Psychologische Hilfe vor und nach der Geburt

Inga Erchova, Dipl.-Psychologin

Der Abschied von der guten Mutter.

Mit der (übermäßig) guten Mutter ist hier ein idealisiertes Bild gemeint, das einige von uns von ihrer eigenen Mutter in sich tragen. Es wird mit Aussagen beschrieben wie „Meine Mutter ist meine beste Freundin“,  „Meine Mutter war immer für mich da, wenn ich sie gebraucht habe“, „Ich habe nur gute Erinnerungen an meine Mutter, nichts Negatives kommt mir in den Sinn“.

Um eins klar zu stellen –  die ideale Mutter gibt es nicht. So ein idealisiertes und undifferenziertes Bild der eigenen Mutter ist wie ein geistiger Zufluchtsort, in dem wir uns wohl und geborgen fühlen. Wir brauchen uns nicht mit eigenen, vielleicht schmerzvollen Erfahrungen auseinander zu setzen, denn dazu besteht offenbar kein Grund. Wir schützen unsere Mutter und damit schützen wir uns selbst vor eventuellen Schäden, die wir aus der Kindheit hätten mitbringen können.

Dieses Bild ist so hartnäckig wie Unkraut, das immer wieder aus der Erde spießt. Dabei bremst das Bild der idealen Mutter unsere persönliche Entwicklung und die seelische Reifung. Nur in der frühen Kindheit ist das uneingeschränkte Vertrauen in die Mutter und ihre Liebe notwendig, um ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln. Spätestens in der Pubertät machen wir Erfahrungen und gewinnen Einsichten, die unser Bild von der Mutter differenzierter und facettenreicher macht. Nicht alles, was von ihr kommt, schmekt nach süßer Muttermilch. Wenn die Wölfin ihre Babys stillt, ist es ein Meer der Wonne, das die Außenwelt weit hinter sich lässt. Wenn sie ihren Sprösslingen das Jagen beibringt, zeigt sie ihre Zähne und spornt sie zu aggressivem Verhalten an.

Die Frauen, die im Erwachsenenalter noch ein idealisiertes Bild von ihrer Mutter haben, sind häufig ängstlich und infantil. Sie haben Angst, sich offen zu äußern, mit ihrer Meinung anzuecken. Oft haben sie überhaupt keine eigene Meinung. Sie verschenken ihre Talente und machen sich klein.  Die Vorstellungen von der idealen Mutter sind wie Milchzähne, die uns eines Tages ausgedient haben. Sie fallen aus, um den Platz für eine neue Entwicklung frei zu machen.

Verfälschte Erinnerungen.

Wenn wir über unsere Kindheit erzählen, so beschreiben wir uns meistens mit Worten, die – wenn wir genau hinschauen – nicht unsere sind. „Ich war ein pflegeleichtes Kind“ – für wen pflegeleicht? Ich war ein Sorgenkind“  – wer hat sich Sorgen gemacht? Kinder lernen aus den Aussagen der Eltern darüber, wer sie sind, ohne es zu hinterfragen. Das, was unsere Mutter über uns erzählt hat, wird schnell zum Teil unserer Identität. Wir glauben später, dass es die einzige Wahrheit ist. Besonders die Ausführungen, die die Mutter selbst betreffen, lassen uns keinen Raum für Zweifel: „Ich habe meinen Beruf für euch aufgegeben und meine Karriere geopfert.“ „Meine Kinder sind für mich das Wichtigste im Leben. Für euch tue ich alles“. Dabei bleibt das die Perspektive der Mutter und nicht unsere eigene.

Die Eltern haben uns ihre Gefühle mitgeteilt und dabei unsere eigenen übertüncht. Ein pflegeleichtes Kind kann z.B. bedeuten, dass das Kind unter Druck gesetzt wurde, seine Mutter stets zufrieden zu stellen, sie in Ruhe zu lassen, und seine eigenen Bedürfnisse zu unterdrücken. Ein Sorgenkind kann bedeuten, dass die einzige Möglichkeit für das Kind, die Aufmerksamkeit der Mutter zu bekommen, war krank zu werden oder sich zu verletzen. Viele Jahre später wissen wir es nicht mehr. Wir gehen durch das Leben verkleidet in die Identität, die uns aufgesetzt wurde.  Nur der Schmerz, den wir damals empfunden haben, ist nicht verschwunden. Er wurde verdrängt. Er lebt in unserem Unbewusstsein weiter und zeigt sich an unerwarteten Stelle z.B. bei Überempfindlichkeit gegenüber manchen Themen, bei unerklärlicher Traurigkeit, oder wenn wir „nah am Wasser gebaut sind“.  Ganz deutlich kommt dieser Schmerz zum Ausdruck im Wochenbett.  Die Geburt und das Wochenbett öffnen unsere Seele und lassen das Unbewusste sich ungebremst ausbreiten. Wir wissen nicht, warum es uns auf ein mal so schlecht geht, denn unsere Kindheit war ja, wie wir glauben wunderschön.

Nun, wie können wir heute damit umgehen? 1. Trauen wir uns, selbstständig zu denken und unsere wahre Gefühle zu entdecken. Die Wahrheit mag nicht immer schön sein, aber sie fühlt sich echt an und wir verstehen besser, wer wir sind. 2. Achten wir ganz besonders darauf, was wir unseren Kindern über sie erzählen.

Die Wurzeln der Sucht.

Vielleicht erscheint es für einige von uns entlastend, für andere – erschreckend – zu wissen, dass eine Sucht – egal nach welcher Substanz oder Gefühl – nicht erst im Erwachsenenalter entsteht. Sie etabliert sich während der frühen Hilflosigkeit, das heißt in der Zeit als wir noch keine Fähigkeiten besaßen, über unser Leben selbst zu bestimmen und darauf angewiesen waren, was unsere Mutter oder die Ersatzperson mit uns macht. Genau so, wie wir früher in der „Gewalt“ der anderen Person waren, befinden wir uns heute in der Gewalt von Alkohol, Nikotin oder Adrenalin und können selbst nicht über uns bestimmen. Wir bleiben, ohne es zu wissen, gefangen vom unbefriedigten Grundbedürfnis nach Nähe und Geborgenheit.

Das tragische ist, dass egal wie viel von der Rauschsubstanz wir zu uns nehmen, werden wir das zugrunde liegende Problem – die Abwesenheit der Mutter – nicht lösen können, es bleibt eine alte Geschichte. Deswegen kann man eine Sucht nicht mit Abstinenz oder Kontrolle besiegen. Das macht die Sache nur noch schlimmer – nicht nur die Mutter wird uns verwehrt, sondern auch noch die Ersatzbefriedigung.

Der Weg aus der Sucht kann nur folgen über die Suche nach der persönlichen Wahrheit und durch das Verstehen, warum es uns in Wirklichkeit geht, wenn wir so verzweifelt zum Stoff greifen. In dem Moment sind wir so beschäftig mit unserer eigenen Hilflosigkeit, dass wir nicht in der Lage sind, Bedürfnisse anderer wahrzunehmen. In dieser Hinsicht sind süchtige Menschen egoistisch, weil sie ihre Bedürfnisse über die der anderen Menschen stellen, vielleicht sogar ihrer eigenen Kinder. Wenn wir aufhören, die Geister der Vergangenheit zu jagen, nach Mama zu rufen und anerkennen, dass wir heute keine hilfslosen Kinder mehr sind und über mehr Ressourcen verfügen als damals, wenn wir die Augen für Wünsche der anderen öffnen, werden wir jede Sucht überwunden haben.

giantbubble1

Kinder-Tyrannen.

und die Bedeutung der Kommunikation.

Der Alltag mit Kindern ist oft weit davon entfernt so zu sein, wie wir uns das harmonische Zusammenleben von Eltern und ihrem Nachwuchs einmal erträumt haben. Viele einfache Alltagssituationen – wie Sich Anziehen, Essen oder Ins-Bett-gehen – werden zu einem scheinbar unlösbaren Kampf der Wünsche: Eltern möchten pünktlich zum Kindergarten und dann zur Arbeit kommen, Kinder wollen endlos herum trödeln. Eltern wollen ein gemeinsames Familienessen am Tisch genießen, Kinder wollen das Spielen für das Essen nicht unterbrechen. Eltern wollen ein paar Stunden abends für sich haben, Kinder machen aus dem Ins-Bett-geh-Ritual einen Marathon, usw.

Dieses Dilemma trifft auf verschiedene Umgangsformen der Eltern, wie z.B.:
1. Nein heißt nein! Eltern machen deutlich, wer der Herr im Haus ist, nehmen dem Kind jegliches Recht darauf, Kind zu sein, missachten seine Bedürfnisse und setzen sich durch. Das fällt ihnen leicht, denn ein Erwachsener ist in seinen Kräften einem Kind weit überlegen. Das passiert natürlich unter der Prämisse, das „pädagogisch Sinnvolle“ zu tun, denn sie wissen besser, was das Kind wirklich braucht – Grenzen, Regeln und „starke“ Eltern. Bald werden diese Kinder vergessen, was sie eigentlich wollten und zu Erwachsenen aufwachsen, die immer noch nicht wissen, was sie aus ihrem Leben machen sollen, denn sie haben nie eine Chance gehabt, es heraus zu finden.

2. Man kann es dir nicht recht machen. Ein anderes Extrem ist, wenn unreife Eltern ihre eigenen Bedürfnisse nicht wahrnehmen und dem Kind in der Ich-Form kommunizieren können, weil sie sie für nicht wichtig halten oder aus einer oben beschriebenen Familie kommen. Kinder solcher Eltern lernen nicht, dass andere Menschen ebenfalls Bedürfnisse haben, denn sie wurden ihnen nie kommuniziert. Sie bekommen nur Pöbel oder Ausreden, wenn ihre Wünsche unerfüllbar sind, doch selten eine sinnvolle Erklärung, warum das so ist. Solche Kinder bitten nicht mehr, sondern sie fordern, fordern und fordern, und werden zu dem, was wir als Tyrannen bezeichnen.

Dabei kommt es im Alltag mit Kindern darauf an, ihre Bedürfnisse zu respektieren und die eigenen in der Ich-Form zu kommunizieren: Ich möchte heute gerne pünktlich zur Arbeit kommen, denn es ist mir wichtig, mit meinen Kollegen (anderen Mamas und Papas) zusammen anzufangen. Ich habe für dich etwas Leckeres gekocht und möchte es mit dir zusammen kosten. Ich habe heute einen anstrengenden Tag gehabt und möchte gerne noch etwas alleine ein Buch lesen, während du schon schläfst. Wenn wir dem Kind unsere echten Gefühle kommunizieren, helfen wir ihm, uns besser zu verstehen und vermitteln, dass wir es wert sind, ebenfalls beachtet zu werden.

Die unsichtbare Gewalt.

Wenn wir über Gewalt sprechen, dann stellen wir uns meistens laute und brutale Szenen vor – mit Schlägen oder Schreien, weinenden Opfern oder Verletzten. So ein Bild lässt bei uns keinen Zweifel daran, wer der Täter und wer das Opfer ist und wessen Partei wir ergreifen wollen. Doch stellen wir uns ein anderes Bild vor.

Ein kleines Mädchen sucht die Zuneigung ihrer Mutter oder bittet ihre Eltern um etwas und bekommt es nicht. Eine Weile später ärgert sie ihren älteren Bruder mit etwas, wovon sie genau weiß, dass er sich aufregen würde, weil es ihm sehr wichtig ist. Sie lässt nicht nach. Es kommt zur Eskalation. Der Bruder wird handgreiflich und attackiert die kleine Schwester. Sie weint. Dann kommen die Eltern. Sie bekommt den Schutz und der Bruder – die Strafe. Doch das ist nicht alles. Was ist der Gewinn der ganzen Situation für das Mädchen? Jetzt, wenn sie noch weinend den Trost ihrer Eltern genießt, regiert sie die Welt. Sie hat die gesuchte Zuneigung der Mutter und kann ihre Eltern um alles bitten und sie bekommt es auch.

Es gibt Gewalt, die für das bloße Auge unsichtbar ist, sie ist schwer zu entdecken – das ist die emotionale Gewalt. Sie ist subtil, subversiv, versteckt, doch ist deswegen nicht weniger schmerzhaft. Emotionale Gewalt kann viele Formen annehmen, eine davon ist die oben beschriebene Manipulation.

Warum wird eine Person manipulativ? In einer Familie, in der die Eltern über wenig emotionale Disponibilität für ihre Kinder verfügen, weil sie mit eigenen seelischen Problemen beschäftigt sind und selbst als Kinder wenig Zuwendung erfahren haben, lernen die Kinder früh, alle Mittel einzusetzen, um den privilegierten Platz an der Seite der Mutter zu bekommen. Weil diese Kinder die Liebe und die Zuwendung nicht auf eine natürliche und selbstverständliche Art und Weise bekommen, müssen sie darum kämpfen. So lernen sie, die Gefühlswelt der Menschen in ihrer Umgebung akribisch aufzuspüren und zu kontrollieren, ihre Wünsche auszutricksen, um an die Mutter ran zu kommen. Und weil der Platz „unter der Sonne“ so knapp ist, lernen Kinder schnell, den anderen (Geschwistern) ihre Wünsche zu rauben oder sie so zu verändern, dass sie mit den eigenen gleich werden.

Später im erwachsenen Alter, setzen sie ihre Fähigkeiten dafür ein, um ganz nah an der Macht zu sein – da, wo Entscheidungen getroffen werden. Sie rauben weiterhin den anderen ihre Wünsche oder lassen sie sich selbst zugute kommen. Doch das fällt niemandem auf, denn sie sind wortgewandt, intelligent und höflich. Sie sind in der Lage, den anderen das Gefühl zu vermitteln, sie glücklich zu machen, während sie in Wirklichkeit für eigene Ziele zu benutzen. Doch ganz egal, wie mächtig oder reich sie werden, niemals werden sie das Gefühl erreichen, das Wichtigste für ihre Mutter zu sein, denn darum geht es uns in Wirklichkeit.

Es ist nie zu spät.

Eines Tages überquert unseren Weg ein Freund, ein Buch oder ein Gedanke, die den gewohnten Fluss unseres Lebens verändern. Es gefällt uns auf ein Mal nicht mehr, wie wir uns unseren Kindern gegenüber verhalten haben. Heute würden wir nicht mehr das Gleiche tun, doch die Vergangenheit können wir nicht ändern.

Vielleicht waren wir zu fordernd mit unseren Kindern, im Glauben, das Richtige zu tun. Vielleicht haben wir sie subtil manipuliert oder erpresst. Oder wir haben gelogen und sind heute für sie nicht mehr vertrauenswürdig. Wir haben ihre Gefühle nicht ernst genommen, verlangten zu streng nach Gehorsamkeit. Und sie antworten mit Rebellion und Protest. Wir haben für ihre Wünsche die Ohren zugehalten und heute hören sie uns nicht mehr zu.

Wir würden das Leben gerne wie einen Film zurück spulen, um es anders zu machen. Es gibt jedoch etwas, was wir heute sehr wohl tun können – es bemerken, realisieren, sich eingestehen. Dann, mit Kindern darüber reden, ganz egal, ob sie 2 Jahre alt sind, 14 Jahre, 30 oder 60. Es ist nie zu spät, eine ehrliche Begegnung aufzusuchen, um über persönliche Einsichten, Wünsche oder neue Absichten zu sprechen. Für ein kleines Kind ist es eine Ermutigung, die Entschuldigung seiner Mutter oder seines Vaters zu hören mit dem Versprechen, in Zukunft mehr Unterstützung und Liebe zu bekommen. Für einen Teenager ist es eine einzigartige Möglichkeit, mit seinen Eltern in einer respektvollen Intimität zu sprechen, die vorher nie zustande kam. Für eine erwachsene Tochter oder einen erwachsenen Sohn ist es eine Chance, sich selbst und den Eltern persönliche Fragen zu stellen.

Jeder Moment kann eine Gelegenheit sein, die Veränderung mit zu teilen, die man angenommen hat. Nichts kann mehr Erleichterung und Frieden geben, als mit eigenen Kindern darüber zu reden, was einem bewusst geworden ist, und dass man die feste Absicht hat, jeden Tag ein besserer Mensch zu werden. Und für Kinder gibt es kein besseres Geschenk, als Eltern zu haben, die auf der Suche nach ihrer Bestimmung sind, jeden Tag.

Brauchen Kinder Grenzen oder Kommunikation?

Viele Familien stellen einen Weihnachtsbaum auf und machen bei den weihnachtlichen Feierlichkeiten “nur wegen der Kindern” mit. Sie sollen ja ein schönes Weihnachtsfest erleben. Doch Kinder müssen bitte schön nicht den Schoko-Weihnachtsmann auspacken, der die Kommode schmückt, nicht die Geschenke unter dem Baum berühren, nicht mit den Glas-Kugeln spielen. (Warum sind sie überhaupt aus Glas?)

Das am häufigsten von Erwachsenen gesagte Wort in den Tagen ist “Nein” – Nein, das darfst du nicht haben. Nein, nur angucken, nicht berühren. Nein, das ist nicht für Kinder, etc. Man glaubt, Erwachsene wähnen sich – gemessen an Lautstärke und Bestimmtheit, mit der sie das Unwort Nein sagen – in dem festen Glauben, dabei als gute Erzieher zu glänzen. Dabei erleben Kinder ein „Nein“ als eine arme und einfallslose Art, mit Dingen umzugehen. Sie wollen die Welt begreifen, wie sie sich anfühlt, schmeckt, funktioniert. Die Augen alleine vermitteln nicht das ganze Bild der Realität. Er reicht eben nicht nur zu gucken. Kinder wollen Möglichkeiten lernen, nicht Schranken.

Statt Nein kann man das Wort “Ah!” benutzen, und es als kleine Gelegenheit nützen, die Welt ein Stückchen begreiflicher zu machen: Ah, du siehst da die goldene Weihnachtskugel? Guck mal, der Weihnachtsbaum ist voll davon. Soll ich eine abnehmen, und du kannst sie auf meiner Hand berühren? Ah, willst du Oma beim Kochen helfen? Schau mal, die Ente wird im heißen Backofen gar. Ich nehme dich auf den Arm, und du kannst durch das Glas schauen, wie der Vogel immer brauner wird. Etc, etc. So lernen Kinder über die Welt und werden von uns sanft vor Gefahren geschützt.

Hier ist ein Vorschlag für einen guten Vorsatz für das neue Jahr – statt „Nein“ öfter mal „Ah!“ sagen. Ihr werdet sehen, dass eure Kinder viel weniger Dinge tun werden, die sie nicht “sollen” – weniger Bücher zerreißen, Teller schmeißen, Dinge brechen und insgesamt protestieren. Sie werden kooperativer und besser gelaunt, weil sie sich ernst genommen fühlen und ihre Neugier befriedigen. Berichtet, wie das klappt.

2006-12-18_pekip-portraets_054_blog

posted under Erziehung, Kinder | 1 Comment »

Die Supernanny und das Aschenputtel.

Obwohl sich viele über das deutsche Fernsehen beschweren, finde ich es gar nicht so schlecht, vor allem all die Lebensbewältigungsformate, die zu jeder Lebenssituation eine Hilfestellung bieten – vom Hausrenovieren, Schulden–los-Werden bis zum Auswandern und wieder Zurückkehren. Bequem auf dem Sofa können wir die Dramen anderer Menschen mitverfolgen und vielleicht etwas für uns selbst daraus lernen.

Natürlich wollte ich etwas über die Supernanny schreiben. In dieser Episode ging es um die zweite Ehe einer Mutter, ihre zwei Töchter – die ältere (ca. 8 Jahre) aus der ersten Beziehung und die jüngere (2 Jahre) aus der aktuellen. Der Konflikt bestand zwischen der älteren Tochter und ihrer Mutter und dem Stiefvater. Wie das Aschenputtel wurde sie mit Hausarbeit überladen, aus jedem nichtigen Anlass gepeinigt. Ihr wurde Liebe entzogen wie auch jegliches Recht, Kind zu sein. Alleine schmierte sie sich morgens traurig die Brote, während der Rest der Familie gemütlich zusammen frühstückte, kaum dass sie durch die Tür war. Die jüngere Tochter wurde dagegen liebevoll ins Bett gebracht, betüddelt, beschert und geliebt. Die Kleine war ein Teil der neuen Familie, während die Ältere am ausgestreckten Arm verhungerte. Die Eltern gaben die Schuld der älteren Tochter und ihrem „schlechten Benehmen“. Sie wollten, dass sie sich ändere.

Schnell hatte die Supernanny die Partei des Mädchens ergriffen und die Eltern zu Rede gestellt: „Was hat sie euch angetan? Warum seid ihr so grausam zu ihr?“, ohne versucht zu haben zu verstehen, warum es so ist wie es ist.

Wenn wir uns in unserem Familien- und Freundenskreis umschauen, werden wir feststellen, dass es viele Familien auch mit rein leiblichen Eltern gibt, die ein „gutes“ und ein „schlechtes“ Kind haben – das eine ist ein Schreikind, das andere – ein Superbaby, das eine ist gut in der Schule, studiert und bekommt einen ordentlichen Job, das andere bringt nur schlechte Nachrichten nach Hause, hat zweifelhafte Freunde, verfällt einer Sucht oder wird ewig nicht erwachsen. Und das ist kein Zufall.

Der Ursprung dieses Phänomens liegt darin, dass die Mütter, wenn sie sich von ihren Schattenseiten distanzieren, diese auf ihre Kinder projizieren. Jede Mutter, wie auch jeder Mensch, hat Seiten der Persönlichkeit, die unbewusst, sozusagen im Schatten sind. Der Schatten ist etwas, weswegen wir uns schämen, was uns Angst macht oder weh tut. Schattenseiten sind nicht unbedingt negativ, sie sind nur ins Unbewusste verdrängt. Nur da hören sie nicht auf, zu existieren und unser Verhalten zu bestimmen. Und je mehr sich die Mutter von ihren Schattenseiten distanziert, desto mehr projiziert sie diese auf ihre nächste Umgebung – auf die Kinder. So wird ein Kind zum Träger der Schattenseiten der Mutter, während das andere ihre Wunschbilder verkörpert.

Die Supernanny hätte der Familie wesentlich mehr geholfen, wenn sie sich mit der Mutter über ihre erste Beziehung unterhalten hätte, darüber woran sie gescheitert ist, über die Vorwürfe, die sie sich eventuell macht, über die Vergangenheit, mit der sie abschließen will und was sie alles in der neuen Beziehung besser machen will. Dann würde die Mutter erkennen, dass sie nicht ihre Tochter ablehnt, sondern Teile von sich, die ihr weh tun. Erst wenn die Mutter mit liebevoller Begleitung der Supernanny (Therapeutin, Psychologin, etc.) in die Lage versetzt wird, ihre dunklen Seiten anzunehmen, kann sie ihre Tochter vom Aschenputtel-Dasein befreien.

Erlaubnis zu lieben.

Bei einer Wohnungsbesichtigung in Kreuzberg treffe ich auf stillende Mutter. Ihr zufriedenes, 4 Monate altes Baby trinkt friedlich an der Brust. Während des ganzen Besuches meldet sich das Baby mit keinem Mucks. In der Wohnung herrscht angenehme Ruhe.

„Ach, sie sind Psychologin“, freut sich die junge Mutter, „ich habe da ein Problem. Mein Sohn wacht seit 2 Wochen um 5 Uhr morgens auf und erzählt und erzählt. Nichts bringt ihn zurück zum Schlafen. Was soll ich tun? Ich habe da in einer Zeitschrift über so ein “Schlafprogramm” gelesen. Man solle das Kind wach in das Bett legen, das Zimmer verlassen und erst nach 10 Minuten zurückkehren…“ Ihr fragendes Gesicht überschattet sich mit Angst.

Mein erster Wunsch war, die Autoren von solchen Artikeln zu fragen, wie sie das, was sie schreiben mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Babys alleine schreien zu lassen ist ein brutaler Akt von Gewalt. Babys sind absolut hilflos und auf unsere Hilfe angewiesen. Wenn sie schreien, geht es für sie um Leben und Tod. Wenn sie aufhören zu schreien, dann nicht weil sie zufrieden sind, sondern weil sie resignieren. Sie lernen, dass ihre Bedürfnisse nicht ernst genommen werden, dass es sich nicht lohnt, für sich zu kämpfen, dass sie alleine nichts ausrichten können und dass sie nur ein Opfer der höheren Gewalt sind. Auch im Erwachsenenalter werden sie nicht an sich glauben. Kann man das wirklich verantworten?

Der andere Gedanke war, warum glauben wir Mütter solchen Artikeln? Warum müssen wir uns von Fachleuten sagen lassen, wie wir unsere Kinder behandeln sollen. Was ist aus unserem Mutterinstinkt geworden?

Ich frage sie, „wenn du deine Hand aufs Herz legst, was sagt dir dein Herz?“. Sie lächelt erleichtert. „Ja, natürlich nicht alleine lassen und nicht weinen lassen. Ich bin ja froh, dass sie das sagen. Ich würde ihn auch lieber auf den Arm nehmen und stillen, aber dachte das wäre übertrieben.“ Nein, man kann Babys nicht genug Liebe, Arme, Milch, Küsse, süße Worte, Körpernähe und Körperwärme geben. Das ist für Babys kein Luxus sondern ein Grundbedürfnis.

Dann bleibt noch das Problem mit dem Aufwachen. Meine Antwort war – gelassen nehmen und versuchen, den Schlaf tagsüber zusammen mit dem Baby nachzuholen. Das Baby weiß noch nicht, dass man um 5 Uhr morgens zu schlafen hat. Es kennt noch keine Regeln, und sein Schlafrhythmus ist sowieso ständig im Wandel. Stillen in der Stille, wenn alle drum herum schlafen kann eine wahre Meditation sein. Zusammen den Sonnenaufgang erleben, die Welt aufwachen sehen, den anbrechenden Tag mit Liebe anfangen.

Erpressung mit dem Lolly.

In öffentlichen Verkehrsmitteln bei so vielen Zuschauern geraten Eltern oft unter Druck, mit ihren Erziehungsmethoden eine gute Figur zu machen, mit mehr oder weniger Erfolg.

An diesem Abend in dem von Berufspendlern gut gefüllten Bus stand ein Vater mit seinem um die 2 Jahre alten Sohn. Der Sohn saß in seinem Kinderwagen. Auf seiner Augenhöhe befand sich der Behinderten-Halteknopf, der die Rampe zum Ausfahren bringt. Der Knopf war schön groß, rund und bunt mit kleinen roten Lämpchen, die spielerisch im Kreis blinkten – ein Stück Unterhaltung für das Kind bei einer monotonen Busfahrt. Der Junge lutschte genüsslich an seinem Lolly und streckte seine Finger Richtung Knopf. Nach mehrfachem Drücken stellte er schnell fest, dass die Lämpchen auf seine Berührung sogar mit grünem Licht reagierten. Toll!

Nun merkt der Vater den „Unfug“ und meldet sich mit dem abrupten „Nein, lass das!“ Der Junge blickt kurz auf und drückt weiter. „Nein, du sollst nicht drücken,“ schreit der Vater. Drück, drück, drück. Der Vater greift den Lolly aus der Hand des Jungen. Der schreit wie am Spieß. Der Schrei im vollen Bus beschert den beiden noch mehr Aufmerksamkeit der Fahrgäste . Der Vater hält es selbst kaum mehrere Sekunden aus und gibt den Lolly zurück an den Sohn. Der fängt sofort wieder an, den Knopf zu drücken…

Der Schlagabtausch wiederholte sich mehrmals im Kreis, bis die beiden ausgestiegen sind. Das war wie Tauziehen – mal ist es auf meiner Seite, mal auf deiner, mal bin ich der Gewinner ( wenn auch nur für ein paar Sekunden), mal bist du es, doch niemals sind wir beide glücklich. Leider legen wir Eltern diese Entweder-ich-oder-Kind-Denke sehr oft an den Tag, so dass Kinder mit der Gewissheit aufwachsen „damit es mir gut geht, muss es dem anderen schlecht gehen“.

Und unser Vater, was hätte er sonst machen können, um nicht nur bei den Fahrgästen sondern auch bei seinem Sohn zu punkten? Wie wäre es damit zu erklären, wofür der Knopf überhaupt da ist und was er bewirkt, zu erzählen, dass es Menschen gibt, die sich in so einer Art Wagen auf Rädern fortbewegen und Hilfe zum Aussteigen brauchen, etc, etc, etc. Kinder brauchen jemanden, der ihnen die Welt erklärt und zwischen ihnen und der Welt vermittelt. So hat unser Junge an diesem Abend nichts über die Welt erfahren sondern nur etwas über die Waffen der Kriegsführung.