Psychologische Hilfe vor und nach der Geburt

Inga Erchova, Dipl.-Psychologin

Geburt in einer maskulinen Welt.

Wir leben in einer maskulinen Welt. Maskulin heißt nicht oder nicht nur, dass Männer die Politik, Wirtschaft oder Kultur dominieren. Es geht viel mehr um die Art und Weise zu denken, um Dinge, die wir für glaubwürdig oder seriös halten, um die Werte und Ansichten. Auch wir Frauen haben das männliche Denken angenommen, ohne es zu merken.

Wenn wir die Welt betrachten, dann merken wir, dass sie aus Polaritäten besteht: der Tag und die Nacht, warm und kalt, aktiv oder passiv, männlich oder weiblich. Auch unsere seelische Realität ist polarisiert – wir haben eine rechte und eine linke Gehirnhälfte, bewusste und unbewusste Emotionen, Verstand und Intuition, etc. Leider schenken wir dem maskulinen (rationalen, geradlinigen, logischen) Denken viel mehr Gewicht und Bedeutung als dem Femininen (Intuitiven, Subtilen, Unbewussten und Irrationalen).

Unsere westliche Kultur ist eine Eroberungskultur – ohne Wachstum kann die Wirtschaft nicht funktionieren. Fortschritt, Wissenschaft, Entwicklung sind die Treiber der Kultur, angeheizt durch Adrenalin und Testosteron. Wir suchen nach Konkretem, Greifbarem, Messbarem und Sichtbarem. Selbst wenn wir über Psychologie oder Emotionen sprechen ist das Gehirn das Maß der Dinge. „Die Gestörten reagieren im Gehirn anders als die Gesunden“ – wir fühlen uns wohl mit so einer Aussage, ohne dass sie irgendeinen Sinn ergibt oder hilft, den Gegenstand besser zu verstehen.

Das hat natürlich Auswirkungen darauf, wie wir Kinder zur Welt bringen – zu 90 Prozent im Krankenhaus. Die Geburt wird in erster Linie als eine Gefahrsituation gesehen, die eine ärztliche Intervention benötigt. Wir werden anästhesiert, überwacht, in eine passive Position gebracht. Oft werden wir bevormundet oder eingeschüchtert. Doch wir schenken den Ärzten das Vertrauen, dass sie das Beste für uns und das Baby tun, mehr als wir an uns selbst glauben – an unsere Kraft, ein Kind zur Welt zu bringen. Wir lassen einen Kaiserschnitt durchführen aus Angst um das Baby, nicht wissend, dass es die Mortalitätswahrscheinlichkeit des Babys verdoppelt. Wir danken dem Arzt, dass er unser Leben gerettet hat und der modernen Medizin für diese Möglichkeiten.

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Persönliches Wachstum durch die Mutterschaft.

Vieler Frauen, die schwanger werden, sehen trotz aller Freude den herankommenden „Einschränkungen“ mit Bedauern entgegen. „Ich habe doch nicht dafür studiert und Karriere gemacht, um Mama zu sein. Ich werde versuchen, so schnell wie möglich wieder zu arbeiten.“ Oder „ich hoffe, ich verschwinde danach nicht komplett von der Bildfläche und verdumme nicht ganz durch die Zeit zuhause.“ Wir lassen die Außenwelt den größten Teil unserer Persönlichkeit ausmachen – die Arbeit, die Anerkennung, das Aussehen. Wir haben das Gefühl, durch die Mutterschaft unsere Persönlichkeit zu verlieren, ein Niemand zu werden, weil wir nicht gewohnt sind, in unserer Innenwelt zu leben.

Ich möchte nicht missverstanden werden. Ich bin dafür, dass Frauen ihren Berufen und Berufungen nachgehen, das tue ich auch und finde es wichtig. Ich möchte nur nicht die Mutterschaft und die Zeit zuhause als etwas sehen, was uns Frauen aufhält, verlangsamt oder verunstaltet. Ganz im Gegenteil.

Die Geburt und die Zeit nach der Geburt, die ersten Schritte in der Beziehung zum eigenen Kind sind eine einzigartige Gelegenheit im Leben einer Frau, sich selbst wahrhaftig kennen zu lernen. Das sind Grenzerfahrungen, die von der Intensität, wenn man ihnen mit offenem Herzen und Augen begegnet, jede berufliche Herausforderung leicht in den Schatten stellen können. In dieser Zeit erweitert sich der Blickwinkel auf unseren Schatten – die unbewussten Seiten unserer Persönlichkeit. Der Schatten spiegelt sich in dem, wie wir die Geburt und die Zeit danach erleben, aber vor allem in der Beziehung mit unserem Kind. Unsere Kinder halten uns den Spiegel vor. Es erscheint so schwer, Kinder groß zu ziehen, nicht weil man sie viel wickeln oder tragen muss, sondern weil sie uns mit unserem Schatten konfrontieren – Seiten, die wir nicht mögen, die uns weh tun, die wir nicht als eigene anerkennen wollen. Es erfordert viel Mut und liebevolle Unterstützung, dem eigenen Schatten zu begegnen. Doch wenn wir das tun, integrieren wir neue Seiten von uns und werden kompletter. Alte Konflikte lösen sich, die Partnerschaft bekommt neue Impulse, viele Alltagssituationen werden nach ihrem wahrem Maß gemessen.

Deswegen sind die 1-2 Jahre nach der Geburt keine Zeit der Degradierung, sondern die Zeit des persönlichen Wachstums, wenn wir sie so nutzen. Wir verändern uns. Wie vorher sein zu wollen, würde bedeuten, nur mit einer Hälfte weiter laufen zu wollen. Danach sind wir anders – reifer, erwachsener, vollkommener.

Bild Quelle: Flickr.

Psychopharmaka im Wochenbett.

Wenn Frauen mit Wochenbettdepression konfrontiert sind und Hilfe suchen, bekommen sie oft Trost von der Freundin oder anderen Betroffenen im Internetforum mit den Worten: „Es ist normal. Uns ging es auch so, und es geht wieder vorbei.“ Das mag im ersten Moment entlasten, doch lässt die Frauen mit ihrem Problem alleine und ohne Lösung. Ein anderes Extrem sind Psychopharmaka, die von den Fachleuten immer wieder als Methode der Wahl angepriesen werden. Auch sie schießen am Ziel vorbei, und hier ist warum.

Verstehen wir zuerst, was mit uns in einer Wochenbettdepression genau passiert. Der Ausgangspunk der Zeit nach der Geburt ist die Geburt selbst. Eine Geburt öffnet unseren Körper mit der ungeheuren Wucht, um dem Baby den Weg nach außen zu geben. Der Schmerz und enorme Stärke dieser Erfahrung verlagert uns seelisch in eine andere Dimension. Der Körper reißt, und mit ihm zerfällt unsere alte emotionale Struktur. Zusammen mit dem Baby kommen aus dem tiefsten inneren auch unsere uns bisher unbekannten oder aberkannten Seiten. Das Baby konfrontiert uns wie ein Spiegel mit uns selbst und lässt kein Entkommen. Wir fühlen, dass wir eine andere geworden sind, doch diese Veränderung ist subtil und schwer in Worte zu fassen. Sie ist schmerzvoll, unbekannt und destabilisierend.

Dieser Schmerz und seelische Labilität, die uns so viel Angst machen, sind in Wirklichkeit nur ein Zeichen dafür, dass sich der Kurs unseres Lebens dramatisch verändert hat und dass wir nach einem neuen Weg suchen müssen. Es ist eine Lebenskrise und damit auch eine Chance, sich selbst neu zu begegnen, sich kennen zu lernen und sich zu verändern. Es ist eine Chance, erst wirklich erwachsen zu werden, indem wir lernen unsere eigene Bedürfnisse nach hinten zu stellen und uns dem Baby altruistisch zu widmen. Insofern ist eine Wochenbettdepression in den meisten Fällen keine wirklich, sondern ein Weg der Natur, unser Denken und Fühlen dramatisch zu verändern, damit wir unser Baby besser verstehen und fühlen können.

Doch was passiert, wenn wir Psychopharmaka nehmen? Damit töten wir auf einen Schlag die subtile, undefinierbare Welt der neuen Emotionen. Wir bewegen uns wieder hin zu der Außenwelt und damit weg von dem Baby. Wir sind wieder ganz die Alte, funktionieren wieder intakt, managen die Babybesuche, weinen nicht, was die Angehörigen enorm beruhigt. Damit ahnen wir nicht, dass es dieser Kampf zwischen Innen- und Außenwelt, was uns erst krank gemacht hat.

Die neue Welt annehmen, in sie mit dem Kopf eintauchen, uns dem Baby und der Mutterschaft ergeben ist der Weg aus der Depression. Dafür brauchen wir einfühlsame Unterstützung, Verständnis und jemanden, der die Verbindung zu der Außenwelt wenigstens für eine Weile für uns übernimmt.