Da sein.

Meine Tochter ist krank – sie hat Kopfschmerzen, ihr ist übel und sie liegt im Bett. Mal klagt sie leise, mal stöhnt vor Schmerzen.

Wahrscheinlich ist es „nur“ die Aufregung vor dem anstehenden Zeugnisgespräch in der Schule. Muss sie denn immer so empfindlich sein, alles so sehr zu Herzen nehmen?

Sie ruft nach mir und will, dass ich bei ihr sitzenbleibe.

Ich setze mich zu ihr, halte ihre Hand, streichle sie über den Kopf, atme mit ihr zusammen die Schmerzen weg. Sie beruhigt sich rasch, schließt die Augen, atmet wieder ruhig und scheint eingeschlafen zu sein.

Im gleichen Moment zieht mich eine unsichtbare Kraft wieder weg vom Bett. Ich habe Termine zu bestätigen oder abzusagen, Emails zu beantworten, die Küche zu putzen, und, und, und. Alles scheint mir wichtiger zu sein als bloß da zu sitzen, und nichts zu tun.

Viel lieber wäre mir gerade das Rotieren, Erledigen, Abhacken, Wegschaffen und die langen To-do-Liste abzuarbeiten. Einfach nur da zu sitzen schaffe ich nicht. Ich zähle im Kopf, was ich in dieser Zeit hätte alles erledigen können.

Ich schleiche mich leise aus dem Zimmer und prompt ruft sie wieder nach mir: wieder Schmerzen, wieder Weinen, alles von vorne.

Ich erinnere mich gut dran, als sie noch Baby war und am liebsten die ganze Zeit auf dem Arm verbringen wollte. Sie ließ sich einfach nicht ablegen, nicht im Schlaf, nicht nach dem Essen, nicht gut gelaunt oder sonst wie.

Wenn ich sie schlafend hingelegt habe, ging der Wettlauf um Minuten los: Schaffe ich es, einen Kaffee zu kochen oder auf Toilette zu gehen? Was ist mir gerade wichtiger? Vom Duschen oder in Ruhe zu frühstücken konnte ich nur träumen.

Nun erlebe ich Déjà-vu und gehe pflichtbewusst und doch widerwillig zurück zu ihrem Bett.

Wieder sitze ich da und halte ihre Hand. Sie ist wieder ruhig und ich will am liebsten wieder gehen.

Wenigstens mal das Handy in die Hand nehmen und ein wenig scrollen und lesen? Doch das wäre das Gleiche wie gehen, nur im Geiste.

Dann fällt mein Blick auf meine Hände. Sie scheinen mir heute so rau und überarbeitet, sie sehen aus wie gebrauchte Werkzeuge.

Sie erinnern mich an die Hände meiner Oma, ihre waren riesig groß, unförmig, drahtig, mit ausgeprägten Venen. Hände, die ein Leben lang angepackt und geschaufelt haben. Mit ihnen hat sie wahrscheinlich ihre Familie versorgt. Wie schwer diese Arbeit auch war, blieb sie für mich aber völlig unsichtbar. Was mir von der Oma präsent geblieben ist, ist ihr Lächeln und liebevolles Gesicht, in dem kein Platz war für Kritik oder Erwartungen. Ihr Gesichtsausdruck strahlte immer pure Freude meines Anblickes aus.

Mich trifft der Gedanke: In 20 Jahren wird meine Tochter nicht mehr wissen, was ich an diesem Tag heute alles erledigt habe, doch sie wird sich erinnern, ob ich an ihrem Bett sitzen geblieben bin.

Ich ringe mit mir: Ich kann ihr doch nicht helfen und ihre Schmerzen nicht wegnehmen. Sich muss da einfach nur durch. Und doch, – sagt die andere Stimme,- ich kann ihr helfen, indem ich einfach nur da bleibe. So verdammt einfach und schwer zugleich.

Denn die bloße Präsenz verlangt mir mehr Kraft ab, als alle physischen Aufgaben der Welt zusammen. Sie beansprucht nicht meine Muskeln, sondern schöpft aus meinen seelischen Reserven, die gerade leer sind. Wo finde ich bloß die Kraft?

Es erscheint wieder das strahlende Gesicht meiner Oma und schickt mir die Kraft, die ich gerade brauche. Ich sauge diese liebevolle Energie auf und tue das Schwierigste.

Und hier bin ich – am Bett sitzend, nicht von der Seite weichend, die Hand haltend, präsent, da.

(später aufgeschrieben)

Das digitale Dorf und die analoge Einsamkeit.

Es braucht ein Dorf

um ein Kind großzuziehen – sagt man doch so. Man glaubt es kaum, aber ein Kind braucht tatsächlich viele Menschen zum Aufwachsen – wie ein Sicherheitsnetz für die junge Familie, damit sie ihrem Kind genug Liebe geben, genug Nervenstärke bewahren, genug Zeit mit ihm verbringen oder ein gemütliches Zuhause herrichten. Da braucht es schon mal viele Hände. Und so war es früher: Die Großeltern und die Tanten, die Freunde und Bekannte, alle lebten nah beisammen in einer Gemeinschaft und leisteten sich gegenseitig Unterstützung. Die jungen Frauen wurden von den Erfahrenen in die Geheimnisse des Frauseins eingeweiht und auf der Reise der Mutterschaft begleitet. Niemand war alleine. Wir Menschen sind soziale Wesen und fürs Alleinsein nicht geschaffen.

Allein mit dem Kind

Heute sieht das Leben anders aus. Im besten Fall ist es eine mini Familie aus Mutter, Vater und Kind. Eine Oma, die einmal pro Woche vorbeikommt, ist bereits ein Privileg. Doch zu oft ist es nur die Mutter ganz alleine, die ihre Kinder versorgt und null Unterstützung im Alltag erfährt. Wir vereinsamen in Großstädten weit weg von unseren Herkunftsfamilien. Das Verhältnis ist aber ohnehin schon so gestört, dass man sich lieber nicht ins eigene Familienleben einmischen lassen möchte. Der Alltag mit Kindern gefüllt von Einsamkeit zerrt an den Nerven. So kann die Mutter nicht ein warmer und weicher Zufluchtsort für ihre Kinder sein, am Limit ihrer Kraft mutiert sie zur chronisch genervten Furie. Wer viel gibt, muss emotional gut gepolstert sein, denn aus dem Leeren kann man nichts geben.

Das digitale Dorf

Vor dieser armseligen Wirklichkeit kommt uns das neue digitale Zeitalter ja fast wie ein Segen vor. Es schafft Menschenverbindungen und füllt uns mit Informationen. Man ist mit dem guten Rat und herzlichem Trost für einander da. Mütter bekommen Tipps für die Alltagsbewältigung. Man findet Verbündete und Gleichgesinnte. Es gibt Foren und Magazine, Interessen-Gruppen, Erklär-Videos, kreative Ideen und grenzenlose Inspiration. Man stellt auch sich selbst gern ins Rampenlicht und präsentiert das eigene Leben von der besten Seite. Es ist sehen und gesehen werden. Nun ist man nicht mehr allein?

Die kritischen Stimmen

Es ist alles so schön bunt hier, in der digitalen Welt, doch es werden Stimmen lauter, die uns das Vergnügen nehmen wollen mit dem Vorwurf, durch die übermäßige Mediennutzung die Beziehungen im realen Leben zu vernachlässigen. Das Smartphone wird zum Hassobjekt erklärt, die gesenkte Kopfhaltung – zum Sinnbild der Verblödung und die Unfälle beim Handynutzen zur Zielscheibe für Spott. Wie die Parallelwelt neben der Digitalen fristet dabei das reale Leben sein ärmliches Dasein.

Doch sind die digitalen Medien wirklich schuld an unseren missglückten Beziehungen, fehlenden Gesprächen und seelischer Leere?

Zugegeben, das Netz hat Suchtpotential. Es ist schon schlau eingefädelt von Twitter und Co. wie sie ihre Nutzer bei Laune halten. Wir unterhalten uns ja nicht nur, wie sammeln Herzchen, Retweets, Follower, Kommentare, batteln uns gegenseitig an, bekommen Bestätigung und wollen immer mehr davon.

Schaft Vernetzung auch Verbindung?

Neue Medien sind natürlich nur der Sündenbock, auf den wir die Last abschieben. Wir verschweigen und verleugnen uns etwas viel Wichtigeres – unsere Unfähigkeit, eine innige Beziehung mit anderen Menschen einzugehen. Auch unseren Kindern weichen wir lieber aus und da kommen die smarten Geräte ja gerade recht. Es ist zu bequem, die Kids mit dem iPad alleine zu lassen und ein wenig Ruhe zu genießen. Wir sind schließlich zu erschöpft, um uns mit den Kleinen zu beschäftigen, auch wenn wir wollten. Im Alltag sind wir ja immer noch alleine.

Das Netz leistet uns zwar große Abhilfe, dem richtigen Problem – unserer Vereinsamung – hilft es aber nicht. Es schenkt uns Herzchen, erwärmt aber nicht unser Herz, gibt Ideen fürs Leben mit Kindern, beschert aber keine quality time mit ihnen, gibt uns Follower, schafft uns aber keine echten Freundschaften, berieselt uns mit Unterhaltung und lässt uns ins Bodenlose fallen, wenn diese „Haltung“ weg ist.

Eine menschliche Verbindung, was ist das? Wir alle haben das Bedürfnis, gesehen, gehört und verstanden zu werden, Kinder noch tausendfach mehr als wir. Es ist jedoch anstrengend und ungewohnt, dem anderen Menschen gegenüber zu sitzen, durch die Augen bis in sein Herz zu schauen, erkennen, was er oder sie durchmacht, mitzufühlen und einen gehaltvollen Austausch stattfinden zu lassen. Wir haben es nicht gelernt und können es daher nicht bieten. Zu schade, denn durch eine menschliche Verbindung werden Gesichter nicht nur blau angeleuchtet, sie lässt diese richtig erstrahlen.

Na, noch schnell ein Paar passende Tipps googeln? 😉

Die Werbekampagne „The more you connect, the less you connect“ zeigt, wie alleine und unsichtbar sich Menschen fühlen, wenn der andere geistig abwesend ist.

Nach Hause kommen. Oder warum wir uns an Weihnachten so oft streiten.

Wenn es draußen kalt und dunkel ist, sehnen wir uns nach der Wärme und Geborgenheit eines Familiennestes. Wann, wenn nicht an Weihnachten möchten wir ein Teil einer glücklichen Familie sein? Viele getrennte Eltern rufen „Waffenruhe“ auf und vereinen sich für die Feiertage, um den Kindern wenigstens für ein Paar Tage die intakten Familienverhältnisse vorzuleben. Und wer am Heiligabend alleine ist, dann weiß er spätestens dann, dass er keine richtige Familie hat, oder?

Mein Platz in der Familie

Erwachsene Kinder fahren zu ihren Herkunftsfamilien hin, um sich einmal im Jahr als eine Gemeinschaft zu spüren: Das sind wir, wir sind eine Familie. Die Bilanz des Jahres wird gezogen, die Veränderungen realisiert, die Gewinner werden gefeiert und die Verlierer bemitleidet. So wird der eigene Platz und „Stellenwert“ in der Familie wieder bewusster. Und das birgt Konfliktpotenzial, denn in seltensten Fällen fühlen wir und geliebt und angenommen so, wie wir sind.

Die Enge und die Dichte dieser Tage lässt Themen auftauchen, denen wir in der restlichen Zeit schön aus dem Weg gehen konnten. Nun werden sie richtig präsent und machen dicke Luft. Doch die Hoffnung bleibt, dass sich die Gemüter durch das Kerzenlicht, Geschenke und gutes Essen besänftigen lassen. Man spielt das Spiel mit: Das Heiligabend-Spektakel wird wie auf der Theaterbühne aufgeführt. Die Erwartungen an Harmonie und Glück stapeln sich hoch wie ein Kartenhaus. Und wenn der Perfektionsdruck ins Unermessliche steigt, bricht das Kartenhaus in sich zusammen. Nun zeigt sich die Kehrseite der Familie – das Dunkele, das Unausgesprochene, das Verdrängte und das Hässliche. Spätestens am nächsten Tag fallen die Masken und die Kaskaden der Vorwürfe und Schuldzuweisungen überschlagen sich. Es wird so richtig hässlich.

Ein beliebtes Thema, das jetzt „aufgewärmt“ wird ist die Geschwisterrivalitäten, unfaire Elternpräferenzen oder die Machtverhältnisse in der Familie. Das geliebte und ungeliebte Kind streiten sich, Geschenke werden vergleichen, Liebe- und Treuebekenntnisse werden aufgewogen. Jedes Wort wird auf die Goldwaage gelegt. Versteckte Anerkennung oder Missbilligung werden aufgedeckt. Durch die Geschenke bekommt die Zuneigung einen monetären Wert. Aber nicht nur die Wertigkeit zählt, sondern das Kennen der Wünsche und Vorlieben.

Die Zeit der Umbrüche

Weihnachten ist die Zeit der Umbrüche und Veränderungen: Krankheitsausbrüche und Schübe finden pünktlich zu Weihnachten statt. Einige Paare trennen sich kurz davor um sich die unerträgliche Glücklichsein-Schauspielerei zu ersparen. Unternehmen entlassen ihre Mitarbeiter gerne am letzten Arbeitstag vor Weihnachten. So wissen diese nicht, wie es für sie im nächsten Jahr weiter geht und „feiern“ mit der Ungewissheit.

Es ist symbolträchtig, dass das Familienfest schlechthin auf die dunkelste Zeit des Jahres fällt. So wird auch das Dunkle in jeder Familie belebt. Besonders, wenn es ansonsten stark unterdrückt wird. Doch wie dieses Fest nah der Wintersonnenwende liegt und die Tage von nun an wieder länger werden, so wenden wir uns auch bald wieder den hellen Seiten des Lebens, wenn wir dem Dunklen einmal Luft gemacht haben.

Am Heiligabend vormittags trifft man draußen oft auf Männer, die mit langen Gesichtern alleine spazieren gehen, um ihren Harmonie besessenen Ehefrauen zu entfliehen. Ich kann sie gut verstehen.

„I’m coming home for Christmas, if only in my dreams“ – spielt in meinem Kopf. Nur im Traum wird wohl meine Familie so sein, wie ich sie mir wünsche.