Psychologische Hilfe vor und nach der Geburt

Inga Erchova, Dipl.-Psychologin

Schön, erfolgreich, depressiv.

Februar9

Mit der Wochenbettdepression verbinden wir oft ein Bild von sozial schwachen Familien, allein erziehenden Müttern, ungewollten Schwangerschaften oder schwachen, neurotischen Frauen. Einer erfolgreichen berufstätigen Frau, die ihr Leben fest im Griff hat, kann es, glauben wir, nicht passieren. Doch die Realität sieht anders aus.

Berufstätige Frauen, die einen Anspruch haben, auf der Karriereleiter viel zu erreichen, sind oft von einem Leistungsgedanken getrieben. Schon in der Schule haben sie gelernt, mit Fleiß und Intelligenz weiter zu kommen. Da die Wirtschaftswelt von Männern dominiert wird, lernen sie später, nach den „männlichen“ Spielregeln zu spielen. Das heißt, sie leben in der konkreten Welt, in der Probleme mit Zahlen belegt, mit Argumenten diskutiert, und mit Managementtools gelöst werden. Sie glauben an die Überlegenheit des logischen Denkens über die Intuition und an die Allgemeingültigkeit des gesunden Menschenverstands. Sie wissen, was „normal“ und was „komisch“ ist und sind sich sicher, dass nichts sie so schnell aus der Bahn des geregelten Lebens werfen kann.

Dann trifft sie den „Richtigen“ und wird schwanger. Es ist soweit, das Baby ist da und es ist doch alles anders, als sie es sich vorgestellt hatte. Das Gefühl vom Glück ist nicht so absolut und unbeschwert wie erwartet. Es ist getrübt durch etwas, das sie nicht in Worte fassen kann. Sie erkennt sich selbst nicht wieder. Was ist aus der vernünftigen und positiven Frau geworden? Sie weint, hat Angst, ist überfordert. Der Boden verschwindet unter den Füßen. Es droht der komplette Zusammenbruch. Sie versucht an der alten, ihr bekannten konkreten Welt fest zu halten, indem sie nach festen Regeln und Abläufen für sich selbst und das Baby sucht: Stillen nach der Uhr, einschlafen nur im eigenen Bettchen, nicht an der Brust einschlafen lassen, nicht zu lang auf dem Arm halten, etc. Doch das Baby ist eigenwillig. Es ist mit einer Naturgewalt zu vergleichen. Seine Befindlichkeiten sind subtil, unbewusst und permanent im Fluss. Mann kann sagen, das Baby kommt aus dem Jenseits und verweilt noch im Kosmos der universellen Energie, für die wir längst unempfänglich geworden sind. Der hormonale Sturz nach der Geburt und die damit verbundenen Stimmungsschwankungen sind ein intelligenter Weg der Natur, um die Befindlichkeiten der Mutter auf die des Babys einzustimmen, sie einander näher zu bringen, damit die Mutter das Baby besser versteht, spürt und sich mit ihm verbindet.

Diese Umstellung wirkt auf eine berufstätige „Frau von Welt“ krasser, als eine Lebenskrise. Es ist ein Zusammenbruch dessen, womit sie sich bisher identifiziert und was ihre Persönlichkeit ausgemacht hat. Sie ist nun vom Gegenteil der konkreten Welt umgeben – der subtilen und unbewussten Emotionen, der Intuition, der animalischen Instinkte, der Mutter-Erde, der kosmischen Energie. Nicht das Denken und Rationalisieren ist nun gefragt, sondern das Sich-Öffnen, die Zeit vergessen, stillen, lieben, geben, sich dem Baby und der Mutterschaft ergeben.

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