Psychologische Hilfe vor und nach der Geburt

Inga Erchova, Dipl.-Psychologin

Psychopharmaka im Wochenbett.

März17

Wenn Frauen mit Wochenbettdepression konfrontiert sind und Hilfe suchen, bekommen sie oft Trost von der Freundin oder anderen Betroffenen im Internetforum mit den Worten: „Es ist normal. Uns ging es auch so, und es geht wieder vorbei.“ Das mag im ersten Moment entlasten, doch lässt die Frauen mit ihrem Problem alleine und ohne Lösung. Ein anderes Extrem sind Psychopharmaka, die von den Fachleuten immer wieder als Methode der Wahl angepriesen werden. Auch sie schießen am Ziel vorbei, und hier ist warum.

Verstehen wir zuerst, was mit uns in einer Wochenbettdepression genau passiert. Der Ausgangspunk der Zeit nach der Geburt ist die Geburt selbst. Eine Geburt öffnet unseren Körper mit der ungeheuren Wucht, um dem Baby den Weg nach außen zu geben. Der Schmerz und enorme Stärke dieser Erfahrung verlagert uns seelisch in eine andere Dimension. Der Körper reißt, und mit ihm zerfällt unsere alte emotionale Struktur. Zusammen mit dem Baby kommen aus dem tiefsten inneren auch unsere uns bisher unbekannten oder aberkannten Seiten. Das Baby konfrontiert uns wie ein Spiegel mit uns selbst und lässt kein Entkommen. Wir fühlen, dass wir eine andere geworden sind, doch diese Veränderung ist subtil und schwer in Worte zu fassen. Sie ist schmerzvoll, unbekannt und destabilisierend.

Dieser Schmerz und seelische Labilität, die uns so viel Angst machen, sind in Wirklichkeit nur ein Zeichen dafür, dass sich der Kurs unseres Lebens dramatisch verändert hat und dass wir nach einem neuen Weg suchen müssen. Es ist eine Lebenskrise und damit auch eine Chance, sich selbst neu zu begegnen, sich kennen zu lernen und sich zu verändern. Es ist eine Chance, erst wirklich erwachsen zu werden, indem wir lernen unsere eigene Bedürfnisse nach hinten zu stellen und uns dem Baby altruistisch zu widmen. Insofern ist eine Wochenbettdepression in den meisten Fällen keine wirklich, sondern ein Weg der Natur, unser Denken und Fühlen dramatisch zu verändern, damit wir unser Baby besser verstehen und fühlen können.

Doch was passiert, wenn wir Psychopharmaka nehmen? Damit töten wir auf einen Schlag die subtile, undefinierbare Welt der neuen Emotionen. Wir bewegen uns wieder hin zu der Außenwelt und damit weg von dem Baby. Wir sind wieder ganz die Alte, funktionieren wieder intakt, managen die Babybesuche, weinen nicht, was die Angehörigen enorm beruhigt. Damit ahnen wir nicht, dass es dieser Kampf zwischen Innen- und Außenwelt, was uns erst krank gemacht hat.

Die neue Welt annehmen, in sie mit dem Kopf eintauchen, uns dem Baby und der Mutterschaft ergeben ist der Weg aus der Depression. Dafür brauchen wir einfühlsame Unterstützung, Verständnis und jemanden, der die Verbindung zu der Außenwelt wenigstens für eine Weile für uns übernimmt.

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