Psychologische Hilfe vor und nach der Geburt

Inga Erchova, Dipl.-Psychologin

Verfälschte Erinnerungen.

März23

Wenn wir über unsere Kindheit erzählen, so beschreiben wir uns meistens mit Worten, die – wenn wir genau hinschauen – nicht unsere sind. „Ich war ein pflegeleichtes Kind“ – für wen pflegeleicht? Ich war ein Sorgenkind“  – wer hat sich Sorgen gemacht? Kinder lernen aus den Aussagen der Eltern darüber, wer sie sind, ohne es zu hinterfragen. Das, was unsere Mutter über uns erzählt hat, wird schnell zum Teil unserer Identität. Wir glauben später, dass es die einzige Wahrheit ist. Besonders die Ausführungen, die die Mutter selbst betreffen, lassen uns keinen Raum für Zweifel: „Ich habe meinen Beruf für euch aufgegeben und meine Karriere geopfert.“ „Meine Kinder sind für mich das Wichtigste im Leben. Für euch tue ich alles“. Dabei bleibt das die Perspektive der Mutter und nicht unsere eigene.

Die Eltern haben uns ihre Gefühle mitgeteilt und dabei unsere eigenen übertüncht. Ein pflegeleichtes Kind kann z.B. bedeuten, dass das Kind unter Druck gesetzt wurde, seine Mutter stets zufrieden zu stellen, sie in Ruhe zu lassen, und seine eigenen Bedürfnisse zu unterdrücken. Ein Sorgenkind kann bedeuten, dass die einzige Möglichkeit für das Kind, die Aufmerksamkeit der Mutter zu bekommen, war krank zu werden oder sich zu verletzen. Viele Jahre später wissen wir es nicht mehr. Wir gehen durch das Leben verkleidet in die Identität, die uns aufgesetzt wurde.  Nur der Schmerz, den wir damals empfunden haben, ist nicht verschwunden. Er wurde verdrängt. Er lebt in unserem Unbewusstsein weiter und zeigt sich an unerwarteten Stelle z.B. bei Überempfindlichkeit gegenüber manchen Themen, bei unerklärlicher Traurigkeit, oder wenn wir „nah am Wasser gebaut sind“.  Ganz deutlich kommt dieser Schmerz zum Ausdruck im Wochenbett.  Die Geburt und das Wochenbett öffnen unsere Seele und lassen das Unbewusste sich ungebremst ausbreiten. Wir wissen nicht, warum es uns auf ein mal so schlecht geht, denn unsere Kindheit war ja, wie wir glauben wunderschön.

Nun, wie können wir heute damit umgehen? 1. Trauen wir uns, selbstständig zu denken und unsere wahre Gefühle zu entdecken. Die Wahrheit mag nicht immer schön sein, aber sie fühlt sich echt an und wir verstehen besser, wer wir sind. 2. Achten wir ganz besonders darauf, was wir unseren Kindern über sie erzählen.

3 Comments to

“Verfälschte Erinnerungen.”

  1. Am Januar 2nd, 2012 um 11:57 Inga Says:

    Liebe Marie, ich höre viel Zuversicht in deinen Worten. Der Weg ist schwer, aber du hast schon ein großes Stück geschafft. Ich wünsche dir viel Kraft!
    Sei herzlich umarmt.

  2. Am Januar 1st, 2012 um 23:39 Marie Says:

    Ich möchte mich für diese aufschlussreichen Texte bedanken. Ich habe eine Essstörung und leide unter Depressionen und selbstverletzendem Verhalten. Und ich bin dabei, mich von diesen Lastern zu lösen, was mir auch zu gelingen scheint. Lange wusste ich nicht, dass es meine Mutter war, deren falsche Erziehung und fehlende Zuneigung mich in diese Krankheit getrieben hat. Es hat lange gedauert, um zu erkennen, dass sie es niemals böse meinte. Sie war in ihrer eigenen Welt und ich nur ein Teil ihres Kartenhäuschens, das umkippte. Ich bin dabei, ihr ihre Fehler zu verzeihen. Ich werde niemals vergessen können und ich kann auch nichts ungeschehen machen. Doch es ist mein Leben und ich habe die Verantwortung, dafür zu kämpfen.

  3. Am April 9th, 2010 um 11:22 YveeB Says:

    Ich habe Glück. Meine Eltern erzählen mir immer was für ein einfaches Kind ich war. Ich habe Erinnerungen an eine glückliche, aber auch normale Kindheit. Meine Erinnerungen und ihre Sichtweise geistig zu kombinieren hatte ich bisher nicht getan. Ich werde aber auf jeden Fall aufpassen, was ich mein Kind erzähle.

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