Meine persönliche Geschichte der Schöpfung. Warum sind wir hier? (Teil 1 von 3)

– Mama, wie sind die Menschen entstanden?

Tja, die Fragen unserer Kinder erwischen uns manchmal wie ein Schauerregen.

– Hm, mal überlegen. Die einen sagen, der Gott hat sie nach eigenem Vorbild erschaffen und dann gibt es noch den Herrn Darwin, und er sagt, sie stammen vom Affen ab.

– Und was glaubst du?

Ups, jetzt muss ich mich bekennen und überlege.

Ok, dann verrate ich dir (und euch allen in der Welt) meine ganz persönliche Theorie darüber, wie der Mensch entstanden ist. Die Anregung kam von einem Kinderbuch, das wie mir scheint, eher die naturwissenschaftliche Ansicht der Dinge vermitteln wollte. Aber nur auf den ersten, oberflächlichen Blick.

Es ist das Buch vom klugen Fisch aus der Urzeit, der sehr neugierig war und ans Land gehen wollte, der Pionier sozusagen. Er hat ein Experiment gewagt und sich Füße gebastelt und ist mit ihnen ans Land gegangen. Seine Nachfolger haben die Idee vom Gehen verinnerlicht und ihnen sind letztendlich statt Flossen Füße gewachsen. Von diesen „Landfischen“ sind dann alle anderen Arten entstanden, inklusive der Säugetiere und des Menschen, so das Buch.

Eine Evolution also? Eine Entwicklung, ja! Aber, die entscheidende Frage ist doch, warum die Entwicklung ausgerechnet diese Richtung angenommen hat? Laut Darwin haben Lebewesen ständig aus Zufall mutiert und die glücklich mutierten, konnten sich besser anpassen und haben besser überlebt. Das Wort Zufall hat mich darin aber schon immer gestört. Zufall klingt so Sinn entleert, oder nicht? Zu-Fall! Was fällt uns zu, und warum?

– Warum sind dem klugen Fisch (oder seinen Nachfolgern) die Füße gewachsen?, – frage ich meine Tochter.

– Na, weil er das wollte, – völlig selbstverständlich antwortet sie.

Und das ist der entscheidende Punkt: Weil er das wollte! Der Wunsch, oder besser gesagt, das Bewusstsein war die treibende Kraft dieser Verwandlung. Es fällt uns also das zu, was wir uns wünschen. Das Bewusstsein, das eine Richtung anstrebt, bringt schließlich die Materie dorthin und manifestiert sich in Tatsachen. Daraus schließe ich, dass jemand wollte, dass es Säugetiere und den Menschen und dich und mich gibt, sonst wären wir nicht da. Aber wer war das??? War das etwa der Gott himself? Ich weiß nicht, wer Gott ist und die Gestalt eines alten Mannes mit Bart irritiert mich. Ich mag das Wort Universum viel lieber. Das Universum mit seinem universalen Bewusstsein, das alles durchdringt, klingt für mich angenehm.

Dieses Bewusstsein tragen wir in uns, und so erwünschen und erträumen wir unsere eigene Realität zustande, in der wir leben. Alles was wir um uns herum sehen ist die Verlängerung und die Spiegelung unserer inneren Welt. Und wenn dir dein Leben eher wie ein komischer Zufall vorkommt, so frag dich, warum dir das alles zu-fällt?

Daher ist meine Antwort auf die Frage meiner Tochter weder das eine noch das andere. Es ist viel mehr die Kombination aus beidem: Ja, es war eine Evolution, aber mit einer sehr bestimmten Richtung. Die Richtung der evolutionären Entwicklung ist ein immer höherer Bewusstseinsgrad.

Aber sind wir Menschen nun wirklich die Krönung der Schöpfung? Puh, das ist ein ganz anderes Thema.

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Im zweiten Teil meiner persönlichen Geschichte der Schöpfung lest ihr über das Sterben, und zwar auf eine Art und Weise, wie ihr vielleicht noch nicht über dieses Thema gelesen habt.

Taubennest auf unserem Balkon

Diesen Sommer wurden wir mächtig überrascht, als wir viele kleine Zweige auf unserem Balkon rund um den eingerollten, an der Wand angelehnten Teppich fanden. Der Spur folgend fanden wir schließlich im inneren des Teppichs ein Nest mit zwei kleinen Eier drin. Schon vor Tagen ist uns eine Taube aufgefallen, die immer wieder auf unserem Balkongelände saß, nun wussten wir den Grund – sie hat beschlossen, Nachwuchs auf unserem Balkon zu bekommen.

Es weckte sofort solidarische Gefühle in mir mit dieser Mutter, die voller Angst und Sorge war, und doch so nah bei dem Menschen brüten musste, als hätte sie keinen besseren Platz gefunden. (Vom befreundeten Gärtner weiß ich, dass sie selbst auf den Bäumen keine Taubennester lassen dürfen und sie niederschlagen müssen!) Wir haben beschlossen, das Nest zu behalten, und so haben meine Kinder und ich hautnah erlebt, wie eine Taube ihre Kinder bekommt und wie sie groß werden.

Sicher war der gewählte Platz jedoch nicht und so kippte der Teppich schon beim ersten Sturm um und die beiden Eier gingen zu Bruch. Kurze Zeit später lagen im bereits flach liegenden Teppich zwei neue Eier! Mit beeindruckender Entschlossenheit saß die Taube Tag und Nacht auf ihren Eiern und rührte sich nicht vom Fleck. Ab und zu hat sie an den Zweigen ihres Nestes gezupft und geknabbert. Ich glaube, das war das Einzige, was sie in dieser Zeit zu sich genommen hat. Wie selbstlos!

Einige Wochen später war es so weit – ein Küken war geschlüpft. Doch es stimmte etwas nicht. Es lag nur auf der Seite, atmete schwer und hat ganz schwach den Schnabel aufgerissen. Es wirkte unreif und nicht lebensfähig. Die Taube hat das Küken nicht gefüttert. Sie saß davor und hat es angeschaut. Zwei Tage lag das neugeborene Küken im Sterben. Es hat den Schnabel nicht mehr aufgerissen aber noch sehr lange geatmet und irgendwann nicht mehr. Die Muttertaube saß noch zwei Tage vor dem toten Küken regungslos. Ich konnte ihre Trauer spüren.

Nach zwei Tagen hat sie das tote Küken mit den Zweigen zugedeckt und war wieder voller Leben. Das zweite Küken war da. Im inneren des Teppichs saß noch ein Wesen – viel größer und flauschiger als das Erste. Es stand auf eigenen Beinen und schwappte leicht hin und her. Meine Kinder waren entzückt. Nun ging das Geschäft los – im wahrsten Sinne des Wortes. Bis dato hatten wir von der Taube keinen einzigen Fleck auf dem Balkon gesehen, aber jetzt war es immer voller. Oh, je! Die Taube war beschäftigt, das Futter heranzuschaffen, und aß selber endlich wieder. Oft saßen die beiden abends einfach neben einander – die Mamataube und der „Flauschiball“ gemütlich beisammen. Meine Kinder riefen überglücklich: „Oh, wie süß!“

Das Kind wuchs heran und der Flaum weichte langsam den Federn, zuerst am Schwanz und dann an den Flügeln spießten die Federspitzen und die neue Taube bekam Gestalt. „Mama, das Küken sieht ja schon wie eine richtige Taube aus“, – stellten die Kinder fest. Die Mama war immer seltener da, übernachtete aber noch zusammen mit ihrem Kind. Irgendwann kam sie auch nachts nicht mehr „heim“ und das Küken war überwiegend alleine. Man sah die Mama-Taube mit der Papa-Taube wieder vereint und am Turteln auf dem Dach gegenüber. Die beiden genossen sichtbar wieder ihre Zweisamkeit. Ab und zu besuchten sie zusammen ihr Nachwuchs und das Kind war aus dem Häuschen vor Freude. Es schmuste Schnabel an Schnabel mit den Eltern, gab freudige Lauten von sich und konnte nicht genug bekommen. Die Freude war überschwänglich. Wie ähnlich alle Kinder doch sind, dachte ich mir.

Irgendwann kamen die Eltern zu Besuch, setzten sich aber nicht mehr zum Nest, sondern nur auf das Gelände. „Mama, ich glaube, sie wollen ihr Kind herauslocken“, – sagte meine Tochter. Die junge Taube streckte immer wieder ihre Flügel aus und flatterte auf das Teppichdach und wieder herunter. Irgendwann war ich mir nicht mehr sicher, ob es einer der Eltern oder vielleicht das Kind selbst auf dem Gelände saß.

Und nun seit einigen Tagen ist der Balkon wieder unbewohnt. Das Nest ist verlassen und das Küken ist da draußen in der Welt. Wir erkennen es noch an seinem nicht ganz so geschmeidigen Flug und am unbeholfenen Landen auf dem Dach gegenüber. „Die Taube fliegt ja noch wie ein Anfänger.“ Ja, aber sie fliegt, erkundet die Umgebung, bestaunt andere Vögel und lebt jetzt ein ganz normales Leben einer Taube.

Es hat keine zwei Monate gedauert vom Eierlegen bis die junge Taube ihr Nest verlassen hat. Den leeren Teppich kann ich endlich wieder entsorgen. Was für eine Geschichte! Wir sind erleichtert und glücklich. Wer hätte gedacht, dass das Kinderkriegen einer Taube unserem doch so ähnlich ist?

Die Reise zu den Wurzeln.

Wir habe es getan – drei Wochen lang habe ich mit meinen drei Kindern Russland bereist. Vier Städte haben wir besucht: Kazan und Joschkar-Ola an der Wolga, danach Moskau und St. Petersburg. Wir sind mit Booten und Schlafzügen gefahren, unbekannte private Mitfahrt für 300 km in Anspruch genommen, mit schweren Koffern mit der U-Bahn gefahren, die Wolga und Leninstatuen gesehen, Kunstgalerien, königliche Residenzen und einfache private Ein-Zimmer-Wohnungen besucht. Bunter könnte es kaum gewesen sein.

Zugegeben, im Züge der Reisevorbereitung hatte ich weiche Knie: Ob alle Schnittstellen und Überfahrten klappen werden, ob ich mich mit dem Geld nicht verkalkuliert habe und natürlich, wie meine Kinder das unbekannte Land erleben werden? Sie waren noch nie vorher in Russland und hatten noch nie ihre russischen Großeltern und die Tante live erlebt (durch Skype natürlich schon). Sie sprechen kein Russisch und waren „Ausländer“ in meinem Herkunftsland.

Ich war auch aufgeregt, nach elf Jahren meine Eltern wieder zu sehen. Wir hatten früher kein einfaches Verhältnis (nicht umsonst zieht man ja Tausende Kilometer von seiner Herkunftsfamilie weg) und ich hatte die Sorge, ob die alten Themen nicht wie eine Wand wieder zwischen uns wachsen werden. Doch die Begegnung und die gemeinsamen Tage verliefen in gelöster und guter Stimmung. Meine Kinder hatten keine Berührungsängste mit ihrer bisher unbekannten Verwandtschaft. Die Sprachbarriere stellte kein so großes Problem dar, besonders mit der dreijährigen russischen Nichte. Ich habe meine Kinder aufgeschlossen für Neues erlebt.

Uns so ist das Reisen – man verlässt sein gewohntes Umfeld und schaut über den Tellerrand hinaus. Zurück in unsere überschaubare Kleinstadt kamen wir ein wenig verändert, bereichert und ein ganzes Stück gereift. Nun kann uns der Alltag wieder einholen.

Erster Bondingkongress Schweiz

Heute startet der 1. Schweizer Bondingkongress als online-Kongress. Ich werde mit einem aufgezeichneten Beitrag darin zu sehen sein. In meinem Beitrag geht es darum, wie unser inneres Kind erwacht, wenn wir Mütter werden. Ich hoffe, viele von euch schalten sich ein! Seid dabei! Hier geht es zum Kongress: https://bonding-kongress.ch

Ein neues Hobby für die Mama.

Hallo Ihr Lieben, long time no see? Wurdet ihr schon mal von einer Sache, ob Hobby oder ein spannendes Projekt, so richtig mitgerissen? So dass ihr am liebsten nichts anderes mehr tun wolltet? Ich erlebe es gerade mit meinem neuen Hobby – Tango tanzen. Völlig überraschend für mich selbst wurde ich in den Wirbel dieses Tanzes mitgerissen und wie es in der Tangoszene so schön heißt – mit dem Tangovirus infiziert.

Nun, geschieht uns natürlich nichts aus heiterem Himmel, sondern wird uns vom Universum geschickt, oder besser gesagt zugestellt, auf unsere Bestellung versteht sich.

Das Leben mit kleinen Kindern zentriert uns in den eigenen vier Wänden. Jetzt spielt sich hier der Alltag ab im Gegensatz zu früher, also bevor wir Mütter geworden sind, wenn wir zuhause nur zum Schlafen auftauchten. Das Leben zuhause funktioniert anders als in der Außenwelt. Das Zuhause ist ein abgestecktes Feld, überschaubar und vorhersehbar. Hier gestalten wir das Leben nach eigenem Belieben. Hier gibt es keine Konkurrenz, kein Beweisen der eigenen Stärken und keine so großen Erwartungen an uns. Es kann sehr wohltuend erlebt werden, nach all den Jahren im beruflichen Umfeld, das Leben ganz nach eigenen Vorstellungen gestalten zu können und sich nicht ständig unter Beweis stellen zu müssen. Den ganzen Tag in Pyjamas verbringen – kein Problem.

Soweit so gut, nur wachsen Kinder ja, sie werden größer und brauchen uns… ja auch noch, aber auf eine andere Art und Weise und auch nicht die ganze Zeit. Plötzlich bekommen wir wieder die Möglichkeit, aus unseren vier Wänden auszubrechen und uns für das Leben da draußen zu interessieren. Oder doch noch ein weiteres Kind zulegen? 😉 Ja, die Welt steht nicht still und hat sich in der Zeit, wenn wir zuhause waren, weiter gedreht. Das macht uns natürlich auch Angst: Finden wir uns wieder zurecht? Haben wir den Anschluss noch nicht verpasst?

Bitte verzeiht mir den Vergleich, aber ich glaube die Häftlinge werden aus ähnlichen Beweggründen kurz nach der Freilassung zu Wiederholungstätern, um zu den gewohnten, überschaubaren Leben im Gefängnis zurückzukehren. Die Freiheit scheint ihnen die größere Strafe zu sein als deren Entzug. Das Leben mit kleinen Kindern ist natürlich kein Gefängnis, aber es ist ungesund, darin stecken zu bleiben. Es kann dazu führen, dass wir Kinder für die eigene Verwirklichung benutzen und sie in ihrer eigenen Entwicklung beschneiden. Und was kann uns besser helfen, wieder in die große weite Welt zurückzukehren als nicht die spannenden Hobbies, fordernde Projekte oder völlig neue berufliche Perspektiven. Nicht selten machen sich junge Mütter nach der Babypause selbstständig und verwirklichen sich auf eine neue Art und Weise, die ihrem inneren Wesen viel besser entspricht als der alte Job.

Daher bin ich so glücklich über mein neues Hobby – Tango, das, wie ich mir gut vorstellen kann, eines Tages mehr als nur ein Hobby werden kann. Ich komme wieder raus, treffe neue Leute, lasse mich von den betörenden Tönen des Tangos verführen und in den Wirbel der Drehungen mitziehen. Die Welt da draußen hat mich wieder und meine Kinder sehen mich nicht nur ungekämmt in Pyjamas durch die Wohnung latschen, sondern hübsch gemacht, inspiriert und auf der Suche nach eigener Mitte.

Wenn uns die negativen Gefühle der Kinder stören.

Neulich war ich zufällig Zeugin, wie eine Tochter ihrer Mutter ihre Zeichnung präsentierte, und die Mutter sagte dann: „Oh, warum guckt er so traurig? Lass mich die Mundwinkel schnell nach oben ziehen. So, jetzt sieht er fröhlich aus. Wie schön.“

Ich konnte richtig spüren, wie unerträglich es für die Mutter war, eine traurige Gestalt auf der Zeichnung ihrer Tochter zu sehen, umso schneller hat sie diese wieder aus der Welt geschaffen und war sichtlich erleichtert.

Für mich fühlte es sich wie ein Verlust an, wie gerne hätte ich gewusst, was hinter der traurigen Gestalt steckte: Wer war sie? Was hat sie erlebt? Und warum war sie traurig? Man hätte so viel erfahren können über die Fantasie des Kindes aber auch über sein Innenleben, denn die Zeichnungen sind gute Projektionsfläche für Gefühle: Freuden, Ängste oder Sorgen, die das Kind durchmacht und bewältigt. Diese Gefühle sichtbar zu machen hilft Kindern, mit ihnen fertig zu werden.

Leider war mit einem Stichzug all diese Information weggefegt. Was hat das Mädchen aus der Situation gelernt? Vermutlich, dass die Traurigkeit nicht gern gesehen wird, dass man sie besser versteckt oder überspielt, dass ihre Gefühle und Regungen keine Beachtung verdienen, stattdessen dass das fröhliche Erscheinungsbild zählt. Sie wird mit der Zeit verlernen, ihre Gefühle wahrzunehmen und ihnen Beachtung zu schenken. Wenn sie später die Traurigkeit verspürt, wird sie diese eher verdrängen. Doch diese Traurigkeit wird nicht verschwinden, sondern landet im seelischen Schatten – diesem blinden Fleck der Seele, der für uns unbewusst bleibt.

Übertreibe ich nicht? Ist es wirklich so dramatisch? Ich befürchte ja, denn ihre Mama, wie auch viele von uns, lebt es ja bereits vor. Statt hinzusehen, schauen wir lieber weg oder beschönigen. Eine Vogel-Strauß-Strategie: Wenn man die Traurigkeit nicht sieht, dann ist sie anscheinend nicht da. Auch hier ist so viel Information verloren gegangen. Wir könnten uns fragen, warum für uns die Traurigkeit so unerträglich ist? Mussten wir sie auch als Kind schon verstecken? Mussten wir unsere Mama mit stets fröhlichem Gesicht glücklich machen?

Eins ist sicher – wenn man als Kind seine Traurigkeit verstecken musste und sie nicht mit den Eltern teilen durfte, um Trost zu bekommen, dann war man mit seiner Traurigkeit allein. Und das ist das wahre Drama – mit seinen schwierigen Gefühlen alleine fertigwerden zu müssen, schon als Kind, das ist wirklich schwer.

Mein Erlebnis mit den beiden hat keine 5 Sekunden gedauert. Doch ich sah den ganzen restlichen Film dazu. Ich sah, wie auch diese heute erwachsene Frau ihre Gefühle als Kind nicht äußern durfte und alleine mit ihnen fertigwerden musste, ihre Verzweiflung und Not. Daher war das traurige Gesicht auf der Zeichnung der Tochter für sie heute so unerträglich. Es erinnerte sie unbewusst daran, wie schwer es für sie früher war, mit Gefühlen alleingelassen zu werden.

Ist sie deswegen heute eine schlechte Mutter? Nein, aber sie ist wenig bewusst über die Verletzungen ihrer eigenen Kindheit und kann daher ihrer Tochter kaum helfen ein feinfühliger und bewusster Mensch zu werden. Das kann ihre Tochter später als erwachsener Mensch nachholen, wie wir alle auch, wenn wir uns alten Verletzungen stellen. Danach werden alle Gefühle plötzlich berechtigt, richtig und erlaubt, ganz ohne Retusche. Schauen wir also lieber hin, statt weg.

Allein sein – Belastung oder Geschenk?

Wenn du an die Einsamkeit denkst, was kommt dir zuerst in den Sinn? Welches Gefühl verbindest du mit der Einsamkeit?

Diesen Sommer durfte ich gleich zwei  Mal jeweils eine Woche lang die Einsamkeit erleben.

Als alleinerziehende Mutter mit drei Kindern bin ich selten allein. Die knappen Stunden alleine, während die Kinder in der Schule oder im Kindergarten sind, sind schnell gefüllt mit Arbeit, Besorgungen und Haushalt. In den Ferien fällt die kostbare Zeit alleine ganz weg. Ich merke, dass es mir in der Ferienzeit schwerer fällt, mich um die Kinder zu kümmern. Die Kraft, ihnen Zuwendung zu schenken, schwindet, das Nervenkostüm wird dünner und die Geduld umso knapper. Die Zeit alleine gibt mir also die Möglichkeit, wieder zu mir zu finden und Kraft zu tanken. Doch nicht immer erleben wir es so.

Als ich noch vor einem Jahr unerwartet eine Woche lang Zeit für mich „geschenkt“ bekam, während meine Kinder mit ihrem Papa kurzfristig in Urlaub gefahren sind, fiel ich wie in ein Loch. Die absolute Stille im Haus war unerträglich. Ich suchte mir schnell einen Sprachkurs, der mich fünf Stunden am Tag eine Woche lang beschäftigt hielt. So kam ich über die Zeit hinweg.

Diesen Sommer fühlt sich für mich die Zeit alleine wie ein Geschenk. Die erste Woche bin ich zuhause geblieben. Ich genoss die Ruhe, die Stille, das Faulenzen, das Nichtstun und niemanden bedienen zu müssen. Ich spielte ausgiebig Klavier, pflückte Kirschen im Garten direkt in den Mund, bis ich satt war oder fuhr mit dem Fahrrad bis nach Dänemark. Ich ging zum Strand, legte mich hin und schloss die Augen – was für ein Luxus, auf niemanden aufpassen zu müssen! Ich las bis tief in die Nacht, schlief mit offener Balkontür, wurde von Möwen in den Schlaf gesungen und morgens wieder aufgeweckt. Ich frühstückte ausgiebig lang und ging abends Tangotanzen.

In der zweiten Woche entschloss ich mich zum Tapetenwechsel und fuhr nach Berlin. Hier traf ich Laura – Tango-Lehrerin, die ich vor einiger Zeit beim Festival kennenlernte und die mich sehr bewegte. Zu ihr spürte ich sofort eine tiefe Verbindung. Ich lernte mit ihr Tanzen und am Abend gingen wir zusammen zu Berliner Milongas (Tangotanzabende).

Obwohl ich aus meiner früheren Zeit in Berlin noch viele Leute kenne, beschloss ich mich bewusst, niemanden anzurufen. Nur die Zeit mit meiner Lehrerin sollte im Mittelpunkt stehen, ihre Stimme und Worte sollten in mir ihre Nachwirkung entfalten.

In der übrigen Zeit genoss ich die Einsamkeit. Der Lärm der Großstadt stand im Kontrast zu der Stille in mir. Ich fühlte mich wie im Auge des Wirbelsturms, wo alles wie in der Zeitlupe stehen bleibt. Ich habe nur wenige Worte am Tag gesprochen, und das entspannte mich.

Wenn man alleine ist, fehlt die Erinnerung von außen daran, wer man eigentlich ist, oder? Wenn meine Kinder zum Beispiel um mich herum sind und ständig etwas von mir verlangen, dann erinnern sie mich konstant daran, dass ich Mutter bin und dies oder jedes zu tun habe. Wenn sie nicht da sind, „vergesse“ ich es fast. Ich liege im Park auf dem Rasen mit geschlossenen Augen, lasse die Sonnenstrahlen meine Haut erwärmen, tauche in die Geräuschkulisse hinein, nicke wie im Sekundenschlaf weg und vergesse für einen Moment, wo ich eigentlich bin, und wer ich bin. Ich musste mich einen Moment sammeln, um mich wieder daran zu erinnern, verrückt.

Wenn die Referenz von außen fehlt, kommt unser Innenleben umso mehr zum Ausdruck. Die Einsamkeit lässt das Innere in uns aufsteigen: die Nöte und die Sorgen, das Nicht-Abgeschlossene, das Unfertige, das Suchende und das Wollende. Man kann hineinlauschen, oder davon rennen, je nachdem, wie wir uns gerade fühlen. Die Zeit alleine kann als belastend oder entspannend empfunden werden, doch sie hilft immer der Seelenhygiene und ist ein guter Indikator unserer aktuellen seelischen Verfassung.

Was ist die Einsamkeit für dich im Moment?

Ländlicher Fahrradweg

Mit dem Leihfahrrad durch Berlin

Die späte Milonga

Mit Laura <3

Der falsche Postbote.

Foto: Bauforum24

 

Sonntagabend Zuhause. Es klingelt an der Tür. „Na, wer klingelt denn um diese Uhrzeit?“, fragte meine Tochter verwundert.

„Hallo?“, – melde ich mich an der Sprechanlage.

„Post!“, – sagt eine Frauenstimme, forsch und leicht drängelnd, so wie ein gewöhnlicher Postbote es sagen würde.

„Am Sonntag?“, – frage ich ungläubig zurück.

„Ja!“ – ziemlich frech und diesmal deutlich drängelnder sagt die Stimme, und fügt dann hinzu: „Ich muss für meine Freundin etwas einwerfen“.

Wie fremdgesteuert drücke ich auf die Taste und mache ihr die Hauseingangstür auf.

Schon wenige Augenblicke später überkommt mich unbehagliches Gefühl, wie aus dem Nichts überrollt worden zu sein. Das Gedankenkarussell geht los: „Sie hat mich aber leicht um den Finger wickeln können. Wer ist sie überhaupt und warum klingelt sie bei mir? Als würde sie gewusst haben, dass sie bei mir ein leichtes Spiel hat. Warum habe ich nicht weiter nachgefragt? Warum war ich so leichtgläubig und nachgiebig? Es könnte ja auch nur ein Trick gewesen sein, um ins Haus hereinzukommen. Usw., usw.

Schnell wurde mir klar, hier wurden Seiten in mir belebt, mit denen ich kein Freund bin – mein Schatten. Diese unbeliebten Seiten von mir sind meine alten Bekannten – die Unfähigkeit, meine Grenzen zu bewahren, Nein zu sangen, kontra zu geben oder schlagfertig zu antworten. In mich kann man so hineingreifen, wie in einen Sahnepudding. Wie weiche Butter für ein Messer leiste ich keinerlei Widerstand. Bzw. doch, wenn ich die Zeit zum Nachdenken habe, aber nicht wenn sich der Autopilot einschaltet und die gewohnten Muster automatisch abspielt.

Bekannt ist mir das alles ja schon lange und ich arbeite auch schon lange daran. Die Situation hat mir nur gezeigt, dass ich mit meiner Arbeit offenbar noch nicht so weit gekommen bin. Da kommt Ärger hoch.  Die eigenen Schwächen so leicht vorgeführt zu bekommen, uff. Dann die erste Entwarnung: Zumindest konnte ich den aufgekommenen Ärger gleich lokalisieren und habe ihn nicht etwa an meinen Kindern abreagiert. Gut gemacht! Erst später am Abend, wenn meine Kinder im Bett waren, habe ich mir den Vorfall noch mal vorgenommen, mich in eine entspannte Lage begeben und in mich hineingeschaut.

Zunächst habe ich den Vorfall wie in Zeitlupe noch einmal durchlebt und auf meine Gefühle in jedem Augenblick geachtet.

  • Es klingelt: Mich treibt die Neugier zur Sprechanlage. Was ich erwarte? Einen netten Überraschungsbesucher vielleicht, der sagt: „Hey, wie geht es dir? Wollte nur kurz Hallo sagen.“ Fehlanzeige, *grmpf*.
  • Die Stimme: „Post!“: Ich spüre meinen Zweifel, doch der Nachdruck der Stimme lässt meine Skepsis weichen. Die Stimme klingt forsch und frech. Ich merke, da ist mehr im Spiel und schaue jetzt in meine Vergangenheit: Wann habe ich mich so ähnlich gefühlt? Tatsächlich hat mich meine (sehr dominante) Mutter oft gedrängelt. „Los, los, los, los!“ peitschte sie mich an, damit sie ihren Alltag bewältigt bekommt. Ich erinnere mich gut an das Gefühl, wie von einer Asphaltwalze überrollt zu werden, absolute Ohnmacht. Ich hatte keine Chance, ihr etwas entgegenzusetzen und fügte mich dem Druck. Und ja, mit der Zeit wurde daraus Automatismus, der offenbar bis heute andauert, besonders wenn dieser Druck wie aus dem Nichts kommt und mich unvorbereitet trifft.
  • „Ich muss etwas für die Freundin reinwerfen“. Dieser Satz hat eine andere Seite in mir berührt – nett zu anderen sein zu wollen (oder müssen?) Etwas für die Freundin, wie kann ich da Nein sagen? Es kam mir nicht mal in den Sinn zu fragen, warum sie dann bei mir klingelt? „Entschuldigen Sie, ich kenne Sie nicht und mache nicht auf“, würde ich jetzt sagen wollen. Doch ich wollte nett sein, Ja sagen, helfen. Wo kommt das wieder her? Ich schaue wieder in meine Kindheit hinein und werde sofort fündig: Ich durfte nie frech sein, ausgelassen toben oder mir „Blödsinn“ erlaufen. Das gewünschte Bild, das ich abgeben musste war ein gut erzogenes, „seriöses“ Mädchen ohne „Flusen“ im Kopf. Bis heute vermisse ich diese freche Seite in mir. Ich denke, daher kommt meine Unfähigkeit, witzig zu sein, anzuecken oder zu provozieren, denn dann bin ich ja nicht „seriös“. Auch diesen Knopf in mir hat die vermeintliche Postbotin in der kürzesten Zeit drücken können.
  • Ich realisierte, dass der Ärger, den ich kurz nach dem Türöffnen verspürt habe, sich in Wirklichkeit nicht gegen die Frauenstimme von der Straße richtete, sondern gegen meine Mutter. Wahrscheinlich war es tatsächlich nur eine Freundin, die eine Nettigkeit vorbereitet hat. Und ihre freche Art war gar nicht böse gemeint, sondern nur spielerisch. Ich habe sie nur so erlebt. Den Ärger konnte ich nun richtig zuordnen.

Ich konnte meine Ohnmacht wieder spüren. Und ja, als Kind war ich ohnmächtig, weil ich klein war. Heute bin ich groß und kann kontra geben, wenn ich das will. Und wenn es mich das nächste Mal wieder unvorbereitet trifft, werde ich sehen, ob ich im Überwinden meiner Automatismen einen Minischritt weitergekommen bin. Auf dem Weg der Verarbeitung kindlicher Verletzungen werden wir wohl nie wirklich am Ziel ankommen und diese wie ungeschehen machen können, aber es ist wichtig, dass wir diesen Weg gehen und in uns hineinsehen, sonst würden wir die Menschen in unsere Umgebung, besonders unsere Kinder und den Partner, als „Mülleimer“ für all die schlechten Gefühle in uns benutzen. Wollen wir das?

Und so war es am Ende doch ein netter Überraschungsbesucher. Es war mein Schatten, der an der Tür klingelte.

Über mich

Inga Erchova ist Dipl.-Psychologin, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Autorin und dreifache Mutter. Erfahre mehr über sie und ihre Arbeitsweise…

Mein Buch

Jede Mutter kann glücklich sein

Psychotherapie am Telefon oder über Skype

Nicht immer müssen wir mit dem Therapeuten im gleichen Raum sein. Das Telefon bietet den Vorteil, dass man in vertrauter Umgebung eigener vier Wände bleibt und sich dadurch besser öffnen kann. Bei einer Sitzung über Skype vergisst man oft die räumliche Distanz und einige Zeitzonen Zeitunterschied.

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