Wir haben noch nicht gelitten.

Wir erleben gerade einen Ausnahmezustand – eine Krise – sagt man. Und wir fragen uns, wie unser Leben nach der Krise wohl aussehen wird? 

Ich habe bereits eine schwere gesellschaftliche Krise hautnah erlebt – den Zusammenbruch des sozialistischen Systems. Ich bin in Russland aufgewachsen und diese Erfahrung ist mir noch sehr präsent, dazu erzähle ich gleich mehr. Aber was ist eine Krise eigentlich? Und wie kommen wir aus ihr wieder raus? Können wir danach das alte Leben wieder aufnehmen? Ich wage hier eine Prognose.

Eine Krise erleben wir dann, wenn es nicht mehr so weitergehen kann wie bisher, weil es schlicht unmöglich ist. Eine alte Struktur trägt nicht mehr und fällt in sich zusammen. Es entsteht ein Vakuum und die Notwendigkeit einer neuen Struktur, die nun auf den Trümmern der alten entstehen kann. 

Eine Krise ist nicht unbedingt etwas Negatives, es ist einfach ein Entwicklungssprung. Wenn sich eine Entwicklung nicht länger linear und graduell vollziehen kann, geschieht ein sprunghafter Übergang zu einem neuen qualitativen Zustand. 

Hier ist ein Beispiel einer sehr gewöhnlichen Krise: Ein Küken schlüpft aus dem Ei. Sein gleichmäßiges Wachsen und Reifen im Ei kommt zum Ende und somit auch sein behütetes Leben im Inneren des Eis. Der Küken ist soweit gewachsen, dass er im Ei nicht länger bleiben kann. Er bricht aus dem Ei heraus und ein neues Leben außerhalb des Eis beginnt. Der Küken ist schlagartig mit einer neuen, sehr anderen Realität konfrontiert und muss neue Verhaltensweisen lernen, um sein Überleben zu sichern, wie z.B. die Mutter auf seinen Hunger eindringlich erinnern. Und das ist erst mal anstrengend, kritisch, neu. Und hier sind wir bei dem entscheidenden Punkt – eine Krise beinhaltet immer gewisses, oft sogar sehr großes Leiden. Leidensdruck ist unumgänglich, weil er der Motor der Veränderung ist. Wer nicht leidet, tut keinen Finger krumm. Auch für die Menschenkinder ist die Geburt eine große Krise: Plötzlich muss man atmen, saugen, verdauen und auf seine Bedürfnisse lautstark aufmerksam machen. Die bequeme Versorgung durch die Nabelschnur ist passé, der Wasserraum wechselt schlagartig zum Luftraum, die Anwesenheit der Mutter wird unterbrochen. Das alles ist eine große Umstellung, wenn nicht zu sagen ein Schock. Davon, wie gut wir die neuen Verhaltensweisen beherrschen, hängt unser Überleben ab. Die Not ist existenziell, es geht um das Leben und Tod. Der Leidensdruck ist der Schlüssel zum Überwinden einer Krise. Ohne ihn sind es nur lästige Umstände und bewirken noch lange keine Veränderung.

Nun erleben wir unsere aktuelle Situation als kritisch und trotz der Anspannung sind euphorische Stimmen nicht zu überhören: Die Luft wird sauberer, Fische schwimmen in Venedigs Kanälen, die Menschen singen zusammen auf dem Balkon, usw. Sind wir also in der schönen neuen Welt bereits angekommen, wie Matthias Horx in seinem aktuellen Text behauptet? 

Ich sage: Nein, noch lange nicht. Das große Leiden steht und noch bevor, wenn die wirtschaftlichen Strukturen ins Schwanken kommen. Denn der Geldfluss ist bereits zum Stocken gekommen – das Blut unseres Wirtschaftssystems. Durch den gedrosselten Geldfluss droht uns wirtschaftlicher Infarkt. Noch tragen uns die vorhandenen Geldreserven wie die Nabelschnur nach der Geburt das restliche Blut noch eine Weile auspulsiert, doch diese Reserven sind nicht unendlich.

Ich erinnere mich an die Perestroika-Zeit in Russland Ende der 80 Jahre. Die Schraube des sozialistischen Systems war so stark zugedreht, dass sie überdrehte. Es ging ein Ventil auf. Freedom of speach bescherte uns die nie zuvor erlebte Freiheit der Meinungsäußerung. Wir sprachen uns den angestauten Frust frei von der Brust. Die Parlamentsdebatten waren das Spannendste, was man im Fernsehen sehen konnte. „Wind of change“ von Skorpions war unsere Hymne. Die Euphorie trug uns noch einige Jahre wie eine Welle den Surfer und wir kamen uns dabei verdammt cool vor. Doch es änderte sich zunächst nur das Gefühl, aber nicht unsere Lebensweise und nicht die Versorgungskette. Die alte Planwirtschaft lief träge wie bisher und mit ihr unsere passive Mentalität, dass der Staat uns schon versorgt. Perestroika bedeutet auf russisch der große Umbau und er stand uns noch bevor. Anfang der 90er Jahre brach das gesamte Wirtschaftssystem zusammen. Es kam die Rationierung der Lebensmittel. Wir bekamen jeden Monat Essenskarten auf die einfachsten Lebensmittel wie Mehl, Brot, Milch oder Zigaretten. Das waren düstere, depressive Zeiten, zugleich aber waren sie die Geburtsstunde der freien Marktwirtschaft, des Unternehmertums, der Kreativität und schließlich des neuen heutigen Russlands. „Das Schwierigste nach der Wende war für mich, selbst entscheiden zu müssen, was ich will“,- sagte eine Zeitzeugin, – „und es dann in die Tat umzusetzen“. Vom Staat über sich bestimmen zu lassen war zwar öde, aber sehr bequem. Doch die Selbstbestimmung war diese große, lang ersehnte Veränderung, die uns so unter den Nägeln brannte, aber im alten System unmöglich war. 

Eine Krise ist, wenn es nicht mehr so weitergehen kann wie bisher. Ist es bei uns gerade schon soweit? Ich glaube, dass wir eher noch warten, bis wir das Zuhause endlich verlassen dürfen und das alte Leben wieder aufnehmen. Eine Pause ist es auf jeden Fall, eine Verschnaufpause vom Hamsterrad, aber noch keine Krise. Es ist der erste Riss im Ei und der erste Luftzug von draußen, der etwas Neues verheißt. Wir spüren noch keine zwingende Notwendigkeit der Veränderung, auch wenn wir es vom Verstand aus für nötig halten. Erst wenn wir in der neuen Welt mühsam lernen müssen uns zu bewegen und uns auf eine neue Art und Weise zu versorgen, wird daraus eine Krise.  Wir haben noch nicht gelitten, nicht genug. Es war noch nicht existenziell, noch nicht. Die aktuelle „Krise“ ist nur der Vorbote einer viel größeren, tiefergehenden Krise, die, wenn wir Glück haben, uns grundlegend verändern wird, uns als Gattung homo sapiens.

Wenn die Liebe das Licht des Universums ist, wie Albert Einstein im Brief an seine Tochter schriebt, so ist das Leiden – die dunkle Materie des Universums, die zwar unsichtbar aber ungleich gewichtiger ist. Die wahre Währung dieser Welt ist nicht das Geld, sondern das Leiden. Die Veränderung zum Besseren wird uns nicht geschenkt, sondern muss mit Leiden erkämpft werden. Stellen wir uns besser darauf ein.

Endlich ist nichts mehr wie es war.

Den Warnschuss haben wir alle gehört. Ich hoffe, es muss nicht noch schlimmer kommen, damit wir die “Message” wirklich verinnerlicht haben. Ich hoffe auch, dass wir diese Zeit nicht einfach nur aussitzen und warten bis wir so weiter machen können wie bisher, sondern ernst nachdenken und die aktuelle Krise als Chance zur tiefgreifenden Veränderung nutzen.

An dieser Stelle möchte ich die wunderbaren Worte von ©Tanja Draxler mit euch teilen, besser kann ich es nicht sagen. Sie schreibt:
“Es könnte sein, dass in Italiens Häfen die Schiffe für die nächste Zeit brach liegen, … es kann aber auch sein, dass sich Delfine und andere Meereslebewesen endlich ihren natürlichen Lebensraum zurückzuholen dürfen. Delfine werden in Italiens Häfen gesichtet, die Fische schwimmen wieder in Venedigs Kanälen!

Es könnte sein, dass sich Menschen in ihren Häusern und Wohnungen eingesperrt fühlen, … es kann aber auch sein, dass sie endlich wieder miteinander singen, sich gegenseitig helfen und seit langem wieder ein Gemeinschaftsgefühl erleben. Menschen singen miteinander!!! Das berührt mich zutiefst!

Es könnte sein, dass die Einschränkung des Flugverkehrs für viele eine Freiheitsberaubung bedeutet und berufliche Einschränkungen mit sich bringt,… es kann aber auch sein, dass die Erde aufatmet, der Himmel an Farbenkraft gewinnt und Kinder in China zum ersten Mal in ihrem Leben den blauen Himmel erblicken. Sieh dir heute selbst den Himmel an, wie ruhig und blau er geworden ist!

Es könnte sein, dass die Schließung von Kindergärten und Schulen für viele Eltern eine immense Herausforderung bedeutet,…es kann aber auch sein, dass viele Kinder seit langem die Chance bekommen, endlich selbst kreativ zu werden, selbstbestimmter zu handeln und langsamer zu machen. Und auch Eltern ihre Kinder auf einer neuen Ebene kennenlernen dürfen.

Es könnte sein, dass unsere Wirtschaft einen ungeheuren Schaden erleidet,… es kann aber auch sein, dass wir endlich erkennen, was wirklich wichtig ist in unserem Leben und dass ständiges Wachstum eine absurde Idee der Konsumgesellschaft ist. Wir sind zu Marionetten der Wirtschaft geworden. Es wurde Zeit zu spüren, wie wenig wir eigentlich tatsächlich brauchen.

Es könnte sein, dass dich das auf irgendeine Art und Weise überfordert, … es kann aber auch sein, dass du spürst, dass in dieser Krise die Chance für einen längst überfälligen Wandel liegt,
– der die Erde aufatmen lässt,
– die Kinder mit längst vergessenen Werten in Kontakt bringt,
– unsere Gesellschaft enorm entschleunigt,
– die Geburtsstunde für eine neue Form des Miteinanders sein kann,
– der Müllberge zumindest einmal für die nächsten Wochen reduziert,
– und uns zeigt, wie schnell die Erde bereit ist, ihre Regeneration einzuläuten, wenn wir Menschen Rücksicht auf sie nehmen und sie wieder atmen lassen.

Wir werden wachgerüttelt, weil wir nicht bereit waren es selbst zu tun. Denn es geht um unsere Zukunft. Es geht um die Zukunft unserer Kinder!!!”

Embodiment in aller Munde

Je länger ich als Psychotherapeutin arbeite, desto mehr verspüre ich das Bedürfnis, nicht nur die Seele, sondern auch den ganzen Körper der Klienten in den Prozess der Heilung mit einzubeziehen. Denn das Eine existiert nicht ohne das Andere – die Seele und der Körper sind nicht getrennt, sondern nur zwei Seiten eines Ganzen und sind unzertrennlich. Zum Teil gelingt mir das Einbeziehen des Körpers während der Arbeit mit dem „Inneren Kind“. Hier erinnern wir uns an Erfahrungen aus der vorverbalen Zeit. Dank des Zellengedächtnisses unseres Körpers können wir uns zwar nicht an die konkreten Ereignisse erinnern, sehr wohl jedoch an das überdauernde Gefühl in der Zeit, zum Beispiel das Gefühl gebunden oder verlassen zu sein, in Sicherheit zu sein oder permanent bedroht.

Der Körper kann sprechen und tut es eigentlich die ganze Zeit, wir hören bloß wenig zu. Nur wenn es wehtut, bemerken wir unseren Körper und gehen zum Arzt, aber auch er hört wenig darauf, was der Körper uns eigentlich sagen will, sondern verschreibt etwas, was den Körper wieder schnell zum Schweigen bringt – die Symptombehandlung eben.

Die gute Nachricht ist jedoch, dass sich die Sicht der Dinge zunehmend ändert. Das globale Bewusstsein steigt und wir lernen, auf die Signale unseres Körpers zu achten und diese zu lesen. Das gute Beispiel für das steigende Interesse zum Körper unter den Fachmenschen ist die aktuell stattfindende, die erste im russischen Sprachraum Online-Konferenz, die dem Embodiment – also der Körperlichkeit gewidmet ist. Ich fühle mich gesegnet und bin sehr glücklich, dass ich durch meinen mehrsprachigen Hintergrund an dieser Konferenz teilnehmen kann und vom großen Schatz der einsichtsreichen, intelligenten und erfahrenen Fachleute aus unterschiedlichsten Bereichen, die mit dem menschlichen Körper in Kontakt treten, schöpfen kann. Einige Speaker sind aus dem Ausland und sprechen Englisch. Es lohnt sich also der Blick in das Programm, das noch einige Zeit nach dem Schließen der Konferenz in Aufzeichnung verfügbar sein wird.

Und natürlich werde ich schon hoffentlich bald mein professionelles Angebot auf den Körper ausweiten. Angedacht sind z. B. die Tanztherapie (auch als Eltern-Kind-Tanztherapie) und Embodiment-Yoga. Ich werde berichten.

Persönlichkeitsverlust im Wochenbett. Und was wir dafür für die neue Weltordnung gewinnen.

Persönlichkeitsverlust im Wochenbett. Und was wir dafür für die neue Weltordnung gewinnen.

Bewusstsein

Nachdem die Wucht der Geburt abgeebbt ist, sind wir mit einer neuen Situation konfrontiert: aus Eins wurden Zwei. So endgültig und greifbar wie es im Körper geschehen ist, ist es in der Seele aber noch nicht. Die seelische Verwandlung von Eins- zum Zwei-sein geschieht nicht sofort sondern erstreckt sich über die Zeit. Seelisch gesehen sind wir noch lange nicht da, wo der Körper auf einen Schlag schon ist. Jetzt bin ich Mama und nicht mehr die Alte. Aber was für eine Person bin ich jetzt?

Persönlichkeitsverlust

Was uns nach der Geburt zu schaffen macht, ist der Persönlichkeitsverlust. Unser altes Ich fällt in sich zusammen, das Neue muss sich erst formen. Es braucht Zeit. Bis dahin entsteht ein Vakuum, Chaos und das Gefühl der inneren Leere. Wir können nicht mehr mit Sicherheit sagen, wer wir sind, denn das, womit wir uns bis zur Geburt identifiziert hatten, fällt auf einen Schlag weg: das Berufsleben, sozialen Kontakte, Hobbys, das Ausgehen oder Reisen. All diese Dinge waren bis dato die Quelle des positiven Selbstwertgefühls und bescherten uns Anerkennung: brillant im Beruf, beliebt bei den Freunden, bewundert im sozialen Umfeld. Was ist jetzt mit unserem Glanz geschehen? Jetzt, wenn diese Ego-Booster in den Hintergrund treten, fällt uns ihre stützende Kraft erst auf. Abgeschnitten von der Außenwelt, eingeschlossen in unseren vier Wänden, erleiden wir einen harten Entzug. Das Leben da draußen – in der Gesellschaft – zieht an uns vorbei wie im Film und fehlt uns enorm.

Die zerrende Einsamkeit breitet sich im Alltag aus. Das besagte „Dorf“ der Unterstützung fehlt, denn wir leben in Großstädten, entfernt von unseren Herkunftsfamilien (auch das nicht ohne Grund). Wir bekommen kaum Hilfe im Alltag. Der Lebenspartner arbeitet lange und kommt nach Hause spät. Freunde besuchen uns immer seltener, da wir für ihre „erwachsenen“ Themen kein offenes Ohr mehr haben. Auch wir finden sie im Gegenzug plötzlich oberflächlich. Wir schwingen nicht mehr auf der gleichen Wellenlänge, zwischen uns ist eine tiefe Kluft entstanden.

Unser vermeintlicher Erfahrungsschatz, den wir uns durch Studieren und das Berufsleben mühsam erarbeitet hatten, erscheint lächerlich nutzlos angesichts des kleinen Wesens in unserem Arm, das untröstlich weint. Am Abend verschlimmert sich die Situation. Wir sehen der Nacht panisch entgegen und wissen nicht, woran wir uns noch halten können. Kontrollverlust, Hilfslosigkeit, Überforderung, Verzweiflung verschlimmern den Teufelskreis.

Die männlich geprägte Außenwelt

Je stärker wir uns bis zur Geburt mit der Außenwelt identifiziert hatten umso krasser erleiden wir ihr plötzliches Verschwinden. Wir sehnen uns danach, wieder zu der Außenwelt zurückzukehren, schick und schlank auszusehen, geregelten Tagesablauf zu führen, intelligent und fähig zu sein, etwas zu tun, was uns gut gelingt und die Anerkennung dafür zu bekommen. Das Leben in den Tag hinein mit einem kleinen Wesen zusammen, das sich (auf die erwachsene Art und Weise) nicht verständigen kann, laugt uns aus. Am Ende des Tages sind wir geschafft, dabei sehen wir nicht mal sichtbare Ergebnisse unserer „Arbeit“ und können uns dem Feierabend nicht entgegen freuen, denn in der Nacht geht ja die „Schicht“ weiter.

Manche von uns flüchten zurück ins Berufsleben, merken aber schnell, dass sie sich in der männlich dominierten Arbeitswelt plötzlich fehl am Platz fühlen. Die Rückkehr zur Arbeit schien nur eine Erlösung zu sein. Bei der Rückkehr aus der Babypause spüren wir aber, dass wir nicht mehr voll und ganz hierhin gehören. Etwas hat sich in unserem Inneren verändert. Meetings erscheinen uns plötzlich sinnlos, die Aufgaben redundant, Kollegen oberflächlich, Themen unwichtig, während es zuhause einen kleinen Menschen gibt, der uns wirklich, wirklich, wirklich braucht. Was gibt es Wichtigeres, als jetzt bei ihm zu sein? Ein Teil unserer Seele ist zuhause geblieben, bei unserem Baby. Das unsichtbare Band zwischen uns lässt nicht los und zieht uns zurück.

Am Arbeitsplatz erwartet man von uns, dass wir uns wieder in die aktive Arbeitswelt einfügen und wie bisher funktionieren, dass wir unseren Intellekt einsetzen, Ideen haben und energievoll an ihrer Umsetzung arbeiten, dass wir nicht emotional wirken oder womöglich „verändert“. Nein, wir müssen so tun, als wäre nichts Bedeutendes in unserem Leben geschehen, wie nach einem Kurzurlaub. Aber wir sind nicht mehr die Alten, ganz und gar nicht, als hätten wir die dunkle Seite des Mondes gesehen, während alle nur von der hellen Seite sprechen. Wir wissen, dass es sie gibt und können nicht länger so tun, als wüssten wir von nichts.

Es fällt uns auf, wie einseitig unsere Gesellschaft tickt. Sie ist auf die maskuline Energie gepolt – auf das aktive Tun, Durchsetzen und Beherrschen. Hier gewinnt der Stärkere, der Dominantere. Man kumuliert die Macht und das Geld. Die „Schwachen“ müssen sich fügen. Alles weicht diesem einen Ziel – der Macht. Der Kampf um die Gleichberechtigung hat uns eingeredet, dass wir auch so funktionieren müssen. Aber wir wollen niemanden dominieren, niemanden ausbeuten oder auf Kosten anderer Vorteile ergattern.

Die weibliche Energie im Wochenbett

Im Wochenbett öffnet sich uns völlig andere Welt – die Welt der weiblichen Energie: Hier gibt es nicht nur schwarz oder weiß, viel mehr erklingen nun die Zwischentöne und erstrahlen gedämpfte Farben. Es zählen keine Ziele und Ergebnisse, sondern allein das Zusammensein. Die Mutter fühlt sich ohne das Baby unvollständig und das Baby fühlt sich ohne die Mutter haltlos, wie im freien Fall. Hier geht es nicht ums Dominieren sondern um die Verbindung. Die Relikte der männlichen Welt – wie der Ehrgeiz, Zielstrebigkeit, Aktivsein, rationales Denken oder Individualismus – sind in Wochenbett sinnlos, nutzlos und störend. Wenn wir unsere Persönlichkeit auf diesen Relikten aufgebaut hatten, bricht sie im Wochenbett wie ein wackeliges Kartenhaus in sich zusammen und eine brillante Businessfrau ertrinkt im halben Glass Wasser angesichts des weinenden Babys, das sie nicht beruhigt bekommt.

Spätestens jetzt ist es an der Zeit, die andere – die weibliche – Energie in uns aufkommen zu lassen, in das Dunkle einzutauchen, die Zwischentöne wahrzunehmen, das Irrationale gelten zu lassen, Gefühle als real und berechtigt zu akzeptieren, uns vom Baby betören zu lassen, weicher, sanfter und leiser zu werden, uns zu öffnen, uns hinzugeben, halten, wiegen, anschmiegen, schnuppern, berühren, verschmelzen, weinen, lieben.

Womit wir vor der Geburt nicht gerechnet hatten, ist, dass wir uns nach der Geburt von der rationalen Welt da draußen für eine Weile verabschieden werden müssen und in eine andere Welt abtauchen werden. Im Wochenbett ist die „Zivilisation“ nebensächlich, dafür umso mehr das Innenleben, Gefühle und die Verbindung. Jetzt sind wir den Katzen, Hündinnen oder Löwinnen ähnlicher als unseren Ex-Kolleginnen. Das „Muttertier“ ist weich, sensibel, zuhörend und beschützend. Das Wochenbett sind tiefe Gewässer – dunkel und berauschend, wenn alles fließt: der Wochenfluss, die Milch und die Tränen. Wir schämen uns vielleicht dafür, so „unzivilisiert“ zu erscheinen, aber es gibt keinen Grund für Scham. Im Gegenteil – es ist ein Gewinn: Endlich haben wir ein Teil von uns zurückerobert, das lange verborgen war – unsere weibliche, feminine Energie, sie ist subtil, tiefsinnig, emotional, fließend, weich, nährend, sorgend, schützend, behütend, gebend, altruistisch, liebevoll. Hier zählt keine sichtbare Ergebnisse am Ende des Tages sondern das süße Gurgeln des zufriedenen Babys, ein Hauch vom Lächeln in seinem Gesicht und der betörende Duft seiner Haut. Nicht sich Durchsetzen und Gewinnen, sondern Nachgeben, Hingeben, sich öffnen, für einander da sein – eine völlig neue Sicht der Dinge, nicht wahr? 

Im ersten Lebensjahr nährt sich das Baby vor allem der weiblichen Energie, nicht der männlichen. Daher, je weicher und sanfter wir im Wochenbett werden, desto wohler fühlt sich unser Baby mit uns. Dagegen, wenn wir in der männlichen Energie verharren, entfacht sich ein Kampf zwischen uns und dem Baby. 

Das Innenleben kommt hervor.

Jetzt, wo die äußere Welt in den Hintergrund tritt, drückt sich das Innenleben in den Vordergrund. Wir erfahren so viel über uns selbst, wenn wir die Gelegenheit ergreifen, dem verlockenden Ruf der tiefen Gewässer nachzugeben und in sie abzutauchen. Die Geburt hat die Eigenschaft, die Seele der Mutter zu öffnen und all das Verborgene, Vergessene, Verdrängte oder als unwichtig Abgetane, wieder an die Oberfläche zu ziehen. Wenn wir hinschauen, verstehen wir, woher wir kommen und was uns geformt hat. Auch die Wunden und Verletzungen gehören zu uns, es sind unsere Spuren und Narben, die uns zu dem machen, wer wir heute sind. Und das fühlt sich stimmiger und echter an, als all der Glanz der alten Tage. Er war mehr Schein als sein.

Gewinn durch das Wochenbett.

Gerade in der männlich geprägten Welt des Patriarchats, in der wir leben, gehen wir unbewusst davon aus, dass nur die männliche Energie ihre Existenzberechtigung hat und gesellschaftlich akzeptabel ist. Aber genau dieser Irrglaube ist der Nährboden des Patriarchats. Es gibt nicht nur die Sonne und das Licht, sondern auch den Mond und den Schatten, nicht nur das aktive Tun, sondern das passive Dasein, nicht nur das rationale Denken, sondern die Intuition und die Gefühle, nicht nur der Individualismus, sondern die Solidarität, nicht nur das eigene Wohl, sondern das Wohl des anderen, nicht das Durchsetzen, sondern das Zusammensein. 

Ja, wir haben im Wochenbett so manchen Stuck der Fassade abbröseln sehen dafür unser Fundament gestärkt. Wir spüren jetzt deutlicher, was wirklich zählt und lassen uns auf keine Kleinkriege des Egos mehr ein. Wir stehen drüber und merken schnell, welche Menschen ihr Leiden vertuschen und sich auf Kosten anderer besser fühlen wollen.

Wir entwickeln Solidarität unter Frauen, die uns enorm stärkt. Wir haben keine Angst mehr vor unseren Gefühlen, weil wir wissen, dass sie unsere zuverlässigen Leiter sind zu dem, was wirklich zählt. Und das Leben, erscheint so viel reicher und mit mehr Sinn erfüllt, dass die alte „verlorene“ Persönlichkeit ruhig da bleiben kann, wo sie war – im alten Leben.

Dieser Gewinn geschieht nicht automatisch und wir verschenken ihn, wenn wir uns im Wochenbett dafür entscheiden, die neu aufgeblühte Welt zu ignorieren, sie zu verschmälern oder alles auf Hormone abzuschieben. Dann verschwindet diese wunderbare Welt im nu und unser Baby bleibt alleine, auch in unserem Beisein. Wenn man die Kraft und die Mut aufbringt, die Unterstützung und den Zuspruch der Angehörigen genießt, geht man gestärkt und verändert aus dem Wochenbett hervor. Was früher wichtig war, relativiert sich, Prioritäten verschieben sich. Wie vorher sein zu wollen, heißt nur auf einem Bein weiter zu laufen. 

Wenn wir die Welt verändern und das Patriarchat verabschieden wollen, dann müssen wir auf die subtile Musik des Wochenbetts hören. Sie zeigt uns, wie es anders gehen kann – liebevoller, geduldiger, emotionaler und solidarischer.

Im Wochenbett lernen wir, dass man Dinge nicht immer durch aktives Tun lösen muss, sondern manchmal mit dem einfachen für-einander-da-sein; dass die Verbindung unsichtbar ist aber enorme Kraft besitzt; dass die Kommunikation nicht immer Worte braucht und telepathisch sein kann; dass die Kraft des weiblichen Körpers enorm ist; dass es Kräfte jenseits des Sichtbaren und Messbaren gibt, die aber nicht weniger real sind; dass die Liebe und der Schmerz sich nicht gegenseitig ausschließen; dass wir genau so geliebt werden, wie wir sind –  nicht perfekt, gemessen an den Schönheitsidealen, und absolut vollkommen in den Augen des kleinen Menschen in unserem Arm. 

Im Kampf um die Gleichberechtigung verlieren wir oft den Fokus und glauben, das Patriarchat mit gleichen Mitteln schlagen zu müssen. Dabei müssen nicht die Frauen männlicher werden, sondern die Welt insgesamt – weiblicher. Erst dann ist Patriarchat passé und mit ihm die Ausbeutung der Erde. Das Wochenbett macht uns ein Geschenkt, indem es zeigt, wie das geht.

Inga Erchova ist Dipl.-Psychologin, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Autorin und dreifache Mutter. Erfahre mehr über sie und ihre Arbeitsweise…

Jede Mutter kann glücklich sein

Psychotherapie am Telefon oder über Skype

Nicht immer müssen wir mit dem Therapeuten im gleichen Raum sein. Das Telefon bietet den Vorteil, dass man in vertrauter Umgebung eigener vier Wände bleibt und sich dadurch besser öffnen kann. Bei einer Sitzung über Skype vergisst man oft die räumliche Distanz und einige Zeitzonen Zeitunterschied.

© 2018 Inga Erchova  Kontakt · Impressum · Datenschutz

Meine persönliche Geschichte der Schöpfung. Warum sind wir hier? (Teil 1 von 3)

– Mama, wie sind die Menschen entstanden?

Tja, die Fragen unserer Kinder erwischen uns manchmal wie ein Schauerregen.

– Hm, mal überlegen. Die einen sagen, der Gott hat sie nach eigenem Vorbild erschaffen und dann gibt es noch den Herrn Darwin, und er sagt, sie stammen vom Affen ab.

– Und was glaubst du?

Ups, jetzt muss ich mich bekennen und überlege.

Ok, dann verrate ich dir (und euch allen in der Welt) meine ganz persönliche Theorie darüber, wie der Mensch entstanden ist. Die Anregung kam von einem Kinderbuch, das wie mir scheint, eher die naturwissenschaftliche Ansicht der Dinge vermitteln wollte. Aber nur auf den ersten, oberflächlichen Blick.

Es ist das Buch vom klugen Fisch aus der Urzeit, der sehr neugierig war und ans Land gehen wollte, der Pionier sozusagen. Er hat ein Experiment gewagt und sich Füße gebastelt und ist mit ihnen ans Land gegangen. Seine Nachfolger haben die Idee vom Gehen verinnerlicht und ihnen sind letztendlich statt Flossen Füße gewachsen. Von diesen „Landfischen“ sind dann alle anderen Arten entstanden, inklusive der Säugetiere und des Menschen, so das Buch.

Eine Evolution also? Eine Entwicklung, ja! Aber, die entscheidende Frage ist doch, warum die Entwicklung ausgerechnet diese Richtung angenommen hat? Laut Darwin haben Lebewesen ständig aus Zufall mutiert und die glücklich mutierten, konnten sich besser anpassen und haben besser überlebt. Das Wort Zufall hat mich darin aber schon immer gestört. Zufall klingt so Sinn entleert, oder nicht? Zu-Fall! Was fällt uns zu, und warum?

– Warum sind dem klugen Fisch (oder seinen Nachfolgern) die Füße gewachsen?, – frage ich meine Tochter.

– Na, weil er das wollte, – völlig selbstverständlich antwortet sie.

Und das ist der entscheidende Punkt: Weil er das wollte! Der Wunsch, oder besser gesagt, das Bewusstsein war die treibende Kraft dieser Verwandlung. Es fällt uns also das zu, was wir uns wünschen. Das Bewusstsein, das eine Richtung anstrebt, bringt schließlich die Materie dorthin und manifestiert sich in Tatsachen. Daraus schließe ich, dass jemand wollte, dass es Säugetiere und den Menschen und dich und mich gibt, sonst wären wir nicht da. Aber wer war das??? War das etwa der Gott himself? Ich weiß nicht, wer Gott ist und die Gestalt eines alten Mannes mit Bart irritiert mich. Ich mag das Wort Universum viel lieber. Das Universum mit seinem universalen Bewusstsein, das alles durchdringt, klingt für mich angenehm.

Dieses Bewusstsein tragen wir in uns, und so erwünschen und erträumen wir unsere eigene Realität zustande, in der wir leben. Alles was wir um uns herum sehen ist die Verlängerung und die Spiegelung unserer inneren Welt. Und wenn dir dein Leben eher wie ein komischer Zufall vorkommt, so frag dich, warum dir das alles zu-fällt?

Daher ist meine Antwort auf die Frage meiner Tochter weder das eine noch das andere. Es ist viel mehr die Kombination aus beidem: Ja, es war eine Evolution, aber mit einer sehr bestimmten Richtung. Die Richtung der evolutionären Entwicklung ist ein immer höherer Bewusstseinsgrad.

Aber sind wir Menschen nun wirklich die Krönung der Schöpfung? Puh, das ist ein ganz anderes Thema.

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Im zweiten Teil meiner persönlichen Geschichte der Schöpfung lest ihr über das Sterben, und zwar auf eine Art und Weise, wie ihr vielleicht noch nicht über dieses Thema gelesen habt.