Toxische Beziehung zwischen den Menschen und dem Staat.

Eine lang ersehnte Verschnaufpause von der Pandemie und ihren drakonischen „Bekämpfungsmaßnahmen“ ist da. Die Sonne verleitet zum Vergessen, doch es ist ein guter Zeitpunkt, das Erlebte der letzten Monate kritisch zu durchleuchten und zu verarbeiten, um im Herbst nicht in die gleiche Gefühlsspirale zu geraten.

Die Beziehung zwischen den Bürgern und dem Staat seit Beginn der Pandemie erinnerte mich stark an die toxischen Beziehungsmuster zwischen Kindern und ihren unreifen Eltern. Der Giftpegel dieser Beziehung ist mit der Zeit so stark angestiegen, dass er in meinen Augen mehr Schaden eingerichtet hat als die Pandemie oder das Virus selbst. Folgende Beziehungsmuster konnte ich erkennen:

1. Du kannst erst wider leben, wenn du dich aufgibst.

„Du kommst erst aus deinem Zimmer wieder raus, wenn du nicht mehr weinst/schreist/wütend bist/dich beruhigt hast, etc.“ „Ich rede solange nicht mit dir, bis du wieder lieb bist“, „Wenn du so weitemachst, gehen wir sofort vom Spielplatz nachhause“. Das hören wir doch jeden Tag irgendwo oder?

Die Verantwortung wird hier scheinbar auf das Kind übertrage. Es hat es scheinbar selbst in der Hand. Es braucht sich ja nur konform zu verhalten, um die „Liebe“ der Eltern zu bekommen, die es will. Ein teuflischer Pakt, denn dafür muss das Kind auf seine Gefühle verzichten, sie ignorieren, sie verneinen, einfrieren lassen, sie nicht fühlen, um den Kontakt zu seinen Eltern wieder herzustellen. Sonst ist es selbst an allem schuld – daran, dass Mama böse, überfordert oder traurig ist. Es wird dem Kind die Verantwortung aufgeladen, die es nicht halten kann, die ungerecht ist, die erwürgt und beschämt. Es ist das Gegenteil von bedingungsloser Liebe der Eltern.

Das gleiche passiert heute in der Gesellschaft auch. Wir sind scheinbar selbst an der Härte der Maßnahmen schuld, weil wir uns nicht brav, diszipliniert oder konform genug verhalten. Dann dürfen wir uns auch nicht beklagen. „Wegen dieser Idioten, die die Maske nicht tragen, müssen die Geschäfte schließen!“ Nicht die Erlasse werden kritisiert, sondern diejenigen, die sich nicht an diese halten. Die Ausreißer werden angefeindet wie die rebellierenden Geschwister damals. Warum können sie sich nicht zusammenreißen, damit Mama/Papa endlich Ruhe gibt?

2. Nicht den eigenen Kopf benutzen.

Kinder hinterfragen ihre Eltern nicht. Sie können es nicht, es fehlen ihnen dafür das Denkvermögen, der Vergleich und die Lebenserfahrung. Für Kinder sind ihre Eltern das Universum und so wie sie sind, so können sie nur sein und nicht anders.

In dieser infantilen Position verharren wir heute auch und nehmen alles hin, was von oben auf uns niederprasselt, ohne es kritisch zu hinterfragen. Es macht scheinbar die Pandemie, das böse Virus und nicht die Regierung, die unantastbar bleibt. Wir vergessen, unseren eigenen Kopf zu benutzt, als wären wir noch Kinder und könnten es nicht. Der innere Kompass, der uns spüren lässt, was uns gut tut und was nicht, fehlt uns, weil es uns schon früh aberzogen wurde. Es bleibt uns nur widerstandslos zu akzeptieren, was von oben kommt ganz wie damals, „weil sie es sagen.“

3. Die Panik und die Unberechenbarkeit.

Wenn wir als Kinder mit unberechenbaren Eltern lebten, dann waren wir immer auf der Hut: Wie ist die Mama heute gelaunt? Kommt Papa wieder betrunken nach Hause? Davon hing ab, wie der Tag verläuft, wird er gut oder schlecht? Werde ich heute im Frieden gelassen oder soll ich mich lieber rechtzeitig verkriechen? Wir konnten die feinste Stimmlage der Mutter deuten, ihren Blick, ihre Körperhaltung. Wir konnten am Geräusch des Schlüssels im Schlüsselloch erkennen, ob der Vater betrunken nach Hause kommt und sogar wie stark. Wir haben enorme Sensibilität entwickelt, um uns die Welt ein wenig berechenbarerzu machen. Und trotzdem hat es uns immer unvorbereitet getroffen – die Wut der Eltern, ungerechte Strafen, Schlägereien aus nichtigem Grund. Das hat uns verletzt und den Verstand geraubt, es hat uns wie „verrückt“ gemacht. Deswegen fühlt sich das Leben heute für uns immer noch wie das Laufen auf dem Minenfeld: Man weiß nie, wo und wann es knallt.

Mit dieser Angst und erlebter Willkür im Nacken können wir die oft genauso willkürlichen und unlogischen Maßnahmen der Regierung kaum ertragen. Ich glaube, dass das der Nährboden vieler Verschwörungstheorien ist. Denn eine Theorie versucht dem ganzen Geschehen ein wenig Sinn zu verleihen. Dass das oft übertrieben wird, liegt auf der Hand. Und viele Menschen erleben ernsthafte Angstzustände bis zur Panik angesichts der Staatswillkür.

Ich persönlich glaube nicht an Verschwörungen, sehr wohl aber an die Hilflosigkeit und Unreife der Politiker, ihre Ohnmacht und schnelles Greifen zu scheinbar einfachen Lösungen, die das Symptom aus der Welt schaffen wollen und nicht das Problem an sich.

4. Die Freiheit, die du dir verdienen musst, mit deinem Körper!

Freiheiten für Geimpfte, wie perfide klingt das? Grundrechte gegen eine Spritze. Das widerspricht der Idee der Grundrechte, die unantastbar sein müssen und an keine Bedingung geknüpft werden dürfen. Dein menschliches Dasein hängt davon ab, ob du eine Substanz in deinen Körper reinlässt oder nicht. Ist das nicht Prostitution, Erpressen, Missbrauch? Ein Mensch zu sein, frei zu atmen, sich frei zu bewegen, sich mit anderen Menschen zu treffen und Beziehungen einzugehen, darf von nichts abhängig sein, schon gar nicht von etwas, was die körperlichen Grenzen verletzt.

Die Medien sind zugepflastert mit Bildern von Menschen mit der Spritze im Arm, jetzt auch noch von Kindern mit der Spritze im Arm, damit wir uns an den Gedanken langsam gewöhnen können und es uns mit der Zeit normaler vorkommt. So durchschaubar! Die Ärmel hochkrempeln bedeutet ursprünglich etwas ganz anderes. In der heutigen Variante verwendet ähnelt es eher dem Ausdruck “die Hose runterlassen.”

Einige “Fachleute” für Medizin und Ethik (!) haben sich dafür ausgesprochen, den Schulbesuch für Kindern oder die Teilhabe am sozialen Leben an die Bedingung geimpft zu sein zu knüpfen. Das nenne ich kriminell! Und ich danke an dieser Stelle Stiko, die sich bisher nich dem politischen Druck gebeugt hat. Ich hoffe, sie behalten ihren Rückgrat und den kühlen Kopf.

5. Bist du nicht ganz dicht?

Diffamieren, auslachen, nicht für voll nehmen, durch Kakao ziehen, wenn der andere sein Empfinden mitteilt, ist eine erniedrigende Art der emotionalen Gewalt, die wir heute seitens des Staats gegenüber seinen kritischen Bürgern erleben. Die Medien werden zum Sprachrohr dieser Haltung und viele konforme Bürger machen mit. So braucht man auf die kritischen Argumente nicht einzugehen, sich nicht mit ihnen auseinandersetzen, es reicht, die Kritiker für verrückt zu erklären und mit der eigenen Politik weiterfahren. Es ist beschämend und erniedrigend. Man trifft sich nicht auf der Augenhöhe, sondern wird von oben herab aus seiner Machtposition diffamiert. Es ist Machtmissbrauch! Es wirkt beängstigend, man kommt gegen die Maschinerie nicht dagegen an und riskiert noch das Letzte, was einem übrig bleibt, nämlich seine Würde zu verlieren.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich erkennen, dass wir Menschen in der Pandemie zu einem Instrument der Politik degradiert sind, benutzt und entwürdigt werden. In allen diesen Formen wird das Ausmaß der emotionalen Gewalt deutlich. Eine toxische Beziehung baut auf diesen faulen Bausteinen auf: Schuld, Scham oder Wertlosigkeit. Wir sind doch alle selbst schuld an unserer Misere, wenn wir Anweisungen nicht folgen. Wir können nicht frei sagen, was wir denken, dann werden wir nicht für voll genommen oder ausgegrenzt. Und wir müssen von unserem Empfinden abtreten, uns blind beugen, uns entwürdigen lassen.

Auch Politiker sind nur Menschen mit ihren Schattenseiten und Ego-Ambitionen. In der Krise kommen diese besonders deutlich zum Vorschein. Sie handeln getrieben von Angst, manchmal im blinden Aktionismus. Hauptsache, etwas tun und nicht passiv wirken. Dabei kommen die größten Veränderungen durch die Bewegung im Bewusstsein. Den vermeintlichen „Feind“ im Außen zu bekämpfen, anstatt nach innen zu schauen, ist ein deutliches Zeichen der seelischen Blindheit.

Leider wird die Chance dieser Krise bisher nicht wahrgenommen, uns selbst als Menschheit zu hinterfragen, unseren Platz auf der Erde, unsere gemeinsame Existenz mit anderen Lebewesen, unsere Gier und Egoismus. Die Chance dieser Pandemie – im kollektiven Bewusstsein zu wachsen, – dürfen wir nicht verpassen. Und der erste Schritt in dieser Bewegung ist es, die toxischen Beziehungen, in denen wir gerade stecken, zu durchschauen und nicht weiter mitzumachen.

Allein sein – Belastung oder Geschenk?

Wenn du an die Einsamkeit denkst, was kommt dir zuerst in den Sinn? Welches Gefühl verbindest du mit der Einsamkeit?

Diesen Sommer durfte ich gleich zwei  Mal jeweils eine Woche lang die Einsamkeit erleben.

Als alleinerziehende Mutter mit drei Kindern bin ich selten allein. Die knappen Stunden alleine, während die Kinder in der Schule oder im Kindergarten sind, sind schnell gefüllt mit Arbeit, Besorgungen und Haushalt. In den Ferien fällt die kostbare Zeit alleine ganz weg. Ich merke, dass es mir in der Ferienzeit schwerer fällt, mich um die Kinder zu kümmern. Die Kraft, ihnen Zuwendung zu schenken, schwindet, das Nervenkostüm wird dünner und die Geduld umso knapper. Die Zeit alleine gibt mir also die Möglichkeit, wieder zu mir zu finden und Kraft zu tanken. Doch nicht immer erleben wir es so.

Als ich noch vor einem Jahr unerwartet eine Woche lang Zeit für mich „geschenkt“ bekam, während meine Kinder mit ihrem Papa kurzfristig in Urlaub gefahren sind, fiel ich wie in ein Loch. Die absolute Stille im Haus war unerträglich. Ich suchte mir schnell einen Sprachkurs, der mich fünf Stunden am Tag eine Woche lang beschäftigt hielt. So kam ich über die Zeit hinweg.

Diesen Sommer fühlt sich für mich die Zeit alleine wie ein Geschenk. Die erste Woche bin ich zuhause geblieben. Ich genoss die Ruhe, die Stille, das Faulenzen, das Nichtstun und niemanden bedienen zu müssen. Ich spielte ausgiebig Klavier, pflückte Kirschen im Garten direkt in den Mund, bis ich satt war oder fuhr mit dem Fahrrad bis nach Dänemark. Ich ging zum Strand, legte mich hin und schloss die Augen – was für ein Luxus, auf niemanden aufpassen zu müssen! Ich las bis tief in die Nacht, schlief mit offener Balkontür, wurde von Möwen in den Schlaf gesungen und morgens wieder aufgeweckt. Ich frühstückte ausgiebig lang und ging abends Tangotanzen.

In der zweiten Woche entschloss ich mich zum Tapetenwechsel und fuhr nach Berlin. Hier traf ich Laura – Tango-Lehrerin, die ich vor einiger Zeit beim Festival kennenlernte und die mich sehr bewegte. Zu ihr spürte ich sofort eine tiefe Verbindung. Ich lernte mit ihr Tanzen und am Abend gingen wir zusammen zu Berliner Milongas (Tangotanzabende).

Obwohl ich aus meiner früheren Zeit in Berlin noch viele Leute kenne, beschloss ich mich bewusst, niemanden anzurufen. Nur die Zeit mit meiner Lehrerin sollte im Mittelpunkt stehen, ihre Stimme und Worte sollten in mir ihre Nachwirkung entfalten.

In der übrigen Zeit genoss ich die Einsamkeit. Der Lärm der Großstadt stand im Kontrast zu der Stille in mir. Ich fühlte mich wie im Auge des Wirbelsturms, wo alles wie in der Zeitlupe stehen bleibt. Ich habe nur wenige Worte am Tag gesprochen, und das entspannte mich.

Wenn man alleine ist, fehlt die Erinnerung von außen daran, wer man eigentlich ist, oder? Wenn meine Kinder zum Beispiel um mich herum sind und ständig etwas von mir verlangen, dann erinnern sie mich konstant daran, dass ich Mutter bin und dies oder jedes zu tun habe. Wenn sie nicht da sind, „vergesse“ ich es fast. Ich liege im Park auf dem Rasen mit geschlossenen Augen, lasse die Sonnenstrahlen meine Haut erwärmen, tauche in die Geräuschkulisse hinein, nicke wie im Sekundenschlaf weg und vergesse für einen Moment, wo ich eigentlich bin, und wer ich bin. Ich musste mich einen Moment sammeln, um mich wieder daran zu erinnern, verrückt.

Wenn die Referenz von außen fehlt, kommt unser Innenleben umso mehr zum Ausdruck. Die Einsamkeit lässt das Innere in uns aufsteigen: die Nöte und die Sorgen, das Nicht-Abgeschlossene, das Unfertige, das Suchende und das Wollende. Man kann hineinlauschen, oder davon rennen, je nachdem, wie wir uns gerade fühlen. Die Zeit alleine kann als belastend oder entspannend empfunden werden, doch sie hilft immer der Seelenhygiene und ist ein guter Indikator unserer aktuellen seelischen Verfassung.

Was ist die Einsamkeit für dich im Moment?

Ländlicher Fahrradweg

Mit dem Leihfahrrad durch Berlin

Die späte Milonga

Mit Laura <3

Der falsche Postbote.

Der falsche Postbote.

Foto: Bauforum24

 

Sonntagabend Zuhause. Es klingelt an der Tür. „Na, wer klingelt denn um diese Uhrzeit?“, fragte meine Tochter verwundert.

„Hallo?“, – melde ich mich an der Sprechanlage.

„Post!“, – sagt eine Frauenstimme, forsch und leicht drängelnd, so wie ein gewöhnlicher Postbote es sagen würde.

„Am Sonntag?“, – frage ich ungläubig zurück.

„Ja!“ – ziemlich frech und diesmal deutlich drängelnder sagt die Stimme, und fügt dann hinzu: „Ich muss für meine Freundin etwas einwerfen“.

Wie fremdgesteuert drücke ich auf die Taste und mache ihr die Hauseingangstür auf.

Schon wenige Augenblicke später überkommt mich unbehagliches Gefühl, wie aus dem Nichts überrollt worden zu sein. Das Gedankenkarussell geht los: „Sie hat mich aber leicht um den Finger wickeln können. Wer ist sie überhaupt und warum klingelt sie bei mir? Als würde sie gewusst haben, dass sie bei mir ein leichtes Spiel hat. Warum habe ich nicht weiter nachgefragt? Warum war ich so leichtgläubig und nachgiebig? Es könnte ja auch nur ein Trick gewesen sein, um ins Haus hereinzukommen. Usw., usw.

Schnell wurde mir klar, hier wurden Seiten in mir belebt, mit denen ich kein Freund bin – mein Schatten. Diese unbeliebten Seiten von mir sind meine alten Bekannten – die Unfähigkeit, meine Grenzen zu bewahren, Nein zu sangen, kontra zu geben oder schlagfertig zu antworten. In mich kann man so hineingreifen, wie in einen Sahnepudding. Wie weiche Butter für ein Messer leiste ich keinerlei Widerstand. Bzw. doch, wenn ich die Zeit zum Nachdenken habe, aber nicht wenn sich der Autopilot einschaltet und die gewohnten Muster automatisch abspielt.

Bekannt ist mir das alles ja schon lange und ich arbeite auch schon lange daran. Die Situation hat mir nur gezeigt, dass ich mit meiner Arbeit offenbar noch nicht so weit gekommen bin. Da kommt Ärger hoch.  Die eigenen Schwächen so leicht vorgeführt zu bekommen, uff. Dann die erste Entwarnung: Zumindest konnte ich den aufgekommenen Ärger gleich lokalisieren und habe ihn nicht etwa an meinen Kindern abreagiert. Gut gemacht! Erst später am Abend, wenn meine Kinder im Bett waren, habe ich mir den Vorfall noch mal vorgenommen, mich in eine entspannte Lage begeben und in mich hineingeschaut.

Zunächst habe ich den Vorfall wie in Zeitlupe noch einmal durchlebt und auf meine Gefühle in jedem Augenblick geachtet.

  • Es klingelt: Mich treibt die Neugier zur Sprechanlage. Was ich erwarte? Einen netten Überraschungsbesucher vielleicht, der sagt: „Hey, wie geht es dir? Wollte nur kurz Hallo sagen.“ Fehlanzeige, *grmpf*.
  • Die Stimme: „Post!“: Ich spüre meinen Zweifel, doch der Nachdruck der Stimme lässt meine Skepsis weichen. Die Stimme klingt forsch und frech. Ich merke, da ist mehr im Spiel und schaue jetzt in meine Vergangenheit: Wann habe ich mich so ähnlich gefühlt? Tatsächlich hat mich meine (sehr dominante) Mutter oft gedrängelt. „Los, los, los, los!“ peitschte sie mich an, damit sie ihren Alltag bewältigt bekommt. Ich erinnere mich gut an das Gefühl, wie von einer Asphaltwalze überrollt zu werden, absolute Ohnmacht. Ich hatte keine Chance, ihr etwas entgegenzusetzen und fügte mich dem Druck. Und ja, mit der Zeit wurde daraus Automatismus, der offenbar bis heute andauert, besonders wenn dieser Druck wie aus dem Nichts kommt und mich unvorbereitet trifft.
  • „Ich muss etwas für die Freundin reinwerfen“. Dieser Satz hat eine andere Seite in mir berührt – nett zu anderen sein zu wollen (oder müssen?) Etwas für die Freundin, wie kann ich da Nein sagen? Es kam mir nicht mal in den Sinn zu fragen, warum sie dann bei mir klingelt? „Entschuldigen Sie, ich kenne Sie nicht und mache nicht auf“, würde ich jetzt sagen wollen. Doch ich wollte nett sein, Ja sagen, helfen. Wo kommt das wieder her? Ich schaue wieder in meine Kindheit hinein und werde sofort fündig: Ich durfte nie frech sein, ausgelassen toben oder mir „Blödsinn“ erlaufen. Das gewünschte Bild, das ich abgeben musste war ein gut erzogenes, „seriöses“ Mädchen ohne „Flusen“ im Kopf. Bis heute vermisse ich diese freche Seite in mir. Ich denke, daher kommt meine Unfähigkeit, witzig zu sein, anzuecken oder zu provozieren, denn dann bin ich ja nicht „seriös“. Auch diesen Knopf in mir hat die vermeintliche Postbotin in der kürzesten Zeit drücken können.
  • Ich realisierte, dass der Ärger, den ich kurz nach dem Türöffnen verspürt habe, sich in Wirklichkeit nicht gegen die Frauenstimme von der Straße richtete, sondern gegen meine Mutter. Wahrscheinlich war es tatsächlich nur eine Freundin, die eine Nettigkeit vorbereitet hat. Und ihre freche Art war gar nicht böse gemeint, sondern nur spielerisch. Ich habe sie nur so erlebt. Den Ärger konnte ich nun richtig zuordnen.

Ich konnte meine Ohnmacht wieder spüren. Und ja, als Kind war ich ohnmächtig, weil ich klein war. Heute bin ich groß und kann kontra geben, wenn ich das will. Und wenn es mich das nächste Mal wieder unvorbereitet trifft, werde ich sehen, ob ich im Überwinden meiner Automatismen einen Minischritt weitergekommen bin. Auf dem Weg der Verarbeitung kindlicher Verletzungen werden wir wohl nie wirklich am Ziel ankommen und diese wie ungeschehen machen können, aber es ist wichtig, dass wir diesen Weg gehen und in uns hineinsehen, sonst würden wir die Menschen in unsere Umgebung, besonders unsere Kinder und den Partner, als „Mülleimer“ für all die schlechten Gefühle in uns benutzen. Wollen wir das?

Und so war es am Ende doch ein netter Überraschungsbesucher. Es war mein Schatten, der an der Tür klingelte.

“Ich habe eine perfekte Mutter.” Warum die Illusion die Besserungschancen mindert.

“Ich habe eine perfekte Mutter.” Warum die Illusion die Besserungschancen mindert.

“Ich habe eine perfekte Mutter.” Warum die Illusion die Besserungschancen mindert.

„Ich habe eine tolle Mutter!“- höre ich nicht selten von Frauen, die mich bei Stimmungstief im Wochenbett aufsuchen. Sie schwärmen von ihrer Mutter und bezeichnen sie als beste Freundin, großes Vorbild oder Galionsfigur. Ich persönlich fasse diesen Lobgesang mit Latexhandschuhen und langer Pinzette an. Warum glaube ich ihnen kein Wort und warum haben diese Frauen aus meiner Erfahrung geringe Besserungschancen?

Ist es nicht ein Grund zu Freude, fragt der Leser, eine tolle Mutter und eine schöne Kindheit gehabt zu haben? Doch sicher, wenn es stimmt. Nur, wenn wir die Therapiesituation aus der Brille eines Detektiven betrachten, riechen wir sofort, dass etwas nicht zusammenpasst? Was passt nicht zusammen? Der Glaube an die perfekte Mutter passt nicht mit dem heutigen Zustand der jungen Mutter zusammen – ihrer Trauer, ihrer Überforderung bis hin zu Wochenbettdepression. Das Kind schreit, sie kann sich nicht um ihn kümmern, die Muttergefühle stellen sich nicht ein, sie will sich vom Kind lieber entfernen, seinen Nähe ist unerträglich, der Anblick seiner Bedürftigkeit tut weh, sein Verlangen nach Nähe und ihre Fähigkeit es zu bedienen klaffen extrem auseinander, das Stillen wird zur Tortur, das Kind schreit noch mehr, die Welt bricht zusammen und das Leben wird zum Alptraum.

Wenn wir uns im Wochenbett um den Nachwuchs nicht kümmern können, dann ist es ein sicheres Zeichen dafür, dass der Fluss der mütterlichen Energie unterbrochen ist. Wir können nur das geben, was wir selbst bekommen haben – so funktioniert nun mal der seelische Energiefluss. Wenn unsere Reserven an Liebe, Geduld, Zuwendung und Fürsorge leer sind, dann wurden sie nie gefüllt, soviel ist sicher. Doch solange wir es nicht realisieren, tappen wir im Dunklen.

Was ist der Ausweg aus diesem Alptraum? Der Ausweg ist eine Neubewertung der alten Beziehungsmuster und Vorbilder. Unsere Gefühle lügen nicht. Das Wochenbett ist der große Lügentest alter Glaubenssätze.

Doch diese Frauen sind für eine Neubewertung nicht bereit. Sie sind irritiert, gereizt und leisten großen Widerstand. Sie demonstrieren extreme Loyalität und nehmen ihre Mutter in Schutz. Sie sind nicht in der Lage, ihre Handlungen mit ein Wenig Abstand beurteilen zu können. Zu sagen, dass das positive Bild ihrer Mutter für sie wichtig ist, ist eine Untertreibung. Wie ein Wachhund greifen sie alles an, was dieses Bild noch so sanft zu hinterfragen droht.

Übertriebene Reaktionen sind in der Psychotherapie immer ein Zeichen für eine besondere persönliche Bedeutung, verborgene Konflikte, Schutzreaktion oder seelischen Brandherd. Was hängt also am positiven Bild der Mutter alles daran?

Als wir klein waren, war die Bindung zu unserer Mutter überlebenswichtig. Sie ist wie die psychologische Nabelschnur, die uns am Leben hält und ist stärker als Liebe oder Freundschaft. Neugeborene verstehen instinktiv, dass sie auf die Fürsorge eines Erwachsenen angewiesen sind. Sie begreifen, dass wenn es keinen Erwachsenen gibt, der sich um sie kümmert, haben sie keine Chancen in dieser Welt zu überleben. Sie kämpfen um diese Bindung mit aller Kraft. Wenn sie stundenlang schreien, dann ist es genau dieser Kampf um die Zuwendung der Mutter, dass sie endlich kommt und uns rettet. Und wenn die Mutter nicht kommt oder kommt nicht immer oder nur dann, wann sie Lust hat, dann ist die sichere Bindung (und daher das Leben) in Gefahr. Sie ist instabil und unbeständig. Man kann sich nicht auf sie verlassen. Man muss sich immer wieder vergewissern, dass die Bindung noch da ist. Daher „prüfen“ unsichere Kinder immer und immer wieder, ob die Mama jetzt noch kommt, um sich abermals zu vergewissern. Doch je öfter sie rufen, desto mehr ist die Mutter genervt. Eine infantile Mutter reagiert trotzig und geht auf die Forderungen des Kindes nicht ein. Es entsteht eine Abwärtsspirale: Das Kind verlangt immer öfter nach sicherer Bindung, die Mutter verweigert ihm diese und zwingt zur Selbständigkeit, das heißt sie lässt das Kind alleine. Diese Kinder behalten ein lebenslanges Gefühl, dass sie den unberechenbaren Kräften der Welt schutzlos ausgesetzt ist.

Wenn die sichere Bindung zur Mutter nicht möglich ist, dann konstruieren wir diese sichere Bindung nicht selten nur in unserer Vorstellung. Wir glauben fest daran, blenden die Realität aus, denn anders können wir nicht leben. Es entsteht eine Illusion als Überlebensstrategie.

Sind wir besser dran mit dieser Illusion? Ja vielleicht, solange wir keine eigenen Kinder bekommen. Doch „Die Lügen haben kurze Beine“ gilt auch hier. Die Illusion der guten Mutter reicht nur bis zum Zeitpunkt, an dem wir selbst Mütter werden. Dann bricht der gewohnte Lauf der Dinge zusammen.

Was ist die Lösung? Damit wir unsere Kind versorgen und lieben können, müssen wir leider auf die liebgewonnene Illusion verzichten, einen mentalen Re-set durchführen und sich eingestehen, dass wir doch weniger über sich wissen als bisher angenommen und von da an mit einem ehrlichen Blick eine neue Sichtweise auf sich selbst gewinnen.

Leidet dadurch nicht die Beziehung zur eigenen Mutter? Aus meiner Erfahrung wird sie dadurch nur besser – gelöster, ehrlicher, entspannter. Wir verstehen, dass unsere Mutter es nicht anders konnte, weil ihre Mutter es nicht anders konnte, etc. Aber wir können es anders und dann wird es unsere Tochter auch anders können. Was ist uns lieber: der Rockzipfel für das kleine Mädchen oder eine Beziehung auf der Augenhöre zwischen zwei erwachsenen Frauen? Sie entscheiden.

Über mich

Inga Erchova ist Dipl.-Psychologin, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Autorin und dreifache Mutter. Erfahre mehr über sie und ihre Arbeitsweise…

Mein Buch

Jede Mutter kann glücklich sein

Psychotherapie am Telefon oder über Skype

Nicht immer müssen wir mit dem Therapeuten im gleichen Raum sein. Das Telefon bietet den Vorteil, dass man in vertrauter Umgebung eigener vier Wände bleibt und sich dadurch besser öffnen kann. Bei einer Sitzung über Skype vergisst man oft die räumliche Distanz und einige Zeitzonen Zeitunterschied.

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