Psychologische Hilfe vor und nach der Geburt

Inga Erchova, Dipl.-Psychologin

Die Begegnung mit dem eigenen Schatten.

April29

Ein psychologisches Phänomen ist besonders wichtig dafür, wie wir die Erfahrung der Mutterschaft erleben. Das ist der Schatten.

Schon C. G. Jung, der Nachfolger von S. Freud führte den Begriff „der Schatten“ ein als eine einfachere, bildhafte Beschreibung dessen, was Freud als Unbewusstsein bezeichnet hatte. Im Schatten sind alle Teile unserer Persönlichkeit enthalten, die uns unbewusst sind, die wir nicht als eigene anerkennen, die wir verdrängen. Warum tun wir das? Wissen wir nicht alles über uns selbst?

Wir wachsen mit einer Vorstellung davon auf, was wir sind, was wir können oder nicht, was uns ausmacht, wie unser Charakter ist. Den größten Teil dieser Vorstellung schöpfen wir daraus, was unsere Mutter (oder Ersatzperson) uns über uns erzählt hat. Sie hat uns das Gefühl gegeben, ob wir stark oder schwach sind, liebenswert oder nicht, etc. Sie hat uns vermittelt, was wir tun oder lassen müssen, um ihre Liebe zu bekommen. Ihre Ausführungen werden irgendwann zu unseren eigenen, weil wir sie verinnerlichen und vergessen, woher sie eigentlich kommen.

Diese Vorstellung ist jedoch nur ein Teil der Realität. Es gibt noch andere Teile unserer Persönlichkeit, die nicht zu diesem Bild passen. Wir verdrängen sie, weil sie nicht zu einem besseren Selbstwertgefühl beitragen, uns beschämen oder Angst machen. Die Schattenseiten müssen nicht unbedingt negativ sein, sie sind nur verborgen. Manchmal passen sie einfach nicht zu dem, was wir von uns denken, daher tun wir so als würden sie nicht zu uns gehören. Und was hat der Schatten mit dem Muttersein zu tun?

Das tückische an dem Schatten ist, dass, obwohl wir nichts von seiner Existenz ahnen, gehört er zu uns und zu unserem Leben. Je mehr wir uns von unserem Schatten distanzieren, desto mehr projizieren wir ihn auf unsere nächste Umgebung.

Wenn wir Mutter werden, materialisiert sich unser Schatten im Körper unserer Kinder. Dadurch dass die Mutter und das Baby in den ersten 1-2 Jahren emotional sehr verbunden sind (sie teilen sich praktisch die Seele), zeigt sich unser Schatten oft im Verhalten oder durch die Krankheiten des Kindes. Wenn wir dagegen versuchen, unseren Schatten zu studieren, ihn als zu uns gehörig zu akzeptieren, lassen wir unsere Kinder als freie Persönlichkeiten aufwachsen.


Bild Quelle: Flickr.

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