Gefühle statt Diagnosen

Gefühle statt Diagnosen

„Meine Mutter ist narzisstisch“ – höre ich oft von Frauen, mit denen ich arbeite. Und obwohl ich genau weiß, was sie meinen, spüre ich inneren Widerstand gegen diese Art von Bezeichnung. Ja, fast schon Wut auf „Fachautoren“, die solche erfinden und verbreiten (ich erwähne hier nur „gefühlsstark“ oder „hochsensibel“). Alle diese Bezeichnungen bringen nicht die Wahrheit zum Tageslicht. Ganz im Gegenteil, sie entfernen uns sogar von der Wahrheit und von uns selbst. Sie heilen nichts und erschweren nur die Heilung. Warum ist es so?

Weil sie unseren Fokus nach außen lenken. Wir reden dann nur über die Mutter (oder über die Anderen) und darüber, was sie alles „falsch“ machen. Es fühlt sich an wie Lästern. Wir regen uns auf, entwickeln Wut, stellen sie womöglich zur Rede und treiben in die Defensive. Das Ganze droht zu eskalieren und niemand ist geheilt. Statt nach innen zu schauen und zu fühlen.  

Um zu heilen, müssen wir zu uns selbst finden. Wichtig ist dabei, nicht wie unsere Mutter wirklich war, sondern wie wir sie erlebt haben, wie es uns mit ihr ergangen war. Fühlten wir uns in ihrer Nähe verbunden oder alleine, verstanden oder verurteilt, gesehen oder missachtet, angehimmelt oder beschämt. Diese Gefühle verbinden uns mit unsrem Innenleben und mit uns selbst. Das Problem ist nur, dass wir schon sehr früh verlernt haben, zu fühlen und unseren Gefühlen zu vertrauen. Sie wurden uns ja abgesprochen, wir dürften negative Gefühle nicht äußern. Wir mussten lieb und brav sein, sonst drohte die Strafe mit Schweigen und Kontaktentzug. So haben wir schon sehr früh unseren inneren Kompass anderen zuliebe zur Seite geschoben.   

Um die alten Gefühle wieder zu entdecken, hilft es, konkret zu werden: „Erzähle mir reale Ereignisse und Beispielen wie z. B. gemeinsame Mahlzeiten, zu Bett Begleitung, Hilfestellung bei Schwierigkeiten, Hausaufgaben, die Wochenenden, Kindergeburtstage oder Weihnachten. Wie war es? Erzähle mir wahre Geschichten!“ Und dann spüren wir etwas, wir sehen Farben, hören den Ton der Stimmen, erleben die Stimmung, Freude, Hoffnungen oder Verzweiflung, die Einsamkeit, die Traurigkeit von nicht verstanden werden, Schamgefühle, Erwartungen, eisige Kälte, geistige Abwesenheit, seelische Distanz oder brennende Ungerechtigkeit.  

Und müssen wir unserer Mutter denn alles durchgehen lassen? Dürfen wir nicht böse auf sie sein? Es ist eine Frage. Auch unsere Mutter ist nur ein Produkt ihrer eigenen Lebensgeschichte und ihres Leidenswegs. Wie jede Mutter wollte sie wahrscheinlich nur das Beste für uns, konnte es aber nur soweit bringen. Wenn wir sie beschreiben, dann ist sie wahrscheinlich „selbstbezogen, ohne Einfühlungsvermögen, geht immer nur von sich aus. Die Welt ist so, wie sie sich diese vorstellt. Andere Weltbilder haben für sie keine Daseinsberechtigung.“ Das ist die Beschreibung eines unreifen Menschen, der in seiner seelischen Entwicklung zurückgeblieben ist, in seiner kindischen Selbstbezogenheit.   

Als wir klein waren, kam uns unsere Mutter aber völlig normal vor. Wir hatten ja keine andere und daher keinen Vergleich. Wir haben sie geliebt, so wie sie war. Diese Liebe ist angeboren. Jedes Kind liebt die Mutter, die es bekommt. Erst als Erwachsene fühlen wir uns durch sie betrogen, wenn wir unsere Entbehrungen bewusst werden. Doch die Wut hilft uns nicht. Sie übertüncht oft nur die hinter ihr tief verborgene Traurigkeit. 

Wenn ich für meine Klienten diese Distanz, die Einsamkeit oder Verzweiflung in Worte fasse und zum Spiegel werde, höre ich dann: „So habe ich es noch nie gesehen“. Etwas bewegt sich im Inneren, ein neues Selbstbild entsteht. Wir kommen an unsere wahren Gefühle heran, das heißt auch an uns selbst. Wenn wir begreifen, was wir wirklich erlebt haben, verstehen wir besser, wer wir heute sind, was uns geformt hat und woher wir kommen. Wir kommen unserer seelischen Wahrheit näher. Das bedeutet für mich Heilung.   

Wenn wir aber Etiketten verteilen, dann sprechen wir nur über den Anderen und kommen uns selbst kein Stück näher. Etiketten sind statische Bilder, Käfige, Stigmas, Diagnosen, Bestimmer des Schicksals, Fahrkarte auf nur einer Strecke mit keiner Option zum Umsteigen. 

Es ist ein Unterschied zu sagen „Du bist so oder so“, oder „dir geschieht gerade etwas“. Fühle den Unterschied: 

„Du bist ein Taugenichts“ vs. „Du findest gerade nichts, was dich begeistert und deinem Talent entspricht?“ 

„Du bist eine Zicke“ vs. „Es scheint, als wärest du nicht einverstanden, dass dich etwas stört?“ 

„Du bist eine Mimose“ vs. „Du empfindest viel und erlebst Dinge intensiv.“ 

Die „offene“ Beschreibung gibt dem Menschen eine Möglichkeit, sich auch mal anders zu verhalten, währen die Etiketten betonieren uns in eine feste Schablone fest.  

Manche empfinden es aber entlastend, als „etwas“ benannt zu werden und eine Art Diagnose zu bekommen. Hier wird das Verlangen nach Sicherheit und Zuverlässigkeit spürbar. Es ist ein kindisches Verlangen, wenn wir die Aufregung der Erwachsenen erlebten, wussten aber nicht, was an uns „falsch“ war. Es fehlt uns daher der innere Kompass und die Verbundenheit mit sich selbst. Und wenn alles schwimmt, dann wird so eine „Diagnose“ als Erleichterung erlebt, immerhin steht es schwarz auf weiß. Endlich weiß ich, was ich habe. Aber das ist eine falsche Sicherheit. Niemand kommt auf die Welt mit einer „Macke“. Sehr wohl aber erleben wir Dinge und tragen Wunden davon.

Das Fühlen ist der Schlüssel zum Heilen. Wenn wir uns selbst wieder spüren, spüren wir auch andere Menschen und erkennen, dass sie ebenfalls leiden oder hoffen, sich bemühen oder uns Gefallen tun. Wir sehen zum ersten Mal in ihre Augen und dahinter. Wir erkennen, dass unsere Mutter nicht per se böse oder etwa krank an Narzissmus ist, sondern vor allem eins – verletzt, innerlich verhärtet, eingefroren, seelisch verstümmelt aufgrund dessen, was sie selbst erlebt hat. Niemand ist schuld im ewigen Fluss des Leidens, das von Generation zu Generation weitergegeben wird. Aber wir können ihn unterbrechen, indem wir uns wieder spüren. So müssen wir das Leiden nicht wieder bei jemanden abladen, wie zum Beispiel bei unseren Kindern. 

Hütet euch daher vor Bezeichnungen wie narzisstisch, gefühlsstark, hochsensibel etc., auch von allen Arten von Ansätzen, Ideologien und Ismen, wie Bedürfnis orientiert, artgerecht, attached, etc. Wie hübsch sie auch klingen mögen, helfen sie uns nicht, der Wahrheit näher zu kommen – an das, was mit uns geschieht, an das, was wir fühlen und erleben. Die Antworten sind nicht im Außen, sondern in uns. Wir müssen zuerst unsere Gefühle wieder spüren, der Rest ergibt sich ganz von alleine. 

Ich unterscheide schon lange nicht mehr zwischen Menschen, die intelligent sind oder dumm, reich oder arm, schön oder durchschnittlich, sondern zwischen Menschen, die fühlen und denjenigen, die es nicht tun, Menschen, die sich selbst nah sind und denjenigen, die Fremde sind in ihrem eigenen seelischen Zuhause. Die Letzten kann man sehr leicht erkennen, da sie nichts Persönliches von sich preisgeben, nicht von ihren Gefühlen erzählen und jede Frage nur mit Floskeln beantworten. Sie beschränken sich auf Schablonen und an die gerade vertretbaren Meinungen. Finden Dinge gut oder schlecht. Diese Menschen fühlen sich an wie Attrappen, mit denen kein echter Kontakt von Seele zur Seele möglich ist.  

Hütet euch vor Attrappen, hütet euch vor Etiketten. Fühlt, was mit euch geschieht.  

Über mich

Inga Erchova ist Dipl.-Psychologin, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Autorin und dreifache Mutter. Erfahre mehr über sie und ihre Arbeitsweise…

Buchvorschau

Jede Mutter kann glücklich sein

Psychotherapie am Telefon oder über Skype

Nicht immer müssen wir mit dem Therapeuten im gleichen Raum sein. Das Telefon bietet den Vorteil, dass man in vertrauter Umgebung eigener vier Wände bleibt und sich dadurch besser öffnen kann. Bei einer Sitzung über Skype vergisst man oft die räumliche Distanz und einige Zeitzonen Zeitunterschied.

© 2020 Inga Erchova  Kontakt · Impressum · Datenschutz

Who is the real Gates?

Heute schreibe ich über die Person der Stunde – die Person, die im Jahr der Pandemie verstärkt ins Rampenlicht geraten ist – über Bill Gates bzw. über ihn und seinen Vater, der ebenfalls Bill Gates heißt, wusstet ihr das? Der Letzte ist vor Kurzem im Alter von 94 Jahren gestorben, und zum Anlass seines Ablebens erschien bei Spiegel ein Artikel und ein Foto vom Vater und dem Sohn. Das Foto weckte mein Interesse und lenkte meine Aufmerksamkeit zum ersten Mal auf das Verhältnis zwischen den beiden. Wie war die Beziehung zwischen ihnen? Was treibt diese Menschen an? Hat die Persönlichkeit des Sohns und seine Welt umspannenden Ambitionen etwas mit seinem Vater zu tun? Selbstverständlich müssen sie das. Und so machte ich mich auf die Suche mit vielen Fragen im Kopf.

Leider fand ich nur floskelhafte, zurecht gekämmte, nichts sagende Passagen und Parolen über die Weltverbesserung, selbstloses soziales Engagement und Ähnliches. Ich weiß sehr wohl, dass das, was wir öffentlich als unsere Motivation anpreisen, nie der Wahrheit entspricht, auch wenn die Person es selber sogar glaubt. Die wahren Beweggründe unseres Verhaltens sind immer die anderen: Sie rühren aus der Kindheit, wenn wir um die Liebe unserer Eltern gerungen haben, mit ihnen mitlitten, wenn wir ihnen das Leiden abnehmen wollten oder uns um sie gekümmert hatten, als wären wir die Erwachsenen, verzichtend dabei auf unsere Unbeschwertheit. Jeder hat da seine ganz persönliche Geschichte und ganz persönliche Wahrheit. Das, was uns heute antreibt, liegt nicht im Heute, sondern im Damals, und dieses „Damals“ von Bill Gates hat mich interessiert. Und diese persönliche Wahrheit war im Netz nicht zu finden. Ich konnte sie nur mit dem Auge eines Detektives durch das Erscheinungsbild oder Körpersprache der beiden aufspüren.

„Das Geheimnis der Welt liegt im Sichtbaren, nicht im Unsichtbaren“, – sagte einmal Oscar Wilde. Wir können uns somit nicht verstecken und sind für alle sichtbar. Mann muss dieses Sichtbare bloß lesen können.

Das erste Foto mit den Beiden im Spiegel erzählte bereits Bänder. Es war dieses hier.

Ein Patriarch und ein Spund. Selbst in seinem fortgeschrittenen Alter wirkt der Sohn wie ein kleiner Junge, leicht geduckt, als müsste er sich unter Beweis stellen. Und der Vater schaut gnadenvoll und anerkennend auf seinen Sprössling herunter. Was das erste Foto jedoch kaschiert, verraten andere – es ist der gewaltige Größenunterschied zwischen ihnen. Auch im Alter von 94 Jahren wirkt der Vater wie ein Riese (er muss inzwischen ca. 5 cm geschrumpft gewesen sein) und ist fast einen ganzen Kopf größer als sein erwachsener Sohn. Wie muss dieser im wahrsten Sinne des Wortes übergroße Vater auf den jungen Sohn gewirkt haben? Er muss auch im Erwachsenen Alter zu ihm hinaufschauen und kann nie auf die Augenhöhe mit ihm kommen.

Bezeichnend: Die beiden Herren heißen gleich: William (Bill) Gates. Um die beiden zu unterscheiden, fügt man Sr. oder Jr. hinzu. Doch auch das ist nicht wirklich korrekt. Der Vater heißt William Gates II und der Sohn – William Gates III. Eine Dynastie also, dessen Begründer William Gates I völlig unerwähnt bleibt. Selbst das allwissende Internet verrät über ihn nichts!

Und Gates Mutter? Recherchen ergeben eine Banker-Tochter, sehr engagiert in sozialen Projekten, die sie in führenden Positionen ehrgeizig vorangetrieben hat. Offenbar sehr beschäftigt. Über ihre mütterlichen Qualitäten lässt sich nichts erfahren. Ein Hinweis gibt uns jedoch die Diagnose Brustkrebs, an dem sie verstorben ist. Sie Symptomdeutung würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen. Ich kann nur sagen, dass ich eine stärkere Verbindung zum Vater spüre als zur Mutter. Der Vater wirkt wahrlich wie ein Leuchtturm. So ist meine Empfindung.

Bill Gates Jr. Abschiedsrede zum verstorbenen Vater muss man deuten wie ein Arbeitszeugnis, in dem alles positiv formuliert werden muss. Wir nehmen uns diesen Auszug hier vor: „He always pushed me to try things I hated or didn’t think I could do (swimming and soccer, for example).“ Es zeichnet ein Bild des dominanten Vaters, der keine Rücksicht nimmt auf die sensible und weiche Natur seines Sohnes. Wahrscheinlich war der Junior in solchen zum Kampf auffordernden Situationen überfordert, buchstäblich ins kalte Wasser geworfen; vermutlich fühlte er sich wie ein Versager, der nie Erwartungen seines Vaters erfüllen kann. Diese zwei Fotos bebildern dieses Muster eindrucksvoll: Auf dem ersten Bild redet der Vater auf den Sohn von oben herab ein, der Sohn schaut nicht direkt zu ihm, sondern flüchtet mit dem Blick, weicht aus, sucht die Weite, scheut den Augenkontakt und direkte Konfrontation.

Auf dem zweiten Bild sehen Beide sichtlich bedrückt aus. Eine imaginäre Sprechblase würden hier sagen: „Sorry Dad, ich habe dich wieder enttäuscht.“

Das alte, kindliche Gefühl, nicht zu reichen, nicht genug zu sein, hört nie auf. Es ist mit einem exorbitanten Vermögen nicht zu erlöschen, mit dem Welt umspannenden Erfolg nicht ins Gegenteil zu führen. Es sitzt in den Knochen, tief unter der Haut, es ist im Fundament des ganzen emotionalen Gebäude vergraben und wirkt daraus wie eine permanente Gefahr. Das Haus steht nie stabil und sicher, sondern am Hang, im Erdrutschgebiet oder auf dem Erdplattenriss. Das Gefühl bereitet ungemeine seelischen Schmerzen und drängt nach Heilung.

Vom Adler haben wir das Prinzip der Überkompensierung gelernt – wenn aus einem gefühlten Defizit durch ungemeine Anstrengung und Mobilisierung aller vorhandenen Ressourcen eine fast schon Superkraft entstehen kann. „Die Welt ist nicht genug“ könnte man getrost als Gates Lebensmotto schreiben. Mit seinem Betriebssystem hat er bereit einmal die Welt erobert. Doch er will noch mehr – mit winzigen, genmanipulierten Organismen ganz unter die Haut der Menschen gelangen, ins Blut und bis hin zum Herz. Was für ein Wunsch! Will er so unbewusst zum Herzen seines Vaters durchdringen?

Der Sohn Bill Gates III, schrieb eins: „Wenn dich nächstes Mal jemand fragt, ob du der echte Bill Gates bist, sage ihm, dass du die Summe all der Dinge bist, die der andere sein wollte. (“The next time someone asks you if you’re the real Bill Gates, tell them you’re all the things the other one strives to be.” Gatesnotes.com)

Man kann aber nie jemand anderer werden als man selbst. Es ist Fata Morgana. Und dieser größte Schatz der Welt, sein eigenes Leben unter seinem eigenen Namen zu leben, blieb dem noch so mächtigen und reichem Menschen gestohlen.

Mobbing verstehen

Bei uns hat die Schule wieder angefangen und eine alte Geschichte kam mir in den Sinn, die mir einmal half zu verstehen, wie Mobbing in der Gruppe entsteht: seine Entstehungsdynamik, seinen Nutzen für die Gruppe und warum alle dabei mitmachen? Es war ein Vorfall am Elternabend, nach dem ich verstand, dass Mobbing nicht das Problem des Einzelnen, sondern ein gruppendynamisches Phänomen ist. Es war einmal so…

An diesem Abend musste ich meine drei Kinder alleine zuhause lassen, um am Elternabend der ältesten Tochter teilzunehmen (Ich bin allein erziehend). Der Abschied von den Kindern zog sich und so war ich um einige Minuten zu spät dran. Ich eilte zur Schule zu Fuß, ging hastig durch den dunklen Schulhof zum Klassenzimmer und sah durch die hell erleuchteten Fenster, dass der Abend bereits begann. Die Klassenlehrerin sprach zu den Eltern, schaute aus dem Fenster und sah mich herbeieilen.

Als ich das Klassenzimmer betrat, donnerte es wie aus dem heiteren Himmel grollendes Lachen. Circa 20 Erwachsene Lachten im Akkord vom Bass bis Sopran, als sie mich reinkommen sahen. Was soll ich sagen, ich fühlte mich so, als ob ein Eimer mit kaltem Wasser über mich ergoss. Ohnehin vom schlechten Gewissen geplagt (Kinder alleine zuhause gelassen, zu spät gekommen), nichts verstehend, sah ich nun endgültig wie ein nasser Pudel aus und verstand nicht, wie mir geschieht.

Was ist also passiert? Ich spule das Band einmal zurück und rekonstruiere, was auf der anderen Seite der Fensterscheibe geschah.

Zum Beginn des Elternabends gleich nach der Begrüßung stellt die Klassenlehrerin wie immer eine Frage in die Runde, die alle zum Ducken bringt: „Wer schreibt heute das Protokoll?“ Keiner hat Lust dazu, alle senken die Blicke, machen sich klein und schweigen. Es entsteht unangenehmer Druck in der Luft. Das anhaltende Schweigen wird von Sekunde zur Sekunde unerträglicher.

Für die Leiterin des Abends wird es zum Hochseilakt der Moderation, die Gruppe aus dieser Sackgasse herauszuführen. Normalerweise hält es Einer nicht länger aus und meldet sich freiwillig. Doch diesmal kam es anders. Die Lehrerin sah mich durch das Fenster just in diesem Moment kommen und sagte in die Runde: „Der Nächste, der den Raum betritt, wird das Protokoll schreiben“. Und dann kam ich durch die Tür. Ihr versteht jetzt die Reaktion der Anwesenden. Es war ein Donner der Entladung der angestauten Spannung wie beim Gewitter, wenn sich der Druck mit dem lauten Knall in den Boden entlädt. Das war das Lachen der Erleichterung jeden Einzelnen, dass nicht er oder sie die lästige Aufgabe erledigen muss. Es war ein kollektives Aufatmen.

Ich wusste nicht, was ich falsch gemacht habe, ich erlahmte und konnte mich nicht währen. Ich war allein gegen alle. „So muss es sich anfühlen, gemobbt zu werden“, -dachte ich später. Was hatte das Ganze mit mir zu tun? Eigentlich gar nichts, es hätte jede andere Person an meiner Stelle sein können, oder etwa nicht? Ich war doch perfekt für die Rolle, da ich schon mit dem gesenkten Kopf ankam. Stellen wir uns vor, nur Verdeutlichung halber, wie es wäre, wenn statt mich eine schwarze Limousine zum Schulhof vorgefahren wäre und ein stämmiger Grauanzug mit Brille daraus ausgestiegen und mit festen Schritten zum Klassenzimmer gegangen wäre. Ich bin mir sicher, dass die Lehrerin in dem Fall nicht den gleichen Geisterblitz hätte. Mein Anblick war für sie dagegen die perfekte Vorlage – der Blitzableiter so zu sagen.

Was lernen wir aus der Geschichte? Ich habe verstanden, dass Mobbing nicht das Problem des Einzelnen ist, sondern in der Gruppe entsteht. Es ist ein gruppendynamisches Phänomen, wenn sich unangenehme Stimmung auf einen Sündenbock entladen wird. Wenn Mobbing in der Klasse passiert, dann stimmt etwas grundsätzlich mit dieser Klasse nicht (oder mit der ganzen Schule): Es stimmt etwas nicht mit der Atmosphäre, mit der Leitung, mit der Freiheit der Äußerung. Wahrscheinlich können sich die Schüler in dieser Klasse nicht frei äußern, ohne einen Urteil zu befürchten; wahrscheinlich sind die Lehrer dieser Klassen eher wie Attrappen, die alles „richtig“ machen, aber die Schüler nicht sehen und nicht hören; wahrscheinlich ist der Leistungsdruck da oder der Druck, sich konform zu verhalten. Wahrscheinlich sind auch die Cliquenbildung und ein unkreatives Lernumfeld. Dann wird eine sensible Person gesucht, die leicht zu mobben ist, da sie von vornherein von Selbstzweifeln und Schuldgefühlen geplagt ist, die sie vom Zuhause mitbringt. Beim Mobben machen alle mit, da sie sich freuen, nicht selbst gemobbt zu werden und befürchten, sonst in die Rolle des Sündenbocks vorzurücken.

Und die Täter? Sind sie nicht die Bösen? Auch die Täter sind die Leidenden, aber durch ihre Dominanz laden sie ihr Leid wie die Tierquäler bei den Schwächeren ab. Nach dem Motto: „Wenn jemand mehr leidet als ich, fühle ich mich etwas besser.“ Mobbing ist ein kollektives Verschieben vom Leid, bei der die Leitung schweigt und wegschaut. Mobbing kann nur bekämpft werden, wenn man offen in der Runde über Dinge spricht und eine kollektive Lösung der Probleme sucht.

Und im Falle des Elternabends? Es hätte wahrscheinlich gereicht, wenn die Leiterin die Lästigkeit der Aufgabe zur Sprache bringen würde und in die Runde fragen, ob es andere Lösungsvorschläge gäbe. Da hätte vielleicht der Eine oder Andere mit seiner Kreativität dankbar glänzen können.

Meine Arbeit aktuell in den Medien

Ich freue mich riesig über gleich zwei mediale Auftritte, die meine Arbeit, mein Buch und meinen persönlichen Lebensweg ins Rampenlicht stellen.

In der gedruckten Sommerausgabe des Magazins „The mothering journey“ erschien ein Ausschnitt meines Buches. Die Zeitschrift „The mothering journey“ ist neu auf dem Markt und widmet sich an die neue Generation von Müttern, die achtsam, bewusst und verbunden werden möchten. Es werden Themen wie die Geburt, das Wochenbett und Körperbewusstsein angesprochen. Und wie der Name schon verrät, wird das Muttersein als eine Reise beschrieben, die Reise sowohl zu sich selbst, als auch seelisch näher an unsere Kinder.

Man kann die gedruckte Ausgabe des Magazins auf der Homepage bestellen.

 

Der zweite Auftritt ist ein Podcast-Interview mit Irina Schott. Irina hat einen Podcast-Kanal eröffnet mit dem Titel „Die Selbstentdeckungsreise“. Ihr Anliegen ist die Entfaltung deiner seelischen Potenziale, dabei führt sie Interviews mit inspirierenden Menschen sowie teilt ihre eigenen Erkenntnisse mit.

Das Interview mit Irina war ein schönes Erlebnis. In meiner Arbeit bin ich normalerweise diejenige, die Fragen stellt. Nun könnte ich mich zurücklehnen und etwas von mir erzählen. Es ist eine Kunst, die richtigen Fragen zu stellen und den Gesprächspartner zum Öffnen zu bringen. Beides hat Irina mit Bravour gemeistert, so dass ich am Ende viel von meinem persönlichen Weg erzählt habe, von Geburten meiner Kinder und von so manchen Entbehrungen aus meiner Kindheit. Danke Irina für das inspirierende Gespräch!

Hier geht es zum Interview.

An diese Stelle verrate ich euch noch etwas. Der Titel der Podcast-Folge „Vom Kind, das ich war, zu der Mutter, die ich bin“ war ursprünglich mein Originaltitel zum Buchtitel. Der Verlag hat sich für einen anderen, euch bekannten Titel entschieden. Aber ein wenig trauere ich dem Alten noch hinterher. Wie findet ihr ihn?

Beide Anbieter verbindet die Sicht auf das Muttersein als eine Quelle wertvoller Erfahrungen, die uns bereichert. Ich wünsche Euch viel Spaß mit der Lektüre und mit dem Podcast.

Autorin Inga Erchova mit ihrem Buch

Auf Abstand mit sich selbst.

Die Lehren aus der Corona-Krise.

Historische Ereignisse der Corona-Pandemie sind noch nicht überwunden, gleichzeitig berappeln wir uns langsam aus der Schockstarre und kehren zur neuen „Normalität“ zurück. Und es ist an der Zeit zu rekapitulieren, was mit uns geschah? Was haben wir durchlebt? Was hat uns verändert und was bleibt zurück? Um daraus einen vorsichtigen Blick in die Zukunft zu wagen in die Welt nach Corona, oder doch mit ihr?

Wie bei einzelnen Menschen so auch kollektiv zeigen Symptomen immer dorthin, wo es wehtut, wo der Konflikt noch brennt und zwingt uns, den Umgang mit dem schmerzenden Thema zu verändern. Das Thema der aktuellen Krise ist die Nähe und Distanz. Corona hat uns auf Abstand zu einander gebracht, in die Isolation getrieben und doch gleichzeitig eine neue Nähe und Intimität geschaffen, wo früher keine war.

Eine Krise offenbart immer Seiten von uns, die im „Normalbetrieb“ verborgen bleiben. Auch Politiker, Ärzte, Virologen und andere „professionellen“ Akteuren des Geschehens handeln in der Krise aus Angst, Ambitionen, Minderwertigkeitsgefühlen, Streben nach Sicherheit und Anerkennung oder auch aus purer Sehnsucht nach Liebe. Wir sind alle nur Menschen. Es ist an der Zeit, einen Blick in den kollektiven Schatten zu werfen, denn nur so können wir die aktuelle Krise gemeinsam verarbeiten.

Ich habe die Kurve der Krisenentwicklung rekonstruiert. So in etwas habe ich sie erlebt.

Phase1. Der Schreck und das Hamstern.

Das Wort Lockdown kannten wir vorher höchsten aus Action Filmen, genau so unwirklich klang seien Ankündigung durch die Regierung. Wir konnten kaum glauben, dass so etwas je möglich war, dass das Leben da draußen komplett aufhören würde und dass wir einfach zuhause bleiben, auf unbestimmte Zeit. Wir haben versucht, die Verunsicherung mit Vorratskäufen zu dämpfen, und hofften leise, dass es nach ein Paar Wochen bestimmt überstanden sein wird – so zu Ostern vielleicht. Wir nahmen die Anordnung ernst, denn wir waren besorgt darüber, ob das neuartige Virus eine reale Gefahr für unsere Gesundheit darstellt. Abwarten und Tee trinken, hieß es, in eigener Küche mit dem Handy in der Hand.

Schon kurz vor dem Lockdown wurde es seltsam intim: Plötzlich hatten wir alle ein gemeinsames Thema, das wir mit x-beliebigen Fremden besprechen konnten, liefen mit großen Packungen Klopapier durch die Straßen und zeigten uns mit unsren intimen Bedürfnissen entblößt. Wer hat das größte Pack? Puh, zu viel Information!

Phase 2. Romantischer Lockdown. Der Ausstieg aus dem Hamsterrad des Alltags.

Nun wurde es still. Gespenstisch leere Städte und Straßen, wie wir sie noch nie gesehen hatten. Es war ein neues Erlebnis – gruselig und schön zugleich. Erst jetzt ist es uns aufgefallen, im welch einem Gedränge wir tagtäglich gelebt hatten. Nun konnten wir endlich innerlich durchatmen – keine Menschenmassen, keine Termine, kein Hamsterrad des Alltags, plötzlich Freizeit, plötzlich viel Zeit für alles, was bisher liegen geblieben war – Nähprojekte, Reparaturen, neue Hobbys, Basteln und Backen mit Kindern. Eine wohltuende Pause.

Romantische Gefühle kamen auf bei dem Anblick, wie die Fische in Venedigs Kanälen schwammen und wilde Tiere durch die Städte wandern. Sehen sie nach, was mit uns los ist? Die Natur atmete mit uns auf. Menschen sangen gemeinsam auf Balkonen als Zeichen der Solidarität, isoliert und doch sehr eng zusammen. Wir waren zwar alleine in unseren Wohnungen oder Häusern eingesperrt, doch gefühlt waren wir solidarisch mit der ganzen Welt. Noch nie war die Welt ein kleineres Dorf gewesen, noch nie haben wir uns als Menschheit – als etwas Ganzes – so verbunden gefühlt. Wir haben Fotos „Der Blick aus meinem Fenstern“ getauscht, für Nachbaren eingekauft, Balletttänzer oder Popikonen in ihren Pyjamas erlebt und ihre Küchen gesehen, so menschlich und verletzlich, wie wir alle sind. Zum Glück gibt es das Internet – der Lebensretter.

Das, was selbstverständlich war, wurde plötzlich unmöglich und umgekehrt, etwas, was wir uns nie vorstellen konnten, war plötzlich möglich, zum Beispiel das Homeschooling.

Eigene Kinder zu Hause zu unterrichten, nach eigenen Regeln und Weltbildern – ein Traum, der so manche Familien aus Deutschland auswandern ließ, musste plötzlich notgedrungen einen Blitzstart erleben. Für mich war es erleuchtend zu erleben, wie meine Kinder beim Lernen eigentlich sind. Im Alltag hatte ich keine Zeit dazu, jetzt schaute ich mir ihre Bücher genau an, lernte ihre Handschrift kennen, ihre Art zu lernen und zu denken. Wieder eine neue Nähe und Intimität war da. Doch meine Kinder flüchten vom Lernen regelmäßig ins Spielen, Tanzen oder Toben und ich ließ sie und genoss den Anblick, wenn drei Schwester mit erheblichem Altersunterschied süß zusammenspielten. In der Zeit der Isolation waren sie die besten und die einzigen Spielkameraden für einander, es schweißte sie zusammen, denn sie hatten nur sich selbst.

So harrten wir über Wochen in eigenen vier Wänden aus und können ihnen nicht entfliehen. So viel Zeit am Stück habe ich noch nie mit meinen Kindern verbracht und lernte sie neu kennen. Viele Bekannte erlebten diese Phase als Geschenk, besonders, wenn sie vom Arbeitgeber weiter versorgt wurden. „Das alte Leben war mir eh zu stressig und Kinder wollte eh nie zur Schule“, – war oft die Reaktion auf die notgedrungene Pause.

Phase 3. Der nervige Lockdown

Dann kippte die Situation, wie die Milch von jetzt auf gleich sauer wird. Plötzlich nervten die musizierenden Nachbaren auf dem Balkon, der Müll quellte aus den Tonnen, die hellhörige Wände ließen zu viel Intimes von den Nachbarn durch, verletzten unsere Grenzen und offenbarten wieder zu viel Nähe, die wir nicht mehr wollten. Auch meine drei Kinder, die nun permanent zuhause waren, nervten die kinderlosen Nachbarn, die ihre Ruhe haben wollten. Alle waren zu Hause und gingen sich gegenseitig auf den Keks.

Kinder zuhause, Arbeit zuhause, Freizeit zuhause, wir rücken uns gegenseitig auf die Pelle. „Wie halte ich meine Familie aus?“, – schreibt ein Kolumnist. Es entstand die neue Dichte und die neue Sehnsucht nach Distanz.

Wenn die Außenwelt aufhört zu sein, blüht die Innenwelt umso stärker auf. Wir träumten wieder mehr, grübelten mehr über den eigenen Weg, haben engeren Kontakt mit der Familie. Wir kochten praktisch im eigenen Saft und es wurde bald zu viel des Guten. Der Drang, wieder nach außen zu gehen, war offensichtlich und irgendwann durften wir wieder raus, doch mit Auflagen.

Phase 4. Die große Spaltung. Die Maskenpflicht, der Maulkorb und der Alluhut.

Wir durften wieder rausgehen aber auf Abstand bleiben. Städte waren wie von Spinnweben umhüllt in Plastikfolien, Trennwände, Spuckschutzfolien, Abstandhalter und anderen trennenden Vorrichtungen. Wie hinter einem Bettlaken konnte ich die Kassiererin hinter ihrem Plastikvorhang kaum erkennen und schon gar nicht akustisch verstehen, was sie da murmelt.

Die Schutzmaskenpflicht trat in Kraft und zeigte rasch ihre polarisierende symbolische Wirkung. Aus Vermummungsverbot wurde das Vermummungsgebot. Für einige war die Maske ein willkommenes Versteck, selbst draußen auf dem Fahrrad trugen sie diese ganz freiwillig und waren froh, endlich unerkannt bleiben zu dürfen.

Für andere war es allerdings eine Qual – Erstickungsgefühl, ein Maulkorb und die Beschneidung ihrer Freiheit.

Die Gesellschaft entzündete, ging in Flammen auf und spaltete sich in zwei Lager mit großer Kluft dazwischen in die Kritiker und die Konformisten. Uns sie gingen auf einander los, beschimpften sich und belächelten. Es brannten heiße Debatten auf. Alle Kritiker wurden von Konformisten automatisch für Verschwörer erklärt und damit für verrückt. So war es bequem, man brauchte auf ihre Argumente nicht einzugehen, weil es ja eh nur verrückte Spacken sind.

Wir bangten um die Demokratie. Ich erlebte, dass viele meiner Bekannten in Deckung gegangen sind und sich nicht trauten, sich öffentlich kritisch zu äußern. Diese Haltung machte mir Angst, ich hatte nie gedacht, dass in einem demokratischen Land wie Deutschland, die aus der Geschichte viel gelernt haben muss, die Angst frei zu sprechen, so stark sein könnte. Konformisten gingen auf Abstand mit den Kritikern, auch in meinem Freundeskreis.

Projektionen und Gegenprojektionen schaukelten sich hoch. Wer ist hier eigentlich verrückt? Systemkonformisten und Verschwörungstheoretiker sind sich aber in Wahrheit ähnlicher, als es ihnen lieb ist. Beide haben Unbehagen, fremdbestimmt zu sein. Die Verschwörer fragen sich: „Meinen die Bosse es gut mit uns?“ und antworten selber: „Nein! Und ich bin ihnen ausgeliefert.“ Konformisten schwören: „Wir dürfen die Bosse nicht hinterfragen, sonst verärgern wir noch die große Mutti. Sie meint es ja nur gut mit uns.“ Wenn man Partei für etwas ergreift, distanziert man sich von eigenen Gefühlen und schaut nur zum großen Bestimmer auf. Es ist aber der innere Kompass, der uns aus dem Wirrwarr der gegenseitigen Anschuldigungen leitet. Was fühlt sich stimmtig an? Wir dürfen fühlen, was wir fühlen. Und natürlich ist nicht jeder Kritiker automatisch ein Verschwörer.

Bill Gates ist aufgetaucht für einige als Hassfigur (Kill Bill!) für andere als Menschenfreund und Weltverbesserer. In einem Video-Interview erzählt er über seine große Leidenschaft für Impfen und kommt dabei so in Rage, dass er auf sein eigenes Unterarm einschlägt um zu zeigen wie er „den kleinen Kids die Gen manipulierte Organismen rein spritz“ und ruft dabei „Rein in die Vene, bäm!“ Meine persönliche Diagnose lautet hier – Sadist.

Phase 4: Erste Welle, zweite Welle, die Dauerwelle.

Auch diese Spaltung scheint abgekühlt zu sein. Bill Gates ist wieder von der Oberfläche verschwunden und wartet wahrscheinlich Hände reibend im Untergrund auf seinen Heiligen Gral – den Impfstoff (My precious!), den er gleich der ganzen Welt verpassen will. Warum kleinlich sein? Am nötigen Kleingeld soll es ja nicht scheitern.

Die Corona-Zeit hört gefühlt nicht mehr auf und wurde längst zum Dauerzustand, mit dem wir uns mehr schlecht als recht arrangieren. Der große Brand scheint zwar abgeflacht zu sein, aber es flammen immer wieder kleinere Feuerinseln auf in einzelnen Gebieten oder Branchen wie Schlachthöfen, Kirchen oder Gastronomie. Das Virus lodert unterschwellig, und mutiert derweilen zu neuen Formen und Arten.

Wird es je aufhören? Werden wir bleibende Schäden davon tragen? Manche Lebensbereiche sind nach wie vor stillgelegt. Da wo früher dichter Menschenkontakt war – in Bars, Diskos, Schwimmbäder, Kontaktsportarten, Paartanz – herrscht heute immer noch gespenstige Stille. Vor allem die Kultur leidet am meisten – unsere kollektive Seele. Wird es je wieder möglich sein, Tango mit einem Fremden in enger Umarmung zu tanzen?

Fazit.

Jede Krankheit offenbart den schwachen Punkt, da, wo es wehtut. Corona zeigte uns, dass wir ein Problem haben mit der Nähe. Echte, fühlende, menschliche Nähe, wenn zwei Menschen zusammen schwingen, wenn ihre Seelen unisono singen, kennen wir kaum. Wir leben zusammen alleine, abgelenkt von Todo-Listen und bleiben seelisch auf Abstand. Man merkt die Einsamkeit nicht, wenn so viel Trubel rundherum herrscht. Die Einsamkeit ist ein Gefühl, das man auch umgeben von vielen Menschen haben kann, das Gefühl, dass niemand weiß, wie es mir wirklich geht.

Nicht die Viren machen uns krank, sondern das Leben das wir führen. Es macht uns krank, dass wir nicht im Kontakt sind mit uns selbst, mit unserem wahren Ich. Wir haben Angst zu fühlen oder haben es ganz verlernt.

Durch Corona sind wir alle enger zusammengerückt. Wir dachten, wir konnten den Menschen aus dem Weg gehen, mit denen wir nichts zu tun haben wollten, eine Insel schaffen, uns in unserer kleinen Welt verkriechen? Doch plötzlich saßen wir alle in einem Boot – die Reichen mit den Armen, die Eingeborenen und die Zugereisten, die Promis und die Normalos, die Verschwörer und die Konformisten. Und dieses Boot heißt die Erde und wir alle sind die Menschheit.

Symptome machen uns ehrlich, das was sie bewirken, wollten wir unbewusst. Wir wollten es anscheinend so sehr, schafften es aber bisher nicht, dass wir uns selbst und einander ein wenig näher kommen.

Sebastiao Moreira/EPA-EFE/Shutterstock

Mens world.

Ja, von diesen Männern in grauen Anzügen werden wir regiert und ausgebeutet. Die prall gefüllten Konten vertuscht nicht die Armseligkeit und machen nicht glücklich. Besitz und Ausbeutung sind die Standsäulen des Patriarchats und führen die Menschheit an den Abgrund. Was können wir dagegen tun? Unsere Kinder in Liebe aufwachsen lassen, damit sie die fehlende Liebe nicht auf Kosten anderer kompensieren müssen, damit sie mitfühlen und die Liebe weitergeben.

Das neue Feindbild „Die Irren mit dem Aluhut“ und was wir von der kindlichen Ohnmacht darauf projizieren.

Wir erleben gerade eine Spaltung der Gesellschaft. Es bilden sich zwei Fronten: Die einen protestieren auf der Straße gegen die Einschränkungen, die anderen sind über die Proteste empört. Hervorgerufen wurde diese Spaltung durch das Einführen von Mundschutzpflicht. Scheinbar harmlose Maßnahme zeigte unerwartet eine starke symbolische Wirkungskraft.

Durch die Maske wird unser halbes Gesicht verdeckt. Aus Vermummungsverbot ist nun ein Vermummungsgebot geworden. Das Gesicht zeigen, das heißt, sich bekennen und Stellung beziehen, wird dadurch unmöglich. Der Mund – unser Kommunikationsorgan wird verdeckt. Wir empfinden es als Begrenzung der Aussprache und Meinungsfreiheit. Auch das Atmen wird erschwert, wir können nicht durchatmen und ersticken innerlich. Das alles führte dazu, dass eine Aufstandsbewegung entstanden ist und die Mundschutzmaske zu „Maulkorb“ deklariert hat. Viele wehren sich dagegen und ziehen den Ärger der „Gehorsamen“ auf sich. Es schwingt aber mehr als nur Unverständnis mit, der Ärger geht fast schon in Verachtung über? “Die Irren mit dem Aluhut” werden zu neuem Feinbild, belächelt und angefeindet. Warum eigentlich?

Für die meisten von uns ist fremdbestimmt zu sein der Normalzustand, seit dem Babyalter: Wir wurden nicht an die Brust genommen, wann wir es gebraucht hatten, sondern wann die Uhr es angeordnet hat; unsere Mama hat uns nicht auf den Arm genommen, wenn wir nach ihr gerufen haben, sondern uns alleine im leeren Zimmer weinen gelassen. So sind wir mit dem Gefühl groß geworden, unsere innere Stimme ist wirkungslos, unser Leiden findet kein Gehör, wir sind allein in dieser Welt und müssen uns fügen, dieser äußeren Kraft, die mächtiger ist als wir, die über uns bestimmt, auf Leben und Tod.

Nun sind wir groß geworden und sind nicht mehr der Mutter ausgeliefert, dennoch tragen wir die gelernte Wehrlosigkeit in uns, dieses alte Gefühl, dass wir nicht zählen, dass wir aushalten und uns fügen müssen. Heute gibt uns der Intellekt genügen „gute Gründe“, warum das so richtig sei. Es beruhigt uns ein wenig zu glauben, dass es doch bestimmt für etwas gut ist: für die Gesellschaft, für die Gesundheit, für den Kampf gegen die gefährliche Krankheit. Unsere innere Stimme ist jedoch nicht ganz in uns erloschen, sie ist wie eine winzige Flamme noch am Leben, tief in uns begraben. Aber sie darf nicht groß werden, nicht entflammen, sonst kommt die große Mutter und bestraft uns. Wir halten lieber aus, andere tun es doch auch. Manche haben es noch viel schlimmer als wir, also halten wir durch.

Aber wenn Menschen kommen, die ihre innere Stimme groß nach außen kehren und für ihre Selbstbestimmung kämpfen, dann wirkt es auf uns wie ein Verrat. Wie können sie nur? Was fällt ihnen ein? Wir müssen doch zusammenhalten, alle gleich verzichten, gleich leiden, gleich zurückstecken, an einem Strang ziehen. Aber wohin? Warum? Wozu? Das fragen wir uns nicht, denn das würde unsere kleine Flamme groß aufflammen lassen.

Wir dürfen nicht zweifeln. Es wird getan, was von oben angeordnet wird, wie die Mama damals. In unserer infantilen Hilflosigkeit hatten wir damals keine Chance, unsere Wünsche erfüllt zu bekommen. Nein, das galt als Verwöhnen und wurde verpönt. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Selbstbestimmung für uns heute als purer Luxus erscheint, ein unerlaubtes Privileg. Hält man sich denn für etwas Besseres? Es bleibt uns nichts anderes mehr übrig, als Steine nach ihnen zu werden, sie zu beschimpfen oder zu belächeln.

Es gibt ein verbreitetes Phänomen während der Psychotherapie: Wenn ein Klient sich ändert und seine alten destruktiven Verhaltensmuster ablegt, leistet seine Umgebung – die Familie und die Angehörigen – gewaltigen Widerstand, als würden sie den Klienten in seiner alten Lebensweise mit aller Kraft zurückhalten wollen. Sie erpressen und beschimpfen, drohen mit Liebesentzug oder mit Verbannung aus der Familie, sie entziehen ihm finanzielle Unterstützung bis zum Streichen aus dem Kreis der Erben. Warum ist es so? Müssten sie sich nicht für ihren genesenden Familienmitglied freuen?

Es liegt daran, dass in einer Familie, in der toxische Beziehungen herrschen, Mitglieder nicht frei leben, sondern co-abhängig. Sie leisten bestimmte „Dienste“ für einander und sind in einem Familiendrama mit festem Drehbuch und Rollenaufteilung gebunden, wie z. B. der Bösewicht und das Opfer, der Tatkräftige oder der Schwache. Das Opfer kann nur seine Opferrolle spielen, wenn es einen Bösewicht gibt. Es braucht ihn, sonst kann es nicht Opfer sein.

Wenn sich ein Familienmitglied diese toxischen Beziehungsmuster bewusst wird, sie nicht länger erledigen will, und sich weigert nach dem gewohnten Drehbuch zu leben, werden ihm Steine in den Weg gelegt. Wenn ein „Bösewicht“ nicht länger „böse“ sein möchte, entzieht er dem Opfer seine Lebensgrundlage und die Vorteile, die diese für das Opferdasein mit sich bringen, wie z. B. sich vor jeglicher Verantwortung zurückzuziehen.

Wenn jemand seinen eigenen Weg gehen will, wird er angefeindet, ihm wird Egoismus vorgeworfen. Er lässt sich nicht länger benutzen. Er gibt kein Futter mehr für die Rollen der anderen und stellt sie so vor die Aufgabe, ihre eigenen Rollen ebenfalls zu überdenken. Er macht ihnen bewusst, dass sie abhängig sind. Wenn er aber ein Gespräch und Aussprache sucht und seinen Angehörigen über die toxischen Beziehungsmuster berichtet und sie bittet, diese zu verlassen, findet er kein Gehör. Er wird nicht ernst genommen, wie schon immer seit der Kindheit. Alles geschah doch nur zu seinem Besten aus Liebe, das müsse er einsehen. Alles ist nur Hirngespinst. Dann wird er zu dem „Irren mit dem Aluhut“ der Familie ernannt.

Es ist leicht, einen wehrlosen und gehorsamen Familienmitglied oder Bürger zu erschaffen. Man muss ihn nur nach der Geburt vom Körper seiner Mutter trennen. Es fügt dem Baby so ein unerträgliches Leiden zu und verletzt es so tief, dass es nur mit dem Einfrieren der Gefühle möglich wird, es zu überstehen. So wachsen wir heran, nichts fühlend und mit verstummter inneren Stimme. Wir orientieren uns nach außen – nach Vorschriften und Vorgaben, Anordnungen und Regeln, mit dem Glauben, wir können eh nichts dagegen ausrichten. Wer diese aber infrage stellt, ist ein Verräter. Zur Mehrheit zu gehören gibt uns die ersehnte Sicherheit.

Wenn ich nach einem Ausweg suche, dann sehe ich mir meine Kinder an und weiß, dass es ihnen so nicht passieren wird. Sie leben durch und durch im Einklang mit ihrer inneren Stimme, auch wenn sie bestimmte Regeln befolgen müssen. Das ist kein Widerspruch. Es herrscht keine Anarchie, sondern das bewusste Zusammenleben, bei dem das Glück des einen nicht auf dem Unglück des anderen basiert. Jeder hat die Möglichkeit, sich zu entfalten und gleichzeitig ein Teil der Gemeinschaft zu sein. Wenn ihre Wünsche gehört werden, lernen sie, Wünsche Anderer ebenfalls zu hören und zu respektieren.

Wenn ich mit Frauen arbeite, die ihre Kinder anders großziehen wollen, als wie sie selbst wurden, dann weiß ich, dass ich damit nicht alleine bin. Vielleicht dauert es noch, bis die Kinder von heute groß werden, spätestens dann wird die Welt eine andere sein. Bis dahin bleibt uns nur übrig, auf unsere innere Stimme zu hören, ohne Angst und Zweifel, denn diese innere Stimme ist das Einzige, was uns wahrhaftig immun macht, gegen alle Parolen, von welcher Seite auch immer sie kommen mögen.

Woman protesting REUTERS/Christian Mang

Während der Pandemie gebären.

Eine ganz besondere Herausforderung, sein Kind in Zeiten der Pandemie zur Welt zu bringen. Im Krankenhaus mussten sich Gebärende schon immer den Arztansagen fügen. Jetzt umso mehr, sogar eine Maske während der Geburt tragen. Das ist unmenschlich und unsinnig. Ich würde mich heute mehr denn je für eine Hausgeburt entscheiden. Wir müssen uns von niemanden sagen lassen, wo und wie wir unsere Kinder gebären, sondern gerade jetzt zu unserer urweiblichen Kraft zurückfinden.

Hier ist eine Fotostrecke von einer Geburtsstation in Italien. Bilder wirken deprimierend, manchmal verzweifelt. Doch auch da ist eine Geburt immer ein bewegendes und emotionales Ereignis.

Milan (Italy), San Raffaele Hospital, model Anne Christensen a few hours before giving birth to her daughter Audrey. In the time of coronavirus it is obligatory to wear a face mask.

Rezension Netflix-Serie „Freud“

(Regisseur Marvin Kren. Autorin der Rezension Inga Erchova)

Dieser Netflix-Vorschau hat mich sofort gefesselt: Freud! – eine Ikone, der Vater der Psychoanalyse, für mich als Psychotherapeutin mein geistiger Vater. Kein Wissenschaftler hat für so viel Aufsehen gesorgt, Spaltung der Geister produziert, wurde bewundert und belächelt, gefeiert und geschmäht, kontrovers diskutiert oder durch den Dreck gezogen wie er. Seine Entdeckung des Unbewussten schätze ich nicht keiner ein als die Entdeckung, dass die Erde rund ist: Etwas zu entdecken, was man nicht direkt sehen oder ertasten kann, was man nur in seiner Vorstellungskraft erahnen kann, so schafft man einen Sprung im Bewusstsein.

Meine Erwartung an die Serie war daher, dass sie die Denkrevolution Freuds eindrucksvoll in Szene setzt und die Figur des Pioniers wie ein Ölgemälde ausmalt. Aber was war Freuds Verdienst eigentlich genau?

Revolution, die Keiner wahrhaben will.

Manche Entdeckungen feiert die Menschheit und nutzt sofort für sich, und durch andere fühlt sie sich aus der Bahn geworfen und bedroht. Nicht verwunderlich, dass die Letzten auf mächtigen Widerstand stoßen.

Dass die Erde nicht der Nabel der Welt war, sondern nur eins von vielen Satelliten der Sonne, war eine Kränkung für die Menschheit, die Kränkung für das Ego und ein Riss durch das Selbstbildnis als die Krönung der Schöpfung. 

Die Entdeckung des Unbewussten durch Freud war eine ähnliche Kränkung für die Menschheit und erneuter Angriff auf ihren Anspruch, der Nabel der Welt zu sein. Auch hier mussten wir uns die Schwäche eingestehen, dass das Gehirn nicht alles erklärt, dass wir nicht alles über uns wissen und dass wir nicht einmal die Herren im eigenen Zuhause sind. Auch das schmerzt und stößt auf massiven Widerstand. Doch er hielt Freud nicht auf.

Die Aufarbeitung in der Serie.

Zum Auftakt der Serie versetzt Freud mit seiner rebellischen Darstellung des Unbewussten die Wissenschaftswelt in Aufruhr: „Ich bin ein Haus, darin ist dunkel. Mein Bewusstsein ist eine schwache Kerze, die im Wind flackert, mal dahin, mal dorthin. Der Rest bleibt im Dunklen. Aber sie sind da: die Treppen, die Gänge, dunkle Zimmer, Geister, die darin wohnen. All das ist immer da und es lebt, es wirkt, es macht uns Angst.“

Damals suchte man nach Ursachen für Leiden jeglicher Art im Körper und Organen, und behandelte nur diese. Jenseits des Fassbaren zu schauen, war sprichwörtlich unfassbar. „So einen Schwachsinn will ich mir nicht länger anhören“, – klang aus den Reihen, – „Meint er das ernst?“ Vielleicht gerade diese Verleugnung des Seelischen jenseits der Materie hat zu der Zeit den fruchtbaren Boden bereitet für den Okkultismus und die dunkle Magie, verkörpert durch das ungarische Grafenpaar Sapare und ihre Ziehtochter Fleur. Nur Freud konnte einen Zugang zu ihnen finden und sie ihrer dunklen Macht entziehen. Irgendwo sprachen sie die gleiche Sprache.

Die Serie Freud ist keine Biografie und auch keine aufklärende Doku. Die Serie ist ein Geflecht aus Menschenschicksalen, Lebenswegen, die sich kreuzen und wieder auseinandergehen, von Menschen, die sich im dunklen Haus ihres Bewusstseins verirren und einen Ausweg suchen. Freud ist oft nur als stiller Beobachter im Hintergrund dabei, dessen Forschungsdrang ihn vor keiner gefährlichen Situation zurückschrecken lässt. 

Das Haus als Metapher des Bewusstseins zieht wie ein roter Faden durch die Serie durch. Wir sehen viele Häuser, spärlich beleuchtet, mit Gängen und Treppen, von Geistern bewohnte Räume, wo man seinen eigenen Abgründen begegnet und gegen sich selbst kämpft. Dazu bietet das alte Wien die perfekte Kulisse. 

Der Fokus der Serie liegt dennoch eindeutig auf der Unterhaltung und es werden dazu alle Register der Spannungsaufbau gezogen – Zweikämpfe, spritzendes Blut, Leichen und Labyrinthe. Die volle Klaviatur der Gruseleffekte wird angespielt inklusive des Ohrwurms einer Klaviermelodie, mit der im Kopf ich am nächsten Morgen aufwachte. (Diese Ohrwurm-Melodie hörte ich übrigens eines Abends plötzlich durch die Wand von nebenan, als meine Nachbarn die Serie ebenfalls geschaut hatten. Aber wie schaurig es doch war, denn dem Freud passierte das Gleiche – die Melodie kam aus dem Nebenraum zu ihm.)

Die Figur Freuds und der Hauptdarsteller.

Robert Finster als S.Freud

Der Hauptdarsteller Robert Finster (der Nachname!) zeichnet ein sympathisches und glaubwürdiges Bild des jungen Freud – sensibel, getrieben und doch integer, tiefgründig mit fesselndem Blick. Sein Holzfäller-Bart wirkt fast schon zeitgemäß und für mich persönlich ein Hingucker ;-P Die vielen Gesichter Freuds werden mit unterschiedlichen Namen angesprochen: Für die Mutter ist er der große Sigismund, für Freunde und die Verlobte – der Siggi, der Vater und der Kumpel nennen ihn salopp Schlomo (fast ein Akronym für Schalom).

Obwohl man ihn mit Doktor Freud anspricht und so manche körperlichen Wunden behandeln lässt, so ist er kein Arzt, der Rezepte verschreibt. Mit Freud ist eine neue Art von Doktor geboren: Als Psychoanalytiker ist er ein Detektiv, Profiler, Forscher, furchtloser Kartograf des unbekannten Terrains. Er stemmt sich gegen gewaltigen Widerstand seitens der Kollegen, der Klinikleitung bis zu den kaiserlichen Generalen und dem Kaiser selbst. Nur einer steht bis zum Schluss zu ihm und bleibt eine Mischung aus Freund und Patient – der Polizeiinspektor Kiss. Er konnte die Freuds Denkweise am ehesten noch verstehen und sich zunutze machen. Ihr Handwerk ist ja auch ähnlich.

Freud und Kiss

Freud wird noch ganz am Anfang seiner Karriere gezeigt und oft als Scharlatan abgetan. Doch „die Welt wird eine andere sein“, so prophezeit ihm seine Verlobte. „Deine Zeit wird kommen, Freud, so oder so“, sagt zu ihm der Inspektor Kiss, als Freud sein Buchmanuskript auf die Anordnung des Kaisers Zähne knirschend verbrennt. Es gab also Menschen, die an ihn glaubten.

Und, können wir aus heutiger Zeit bestätigen, dass es so gekommen ist, dass sich Freuds Denkweise in den Massen durchgesetzt hat? Nein, wohl eher nicht. Nur eine kleine Gruppe der Menschen lebt im Alltag mit diesem Weltbild. Das Establishment inklusive der Regierung, der Wirtschaft und der Medien geht immer vom „rationalen“ Menschenbild aus – der Mensch, der alles über sich weißt und mit dem freien Willen sein Leben steuern kann. Wir glauben immer noch, dass uns die messbare Materie die einzig glaubwürdige Sicherheit vermittelt, also mit anderen Worten, dass die Erde flach ist.

Wichtige Message zum schicksalhaften Zeitpunkt.

Die Serie Freud ist eine Einladung, uns die verdrängte Entdeckung erneut anzuschauen und uns die Macht des Unbewussten in uns zu vergegenwärtigen. Das Timing dazu konnte nicht besser gewesen sein – als die ganze Welt angesichts eines Symptoms den Atem anhält. „Pass auf, was du dir wünscht, es könnte in Erfüllung gehen“, – pflegen wir uns zu sagen. Hand aufs Herz, haben wir uns nicht schon immer mal eine Pause vom Hamsterrad gewünscht? Na, bitte schön!

Es ist überfällig, dass wir alles, was mit uns geschieht, nicht als Zufall betrachten, sondern als etwas, was zu uns gehört, ob wir es verstehen oder noch nicht. Symptome sind eben nur das, was sie sind – Symptome und nicht das Problem selbst. Sie sind ein Hinweis auf etwas, was wir noch nicht sehen, nicht realisieren, nicht verstehen, eine Einladung zum Forschen und Begreifen. 

„Die Macht des Unbewussten bedeutet, dass wenn man sich etwas unbewusst wünscht, bekommt man es im Guten wie im Schlechten. Oder anders ausgedrückt: Was aus einem geworden ist, in Wirklichkeit sein tiefster Wunsch war.“

Freud lehrt uns zu akzeptieren, dass die Welt hinter dem Horizont weitergeht, auch wenn wir es nicht sehen können. Auch die Welt unserer eigenen Seele ist größer, dunkler und unbekannter, als wir nur erahnen mögen. Er lehrt uns zu akzeptieren, dass wir nicht alles messen oder anfassen können, dass es Kräfte gibt, die wir nicht mit einer Formel berechnen können, die aber deswegen nicht weniger real sind und nicht weniger mächtig.

Wir alle sind getrieben und zerrissen, kämpfen gegen uns selbst und stapfen im Dunklen. Doch wenn wir unsere Dämonen nicht länger bekämpfen, sondern diese als Teil von uns annehmen – als Energiequelle, als Kraft und Feuer – dann werden wir erst zu dem, was wir gemeint waren zu werden.

Erst dann ist die Therapie abgeschlossen. „Der Nächste, bitte.“

Wir haben noch nicht gelitten.

Wir erleben gerade einen Ausnahmezustand – eine Krise – sagt man. Und wir fragen uns, wie unser Leben nach der Krise wohl aussehen wird? 

Ich habe bereits eine schwere gesellschaftliche Krise hautnah erlebt – den Zusammenbruch des sozialistischen Systems. Ich bin in Russland aufgewachsen und diese Erfahrung ist mir noch sehr präsent, dazu erzähle ich gleich mehr. Aber was ist eine Krise eigentlich? Und wie kommen wir aus ihr wieder raus? Können wir danach das alte Leben wieder aufnehmen? Ich wage hier eine Prognose.

Eine Krise erleben wir dann, wenn es nicht mehr so weitergehen kann wie bisher, weil es schlicht unmöglich ist. Eine alte Struktur trägt nicht mehr und fällt in sich zusammen. Es entsteht ein Vakuum und die Notwendigkeit einer neuen Struktur, die nun auf den Trümmern der alten entstehen kann. 

Eine Krise ist nicht unbedingt etwas Negatives, es ist einfach ein Entwicklungssprung. Wenn sich eine Entwicklung nicht länger linear und graduell vollziehen kann, geschieht ein sprunghafter Übergang zu einem neuen qualitativen Zustand. 

Hier ist ein Beispiel einer sehr gewöhnlichen Krise: Ein Küken schlüpft aus dem Ei. Sein gleichmäßiges Wachsen und Reifen im Ei kommt zum Ende und somit auch sein behütetes Leben im Inneren des Eis. Der Küken ist soweit gewachsen, dass er im Ei nicht länger bleiben kann. Er bricht aus dem Ei heraus und ein neues Leben außerhalb des Eis beginnt. Der Küken ist schlagartig mit einer neuen, sehr anderen Realität konfrontiert und muss neue Verhaltensweisen lernen, um sein Überleben zu sichern, wie z.B. die Mutter auf seinen Hunger eindringlich erinnern. Und das ist erst mal anstrengend, kritisch, neu. Und hier sind wir bei dem entscheidenden Punkt – eine Krise beinhaltet immer gewisses, oft sogar sehr großes Leiden. Leidensdruck ist unumgänglich, weil er der Motor der Veränderung ist. Wer nicht leidet, tut keinen Finger krumm. Auch für die Menschenkinder ist die Geburt eine große Krise: Plötzlich muss man atmen, saugen, verdauen und auf seine Bedürfnisse lautstark aufmerksam machen. Die bequeme Versorgung durch die Nabelschnur ist passé, der Wasserraum wechselt schlagartig zum Luftraum, die Anwesenheit der Mutter wird unterbrochen. Das alles ist eine große Umstellung, wenn nicht zu sagen ein Schock. Davon, wie gut wir die neuen Verhaltensweisen beherrschen, hängt unser Überleben ab. Die Not ist existenziell, es geht um das Leben und Tod. Der Leidensdruck ist der Schlüssel zum Überwinden einer Krise. Ohne ihn sind es nur lästige Umstände und bewirken noch lange keine Veränderung.

Nun erleben wir unsere aktuelle Situation als kritisch und trotz der Anspannung sind euphorische Stimmen nicht zu überhören: Die Luft wird sauberer, Fische schwimmen in Venedigs Kanälen, die Menschen singen zusammen auf dem Balkon, usw. Sind wir also in der schönen neuen Welt bereits angekommen, wie Matthias Horx in seinem aktuellen Text behauptet? 

Ich sage: Nein, noch lange nicht. Das große Leiden steht und noch bevor, wenn die wirtschaftlichen Strukturen ins Schwanken kommen. Denn der Geldfluss ist bereits zum Stocken gekommen – das Blut unseres Wirtschaftssystems. Durch den gedrosselten Geldfluss droht uns wirtschaftlicher Infarkt. Noch tragen uns die vorhandenen Geldreserven wie die Nabelschnur nach der Geburt das restliche Blut noch eine Weile auspulsiert, doch diese Reserven sind nicht unendlich.

Ich erinnere mich an die Perestroika-Zeit in Russland Ende der 80 Jahre. Die Schraube des sozialistischen Systems war so stark zugedreht, dass sie überdrehte. Es ging ein Ventil auf. Freedom of speach bescherte uns die nie zuvor erlebte Freiheit der Meinungsäußerung. Wir sprachen uns den angestauten Frust frei von der Brust. Die Parlamentsdebatten waren das Spannendste, was man im Fernsehen sehen konnte. „Wind of change“ von Skorpions war unsere Hymne. Die Euphorie trug uns noch einige Jahre wie eine Welle den Surfer und wir kamen uns dabei verdammt cool vor. Doch es änderte sich zunächst nur das Gefühl, aber nicht unsere Lebensweise und nicht die Versorgungskette. Die alte Planwirtschaft lief träge wie bisher und mit ihr unsere passive Mentalität, dass der Staat uns schon versorgt. Perestroika bedeutet auf russisch der große Umbau und er stand uns noch bevor. Anfang der 90er Jahre brach das gesamte Wirtschaftssystem zusammen. Es kam die Rationierung der Lebensmittel. Wir bekamen jeden Monat Essenskarten auf die einfachsten Lebensmittel wie Mehl, Brot, Milch oder Zigaretten. Das waren düstere, depressive Zeiten, zugleich aber waren sie die Geburtsstunde der freien Marktwirtschaft, des Unternehmertums, der Kreativität und schließlich des neuen heutigen Russlands. „Das Schwierigste nach der Wende war für mich, selbst entscheiden zu müssen, was ich will“,- sagte eine Zeitzeugin, – „und es dann in die Tat umzusetzen“. Vom Staat über sich bestimmen zu lassen war zwar öde, aber sehr bequem. Doch die Selbstbestimmung war diese große, lang ersehnte Veränderung, die uns so unter den Nägeln brannte, aber im alten System unmöglich war. 

Eine Krise ist, wenn es nicht mehr so weitergehen kann wie bisher. Ist es bei uns gerade schon soweit? Ich glaube, dass wir eher noch warten, bis wir das Zuhause endlich verlassen dürfen und das alte Leben wieder aufnehmen. Eine Pause ist es auf jeden Fall, eine Verschnaufpause vom Hamsterrad, aber noch keine Krise. Es ist der erste Riss im Ei und der erste Luftzug von draußen, der etwas Neues verheißt. Wir spüren noch keine zwingende Notwendigkeit der Veränderung, auch wenn wir es vom Verstand aus für nötig halten. Erst wenn wir in der neuen Welt mühsam lernen müssen uns zu bewegen und uns auf eine neue Art und Weise zu versorgen, wird daraus eine Krise.  Wir haben noch nicht gelitten, nicht genug. Es war noch nicht existenziell, noch nicht. Die aktuelle „Krise“ ist nur der Vorbote einer viel größeren, tiefergehenden Krise, die, wenn wir Glück haben, uns grundlegend verändern wird, uns als Gattung homo sapiens.

Wenn die Liebe das Licht des Universums ist, wie Albert Einstein im Brief an seine Tochter schriebt, so ist das Leiden – die dunkle Materie des Universums, die zwar unsichtbar aber ungleich gewichtiger ist. Die wahre Währung dieser Welt ist nicht das Geld, sondern das Leiden. Die Veränderung zum Besseren wird uns nicht geschenkt, sondern muss mit Leiden erkämpft werden. Stellen wir uns besser darauf ein.

Über mich

Inga Erchova ist Dipl.-Psychologin, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Autorin und dreifache Mutter. Erfahre mehr über sie und ihre Arbeitsweise…

Mein Buch

Jede Mutter kann glücklich sein

Psychotherapie am Telefon oder über Skype

Nicht immer müssen wir mit dem Therapeuten im gleichen Raum sein. Das Telefon bietet den Vorteil, dass man in vertrauter Umgebung eigener vier Wände bleibt und sich dadurch besser öffnen kann. Bei einer Sitzung über Skype vergisst man oft die räumliche Distanz und einige Zeitzonen Zeitunterschied.

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