Persönlichkeitsverlust im Wochenbett. Und was wir dafür für die neue Weltordnung gewinnen.

Persönlichkeitsverlust im Wochenbett. Und was wir dafür für die neue Weltordnung gewinnen.

Persönliches Wachstum

Nachdem die Wucht der Geburt abgeebbt ist, sind wir mit einer neuen Situation konfrontiert: aus Eins wurden Zwei. So endgültig und greifbar wie es im Körper geschehen ist, ist es in der Seele aber noch nicht. Die seelische Verwandlung von Eins- zum Zwei-sein geschieht nicht sofort sondern erstreckt sich über die Zeit. Seelisch gesehen sind wir noch lange nicht da, wo der Körper auf einen Schlag schon ist. Jetzt bin ich Mama und nicht mehr die Alte. Aber was für eine Person bin ich jetzt?

Persönlichkeitsverlust

Was uns nach der Geburt zu schaffen macht, ist der Persönlichkeitsverlust. Unser altes Ich fällt in sich zusammen, das Neue muss sich erst formen. Es braucht Zeit. Bis dahin entsteht ein Vakuum, Chaos und das Gefühl der inneren Leere. Wir können nicht mehr mit Sicherheit sagen, wer wir sind, denn das, womit wir uns bis zur Geburt identifiziert hatten, fällt auf einen Schlag weg: das Berufsleben, sozialen Kontakte, Hobbys, das Ausgehen oder Reisen. All diese Dinge waren bis dato die Quelle des positiven Selbstwertgefühls und bescherten uns Anerkennung: brillant im Beruf, beliebt bei den Freunden, bewundert im sozialen Umfeld. Was ist jetzt mit unserem Glanz geschehen? Jetzt, wenn diese Ego-Booster in den Hintergrund treten, fällt uns ihre stützende Kraft erst auf. Abgeschnitten von der Außenwelt, eingeschlossen in unseren vier Wänden, erleiden wir einen harten Entzug. Das Leben da draußen – in der Gesellschaft – zieht an uns vorbei wie im Film und fehlt uns enorm.

Die zerrende Einsamkeit breitet sich im Alltag aus. Das besagte „Dorf“ der Unterstützung fehlt, denn wir leben in Großstädten, entfernt von unseren Herkunftsfamilien (auch das nicht ohne Grund). Wir bekommen kaum Hilfe im Alltag. Der Lebenspartner arbeitet lange und kommt nach Hause spät. Freunde besuchen uns immer seltener, da wir für ihre „erwachsenen“ Themen kein offenes Ohr mehr haben. Auch wir finden sie im Gegenzug plötzlich oberflächlich. Wir schwingen nicht mehr auf der gleichen Wellenlänge, zwischen uns ist eine tiefe Kluft entstanden.

Unser vermeintlicher Erfahrungsschatz, den wir uns durch Studieren und das Berufsleben mühsam erarbeitet hatten, erscheint lächerlich nutzlos angesichts des kleinen Wesens in unserem Arm, das untröstlich weint. Am Abend verschlimmert sich die Situation. Wir sehen der Nacht panisch entgegen und wissen nicht, woran wir uns noch halten können. Kontrollverlust, Hilfslosigkeit, Überforderung, Verzweiflung verschlimmern den Teufelskreis.

Die männlich geprägte Außenwelt

Je stärker wir uns bis zur Geburt mit der Außenwelt identifiziert hatten umso krasser erleiden wir ihr plötzliches Verschwinden. Wir sehnen uns danach, wieder zu der Außenwelt zurückzukehren, schick und schlank auszusehen, geregelten Tagesablauf zu führen, intelligent und fähig zu sein, etwas zu tun, was uns gut gelingt und die Anerkennung dafür zu bekommen. Das Leben in den Tag hinein mit einem kleinen Wesen zusammen, das sich (auf die erwachsene Art und Weise) nicht verständigen kann, laugt uns aus. Am Ende des Tages sind wir geschafft, dabei sehen wir nicht mal sichtbare Ergebnisse unserer „Arbeit“ und können uns dem Feierabend nicht entgegen freuen, denn in der Nacht geht ja die „Schicht“ weiter.

Manche von uns flüchten zurück ins Berufsleben, merken aber schnell, dass sie sich in der männlich dominierten Arbeitswelt plötzlich fehl am Platz fühlen. Die Rückkehr zur Arbeit schien nur eine Erlösung zu sein. Bei der Rückkehr aus der Babypause spüren wir aber, dass wir nicht mehr voll und ganz hierhin gehören. Etwas hat sich in unserem Inneren verändert. Meetings erscheinen uns plötzlich sinnlos, die Aufgaben redundant, Kollegen oberflächlich, Themen unwichtig, während es zuhause einen kleinen Menschen gibt, der uns wirklich, wirklich, wirklich braucht. Was gibt es Wichtigeres, als jetzt bei ihm zu sein? Ein Teil unserer Seele ist zuhause geblieben, bei unserem Baby. Das unsichtbare Band zwischen uns lässt nicht los und zieht uns zurück.

Am Arbeitsplatz erwartet man von uns, dass wir uns wieder in die aktive Arbeitswelt einfügen und wie bisher funktionieren, dass wir unseren Intellekt einsetzen, Ideen haben und energievoll an ihrer Umsetzung arbeiten, dass wir nicht emotional wirken oder womöglich „verändert“. Nein, wir müssen so tun, als wäre nichts Bedeutendes in unserem Leben geschehen, wie nach einem Kurzurlaub. Aber wir sind nicht mehr die Alten, ganz und gar nicht, als hätten wir die dunkle Seite des Mondes gesehen, während alle nur von der hellen Seite sprechen. Wir wissen, dass es sie gibt und können nicht länger so tun, als wüssten wir von nichts.

Es fällt uns auf, wie einseitig unsere Gesellschaft tickt. Sie ist auf die maskuline Energie gepolt – auf das aktive Tun, Durchsetzen und Beherrschen. Hier gewinnt der Stärkere, der Dominantere. Man kumuliert die Macht und das Geld. Die „Schwachen“ müssen sich fügen. Alles weicht diesem einen Ziel – der Macht. Der Kampf um die Gleichberechtigung hat uns eingeredet, dass wir auch so funktionieren müssen. Aber wir wollen niemanden dominieren, niemanden ausbeuten oder auf Kosten anderer Vorteile ergattern.

Die weibliche Energie im Wochenbett

Im Wochenbett öffnet sich uns völlig andere Welt – die Welt der weiblichen Energie: Hier gibt es nicht nur schwarz oder weiß, viel mehr erklingen nun die Zwischentöne und erstrahlen gedämpfte Farben. Es zählen keine Ziele und Ergebnisse, sondern allein das Zusammensein. Die Mutter fühlt sich ohne das Baby unvollständig und das Baby fühlt sich ohne die Mutter haltlos, wie im freien Fall. Hier geht es nicht ums Dominieren sondern um die Verbindung. Die Relikte der männlichen Welt – wie der Ehrgeiz, Zielstrebigkeit, Aktivsein, rationales Denken oder Individualismus – sind in Wochenbett sinnlos, nutzlos und störend. Wenn wir unsere Persönlichkeit auf diesen Relikten aufgebaut hatten, bricht sie im Wochenbett wie ein wackeliges Kartenhaus in sich zusammen und eine brillante Businessfrau ertrinkt im halben Glass Wasser angesichts des weinenden Babys, das sie nicht beruhigt bekommt.

Spätestens jetzt ist es an der Zeit, die andere – die weibliche – Energie in uns aufkommen zu lassen, in das Dunkle einzutauchen, die Zwischentöne wahrzunehmen, das Irrationale gelten zu lassen, Gefühle als real und berechtigt zu akzeptieren, uns vom Baby betören zu lassen, weicher, sanfter und leiser zu werden, uns zu öffnen, uns hinzugeben, halten, wiegen, anschmiegen, schnuppern, berühren, verschmelzen, weinen, lieben.

Womit wir vor der Geburt nicht gerechnet hatten, ist, dass wir uns nach der Geburt von der rationalen Welt da draußen für eine Weile verabschieden werden müssen und in eine andere Welt abtauchen werden. Im Wochenbett ist die „Zivilisation“ nebensächlich, dafür umso mehr das Innenleben, Gefühle und die Verbindung. Jetzt sind wir den Katzen, Hündinnen oder Löwinnen ähnlicher als unseren Ex-Kolleginnen. Das „Muttertier“ ist weich, sensibel, zuhörend und beschützend. Das Wochenbett sind tiefe Gewässer – dunkel und berauschend, wenn alles fließt: der Wochenfluss, die Milch und die Tränen. Wir schämen uns vielleicht dafür, so „unzivilisiert“ zu erscheinen, aber es gibt keinen Grund für Scham. Im Gegenteil – es ist ein Gewinn: Endlich haben wir ein Teil von uns zurückerobert, das lange verborgen war – unsere weibliche, feminine Energie, sie ist subtil, tiefsinnig, emotional, fließend, weich, nährend, sorgend, schützend, behütend, gebend, altruistisch, liebevoll. Hier zählt keine sichtbare Ergebnisse am Ende des Tages sondern das süße Gurgeln des zufriedenen Babys, ein Hauch vom Lächeln in seinem Gesicht und der betörende Duft seiner Haut. Nicht sich Durchsetzen und Gewinnen, sondern Nachgeben, Hingeben, sich öffnen, für einander da sein – eine völlig neue Sicht der Dinge, nicht wahr? 

Im ersten Lebensjahr nährt sich das Baby vor allem der weiblichen Energie, nicht der männlichen. Daher, je weicher und sanfter wir im Wochenbett werden, desto wohler fühlt sich unser Baby mit uns. Dagegen, wenn wir in der männlichen Energie verharren, entfacht sich ein Kampf zwischen uns und dem Baby. 

Das Innenleben kommt hervor.

Jetzt, wo die äußere Welt in den Hintergrund tritt, drückt sich das Innenleben in den Vordergrund. Wir erfahren so viel über uns selbst, wenn wir die Gelegenheit ergreifen, dem verlockenden Ruf der tiefen Gewässer nachzugeben und in sie abzutauchen. Die Geburt hat die Eigenschaft, die Seele der Mutter zu öffnen und all das Verborgene, Vergessene, Verdrängte oder als unwichtig Abgetane, wieder an die Oberfläche zu ziehen. Wenn wir hinschauen, verstehen wir, woher wir kommen und was uns geformt hat. Auch die Wunden und Verletzungen gehören zu uns, es sind unsere Spuren und Narben, die uns zu dem machen, wer wir heute sind. Und das fühlt sich stimmiger und echter an, als all der Glanz der alten Tage. Er war mehr Schein als sein.

Gewinn durch das Wochenbett.

Gerade in der männlich geprägten Welt des Patriarchats, in der wir leben, gehen wir unbewusst davon aus, dass nur die männliche Energie ihre Existenzberechtigung hat und gesellschaftlich akzeptabel ist. Aber genau dieser Irrglaube ist der Nährboden des Patriarchats. Es gibt nicht nur die Sonne und das Licht, sondern auch den Mond und den Schatten, nicht nur das aktive Tun, sondern das passive Dasein, nicht nur das rationale Denken, sondern die Intuition und die Gefühle, nicht nur der Individualismus, sondern die Solidarität, nicht nur das eigene Wohl, sondern das Wohl des anderen, nicht das Durchsetzen, sondern das Zusammensein. 

Ja, wir haben im Wochenbett so manchen Stuck der Fassade abbröseln sehen dafür unser Fundament gestärkt. Wir spüren jetzt deutlicher, was wirklich zählt und lassen uns auf keine Kleinkriege des Egos mehr ein. Wir stehen drüber und merken schnell, welche Menschen ihr Leiden vertuschen und sich auf Kosten anderer besser fühlen wollen.

Wir entwickeln Solidarität unter Frauen, die uns enorm stärkt. Wir haben keine Angst mehr vor unseren Gefühlen, weil wir wissen, dass sie unsere zuverlässigen Leiter sind zu dem, was wirklich zählt. Und das Leben, erscheint so viel reicher und mit mehr Sinn erfüllt, dass die alte „verlorene“ Persönlichkeit ruhig da bleiben kann, wo sie war – im alten Leben.

Dieser Gewinn geschieht nicht automatisch und wir verschenken ihn, wenn wir uns im Wochenbett dafür entscheiden, die neu aufgeblühte Welt zu ignorieren, sie zu verschmälern oder alles auf Hormone abzuschieben. Dann verschwindet diese wunderbare Welt im nu und unser Baby bleibt alleine, auch in unserem Beisein. Wenn man die Kraft und die Mut aufbringt, die Unterstützung und den Zuspruch der Angehörigen genießt, geht man gestärkt und verändert aus dem Wochenbett hervor. Was früher wichtig war, relativiert sich, Prioritäten verschieben sich. Wie vorher sein zu wollen, heißt nur auf einem Bein weiter zu laufen. 

Wenn wir die Welt verändern und das Patriarchat verabschieden wollen, dann müssen wir auf die subtile Musik des Wochenbetts hören. Sie zeigt uns, wie es anders gehen kann – liebevoller, geduldiger, emotionaler und solidarischer.

Im Wochenbett lernen wir, dass man Dinge nicht immer durch aktives Tun lösen muss, sondern manchmal mit dem einfachen für-einander-da-sein; dass die Verbindung unsichtbar ist aber enorme Kraft besitzt; dass die Kommunikation nicht immer Worte braucht und telepathisch sein kann; dass die Kraft des weiblichen Körpers enorm ist; dass es Kräfte jenseits des Sichtbaren und Messbaren gibt, die aber nicht weniger real sind; dass die Liebe und der Schmerz sich nicht gegenseitig ausschließen; dass wir genau so geliebt werden, wie wir sind –  nicht perfekt, gemessen an den Schönheitsidealen, und absolut vollkommen in den Augen des kleinen Menschen in unserem Arm. 

Im Kampf um die Gleichberechtigung verlieren wir oft den Fokus und glauben, das Patriarchat mit gleichen Mitteln schlagen zu müssen. Dabei müssen nicht die Frauen männlicher werden, sondern die Welt insgesamt – weiblicher. Erst dann ist Patriarchat passé und mit ihm die Ausbeutung der Erde. Das Wochenbett macht uns ein Geschenkt, indem es zeigt, wie das geht.

Inga Erchova ist Dipl.-Psychologin, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Autorin und dreifache Mutter. Erfahre mehr über sie und ihre Arbeitsweise…

Jede Mutter kann glücklich sein

Psychotherapie am Telefon oder über Skype

Nicht immer müssen wir mit dem Therapeuten im gleichen Raum sein. Das Telefon bietet den Vorteil, dass man in vertrauter Umgebung eigener vier Wände bleibt und sich dadurch besser öffnen kann. Bei einer Sitzung über Skype vergisst man oft die räumliche Distanz und einige Zeitzonen Zeitunterschied.

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Meine persönliche Geschichte der Schöpfung. Warum sind wir hier? (Teil 1 von 3)

– Mama, wie sind die Menschen entstanden?

Tja, die Fragen unserer Kinder erwischen uns manchmal wie ein Schauerregen.

– Hm, mal überlegen. Die einen sagen, der Gott hat sie nach eigenem Vorbild erschaffen und dann gibt es noch den Herrn Darwin, und er sagt, sie stammen vom Affen ab.

– Und was glaubst du?

Ups, jetzt muss ich mich bekennen und überlege.

Ok, dann verrate ich dir (und euch allen in der Welt) meine ganz persönliche Theorie darüber, wie der Mensch entstanden ist. Die Anregung kam von einem Kinderbuch, das wie mir scheint, eher die naturwissenschaftliche Ansicht der Dinge vermitteln wollte. Aber nur auf den ersten, oberflächlichen Blick.

Es ist das Buch vom klugen Fisch aus der Urzeit, der sehr neugierig war und ans Land gehen wollte, der Pionier sozusagen. Er hat ein Experiment gewagt und sich Füße gebastelt und ist mit ihnen ans Land gegangen. Seine Nachfolger haben die Idee vom Gehen verinnerlicht und ihnen sind letztendlich statt Flossen Füße gewachsen. Von diesen „Landfischen“ sind dann alle anderen Arten entstanden, inklusive der Säugetiere und des Menschen, so das Buch.

Eine Evolution also? Eine Entwicklung, ja! Aber, die entscheidende Frage ist doch, warum die Entwicklung ausgerechnet diese Richtung angenommen hat? Laut Darwin haben Lebewesen ständig aus Zufall mutiert und die glücklich mutierten, konnten sich besser anpassen und haben besser überlebt. Das Wort Zufall hat mich darin aber schon immer gestört. Zufall klingt so Sinn entleert, oder nicht? Zu-Fall! Was fällt uns zu, und warum?

– Warum sind dem klugen Fisch (oder seinen Nachfolgern) die Füße gewachsen?, – frage ich meine Tochter.

– Na, weil er das wollte, – völlig selbstverständlich antwortet sie.

Und das ist der entscheidende Punkt: Weil er das wollte! Der Wunsch, oder besser gesagt, das Bewusstsein war die treibende Kraft dieser Verwandlung. Es fällt uns also das zu, was wir uns wünschen. Das Bewusstsein, das eine Richtung anstrebt, bringt schließlich die Materie dorthin und manifestiert sich in Tatsachen. Daraus schließe ich, dass jemand wollte, dass es Säugetiere und den Menschen und dich und mich gibt, sonst wären wir nicht da. Aber wer war das??? War das etwa der Gott himself? Ich weiß nicht, wer Gott ist und die Gestalt eines alten Mannes mit Bart irritiert mich. Ich mag das Wort Universum viel lieber. Das Universum mit seinem universalen Bewusstsein, das alles durchdringt, klingt für mich angenehm.

Dieses Bewusstsein tragen wir in uns, und so erwünschen und erträumen wir unsere eigene Realität zustande, in der wir leben. Alles was wir um uns herum sehen ist die Verlängerung und die Spiegelung unserer inneren Welt. Und wenn dir dein Leben eher wie ein komischer Zufall vorkommt, so frag dich, warum dir das alles zu-fällt?

Daher ist meine Antwort auf die Frage meiner Tochter weder das eine noch das andere. Es ist viel mehr die Kombination aus beidem: Ja, es war eine Evolution, aber mit einer sehr bestimmten Richtung. Die Richtung der evolutionären Entwicklung ist ein immer höherer Bewusstseinsgrad.

Aber sind wir Menschen nun wirklich die Krönung der Schöpfung? Puh, das ist ein ganz anderes Thema.

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Im zweiten Teil meiner persönlichen Geschichte der Schöpfung lest ihr über das Sterben, und zwar auf eine Art und Weise, wie ihr vielleicht noch nicht über dieses Thema gelesen habt.

Die Reise zu den Wurzeln.

Wir habe es getan – drei Wochen lang habe ich mit meinen drei Kindern Russland bereist. Vier Städte haben wir besucht: Kazan und Joschkar-Ola an der Wolga, danach Moskau und St. Petersburg. Wir sind mit Booten und Schlafzügen gefahren, unbekannte private Mitfahrt für 300 km in Anspruch genommen, mit schweren Koffern mit der U-Bahn gefahren, die Wolga und Leninstatuen gesehen, Kunstgalerien, königliche Residenzen und einfache private Ein-Zimmer-Wohnungen besucht. Bunter könnte es kaum gewesen sein.

Zugegeben, im Züge der Reisevorbereitung hatte ich weiche Knie: Ob alle Schnittstellen und Überfahrten klappen werden, ob ich mich mit dem Geld nicht verkalkuliert habe und natürlich, wie meine Kinder das unbekannte Land erleben werden? Sie waren noch nie vorher in Russland und hatten noch nie ihre russischen Großeltern und die Tante live erlebt (durch Skype natürlich schon). Sie sprechen kein Russisch und waren „Ausländer“ in meinem Herkunftsland.

Ich war auch aufgeregt, nach elf Jahren meine Eltern wieder zu sehen. Wir hatten früher kein einfaches Verhältnis (nicht umsonst zieht man ja Tausende Kilometer von seiner Herkunftsfamilie weg) und ich hatte die Sorge, ob die alten Themen nicht wie eine Wand wieder zwischen uns wachsen werden. Doch die Begegnung und die gemeinsamen Tage verliefen in gelöster und guter Stimmung. Meine Kinder hatten keine Berührungsängste mit ihrer bisher unbekannten Verwandtschaft. Die Sprachbarriere stellte kein so großes Problem dar, besonders mit der dreijährigen russischen Nichte. Ich habe meine Kinder aufgeschlossen für Neues erlebt.

Uns so ist das Reisen – man verlässt sein gewohntes Umfeld und schaut über den Tellerrand hinaus. Zurück in unsere überschaubare Kleinstadt kamen wir ein wenig verändert, bereichert und ein ganzes Stück gereift. Nun kann uns der Alltag wieder einholen.

Ein neues Hobby für die Mama.

Hallo Ihr Lieben, long time no see? Wurdet ihr schon mal von einer Sache, ob Hobby oder ein spannendes Projekt, so richtig mitgerissen? So dass ihr am liebsten nichts anderes mehr tun wolltet? Ich erlebe es gerade mit meinem neuen Hobby – Tango tanzen. Völlig überraschend für mich selbst wurde ich in den Wirbel dieses Tanzes mitgerissen und wie es in der Tangoszene so schön heißt – mit dem Tangovirus infiziert.

Nun, geschieht uns natürlich nichts aus heiterem Himmel, sondern wird uns vom Universum geschickt, oder besser gesagt zugestellt, auf unsere Bestellung versteht sich.

Das Leben mit kleinen Kindern zentriert uns in den eigenen vier Wänden. Jetzt spielt sich hier der Alltag ab im Gegensatz zu früher, also bevor wir Mütter geworden sind, wenn wir zuhause nur zum Schlafen auftauchten. Das Leben zuhause funktioniert anders als in der Außenwelt. Das Zuhause ist ein abgestecktes Feld, überschaubar und vorhersehbar. Hier gestalten wir das Leben nach eigenem Belieben. Hier gibt es keine Konkurrenz, kein Beweisen der eigenen Stärken und keine so großen Erwartungen an uns. Es kann sehr wohltuend erlebt werden, nach all den Jahren im beruflichen Umfeld, das Leben ganz nach eigenen Vorstellungen gestalten zu können und sich nicht ständig unter Beweis stellen zu müssen. Den ganzen Tag in Pyjamas verbringen – kein Problem.

Soweit so gut, nur wachsen Kinder ja, sie werden größer und brauchen uns… ja auch noch, aber auf eine andere Art und Weise und auch nicht die ganze Zeit. Plötzlich bekommen wir wieder die Möglichkeit, aus unseren vier Wänden auszubrechen und uns für das Leben da draußen zu interessieren. Oder doch noch ein weiteres Kind zulegen? 😉 Ja, die Welt steht nicht still und hat sich in der Zeit, wenn wir zuhause waren, weiter gedreht. Das macht uns natürlich auch Angst: Finden wir uns wieder zurecht? Haben wir den Anschluss noch nicht verpasst?

Bitte verzeiht mir den Vergleich, aber ich glaube die Häftlinge werden aus ähnlichen Beweggründen kurz nach der Freilassung zu Wiederholungstätern, um zu den gewohnten, überschaubaren Leben im Gefängnis zurückzukehren. Die Freiheit scheint ihnen die größere Strafe zu sein als deren Entzug. Das Leben mit kleinen Kindern ist natürlich kein Gefängnis, aber es ist ungesund, darin stecken zu bleiben. Es kann dazu führen, dass wir Kinder für die eigene Verwirklichung benutzen und sie in ihrer eigenen Entwicklung beschneiden. Und was kann uns besser helfen, wieder in die große weite Welt zurückzukehren als nicht die spannenden Hobbies, fordernde Projekte oder völlig neue berufliche Perspektiven. Nicht selten machen sich junge Mütter nach der Babypause selbstständig und verwirklichen sich auf eine neue Art und Weise, die ihrem inneren Wesen viel besser entspricht als der alte Job.

Daher bin ich so glücklich über mein neues Hobby – Tango, das, wie ich mir gut vorstellen kann, eines Tages mehr als nur ein Hobby werden kann. Ich komme wieder raus, treffe neue Leute, lasse mich von den betörenden Tönen des Tangos verführen und in den Wirbel der Drehungen mitziehen. Die Welt da draußen hat mich wieder und meine Kinder sehen mich nicht nur ungekämmt in Pyjamas durch die Wohnung latschen, sondern hübsch gemacht, inspiriert und auf der Suche nach eigener Mitte.

Wenn uns die negativen Gefühle der Kinder stören.

Neulich war ich zufällig Zeugin, wie eine Tochter ihrer Mutter ihre Zeichnung präsentierte, und die Mutter sagte dann: „Oh, warum guckt er so traurig? Lass mich die Mundwinkel schnell nach oben ziehen. So, jetzt sieht er fröhlich aus. Wie schön.“

Ich konnte richtig spüren, wie unerträglich es für die Mutter war, eine traurige Gestalt auf der Zeichnung ihrer Tochter zu sehen, umso schneller hat sie diese wieder aus der Welt geschaffen und war sichtlich erleichtert.

Für mich fühlte es sich wie ein Verlust an, wie gerne hätte ich gewusst, was hinter der traurigen Gestalt steckte: Wer war sie? Was hat sie erlebt? Und warum war sie traurig? Man hätte so viel erfahren können über die Fantasie des Kindes aber auch über sein Innenleben, denn die Zeichnungen sind gute Projektionsfläche für Gefühle: Freuden, Ängste oder Sorgen, die das Kind durchmacht und bewältigt. Diese Gefühle sichtbar zu machen hilft Kindern, mit ihnen fertig zu werden.

Leider war mit einem Stichzug all diese Information weggefegt. Was hat das Mädchen aus der Situation gelernt? Vermutlich, dass die Traurigkeit nicht gern gesehen wird, dass man sie besser versteckt oder überspielt, dass ihre Gefühle und Regungen keine Beachtung verdienen, stattdessen dass das fröhliche Erscheinungsbild zählt. Sie wird mit der Zeit verlernen, ihre Gefühle wahrzunehmen und ihnen Beachtung zu schenken. Wenn sie später die Traurigkeit verspürt, wird sie diese eher verdrängen. Doch diese Traurigkeit wird nicht verschwinden, sondern landet im seelischen Schatten – diesem blinden Fleck der Seele, der für uns unbewusst bleibt.

Übertreibe ich nicht? Ist es wirklich so dramatisch? Ich befürchte ja, denn ihre Mama, wie auch viele von uns, lebt es ja bereits vor. Statt hinzusehen, schauen wir lieber weg oder beschönigen. Eine Vogel-Strauß-Strategie: Wenn man die Traurigkeit nicht sieht, dann ist sie anscheinend nicht da. Auch hier ist so viel Information verloren gegangen. Wir könnten uns fragen, warum für uns die Traurigkeit so unerträglich ist? Mussten wir sie auch als Kind schon verstecken? Mussten wir unsere Mama mit stets fröhlichem Gesicht glücklich machen?

Eins ist sicher – wenn man als Kind seine Traurigkeit verstecken musste und sie nicht mit den Eltern teilen durfte, um Trost zu bekommen, dann war man mit seiner Traurigkeit allein. Und das ist das wahre Drama – mit seinen schwierigen Gefühlen alleine fertigwerden zu müssen, schon als Kind, das ist wirklich schwer.

Mein Erlebnis mit den beiden hat keine 5 Sekunden gedauert. Doch ich sah den ganzen restlichen Film dazu. Ich sah, wie auch diese heute erwachsene Frau ihre Gefühle als Kind nicht äußern durfte und alleine mit ihnen fertigwerden musste, ihre Verzweiflung und Not. Daher war das traurige Gesicht auf der Zeichnung der Tochter für sie heute so unerträglich. Es erinnerte sie unbewusst daran, wie schwer es für sie früher war, mit Gefühlen alleingelassen zu werden.

Ist sie deswegen heute eine schlechte Mutter? Nein, aber sie ist wenig bewusst über die Verletzungen ihrer eigenen Kindheit und kann daher ihrer Tochter kaum helfen ein feinfühliger und bewusster Mensch zu werden. Das kann ihre Tochter später als erwachsener Mensch nachholen, wie wir alle auch, wenn wir uns alten Verletzungen stellen. Danach werden alle Gefühle plötzlich berechtigt, richtig und erlaubt, ganz ohne Retusche. Schauen wir also lieber hin, statt weg.