von inga | Sep. 14, 2021 | Allgemein
SPD und Olaf Scholz: Nüchtern vor dem Inferno?
Olaf Scholz ist sich siegessicher und sieht sich schon im großen Amt. Doch wie wirken seine Wahl-Kommunikation und er als Person? Ist sein Erfolg wirklich nur das Ergebnis der gekonnten Werbekampagne?
Die Plakate der SPD heben sich wahrhaftig von den übrigen auf. Auffällig ist die rote Farbe im Hintergrund – nicht etwa Rot wie die Ampel oder Feuerwehr. Nein, dieses Rot ist anders, – es brennt förmlich, es leuchtet, es strahlt Hitze aus. Man sieht regelrecht die brennenden Wälder im Hintergrund, spürt die Hitze und die Gefahr, sodass man fast davonlaufen will.
Und Scholz? Er sitzt vor dieser brennenden Kulisse entspannt und gelassen, mit verschmitztem Lächeln im Gesicht, in Schwarz-Weiß.

Die Schwarz-Weiß-Abbildung soll im Kontrast zu lichterloh im Hintergrund wahrscheinlich die Nüchternheit des Kandidaten betonen, seinen kühlen Kopf, die Unaufgeregtheit. So der Plan der Strategen. Doch es wirkt eher realitätsfremd, ausgestiegen, Attrappen artig. Gerade in Kombination mit den verzerrten Körperproportionen: Seine Hände wirken vergrößert, der Kopf dagegen wirkt kleiner und die Schulter schmaler. Verzerrte Proportionen vermitteln verzerrte Einschätzungen des Politikers, seine Entgleisungen. Er soll es anpacken, heißt es. Wird er es aber schultern können?
Die vermeintlich nüchterne Natur des Kandidaten scheint sein Trumpf zu sein, worauf viele reinfallen. Doch die Nüchternheit ist trügerisch und hat ihre Kehrseite. Scholz ist mit seinen spitzzüngigen Sprüchen mehrfach aufgefallen, wie z. B. „Wir waren gerne eure Versuchskaninchen“, – sagt er zu den Impfskeptikern, womit er die Rüge von Laschet kassiert hat. Oder „Niemand ist (nach der Impfung) zum Alien geworden“ wieder zu den Impfskeptikern, verschmähend dabei die Sachlage zu den Nebenwirkungen in manchen Fällen mit tödlichem Ausgang. Hier offenbart sich Scholzes saloppe Seite, die ihn immer wieder in die Schieflage bringt. Jeder „Wums“ ist eben ein unkontrollierter Hieb, kein mäßiger Schritt.
Im letzten TV-Triell, vom Konkurrenten in die Defensive getrieben, leuchteten vor Aufregung seine Ohren rot. „Ach, Scholz ist ja doch ein Mensch“ – schrieb darauf hin die Presse. Man kann seine Kehrseite eben nicht ewig verbergen, früher oder später kommt sie zum Vorschein. So kann es mit vermeintlich ruhigem Scholz doch ganz schön brenzlig werden, wie der Hintergrund der Plakate schon richtig andeutet.
Sein Werbespot ist wie ein verfilmter Lebenslauf, in dem seine Stationen und „Errungenschaften“ minutiös aufgezählt werden. Auch das soll nüchtern und sachlich daherkommen. Fast bin ist davon überzeugt worden, nur lässt die geschauspielte Art zu sprechen am Schluss wieder Misstrauen in mir wachsen.
„Scholz packt das an“, verspricht die Werbung, doch man darf mit Scholz Entgleisungen, Verwicklungen in Skandale, Seitenhiebe und Lösungsversuche mit Bazooka erwarten, das ist meine persönliche Prognose.
von inga | Aug. 31, 2021 | Allgemein
Ihr wisst, dass ich in meinem früheren Leben als Nicht-Mama viele Jahre als strategische Planerin in der Werbung gearbeitet und in der Zeit unzählige Kampagnen analysiert und bewertet habe. Heute möchte ich das alte Handwerk wieder herausholen und die Wahlwerbespots der Parteien in diesem geschichtsträchtigen Wahljahr einmal psychologisch unter die Lupe nehmen. Im ersten Teil geht es um die Grünen und FDP.
Die Grünen. Das Singen der Lämmer.
Als Leitmotiv der Kampagne erklingt das altdeutsche Volkslied „Kein schönes Land“, das einen mit der Verneinung im Namen schon leicht abschreckt. Bei seiner Entstehung mag das Lied eine Liebeserklärung gewesen sein, doch in der Grünen-Fassung und in heutiger Zeit klingt es wie ein Kinderlied, einlullend und naiv, passender zur Einschlafbegleitung als zum Wahlkampf. Es hat eine Ohrwurmqualität, doch je mehr es im Ohr wurmt, desto mehr fühlt man sich vom Lied zugedröhnt und betäubt.
Die Protagonisten sollten wahrscheinlich Volks nah wirken, doch sie wirken viel mehr nach strengen Quoten ausgesucht und nach Reihe und Glied zusammengestellt. Man merkt Methode und zwanghafte Hand dahinter.
Man merkt auch, dass es den Schauspielern selbst peinlich ist, dieses Lied zu singen. Sie machen gute Miene zum bösen Spiel. Man schämt sich beim Zuschauen mit, und so wird die Performance zum Fremdschämen. (Das Lied hätte eine gute Chance gehabt, wenn es z. B. von Nena gesungen wäre. Ich kann mir Nenas Stimme wie keine andere mit ihrem Schwung und Lässigkeit für dieses Lied total gut vorstellen.)
Doch von der Lässigkeit ist in diesem Spot keine Spur, überhaupt von jeglicher Lebensenergie, Power, Drive ist nichts zu spüren. Jemand führt Regie, präzise und steif. Man fühlt sich eingepackt, in grüne Schleier eingewickelt wie eine Motte von der Spinne, gebrain- und ge-greenwasht (wie auf den Plakaten auch).
Die Einzigen übrigens, die beim peinlichen Singen nicht mitmachen, sind verständlicherweise die Chefs selbst. Dafür sind sie sich dann doch zu fein. Und so stellen sie sich unbewusst doch über dem „Volk“.
Sind sie die Schäfer oder Wölfe im Schafspelz? Wir werden sehen.

FDP. Selbstgeltungstrip auf Speed
Ein Déjà vu: Wie der Schwarzlichteffekt in der Disco wirken die stockenden Schwarz-Weiß-Bilder im Werbespot der FDP. Lange ist es her, doch die Stimmung weiß ich noch – Tanzen, als gäbe es kein Morgen mit fettem, ohrenbetäubenden Beat im Ohr. Doch nach ein Paar Sekunden fragt man sich, ob das Stocken der Bilder vielleicht mit meiner schlechten Internet-Verbindung zu tun hat und checkt schnell den W-Lan. Wir sind alle ein wenig digital geschädigt.
Im krassen Kontrast zum naiven Grünen-Gedudel wirkt die Anmutung des FDP-Spots wie ein Trip auf Speed, getrieben und rastlos. Es juckt mir fast im ganzen Körper allein schon beim Zusehen. Es mutet wie gestörte Wahrnehmung im veränderten Bewusstseinszustand, wie etwa durch Drogenkonsum?
Und der Protagonist? Oh, der gute Herr Lindner, er hält wohl sehr viel von sich. Er schwimmt in Eitelkeit und Selbstverliebtheit: feine Hände, Wimpernschlag, Glanz in den Augen, nachdenklicher Blick um dunklen Zimmer. Ich komme ins Schwärmen (Scherz ;-))
Er berauscht sich am eigenen Danken. (Oh ja, das Denken kann berauschen, weil man absolut alles in der Welt erklären und begründen kann. Man fühlt sich immer im Recht und fast schon allmächtig.) Doch wie jeder Intellektueller verheddert er sich im Labyrinth seiner Gehirnfalten, verirrt sich in unendlichen Abzweigungen seines Gedankenflusses. Das merkt er natürlich nicht und schreibt die Copy für den Spot gleich selbst. Die Agentur hat da null Mitspracherecht. Wie auch? Niemand ist an den großen „Schöngeist“ herangewachsen, in seinen eigenen Augen versteht sich?
Hier gilt: Ich bin die Partei. Ich bin das Volk.
