Der Abschied von der guten Mutter.
Mit der (übermäßig) guten Mutter ist hier ein idealisiertes Bild gemeint, das einige von uns von ihrer eigenen Mutter in sich tragen. Es wird mit Aussagen beschrieben wie „Meine Mutter ist meine beste Freundin“, „Meine Mutter war immer für mich da, wenn ich sie gebraucht habe“, „Ich habe nur gute Erinnerungen an meine Mutter, nichts Negatives kommt mir in den Sinn“.
Um eins klar zu stellen – die ideale Mutter gibt es nicht. So ein idealisiertes und undifferenziertes Bild der eigenen Mutter ist wie ein geistiger Zufluchtsort, in dem wir uns wohl und geborgen fühlen. Wir brauchen uns nicht mit eigenen, vielleicht schmerzvollen Erfahrungen auseinander zu setzen, denn dazu besteht offenbar kein Grund. Wir schützen unsere Mutter und damit schützen wir uns selbst vor eventuellen Schäden, die wir aus der Kindheit hätten mitbringen können.
Dieses Bild ist so hartnäckig wie Unkraut, das immer wieder aus der Erde spießt. Dabei bremst das Bild der idealen Mutter unsere persönliche Entwicklung und die seelische Reifung. Nur in der frühen Kindheit ist das uneingeschränkte Vertrauen in die Mutter und ihre Liebe notwendig, um ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln. Spätestens in der Pubertät machen wir Erfahrungen und gewinnen Einsichten, die unser Bild von der Mutter differenzierter und facettenreicher macht. Nicht alles, was von ihr kommt, schmekt nach süßer Muttermilch. Wenn die Wölfin ihre Babys stillt, ist es ein Meer der Wonne, das die Außenwelt weit hinter sich lässt. Wenn sie ihren Sprösslingen das Jagen beibringt, zeigt sie ihre Zähne und spornt sie zu aggressivem Verhalten an.
Die Frauen, die im Erwachsenenalter noch ein idealisiertes Bild von ihrer Mutter haben, sind häufig ängstlich und infantil. Sie haben Angst, sich offen zu äußern, mit ihrer Meinung anzuecken. Oft haben sie überhaupt keine eigene Meinung. Sie verschenken ihre Talente und machen sich klein. Die Vorstellungen von der idealen Mutter sind wie Milchzähne, die uns eines Tages ausgedient haben. Sie fallen aus, um den Platz für eine neue Entwicklung frei zu machen.




