Psychologische Hilfe vor und nach der Geburt

Inga Erchova, Dipl.-Psychologin

Die Wurzeln der Sucht.

Vielleicht erscheint es für einige von uns entlastend, für andere – erschreckend – zu wissen, dass eine Sucht – egal nach welcher Substanz oder Gefühl – nicht erst im Erwachsenenalter entsteht. Sie etabliert sich während der frühen Hilflosigkeit, das heißt in der Zeit als wir noch keine Fähigkeiten besaßen, über unser Leben selbst zu bestimmen und darauf angewiesen waren, was unsere Mutter oder die Ersatzperson mit uns macht. Genau so, wie wir früher in der „Gewalt“ der anderen Person waren, befinden wir uns heute in der Gewalt von Alkohol, Nikotin oder Adrenalin und können selbst nicht über uns bestimmen. Wir bleiben, ohne es zu wissen, gefangen vom unbefriedigten Grundbedürfnis nach Nähe und Geborgenheit.

Das tragische ist, dass egal wie viel von der Rauschsubstanz wir zu uns nehmen, werden wir das zugrunde liegende Problem – die Abwesenheit der Mutter – nicht lösen können, es bleibt eine alte Geschichte. Deswegen kann man eine Sucht nicht mit Abstinenz oder Kontrolle besiegen. Das macht die Sache nur noch schlimmer – nicht nur die Mutter wird uns verwehrt, sondern auch noch die Ersatzbefriedigung.

Der Weg aus der Sucht kann nur folgen über die Suche nach der persönlichen Wahrheit und durch das Verstehen, warum es uns in Wirklichkeit geht, wenn wir so verzweifelt zum Stoff greifen. In dem Moment sind wir so beschäftig mit unserer eigenen Hilflosigkeit, dass wir nicht in der Lage sind, Bedürfnisse anderer wahrzunehmen. In dieser Hinsicht sind süchtige Menschen egoistisch, weil sie ihre Bedürfnisse über die der anderen Menschen stellen, vielleicht sogar ihrer eigenen Kinder. Wenn wir aufhören, die Geister der Vergangenheit zu jagen, nach Mama zu rufen und anerkennen, dass wir heute keine hilfslosen Kinder mehr sind und über mehr Ressourcen verfügen als damals, wenn wir die Augen für Wünsche der anderen öffnen, werden wir jede Sucht überwunden haben.

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Geburt in einer maskulinen Welt.

Wir leben in einer maskulinen Welt. Maskulin heißt nicht oder nicht nur, dass Männer die Politik, Wirtschaft oder Kultur dominieren. Es geht viel mehr um die Art und Weise zu denken, um Dinge, die wir für glaubwürdig oder seriös halten, um die Werte und Ansichten. Auch wir Frauen haben das männliche Denken angenommen, ohne es zu merken.

Wenn wir die Welt betrachten, dann merken wir, dass sie aus Polaritäten besteht: der Tag und die Nacht, warm und kalt, aktiv oder passiv, männlich oder weiblich. Auch unsere seelische Realität ist polarisiert – wir haben eine rechte und eine linke Gehirnhälfte, bewusste und unbewusste Emotionen, Verstand und Intuition, etc. Leider schenken wir dem maskulinen (rationalen, geradlinigen, logischen) Denken viel mehr Gewicht und Bedeutung als dem Femininen (Intuitiven, Subtilen, Unbewussten und Irrationalen).

Unsere westliche Kultur ist eine Eroberungskultur – ohne Wachstum kann die Wirtschaft nicht funktionieren. Fortschritt, Wissenschaft, Entwicklung sind die Treiber der Kultur, angeheizt durch Adrenalin und Testosteron. Wir suchen nach Konkretem, Greifbarem, Messbarem und Sichtbarem. Selbst wenn wir über Psychologie oder Emotionen sprechen ist das Gehirn das Maß der Dinge. „Die Gestörten reagieren im Gehirn anders als die Gesunden“ – wir fühlen uns wohl mit so einer Aussage, ohne dass sie irgendeinen Sinn ergibt oder hilft, den Gegenstand besser zu verstehen.

Das hat natürlich Auswirkungen darauf, wie wir Kinder zur Welt bringen – zu 90 Prozent im Krankenhaus. Die Geburt wird in erster Linie als eine Gefahrsituation gesehen, die eine ärztliche Intervention benötigt. Wir werden anästhesiert, überwacht, in eine passive Position gebracht. Oft werden wir bevormundet oder eingeschüchtert. Doch wir schenken den Ärzten das Vertrauen, dass sie das Beste für uns und das Baby tun, mehr als wir an uns selbst glauben – an unsere Kraft, ein Kind zur Welt zu bringen. Wir lassen einen Kaiserschnitt durchführen aus Angst um das Baby, nicht wissend, dass es die Mortalitätswahrscheinlichkeit des Babys verdoppelt. Wir danken dem Arzt, dass er unser Leben gerettet hat und der modernen Medizin für diese Möglichkeiten.

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Die Begegnung mit dem eigenen Schatten.

Ein psychologisches Phänomen ist besonders wichtig dafür, wie wir die Erfahrung der Mutterschaft erleben. Das ist der Schatten.

Schon C. G. Jung, der Nachfolger von S. Freud führte den Begriff „der Schatten“ ein als eine einfachere, bildhafte Beschreibung dessen, was Freud als Unbewusstsein bezeichnet hatte. Im Schatten sind alle Teile unserer Persönlichkeit enthalten, die uns unbewusst sind, die wir nicht als eigene anerkennen, die wir verdrängen. Warum tun wir das? Wissen wir nicht alles über uns selbst?

Wir wachsen mit einer Vorstellung davon auf, was wir sind, was wir können oder nicht, was uns ausmacht, wie unser Charakter ist. Den größten Teil dieser Vorstellung schöpfen wir daraus, was unsere Mutter (oder Ersatzperson) uns über uns erzählt hat. Sie hat uns das Gefühl gegeben, ob wir stark oder schwach sind, liebenswert oder nicht, etc. Sie hat uns vermittelt, was wir tun oder lassen müssen, um ihre Liebe zu bekommen. Ihre Ausführungen werden irgendwann zu unseren eigenen, weil wir sie verinnerlichen und vergessen, woher sie eigentlich kommen.

Diese Vorstellung ist jedoch nur ein Teil der Realität. Es gibt noch andere Teile unserer Persönlichkeit, die nicht zu diesem Bild passen. Wir verdrängen sie, weil sie nicht zu einem besseren Selbstwertgefühl beitragen, uns beschämen oder Angst machen. Die Schattenseiten müssen nicht unbedingt negativ sein, sie sind nur verborgen. Manchmal passen sie einfach nicht zu dem, was wir von uns denken, daher tun wir so als würden sie nicht zu uns gehören. Und was hat der Schatten mit dem Muttersein zu tun?

Das tückische an dem Schatten ist, dass, obwohl wir nichts von seiner Existenz ahnen, gehört er zu uns und zu unserem Leben. Je mehr wir uns von unserem Schatten distanzieren, desto mehr projizieren wir ihn auf unsere nächste Umgebung.

Wenn wir Mutter werden, materialisiert sich unser Schatten im Körper unserer Kinder. Dadurch dass die Mutter und das Baby in den ersten 1-2 Jahren emotional sehr verbunden sind (sie teilen sich praktisch die Seele), zeigt sich unser Schatten oft im Verhalten oder durch die Krankheiten des Kindes. Wenn wir dagegen versuchen, unseren Schatten zu studieren, ihn als zu uns gehörig zu akzeptieren, lassen wir unsere Kinder als freie Persönlichkeiten aufwachsen.


Bild Quelle: Flickr.

Das Fremde in mir. Der Film.

Der Film „Das Fremde in mir“ von Emily Atef lief letzte Woche in Berlin an. Bei der Vorstellung mit anschließender Diskussion über das Thema „Wochenbettdepression“ war das Publikum davon begeistert, dass das „Tabuthema“ in einem Film zum ersten Mal angesprochen worden war. Auch die Filmmacher zeigten sich stolz. Doch manchmal macht der erste Schritt klar, wie lang und mühsam die bevorstehende Reise noch wird.

Es gibt immer noch wenig Verständnis für das Phänomen Postpartum; selbst unter Fachleuten. Die Frauen nach der Geburt sind destabilisiert, sie bekommen dünne Haut, weinen schnell und wirken „irrational“. Wir sind schnell dabei, diesen Zustand als krankhaft zu bezeichnen und nach Mitteln zu suchen, ihn möglichst schnell zu beseitigen, ohne ihn wirklich zu verstehen.

Jeder von uns trägt „Schattenseiten“ in sich – die wir nicht als eigene akzeptieren wollen, weil wir nicht stolz darauf sind, weil sie uns Angst machen oder weh tun. Wir verdrängen sie ins Unbewusste, doch auch da hören sie nicht auf zu existieren. Wenn das Kind geboren wird, kommt es aus dem tiefsten Inneren der Mutter und bringt diese Schattenseiten zum Tageslicht. So sitzt sie mit den 3,5 Kilo eigener Untiefen auf dem Arm, die untröstlich schreien, endlos fordernd sind, fremd wirken und anders als erwartet. Das ist die postpartale Depression. Nun geht es darum, ob sie Mut, Kraft, Herz und Neugier dafür aufbringt, diese Schattenseiten kennen zu lernen, anzunehmen und zu lieben. Mit unterstützender Begleitung kann es eine Chance sein, sich selbst wahrhaftig zu begegnen.

Interessanterweise geht es im Titel des Filmes „Das Fremde in mir“ genau darum. Doch im Film selbst wird der Zustand der Mutter, die ihr Kind nach der Geburt nicht annimmt, als eine schiere Hormonschwankung gesehen, etwas Willkürliches, rein körperliches, das mit der Mutter selbst nichts zu tun hat, etwas, das ja jeder von uns passieren könne, etwa wie eine Erkältung oder ein Unfall, ganz ohne Vorgeschichte oder Sinn.

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Als Vorwort.

Hallo liebe Leser und vor allem liebe Leserinnen. Dieser Blog widmet sich euch – Müttern und allen, die es sein wollen, planen oder versuchen. Mein Ziel ist, das Bewusstsein der Frauen in Bezug auf ihre feminine Identität zu stärken.

Obwohl sich Dinge ändern, leben wir immer noch in einer men’s world. Und ich rede nicht von der Zahl der Männer in Führungspositionen oder ungleichen Gehältern. Es ist die maskuline Art und Weise zu denken und handeln, die in unserer Gesellschaft als allgemein gültig, richtig oder normal verstanden wird. Sie ist konkret, Ergebnis orientiert, logisch, linear, egozentrisch, wenig intuitiv. Eine Mutterschaft lebt dagegen in der subtilen Welt der Emotionen, Intuition, Altruismus, Dingen, die unbewußt sind oder schwer zu benennen sind. Ein Konflikt, das dazu führt, dass Frauen weniger die Protagonistinnen ihrer Mutterrolle werden sondern Opfer oder passive Zuschauer…

Ich lade euch auf eine Entdeckungsreise der femininen Seele ein.

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