Psychologische Hilfe vor und nach der Geburt

Inga Erchova, Dipl.-Psychologin

Das Baby im Elternbett? Warum die Sorge um die Sicherheit ein Nebenkriegsschauplatz ist

März16

Von Inga Erchova

Was ist der richtige Schlafort für das Baby? Wir nehmen stillschweigend an, dass das Baby in sein Bettchen gehört. Diese Vorstellung haben Schwangere, wenn sie das Leben mit dem Neugeborenen planen und das zukünftige Kinderzimmer gestalten. Wie können sie auch anders? Wenn man in ein Babygeschäft geht, sieht man ein Meer von Stäbchenbetten mit hübschen Betthimmeln, die alle nahelegen: da gehört das Baby hin. Alles andere wäre die Abweichung von der Norm. Interessanterweise haben wir diese Vorstellung in der Schwangerschaft noch lange bevor wir die Diskussion über die Babysicherheit in aller Wucht mitbekommen. Es ist einfach ein tief verankertes Bild. Die Sicherheitsargumente kommen erst später dazu und rechtfertigen eigentlich nur das Verhalten, das lange vorher festgelegt war.

Wenn das Baby dann da ist, merken wir schnell dass das getrennte Schlafen nicht so selbstverständlich klappt, wie wir es uns ausgemalt hatten. Babys wollen nicht und können nicht alleine schlafen. Es fängt das Hadern mit sich selbst, weil die vorgeformte Vorstellung nun ins Schwanken kommt. Darf ich? Darf ich nicht? Ist es gut? Ist es schlecht? Tief im Inneren spüren wir, dass das gemeinsame Schlafen natürlich ist, weil es sich gut anfüllt, und weil das Baby es möchte. Das Stillen klappt besser und alle schlafen friedlicher.

Nur nicht zu früh freuen. Jetzt melden sich „Experte“ zum Wort uns sagen: „Es ist gefährlich!“ Der Preis des Vergnügens kann nicht minder sein als die Gefahr des plötzlichen Todes des Säuglings – eine Horrorvorstellung aller Eltern, die schreckliche Angst schürt. Genau erklären können Experte diesen vermeintlichen Zusammenhang jedoch nicht. Faktoren wie die Überhitzung oder der CO2-Rückstoß ziehen beim genauen Hinsehen nicht.* Was ist also der wahre Grund, der uns davon hindert, mit unserem Baby im Frieden zusammen schlafen zu können, wie es alle Säugetiere tun.

Im weltweiten Vergleich ist die Selbstverständlichkeit des separaten Schlafens des Babys gar nicht so selbstverständlich sondern findet nur in den westlichen Ländern statt. Selbst innerhalb der westlichen Länder schlafen Eltern mit Babys eher zusammen, wenn ihre Wurzeln aus dem nicht-europäischen Ausland stammen.* In Asien, Afrika oder Südamerika ist das gemeinsame Schlafen normal und selbstverständlich. Interessant, dass ausgerechnet in den westlichen Ländern Babys vom plötzlichen Kindstod am häufigsten gefährdet sind. Das Auftreten des Phänomens in Asien z.B. beträgt nur ein Bruchteil der Raten von USA oder Westeuropa.* Unter Tieren ist dieses Phänomen völlig unbekannt. Die Menschenaffenbabys schlafen an der Seite ihrer Mutter bis zum Alter von fünf Jahren, auch wenn die Mutter bereits neuen Nachwuchs hat. Es ist daher eine kulturelle Sache, die den Menschen in den westlichen Ländern anhängt.

Was ist also mit uns los – den Westeuropäern und den Nordamerikanern? Was zeichnet die westliche Mentalität aus? Unsere Gesellschaft ist auf die Individualität getrimmt, nicht auf die Solidarität. Hier regiert das Dominieren des Stärkeren, nicht das Mitgefühl zum Nächsten. Die Durchsetzungskraft im Wettbewerb ist erstrebenswert, nicht ein Teil der Gemeinschaft zu sein. Jeder von uns möchte den möglichst hohen Status und den Wohlstand erreichen und den größten Stück vom Kuchen abhaben. Auch wenn wir alle sehr nett tun, leben wir im permanenten Verdrängungswettbewerb und laufen ausgestreckten Ellenbogen. Wir halten die Unabhängigkeit für gut und die Abhängigkeit für schlecht, auch wenn es um kleine Kinder geht, die per se abhängig sind. Wir möchten aber, dass sie von uns so schnell wie möglich unabhängig werden, am besten gleich nach der Geburt, dass sie alleine einschlafen, alleine durchschlafen, später alleine spielen und uns bei unserem Erwachsenenleben am liebsten gar nicht stören. Ihre Abhängigkeit von uns fühlt sich an wie ein Klotz am Bein, oder? Was passt zu dieser Mentalität nicht?

Die Nähe! Die Nähe passt hier nicht rein. Die Nähe zu einander und zu sich selbst, die Wärme des menschlichen Körpers und der menschlichen Beziehung. Die Nähe lässt die Schranken fallen und offenbart unser verletztes Inneres. Die Nähe bietet Angriffsflächen und macht uns empfindlich. Diese Gesellschaft produziert verletzte Menschen, die nicht in der Lage sind, emotionale Nähe einzugehen. Die Nähe macht uns Angst. Die Nähe tut uns weh.

Und da kommt ein Baby auf die Welt, das nach Nähe schreit. Wir verstehen zwar, dass das Baby es braucht, können es ihm aber nicht geben, ohne es sich selbst eingestehen zu können. Wie täuschen die Nähe nur vor, und bleiben emotional weit entfernt. Und wo und wann ist die Nähe so spürbar, so greifbar und so anschaulich wie beim Schlafen? Sie wird so transparent wie schwarz auf weiß. Im Schlaf sind wir schlapp und wehrlos, die Masken sind abgelegt. Wenn wir mit unserem Baby zusammen schlafen, dann bekennen wir uns zur Nähe zu ihm. Wir sagen und zeigen es offen, dass wir zusammen sein wollen und es auch können, Expertenmeinungen hin oder her.

Es geht nicht um die vermeintliche Sicherheit des gemeinsamen Schlafens. Es geht um die Nähe, die wir nicht aushalten können, die uns zu nah geht, die uns zu viel abverlangt und die uns weh tut. Die Nähe, die wir selber als Kinder so sehr gebraucht haben und nicht bekommen haben. Jetzt tun wir unseren Kindern das Gleiche an, was uns widerfahren ist, besessen vom Wiederholungszwang.

Wenn wir das Baby fragen, wo es schlafen möchte, was zeigt uns das Baby mit seinem Verlangen? Es will in keinem anderen Ort sein, als an der Seite seiner Mutter, auch und vor allem beim Schlafen. Es kann nicht und soll nicht alleine schlafen. Es ist gegen seine Natur und verletzt seine Psyche. Das Baby kommt auf die Welt mit intakten Instinkten, die uns zeigen, was es braucht. Wir müssen blind sein, um nicht zu sehen, was es verlangt und herzlos sein, um ihm es nicht zu geben.

 

* Quelle: Mother–Infant Cosleeping, Breastfeeding and Sudden Infant Death Syndrome: What Biological Anthropology Has Discovered About Normal Infant Sleep and Pediatric Sleep Medicine. YEARBOOK OF PHYSICAL ANTHROPOLOGY 50:133–161 (2007)cosleeping

Email will not be published

Website example

Your Comment:

*
To prove you're a person (not a spam script), type the security word shown in the picture. Click on the picture to hear an audio file of the word.
Anti-spam image