Psychologische Hilfe vor und nach der Geburt

Inga Erchova, Dipl.-Psychologin

Der Abschied von der guten Mutter.

Mit der (übermäßig) guten Mutter ist hier ein idealisiertes Bild gemeint, das einige von uns von ihrer eigenen Mutter in sich tragen. Es wird mit Aussagen beschrieben wie „Meine Mutter ist meine beste Freundin“,  „Meine Mutter war immer für mich da, wenn ich sie gebraucht habe“, „Ich habe nur gute Erinnerungen an meine Mutter, nichts Negatives kommt mir in den Sinn“.

Um eins klar zu stellen –  die ideale Mutter gibt es nicht. So ein idealisiertes und undifferenziertes Bild der eigenen Mutter ist wie ein geistiger Zufluchtsort, in dem wir uns wohl und geborgen fühlen. Wir brauchen uns nicht mit eigenen, vielleicht schmerzvollen Erfahrungen auseinander zu setzen, denn dazu besteht offenbar kein Grund. Wir schützen unsere Mutter und damit schützen wir uns selbst vor eventuellen Schäden, die wir aus der Kindheit hätten mitbringen können.

Dieses Bild ist so hartnäckig wie Unkraut, das immer wieder aus der Erde spießt. Dabei bremst das Bild der idealen Mutter unsere persönliche Entwicklung und die seelische Reifung. Nur in der frühen Kindheit ist das uneingeschränkte Vertrauen in die Mutter und ihre Liebe notwendig, um ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln. Spätestens in der Pubertät machen wir Erfahrungen und gewinnen Einsichten, die unser Bild von der Mutter differenzierter und facettenreicher macht. Nicht alles, was von ihr kommt, schmekt nach süßer Muttermilch. Wenn die Wölfin ihre Babys stillt, ist es ein Meer der Wonne, das die Außenwelt weit hinter sich lässt. Wenn sie ihren Sprösslingen das Jagen beibringt, zeigt sie ihre Zähne und spornt sie zu aggressivem Verhalten an.

Die Frauen, die im Erwachsenenalter noch ein idealisiertes Bild von ihrer Mutter haben, sind häufig ängstlich und infantil. Sie haben Angst, sich offen zu äußern, mit ihrer Meinung anzuecken. Oft haben sie überhaupt keine eigene Meinung. Sie verschenken ihre Talente und machen sich klein.  Die Vorstellungen von der idealen Mutter sind wie Milchzähne, die uns eines Tages ausgedient haben. Sie fallen aus, um den Platz für eine neue Entwicklung frei zu machen.

Verfälschte Erinnerungen.

Wenn wir über unsere Kindheit erzählen, so beschreiben wir uns meistens mit Worten, die – wenn wir genau hinschauen – nicht unsere sind. „Ich war ein pflegeleichtes Kind“ – für wen pflegeleicht? Ich war ein Sorgenkind“  – wer hat sich Sorgen gemacht? Kinder lernen aus den Aussagen der Eltern darüber, wer sie sind, ohne es zu hinterfragen. Das, was unsere Mutter über uns erzählt hat, wird schnell zum Teil unserer Identität. Wir glauben später, dass es die einzige Wahrheit ist. Besonders die Ausführungen, die die Mutter selbst betreffen, lassen uns keinen Raum für Zweifel: „Ich habe meinen Beruf für euch aufgegeben und meine Karriere geopfert.“ „Meine Kinder sind für mich das Wichtigste im Leben. Für euch tue ich alles“. Dabei bleibt das die Perspektive der Mutter und nicht unsere eigene.

Die Eltern haben uns ihre Gefühle mitgeteilt und dabei unsere eigenen übertüncht. Ein pflegeleichtes Kind kann z.B. bedeuten, dass das Kind unter Druck gesetzt wurde, seine Mutter stets zufrieden zu stellen, sie in Ruhe zu lassen, und seine eigenen Bedürfnisse zu unterdrücken. Ein Sorgenkind kann bedeuten, dass die einzige Möglichkeit für das Kind, die Aufmerksamkeit der Mutter zu bekommen, war krank zu werden oder sich zu verletzen. Viele Jahre später wissen wir es nicht mehr. Wir gehen durch das Leben verkleidet in die Identität, die uns aufgesetzt wurde.  Nur der Schmerz, den wir damals empfunden haben, ist nicht verschwunden. Er wurde verdrängt. Er lebt in unserem Unbewusstsein weiter und zeigt sich an unerwarteten Stelle z.B. bei Überempfindlichkeit gegenüber manchen Themen, bei unerklärlicher Traurigkeit, oder wenn wir „nah am Wasser gebaut sind“.  Ganz deutlich kommt dieser Schmerz zum Ausdruck im Wochenbett.  Die Geburt und das Wochenbett öffnen unsere Seele und lassen das Unbewusste sich ungebremst ausbreiten. Wir wissen nicht, warum es uns auf ein mal so schlecht geht, denn unsere Kindheit war ja, wie wir glauben wunderschön.

Nun, wie können wir heute damit umgehen? 1. Trauen wir uns, selbstständig zu denken und unsere wahre Gefühle zu entdecken. Die Wahrheit mag nicht immer schön sein, aber sie fühlt sich echt an und wir verstehen besser, wer wir sind. 2. Achten wir ganz besonders darauf, was wir unseren Kindern über sie erzählen.

Die Wurzeln der Sucht.

Vielleicht erscheint es für einige von uns entlastend, für andere – erschreckend – zu wissen, dass eine Sucht – egal nach welcher Substanz oder Gefühl – nicht erst im Erwachsenenalter entsteht. Sie etabliert sich während der frühen Hilflosigkeit, das heißt in der Zeit als wir noch keine Fähigkeiten besaßen, über unser Leben selbst zu bestimmen und darauf angewiesen waren, was unsere Mutter oder die Ersatzperson mit uns macht. Genau so, wie wir früher in der „Gewalt“ der anderen Person waren, befinden wir uns heute in der Gewalt von Alkohol, Nikotin oder Adrenalin und können selbst nicht über uns bestimmen. Wir bleiben, ohne es zu wissen, gefangen vom unbefriedigten Grundbedürfnis nach Nähe und Geborgenheit.

Das tragische ist, dass egal wie viel von der Rauschsubstanz wir zu uns nehmen, werden wir das zugrunde liegende Problem – die Abwesenheit der Mutter – nicht lösen können, es bleibt eine alte Geschichte. Deswegen kann man eine Sucht nicht mit Abstinenz oder Kontrolle besiegen. Das macht die Sache nur noch schlimmer – nicht nur die Mutter wird uns verwehrt, sondern auch noch die Ersatzbefriedigung.

Der Weg aus der Sucht kann nur folgen über die Suche nach der persönlichen Wahrheit und durch das Verstehen, warum es uns in Wirklichkeit geht, wenn wir so verzweifelt zum Stoff greifen. In dem Moment sind wir so beschäftig mit unserer eigenen Hilflosigkeit, dass wir nicht in der Lage sind, Bedürfnisse anderer wahrzunehmen. In dieser Hinsicht sind süchtige Menschen egoistisch, weil sie ihre Bedürfnisse über die der anderen Menschen stellen, vielleicht sogar ihrer eigenen Kinder. Wenn wir aufhören, die Geister der Vergangenheit zu jagen, nach Mama zu rufen und anerkennen, dass wir heute keine hilfslosen Kinder mehr sind und über mehr Ressourcen verfügen als damals, wenn wir die Augen für Wünsche der anderen öffnen, werden wir jede Sucht überwunden haben.

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Kinder-Tyrannen.

und die Bedeutung der Kommunikation.

Der Alltag mit Kindern ist oft weit davon entfernt so zu sein, wie wir uns das harmonische Zusammenleben von Eltern und ihrem Nachwuchs einmal erträumt haben. Viele einfache Alltagssituationen – wie Sich Anziehen, Essen oder Ins-Bett-gehen – werden zu einem scheinbar unlösbaren Kampf der Wünsche: Eltern möchten pünktlich zum Kindergarten und dann zur Arbeit kommen, Kinder wollen endlos herum trödeln. Eltern wollen ein gemeinsames Familienessen am Tisch genießen, Kinder wollen das Spielen für das Essen nicht unterbrechen. Eltern wollen ein paar Stunden abends für sich haben, Kinder machen aus dem Ins-Bett-geh-Ritual einen Marathon, usw.

Dieses Dilemma trifft auf verschiedene Umgangsformen der Eltern, wie z.B.:
1. Nein heißt nein! Eltern machen deutlich, wer der Herr im Haus ist, nehmen dem Kind jegliches Recht darauf, Kind zu sein, missachten seine Bedürfnisse und setzen sich durch. Das fällt ihnen leicht, denn ein Erwachsener ist in seinen Kräften einem Kind weit überlegen. Das passiert natürlich unter der Prämisse, das „pädagogisch Sinnvolle“ zu tun, denn sie wissen besser, was das Kind wirklich braucht – Grenzen, Regeln und „starke“ Eltern. Bald werden diese Kinder vergessen, was sie eigentlich wollten und zu Erwachsenen aufwachsen, die immer noch nicht wissen, was sie aus ihrem Leben machen sollen, denn sie haben nie eine Chance gehabt, es heraus zu finden.

2. Man kann es dir nicht recht machen. Ein anderes Extrem ist, wenn unreife Eltern ihre eigenen Bedürfnisse nicht wahrnehmen und dem Kind in der Ich-Form kommunizieren können, weil sie sie für nicht wichtig halten oder aus einer oben beschriebenen Familie kommen. Kinder solcher Eltern lernen nicht, dass andere Menschen ebenfalls Bedürfnisse haben, denn sie wurden ihnen nie kommuniziert. Sie bekommen nur Pöbel oder Ausreden, wenn ihre Wünsche unerfüllbar sind, doch selten eine sinnvolle Erklärung, warum das so ist. Solche Kinder bitten nicht mehr, sondern sie fordern, fordern und fordern, und werden zu dem, was wir als Tyrannen bezeichnen.

Dabei kommt es im Alltag mit Kindern darauf an, ihre Bedürfnisse zu respektieren und die eigenen in der Ich-Form zu kommunizieren: Ich möchte heute gerne pünktlich zur Arbeit kommen, denn es ist mir wichtig, mit meinen Kollegen (anderen Mamas und Papas) zusammen anzufangen. Ich habe für dich etwas Leckeres gekocht und möchte es mit dir zusammen kosten. Ich habe heute einen anstrengenden Tag gehabt und möchte gerne noch etwas alleine ein Buch lesen, während du schon schläfst. Wenn wir dem Kind unsere echten Gefühle kommunizieren, helfen wir ihm, uns besser zu verstehen und vermitteln, dass wir es wert sind, ebenfalls beachtet zu werden.

Die unsichtbare Gewalt.

Wenn wir über Gewalt sprechen, dann stellen wir uns meistens laute und brutale Szenen vor – mit Schlägen oder Schreien, weinenden Opfern oder Verletzten. So ein Bild lässt bei uns keinen Zweifel daran, wer der Täter und wer das Opfer ist und wessen Partei wir ergreifen wollen. Doch stellen wir uns ein anderes Bild vor.

Ein kleines Mädchen sucht die Zuneigung ihrer Mutter oder bittet ihre Eltern um etwas und bekommt es nicht. Eine Weile später ärgert sie ihren älteren Bruder mit etwas, wovon sie genau weiß, dass er sich aufregen würde, weil es ihm sehr wichtig ist. Sie lässt nicht nach. Es kommt zur Eskalation. Der Bruder wird handgreiflich und attackiert die kleine Schwester. Sie weint. Dann kommen die Eltern. Sie bekommt den Schutz und der Bruder – die Strafe. Doch das ist nicht alles. Was ist der Gewinn der ganzen Situation für das Mädchen? Jetzt, wenn sie noch weinend den Trost ihrer Eltern genießt, regiert sie die Welt. Sie hat die gesuchte Zuneigung der Mutter und kann ihre Eltern um alles bitten und sie bekommt es auch.

Es gibt Gewalt, die für das bloße Auge unsichtbar ist, sie ist schwer zu entdecken – das ist die emotionale Gewalt. Sie ist subtil, subversiv, versteckt, doch ist deswegen nicht weniger schmerzhaft. Emotionale Gewalt kann viele Formen annehmen, eine davon ist die oben beschriebene Manipulation.

Warum wird eine Person manipulativ? In einer Familie, in der die Eltern über wenig emotionale Disponibilität für ihre Kinder verfügen, weil sie mit eigenen seelischen Problemen beschäftigt sind und selbst als Kinder wenig Zuwendung erfahren haben, lernen die Kinder früh, alle Mittel einzusetzen, um den privilegierten Platz an der Seite der Mutter zu bekommen. Weil diese Kinder die Liebe und die Zuwendung nicht auf eine natürliche und selbstverständliche Art und Weise bekommen, müssen sie darum kämpfen. So lernen sie, die Gefühlswelt der Menschen in ihrer Umgebung akribisch aufzuspüren und zu kontrollieren, ihre Wünsche auszutricksen, um an die Mutter ran zu kommen. Und weil der Platz „unter der Sonne“ so knapp ist, lernen Kinder schnell, den anderen (Geschwistern) ihre Wünsche zu rauben oder sie so zu verändern, dass sie mit den eigenen gleich werden.

Später im erwachsenen Alter, setzen sie ihre Fähigkeiten dafür ein, um ganz nah an der Macht zu sein – da, wo Entscheidungen getroffen werden. Sie rauben weiterhin den anderen ihre Wünsche oder lassen sie sich selbst zugute kommen. Doch das fällt niemandem auf, denn sie sind wortgewandt, intelligent und höflich. Sie sind in der Lage, den anderen das Gefühl zu vermitteln, sie glücklich zu machen, während sie in Wirklichkeit für eigene Ziele zu benutzen. Doch ganz egal, wie mächtig oder reich sie werden, niemals werden sie das Gefühl erreichen, das Wichtigste für ihre Mutter zu sein, denn darum geht es uns in Wirklichkeit.

Essstörungen als Folge mütterlicher Dominanz.

Psychologisch gesehen ist Nahrung – die Mutter. Sie ist etwas was uns nicht nur mit Nährstoffen, sondern auch mit Sicherheit, Geborgenheit und Liebe am Leben hält. So ist es nicht verwunderlich, dass kaum einer von uns ein unproblematisches Verhältnis zum Essen genauso wie zur eigenen Mutter hat, doch manchmal nimmt es fatale Ausmaße an.

Frauen oder Männer, die von der Bulimie oder Magersucht betroffen sind, haben etwas gemeinsam – eine dominante und bestimmende Mutter, deren Wünsche und Forderungen verwüstend sind. Manchmal nimmt es versteckte Formen an, z.B. wenn die Mutter chronisch krank oder selbst ein Gewaltopfer war. Doch selbst dann – auf eine subtile Art und Weise – richtet sie es so ein, dass nur ihre Wünsche und Bedürfnisse die einzigen sind, die eine Berechtigung haben zu existieren. Die Töchter und Söhne wachsen unter ständigem Druck auf, die Erwartungen der Mutter zu erfüllen, immer zu ihrer Unzufriedenheit. Sie haben eine einzige Aufgabe im Leben – sie glücklich zu machen.

(An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass es keinen Zweck hat, die Schuldigen zu suchen, sondern die Entstehung der Essstörungen zu verstehen. Die Mütter der Betroffenen hatten keine böse Absicht. Ganz im Gegenteil, subjektiv empfunden, haben sie das Maximum des Möglichen, wie jede andere Mutter auch, für ihre Kinder getan. Sie wurden wiederum von ihren eigenen Mütter emotional vernachlässigt und waren sich dessen nicht bewusst. Die Kette der emotionalen Gewalt wird von Generation zu Generation weiter gegeben, wenn man sie nicht durch Bewusstmachen unterbricht..)

Das Überschwemmen mit eigenen Bedürfnissen der Mutter geht einher mit der extremen Vernachlässigung der Bedürfnisse der Kinder. So wie sich die Magersüchtigen unsichtbar machen, sind sie für ihre Mütter schon immer unsichtbar gewesen. Und so wie sich die bulimischen Frauen nicht gegen Essen wehren können, können sie nichts gegen die Dominanz ihrer Mutter ausrichten.

Die Bulimie und die Magersucht sind zwei Seiten einer Medaille – es sind zwei Überlebensmöglichkeiten angesichts der Abwesenheit von Liebe und Beachtung seitens der eigenen Mutter. Die Magersüchtigen verschließen den Mund, weil es das einzige ist, was sie selbst für sich entscheiden können. Sie finden etwas, wo sie endlich gewinnen können – gegen den eigenen Hunger. Wenn sie Nein zum Essen sagen, sagen sie symbolisch zu ihrer eigenen Mutter „Ich brauche dich nicht, ich komme auch ohne dich klar.“ Magersüchtige tragen den stolzen Blick der Siegerin, auch wenn sie bereit sind, diesen Sieg mit dem Leben zu bezahlen.

Während die bulimischen Frauen gegen das Essen, wie auch gegen ihre Mutter, jedes Mal verlieren. Sie werden vom Essen praktisch aufgefressen. Sie tragen den verschämten Verliererblick. Beide leiden unwahrscheinlich, doch eigentlich nicht unter Bulimie oder Magersucht, sondern unter der Tatsache, ungeliebt und unbeachtet zu sein von der eigenen Mutter.

Literaturhinweis: Laura Gutman, La revolución de las madres.

Es ist nie zu spät.

Eines Tages überquert unseren Weg ein Freund, ein Buch oder ein Gedanke, die den gewohnten Fluss unseres Lebens verändern. Es gefällt uns auf ein Mal nicht mehr, wie wir uns unseren Kindern gegenüber verhalten haben. Heute würden wir nicht mehr das Gleiche tun, doch die Vergangenheit können wir nicht ändern.

Vielleicht waren wir zu fordernd mit unseren Kindern, im Glauben, das Richtige zu tun. Vielleicht haben wir sie subtil manipuliert oder erpresst. Oder wir haben gelogen und sind heute für sie nicht mehr vertrauenswürdig. Wir haben ihre Gefühle nicht ernst genommen, verlangten zu streng nach Gehorsamkeit. Und sie antworten mit Rebellion und Protest. Wir haben für ihre Wünsche die Ohren zugehalten und heute hören sie uns nicht mehr zu.

Wir würden das Leben gerne wie einen Film zurück spulen, um es anders zu machen. Es gibt jedoch etwas, was wir heute sehr wohl tun können – es bemerken, realisieren, sich eingestehen. Dann, mit Kindern darüber reden, ganz egal, ob sie 2 Jahre alt sind, 14 Jahre, 30 oder 60. Es ist nie zu spät, eine ehrliche Begegnung aufzusuchen, um über persönliche Einsichten, Wünsche oder neue Absichten zu sprechen. Für ein kleines Kind ist es eine Ermutigung, die Entschuldigung seiner Mutter oder seines Vaters zu hören mit dem Versprechen, in Zukunft mehr Unterstützung und Liebe zu bekommen. Für einen Teenager ist es eine einzigartige Möglichkeit, mit seinen Eltern in einer respektvollen Intimität zu sprechen, die vorher nie zustande kam. Für eine erwachsene Tochter oder einen erwachsenen Sohn ist es eine Chance, sich selbst und den Eltern persönliche Fragen zu stellen.

Jeder Moment kann eine Gelegenheit sein, die Veränderung mit zu teilen, die man angenommen hat. Nichts kann mehr Erleichterung und Frieden geben, als mit eigenen Kindern darüber zu reden, was einem bewusst geworden ist, und dass man die feste Absicht hat, jeden Tag ein besserer Mensch zu werden. Und für Kinder gibt es kein besseres Geschenk, als Eltern zu haben, die auf der Suche nach ihrer Bestimmung sind, jeden Tag.

Die Begegnung mit dem eigenen Schatten.

Ein psychologisches Phänomen ist besonders wichtig dafür, wie wir die Erfahrung der Mutterschaft erleben. Das ist der Schatten.

Schon C. G. Jung, der Nachfolger von S. Freud führte den Begriff „der Schatten“ ein als eine einfachere, bildhafte Beschreibung dessen, was Freud als Unbewusstsein bezeichnet hatte. Im Schatten sind alle Teile unserer Persönlichkeit enthalten, die uns unbewusst sind, die wir nicht als eigene anerkennen, die wir verdrängen. Warum tun wir das? Wissen wir nicht alles über uns selbst?

Wir wachsen mit einer Vorstellung davon auf, was wir sind, was wir können oder nicht, was uns ausmacht, wie unser Charakter ist. Den größten Teil dieser Vorstellung schöpfen wir daraus, was unsere Mutter (oder Ersatzperson) uns über uns erzählt hat. Sie hat uns das Gefühl gegeben, ob wir stark oder schwach sind, liebenswert oder nicht, etc. Sie hat uns vermittelt, was wir tun oder lassen müssen, um ihre Liebe zu bekommen. Ihre Ausführungen werden irgendwann zu unseren eigenen, weil wir sie verinnerlichen und vergessen, woher sie eigentlich kommen.

Diese Vorstellung ist jedoch nur ein Teil der Realität. Es gibt noch andere Teile unserer Persönlichkeit, die nicht zu diesem Bild passen. Wir verdrängen sie, weil sie nicht zu einem besseren Selbstwertgefühl beitragen, uns beschämen oder Angst machen. Die Schattenseiten müssen nicht unbedingt negativ sein, sie sind nur verborgen. Manchmal passen sie einfach nicht zu dem, was wir von uns denken, daher tun wir so als würden sie nicht zu uns gehören. Und was hat der Schatten mit dem Muttersein zu tun?

Das tückische an dem Schatten ist, dass, obwohl wir nichts von seiner Existenz ahnen, gehört er zu uns und zu unserem Leben. Je mehr wir uns von unserem Schatten distanzieren, desto mehr projizieren wir ihn auf unsere nächste Umgebung.

Wenn wir Mutter werden, materialisiert sich unser Schatten im Körper unserer Kinder. Dadurch dass die Mutter und das Baby in den ersten 1-2 Jahren emotional sehr verbunden sind (sie teilen sich praktisch die Seele), zeigt sich unser Schatten oft im Verhalten oder durch die Krankheiten des Kindes. Wenn wir dagegen versuchen, unseren Schatten zu studieren, ihn als zu uns gehörig zu akzeptieren, lassen wir unsere Kinder als freie Persönlichkeiten aufwachsen.


Bild Quelle: Flickr.