu bringen. Wir lassen einen Kaiserschnitt durchführen aus Angst um das Baby, nicht wissend, dass es die Mortalitätswahrscheinlichkeit des Babys verdoppelt. Wir danken dem Arzt, dass er unser Leben gerettet hat und der modernen Medizin für diese Möglichkeiten.

posted under Allgemein, Geburt
One Comment to

“Geburt in einer maskulinen Welt.”

  1. Am Januar 23rd, 2010 um 22:06 Schreibabys.comSchreibabys.com Says:

    Dieser Artikel bringt erinnert mich sofort an den akustisch performten Song von Prof. Bernd Senf (Berlin) welchen dieser auf der Tagung für Emotionelle Erste Hilfe und Primäre Prävention als Einleitung für seinen Vortrag zu Thema “Zerstörte Selbstregulation, Abhängigkeit und Gesellschaft” gespielt hat. Es geht in diesem Lied genau darum.

    Ich denke in Bezug auf die Art zu gebären sollte unsere Gesellschaft eher dem Slogan “Back to the Roots” folgen.

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