Psychologische Hilfe vor und nach der Geburt

Inga Erchova, Dipl.-Psychologin

Und was macht eigentlich der Vater?

In meiner Nachbarschaft habe ich vor einiger Zeit jeden Tag auf meinem Weg zur Arbeit einen Mann gesehen, der mit einem Baby im Kinderwagen durch die Straßen zog, bei jedem Wetter zur gleichen Uhrzeit. Manchmal kam aus dem Kinderwagen verzweifeltes Schreien des Babys, worauf der Vater mit einem noch zügigeren Schritt und ernsterem Gesichtsausdruck reagierte. Manchmal saß er draußen im Cafe und hat dem Baby Fläschchen gegeben. Auf seinem Gesicht stand „Was mache ich hier eigentlich?“. Ich spekuliere, das war ein Vater in der Elternzeit bald nach der Geburt seines Babys.

Ich höre die protestierenden Stimmen der Leser, die behaupten, dass der Vater für das Baby doch mindestens genau so gut sei wie die Mutter und dass es doch keinen Unterschied mache, solange sich jemand um das Baby kümmert. In einer modernen Familie sind die Aufgaben sowieso gleich verteilt. Es wäre sexistisch oder gendozentrisch zu behaupten, dass der Vater nicht gut genug für den Säugling wäre.

Im Kampf um die vermeintliche Gleichberechtigung vergessen wir unsere spezifischen Rollen als Mann und Frau in Bezug auf den Nachwuchs. Jedem kommt seine besondere und wichtige Rolle zu, sie sind jedoch verschieden und nicht beliebig austauschbar. Daher geht es für den Mann nicht darum, die Frau zu ersetzen, sondern sie zu unterstützen.

Lassen Sie uns nicht vergessen, dass wir über die ersten Lebenswochen und -Monate des Babys sprechen. Später, wenn das Kind ein, zwei oder drei Jahre alt ist, sieht es schon wieder anders aus. Da bekommt der Vater seine wichtige Rolle als derjenige, der das Kind in die Außenwelt einführt, es von der Mutter gewisser Maßen wieder trennt und ihm zum Gewinnen der Autonomie verhilft.

In der ersten Zeit nach der Geburt hat er auch seine eigene ganz wichtige Rolle zu erfüllen. Er kann nichts Besseres für seine Familie tun, als die natürliche emotionale Bindung zwischen der Mutter und dem Baby zu unterstützen anstatt sie zu stören, wenn der Vater z.B. eifersüchtig wird, die Frau wieder für sich reklamiert oder wenn er versucht, mit der Mutter zu konkurrieren. Die Muttermilch ist nicht nur ein besseres Lebensmittel für das Baby, das man in der Mittagspause schnell abpumpen und von beliebigen Menschen in der Flasche verabreichen kann. Das Stillen ist auch die Berührung, der vertraute Geruch der Haut der Mutter, der Klang ihrer Stimme, der Anblick, das Wort, der Schlag ihres Herzens. Fast wie im Mutterleib bleibt das Baby mit der Mutter körperlich verbunden – diesmal nicht durch die Nabelschnur, sondern durch die Brust. Die Verbindung ist aber nicht nur körperlich. Auch seelisch sind die Mutter und das Baby in den ersten Wochen und Monaten nach der Geburt ein Ganzes. Das Baby erlebt die Emotionen der Mutter wie seine eigenen. Ihre Abwesenheit kann zu dauerhaften seelischen Schäden führen.

Daher ist die Aufgabe des Vaters, die Mutter in das Universum Wochenbett abtauchen zu lassen – wie einen Tieftaucher, der auf die Schatzsuche in die tiefe See steigt. Dabei bleibt der Vater das Sicherheitszentrum, das dafür sorgt, dass der Taucher genug Sauerstoff bekommt, dass er die starke Rückendeckung spürt und dass seine Verbindung zur Außenwelt stabil bleibt. Erst dann kann sich der Taucher voll und ganz auf die Schätze des Meeres einlassen.

Der Mutter nicht nur praktische sondern vor allem emotionale Unterstützung zu geben scheint die größte Herausforderung für Väter zu sein. Er wickelt schon und putzt und die Frau bleibt unzufrieden.  Die Beziehung steht auf dem Prüfstand. Dabei will die Frau sich mit ihren Veränderungen und der Stimmungsachterbahn nach der Geburt einfach nur angenommen fühlen. Sie will keine Erwartungen spüren, ganz die alte sein zu müssen, sondern in ihrer Entwicklung verständnisvoll begleitet werden. Mit der einfachen Frage „Was kann ich für dich tun?“ kann man ihr wieder das Gefühl geben, dass man ihre Veränderungen wahrnimmt, und für sie da ist.

Rollenverteilung im Wochenbett

Illustration Quelle: Puerperios. L. Gutman

Verfälschte Erinnerungen.

Wenn wir über unsere Kindheit erzählen, so beschreiben wir uns meistens mit Worten, die – wenn wir genau hinschauen – nicht unsere sind. „Ich war ein pflegeleichtes Kind“ – für wen pflegeleicht? Ich war ein Sorgenkind“  – wer hat sich Sorgen gemacht? Kinder lernen aus den Aussagen der Eltern darüber, wer sie sind, ohne es zu hinterfragen. Das, was unsere Mutter über uns erzählt hat, wird schnell zum Teil unserer Identität. Wir glauben später, dass es die einzige Wahrheit ist. Besonders die Ausführungen, die die Mutter selbst betreffen, lassen uns keinen Raum für Zweifel: „Ich habe meinen Beruf für euch aufgegeben und meine Karriere geopfert.“ „Meine Kinder sind für mich das Wichtigste im Leben. Für euch tue ich alles“. Dabei bleibt das die Perspektive der Mutter und nicht unsere eigene.

Die Eltern haben uns ihre Gefühle mitgeteilt und dabei unsere eigenen übertüncht. Ein pflegeleichtes Kind kann z.B. bedeuten, dass das Kind unter Druck gesetzt wurde, seine Mutter stets zufrieden zu stellen, sie in Ruhe zu lassen, und seine eigenen Bedürfnisse zu unterdrücken. Ein Sorgenkind kann bedeuten, dass die einzige Möglichkeit für das Kind, die Aufmerksamkeit der Mutter zu bekommen, war krank zu werden oder sich zu verletzen. Viele Jahre später wissen wir es nicht mehr. Wir gehen durch das Leben verkleidet in die Identität, die uns aufgesetzt wurde.  Nur der Schmerz, den wir damals empfunden haben, ist nicht verschwunden. Er wurde verdrängt. Er lebt in unserem Unbewusstsein weiter und zeigt sich an unerwarteten Stelle z.B. bei Überempfindlichkeit gegenüber manchen Themen, bei unerklärlicher Traurigkeit, oder wenn wir „nah am Wasser gebaut sind“.  Ganz deutlich kommt dieser Schmerz zum Ausdruck im Wochenbett.  Die Geburt und das Wochenbett öffnen unsere Seele und lassen das Unbewusste sich ungebremst ausbreiten. Wir wissen nicht, warum es uns auf ein mal so schlecht geht, denn unsere Kindheit war ja, wie wir glauben wunderschön.

Nun, wie können wir heute damit umgehen? 1. Trauen wir uns, selbstständig zu denken und unsere wahre Gefühle zu entdecken. Die Wahrheit mag nicht immer schön sein, aber sie fühlt sich echt an und wir verstehen besser, wer wir sind. 2. Achten wir ganz besonders darauf, was wir unseren Kindern über sie erzählen.

Persönliches Wachstum durch die Mutterschaft.

Vieler Frauen, die schwanger werden, sehen trotz aller Freude den herankommenden „Einschränkungen“ mit Bedauern entgegen. „Ich habe doch nicht dafür studiert und Karriere gemacht, um Mama zu sein. Ich werde versuchen, so schnell wie möglich wieder zu arbeiten.“ Oder „ich hoffe, ich verschwinde danach nicht komplett von der Bildfläche und verdumme nicht ganz durch die Zeit zuhause.“ Wir lassen die Außenwelt den größten Teil unserer Persönlichkeit ausmachen – die Arbeit, die Anerkennung, das Aussehen. Wir haben das Gefühl, durch die Mutterschaft unsere Persönlichkeit zu verlieren, ein Niemand zu werden, weil wir nicht gewohnt sind, in unserer Innenwelt zu leben.

Ich möchte nicht missverstanden werden. Ich bin dafür, dass Frauen ihren Berufen und Berufungen nachgehen, das tue ich auch und finde es wichtig. Ich möchte nur nicht die Mutterschaft und die Zeit zuhause als etwas sehen, was uns Frauen aufhält, verlangsamt oder verunstaltet. Ganz im Gegenteil.

Die Geburt und die Zeit nach der Geburt, die ersten Schritte in der Beziehung zum eigenen Kind sind eine einzigartige Gelegenheit im Leben einer Frau, sich selbst wahrhaftig kennen zu lernen. Das sind Grenzerfahrungen, die von der Intensität, wenn man ihnen mit offenem Herzen und Augen begegnet, jede berufliche Herausforderung leicht in den Schatten stellen können. In dieser Zeit erweitert sich der Blickwinkel auf unseren Schatten – die unbewussten Seiten unserer Persönlichkeit. Der Schatten spiegelt sich in dem, wie wir die Geburt und die Zeit danach erleben, aber vor allem in der Beziehung mit unserem Kind. Unsere Kinder halten uns den Spiegel vor. Es erscheint so schwer, Kinder groß zu ziehen, nicht weil man sie viel wickeln oder tragen muss, sondern weil sie uns mit unserem Schatten konfrontieren – Seiten, die wir nicht mögen, die uns weh tun, die wir nicht als eigene anerkennen wollen. Es erfordert viel Mut und liebevolle Unterstützung, dem eigenen Schatten zu begegnen. Doch wenn wir das tun, integrieren wir neue Seiten von uns und werden kompletter. Alte Konflikte lösen sich, die Partnerschaft bekommt neue Impulse, viele Alltagssituationen werden nach ihrem wahrem Maß gemessen.

Deswegen sind die 1-2 Jahre nach der Geburt keine Zeit der Degradierung, sondern die Zeit des persönlichen Wachstums, wenn wir sie so nutzen. Wir verändern uns. Wie vorher sein zu wollen, würde bedeuten, nur mit einer Hälfte weiter laufen zu wollen. Danach sind wir anders – reifer, erwachsener, vollkommener.

Bild Quelle: Flickr.

Psychopharmaka im Wochenbett.

Wenn Frauen mit Wochenbettdepression konfrontiert sind und Hilfe suchen, bekommen sie oft Trost von der Freundin oder anderen Betroffenen im Internetforum mit den Worten: „Es ist normal. Uns ging es auch so, und es geht wieder vorbei.“ Das mag im ersten Moment entlasten, doch lässt die Frauen mit ihrem Problem alleine und ohne Lösung. Ein anderes Extrem sind Psychopharmaka, die von den Fachleuten immer wieder als Methode der Wahl angepriesen werden. Auch sie schießen am Ziel vorbei, und hier ist warum.

Verstehen wir zuerst, was mit uns in einer Wochenbettdepression genau passiert. Der Ausgangspunk der Zeit nach der Geburt ist die Geburt selbst. Eine Geburt öffnet unseren Körper mit der ungeheuren Wucht, um dem Baby den Weg nach außen zu geben. Der Schmerz und enorme Stärke dieser Erfahrung verlagert uns seelisch in eine andere Dimension. Der Körper reißt, und mit ihm zerfällt unsere alte emotionale Struktur. Zusammen mit dem Baby kommen aus dem tiefsten inneren auch unsere uns bisher unbekannten oder aberkannten Seiten. Das Baby konfrontiert uns wie ein Spiegel mit uns selbst und lässt kein Entkommen. Wir fühlen, dass wir eine andere geworden sind, doch diese Veränderung ist subtil und schwer in Worte zu fassen. Sie ist schmerzvoll, unbekannt und destabilisierend.

Dieser Schmerz und seelische Labilität, die uns so viel Angst machen, sind in Wirklichkeit nur ein Zeichen dafür, dass sich der Kurs unseres Lebens dramatisch verändert hat und dass wir nach einem neuen Weg suchen müssen. Es ist eine Lebenskrise und damit auch eine Chance, sich selbst neu zu begegnen, sich kennen zu lernen und sich zu verändern. Es ist eine Chance, erst wirklich erwachsen zu werden, indem wir lernen unsere eigene Bedürfnisse nach hinten zu stellen und uns dem Baby altruistisch zu widmen. Insofern ist eine Wochenbettdepression in den meisten Fällen keine wirklich, sondern ein Weg der Natur, unser Denken und Fühlen dramatisch zu verändern, damit wir unser Baby besser verstehen und fühlen können.

Doch was passiert, wenn wir Psychopharmaka nehmen? Damit töten wir auf einen Schlag die subtile, undefinierbare Welt der neuen Emotionen. Wir bewegen uns wieder hin zu der Außenwelt und damit weg von dem Baby. Wir sind wieder ganz die Alte, funktionieren wieder intakt, managen die Babybesuche, weinen nicht, was die Angehörigen enorm beruhigt. Damit ahnen wir nicht, dass es dieser Kampf zwischen Innen- und Außenwelt, was uns erst krank gemacht hat.

Die neue Welt annehmen, in sie mit dem Kopf eintauchen, uns dem Baby und der Mutterschaft ergeben ist der Weg aus der Depression. Dafür brauchen wir einfühlsame Unterstützung, Verständnis und jemanden, der die Verbindung zu der Außenwelt wenigstens für eine Weile für uns übernimmt.

Schön, erfolgreich, depressiv.

Mit der Wochenbettdepression verbinden wir oft ein Bild von sozial schwachen Familien, allein erziehenden Müttern, ungewollten Schwangerschaften oder schwachen, neurotischen Frauen. Einer erfolgreichen berufstätigen Frau, die ihr Leben fest im Griff hat, kann es, glauben wir, nicht passieren. Doch die Realität sieht anders aus.

Berufstätige Frauen, die einen Anspruch haben, auf der Karriereleiter viel zu erreichen, sind oft von einem Leistungsgedanken getrieben. Schon in der Schule haben sie gelernt, mit Fleiß und Intelligenz weiter zu kommen. Da die Wirtschaftswelt von Männern dominiert wird, lernen sie später, nach den „männlichen“ Spielregeln zu spielen. Das heißt, sie leben in der konkreten Welt, in der Probleme mit Zahlen belegt, mit Argumenten diskutiert, und mit Managementtools gelöst werden. Sie glauben an die Überlegenheit des logischen Denkens über die Intuition und an die Allgemeingültigkeit des gesunden Menschenverstands. Sie wissen, was „normal“ und was „komisch“ ist und sind sich sicher, dass nichts sie so schnell aus der Bahn des geregelten Lebens werfen kann.

Dann trifft sie den „Richtigen“ und wird schwanger. Es ist soweit, das Baby ist da und es ist doch alles anders, als sie es sich vorgestellt hatte. Das Gefühl vom Glück ist nicht so absolut und unbeschwert wie erwartet. Es ist getrübt durch etwas, das sie nicht in Worte fassen kann. Sie erkennt sich selbst nicht wieder. Was ist aus der vernünftigen und positiven Frau geworden? Sie weint, hat Angst, ist überfordert. Der Boden verschwindet unter den Füßen. Es droht der komplette Zusammenbruch. Sie versucht an der alten, ihr bekannten konkreten Welt fest zu halten, indem sie nach festen Regeln und Abläufen für sich selbst und das Baby sucht: Stillen nach der Uhr, einschlafen nur im eigenen Bettchen, nicht an der Brust einschlafen lassen, nicht zu lang auf dem Arm halten, etc. Doch das Baby ist eigenwillig. Es ist mit einer Naturgewalt zu vergleichen. Seine Befindlichkeiten sind subtil, unbewusst und permanent im Fluss. Mann kann sagen, das Baby kommt aus dem Jenseits und verweilt noch im Kosmos der universellen Energie, für die wir längst unempfänglich geworden sind. Der hormonale Sturz nach der Geburt und die damit verbundenen Stimmungsschwankungen sind ein intelligenter Weg der Natur, um die Befindlichkeiten der Mutter auf die des Babys einzustimmen, sie einander näher zu bringen, damit die Mutter das Baby besser versteht, spürt und sich mit ihm verbindet.

Diese Umstellung wirkt auf eine berufstätige „Frau von Welt“ krasser, als eine Lebenskrise. Es ist ein Zusammenbruch dessen, womit sie sich bisher identifiziert und was ihre Persönlichkeit ausgemacht hat. Sie ist nun vom Gegenteil der konkreten Welt umgeben – der subtilen und unbewussten Emotionen, der Intuition, der animalischen Instinkte, der Mutter-Erde, der kosmischen Energie. Nicht das Denken und Rationalisieren ist nun gefragt, sondern das Sich-Öffnen, die Zeit vergessen, stillen, lieben, geben, sich dem Baby und der Mutterschaft ergeben.

Stillen wie die Löwin.

Wenn wir vom Stillen sprechen, dann sprechen wir meistens über wie oft, wie lange, Positionen, Techniken oder Stellungen, doch selten über Liebe. Dabei wenn wir lieben, ist es uns völlig egal, wie oft und wie lange, oben oder unten. Wenn wir lieben, dann denken wir überhaupt nicht, sondern fühlen, uns einander nähern, fusionieren. Genau so ist es auch beim Stillen. Die Mutter und das Baby sind eins, ihre Körper sind verbunden, die Flüssigkeiten fließen, das ist das Leben in seiner nackten Form.

Alles was wir brauchen, um Stillen zu können ist Intimität, Zeit und Ruhe. Die Milch ist nicht nur Nahrung, sondern Liebe, Kommunikation, Nähe, Wärme, Zuwendung, Unterstützung, Fürsorge. Wenn man das Stillen so sieht, erscheint es völlig absurd, dem Kind die Brust zu verweigern, weil es ja schon satt ist oder „nur” Aufmerksamkeit braucht. Wenn wir unseren Mann um eine Umarmung bitten, ist es auch nur Aufmerksamkeit?

Beim Stillen sind wir der Mutter Erde und unseren Wurzeln als Säugetiere am nächsten. Wir sind wild und stark wie die Löwin, Katze, Hündin oder Wölfin . Das Stillen fällt leicht, wenn wir uns von all den sich widersprechenden Tipps und Produktempfehlungen frei machen. Stillen muss nicht gelernt werden, wir müssen uns nur daran erinnern – in den tiefsten Kontakt mit sich selbst zu treten, die Masken ablegen und all die Vorstellungen darüber, was wir sein müssen oder dürfen. Stillen zu können ist ein Segen, unser Kind satt und zufrieden zu sehen, den Geruch und die Zartheit seiner Haut zu spüren, mit ihm eins zu sein. Beim Stillen geht es eigentlich nicht ums Ernähren, sondern vor allem um das Zusammen-Sein.

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Bildquelle: Flickr

Erlaubnis zu lieben.

Bei einer Wohnungsbesichtigung in Kreuzberg treffe ich auf stillende Mutter. Ihr zufriedenes, 4 Monate altes Baby trinkt friedlich an der Brust. Während des ganzen Besuches meldet sich das Baby mit keinem Mucks. In der Wohnung herrscht angenehme Ruhe.

„Ach, sie sind Psychologin“, freut sich die junge Mutter, „ich habe da ein Problem. Mein Sohn wacht seit 2 Wochen um 5 Uhr morgens auf und erzählt und erzählt. Nichts bringt ihn zurück zum Schlafen. Was soll ich tun? Ich habe da in einer Zeitschrift über so ein “Schlafprogramm” gelesen. Man solle das Kind wach in das Bett legen, das Zimmer verlassen und erst nach 10 Minuten zurückkehren…“ Ihr fragendes Gesicht überschattet sich mit Angst.

Mein erster Wunsch war, die Autoren von solchen Artikeln zu fragen, wie sie das, was sie schreiben mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Babys alleine schreien zu lassen ist ein brutaler Akt von Gewalt. Babys sind absolut hilflos und auf unsere Hilfe angewiesen. Wenn sie schreien, geht es für sie um Leben und Tod. Wenn sie aufhören zu schreien, dann nicht weil sie zufrieden sind, sondern weil sie resignieren. Sie lernen, dass ihre Bedürfnisse nicht ernst genommen werden, dass es sich nicht lohnt, für sich zu kämpfen, dass sie alleine nichts ausrichten können und dass sie nur ein Opfer der höheren Gewalt sind. Auch im Erwachsenenalter werden sie nicht an sich glauben. Kann man das wirklich verantworten?

Der andere Gedanke war, warum glauben wir Mütter solchen Artikeln? Warum müssen wir uns von Fachleuten sagen lassen, wie wir unsere Kinder behandeln sollen. Was ist aus unserem Mutterinstinkt geworden?

Ich frage sie, „wenn du deine Hand aufs Herz legst, was sagt dir dein Herz?“. Sie lächelt erleichtert. „Ja, natürlich nicht alleine lassen und nicht weinen lassen. Ich bin ja froh, dass sie das sagen. Ich würde ihn auch lieber auf den Arm nehmen und stillen, aber dachte das wäre übertrieben.“ Nein, man kann Babys nicht genug Liebe, Arme, Milch, Küsse, süße Worte, Körpernähe und Körperwärme geben. Das ist für Babys kein Luxus sondern ein Grundbedürfnis.

Dann bleibt noch das Problem mit dem Aufwachen. Meine Antwort war – gelassen nehmen und versuchen, den Schlaf tagsüber zusammen mit dem Baby nachzuholen. Das Baby weiß noch nicht, dass man um 5 Uhr morgens zu schlafen hat. Es kennt noch keine Regeln, und sein Schlafrhythmus ist sowieso ständig im Wandel. Stillen in der Stille, wenn alle drum herum schlafen kann eine wahre Meditation sein. Zusammen den Sonnenaufgang erleben, die Welt aufwachen sehen, den anbrechenden Tag mit Liebe anfangen.

Das Fremde in mir. Der Film.

Der Film „Das Fremde in mir“ von Emily Atef lief letzte Woche in Berlin an. Bei der Vorstellung mit anschließender Diskussion über das Thema „Wochenbettdepression“ war das Publikum davon begeistert, dass das „Tabuthema“ in einem Film zum ersten Mal angesprochen worden war. Auch die Filmmacher zeigten sich stolz. Doch manchmal macht der erste Schritt klar, wie lang und mühsam die bevorstehende Reise noch wird.

Es gibt immer noch wenig Verständnis für das Phänomen Postpartum; selbst unter Fachleuten. Die Frauen nach der Geburt sind destabilisiert, sie bekommen dünne Haut, weinen schnell und wirken „irrational“. Wir sind schnell dabei, diesen Zustand als krankhaft zu bezeichnen und nach Mitteln zu suchen, ihn möglichst schnell zu beseitigen, ohne ihn wirklich zu verstehen.

Jeder von uns trägt „Schattenseiten“ in sich – die wir nicht als eigene akzeptieren wollen, weil wir nicht stolz darauf sind, weil sie uns Angst machen oder weh tun. Wir verdrängen sie ins Unbewusste, doch auch da hören sie nicht auf zu existieren. Wenn das Kind geboren wird, kommt es aus dem tiefsten Inneren der Mutter und bringt diese Schattenseiten zum Tageslicht. So sitzt sie mit den 3,5 Kilo eigener Untiefen auf dem Arm, die untröstlich schreien, endlos fordernd sind, fremd wirken und anders als erwartet. Das ist die postpartale Depression. Nun geht es darum, ob sie Mut, Kraft, Herz und Neugier dafür aufbringt, diese Schattenseiten kennen zu lernen, anzunehmen und zu lieben. Mit unterstützender Begleitung kann es eine Chance sein, sich selbst wahrhaftig zu begegnen.

Interessanterweise geht es im Titel des Filmes „Das Fremde in mir“ genau darum. Doch im Film selbst wird der Zustand der Mutter, die ihr Kind nach der Geburt nicht annimmt, als eine schiere Hormonschwankung gesehen, etwas Willkürliches, rein körperliches, das mit der Mutter selbst nichts zu tun hat, etwas, das ja jeder von uns passieren könne, etwa wie eine Erkältung oder ein Unfall, ganz ohne Vorgeschichte oder Sinn.

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