Das neue Feindbild „Die Irren mit dem Aluhut“ und was wir von der kindlichen Ohnmacht darauf projizieren.

Wir erleben gerade eine Spaltung der Gesellschaft. Es bilden sich zwei Fronten: Die einen protestieren auf der Straße gegen die Einschränkungen, die anderen sind über die Proteste empört. Hervorgerufen wurde diese Spaltung durch das Einführen von Mundschutzpflicht. Scheinbar harmlose Maßnahme zeigte unerwartet eine starke symbolische Wirkungskraft.

Durch die Maske wird unser halbes Gesicht verdeckt. Aus Vermummungsverbot ist nun ein Vermummungsgebot geworden. Das Gesicht zeigen, das heißt, sich bekennen und Stellung beziehen, wird dadurch unmöglich. Der Mund – unser Kommunikationsorgan wird verdeckt. Wir empfinden es als Begrenzung der Aussprache und Meinungsfreiheit. Auch das Atmen wird erschwert, wir können nicht durchatmen und ersticken innerlich. Das alles führte dazu, dass eine Aufstandsbewegung entstanden ist und die Mundschutzmaske zu „Maulkorb“ deklariert hat. Viele wehren sich dagegen und ziehen den Ärger der „Gehorsamen“ auf sich. Es schwingt aber mehr als nur Unverständnis mit, der Ärger geht fast schon in Verachtung über? “Die Irren mit dem Aluhut” werden zu neuem Feinbild, belächelt und angefeindet. Warum eigentlich?

Für die meisten von uns ist fremdbestimmt zu sein der Normalzustand, seit dem Babyalter: Wir wurden nicht an die Brust genommen, wann wir es gebraucht hatten, sondern wann die Uhr es angeordnet hat; unsere Mama hat uns nicht auf den Arm genommen, wenn wir nach ihr gerufen haben, sondern uns alleine im leeren Zimmer weinen gelassen. So sind wir mit dem Gefühl groß geworden, unsere innere Stimme ist wirkungslos, unser Leiden findet kein Gehör, wir sind allein in dieser Welt und müssen uns fügen, dieser äußeren Kraft, die mächtiger ist als wir, die über uns bestimmt, auf Leben und Tod.

Nun sind wir groß geworden und sind nicht mehr der Mutter ausgeliefert, dennoch tragen wir die gelernte Wehrlosigkeit in uns, dieses alte Gefühl, dass wir nicht zählen, dass wir aushalten und uns fügen müssen. Heute gibt uns der Intellekt genügen „gute Gründe“, warum das so richtig sei. Es beruhigt uns ein wenig zu glauben, dass es doch bestimmt für etwas gut ist: für die Gesellschaft, für die Gesundheit, für den Kampf gegen die gefährliche Krankheit. Unsere innere Stimme ist jedoch nicht ganz in uns erloschen, sie ist wie eine winzige Flamme noch am Leben, tief in uns begraben. Aber sie darf nicht groß werden, nicht entflammen, sonst kommt die große Mutter und bestraft uns. Wir halten lieber aus, andere tun es doch auch. Manche haben es noch viel schlimmer als wir, also halten wir durch.

Aber wenn Menschen kommen, die ihre innere Stimme groß nach außen kehren und für ihre Selbstbestimmung kämpfen, dann wirkt es auf uns wie ein Verrat. Wie können sie nur? Was fällt ihnen ein? Wir müssen doch zusammenhalten, alle gleich verzichten, gleich leiden, gleich zurückstecken, an einem Strang ziehen. Aber wohin? Warum? Wozu? Das fragen wir uns nicht, denn das würde unsere kleine Flamme groß aufflammen lassen.

Wir dürfen nicht zweifeln. Es wird getan, was von oben angeordnet wird, wie die Mama damals. In unserer infantilen Hilflosigkeit hatten wir damals keine Chance, unsere Wünsche erfüllt zu bekommen. Nein, das galt als Verwöhnen und wurde verpönt. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Selbstbestimmung für uns heute als purer Luxus erscheint, ein unerlaubtes Privileg. Hält man sich denn für etwas Besseres? Es bleibt uns nichts anderes mehr übrig, als Steine nach ihnen zu werden, sie zu beschimpfen oder zu belächeln.

Es gibt ein verbreitetes Phänomen während der Psychotherapie: Wenn ein Klient sich ändert und seine alten destruktiven Verhaltensmuster ablegt, leistet seine Umgebung – die Familie und die Angehörigen – gewaltigen Widerstand, als würden sie den Klienten in seiner alten Lebensweise mit aller Kraft zurückhalten wollen. Sie erpressen und beschimpfen, drohen mit Liebesentzug oder mit Verbannung aus der Familie, sie entziehen ihm finanzielle Unterstützung bis zum Streichen aus dem Kreis der Erben. Warum ist es so? Müssten sie sich nicht für ihren genesenden Familienmitglied freuen?

Es liegt daran, dass in einer Familie, in der toxische Beziehungen herrschen, Mitglieder nicht frei leben, sondern co-abhängig. Sie leisten bestimmte „Dienste“ für einander und sind in einem Familiendrama mit festem Drehbuch und Rollenaufteilung gebunden, wie z. B. der Bösewicht und das Opfer, der Tatkräftige oder der Schwache. Das Opfer kann nur seine Opferrolle spielen, wenn es einen Bösewicht gibt. Es braucht ihn, sonst kann es nicht Opfer sein.

Wenn sich ein Familienmitglied diese toxischen Beziehungsmuster bewusst wird, sie nicht länger erledigen will, und sich weigert nach dem gewohnten Drehbuch zu leben, werden ihm Steine in den Weg gelegt. Wenn ein „Bösewicht“ nicht länger „böse“ sein möchte, entzieht er dem Opfer seine Lebensgrundlage und die Vorteile, die diese für das Opferdasein mit sich bringen, wie z. B. sich vor jeglicher Verantwortung zurückzuziehen.

Wenn jemand seinen eigenen Weg gehen will, wird er angefeindet, ihm wird Egoismus vorgeworfen. Er lässt sich nicht länger benutzen. Er gibt kein Futter mehr für die Rollen der anderen und stellt sie so vor die Aufgabe, ihre eigenen Rollen ebenfalls zu überdenken. Er macht ihnen bewusst, dass sie abhängig sind. Wenn er aber ein Gespräch und Aussprache sucht und seinen Angehörigen über die toxischen Beziehungsmuster berichtet und sie bittet, diese zu verlassen, findet er kein Gehör. Er wird nicht ernst genommen, wie schon immer seit der Kindheit. Alles geschah doch nur zu seinem Besten aus Liebe, das müsse er einsehen. Alles ist nur Hirngespinst. Dann wird er zu dem „Irren mit dem Aluhut“ der Familie ernannt.

Es ist leicht, einen wehrlosen und gehorsamen Familienmitglied oder Bürger zu erschaffen. Man muss ihn nur nach der Geburt vom Körper seiner Mutter trennen. Es fügt dem Baby so ein unerträgliches Leiden zu und verletzt es so tief, dass es nur mit dem Einfrieren der Gefühle möglich wird, es zu überstehen. So wachsen wir heran, nichts fühlend und mit verstummter inneren Stimme. Wir orientieren uns nach außen – nach Vorschriften und Vorgaben, Anordnungen und Regeln, mit dem Glauben, wir können eh nichts dagegen ausrichten. Wer diese aber infrage stellt, ist ein Verräter. Zur Mehrheit zu gehören gibt uns die ersehnte Sicherheit.

Wenn ich nach einem Ausweg suche, dann sehe ich mir meine Kinder an und weiß, dass es ihnen so nicht passieren wird. Sie leben durch und durch im Einklang mit ihrer inneren Stimme, auch wenn sie bestimmte Regeln befolgen müssen. Das ist kein Widerspruch. Es herrscht keine Anarchie, sondern das bewusste Zusammenleben, bei dem das Glück des einen nicht auf dem Unglück des anderen basiert. Jeder hat die Möglichkeit, sich zu entfalten und gleichzeitig ein Teil der Gemeinschaft zu sein. Wenn ihre Wünsche gehört werden, lernen sie, Wünsche Anderer ebenfalls zu hören und zu respektieren.

Wenn ich mit Frauen arbeite, die ihre Kinder anders großziehen wollen, als wie sie selbst wurden, dann weiß ich, dass ich damit nicht alleine bin. Vielleicht dauert es noch, bis die Kinder von heute groß werden, spätestens dann wird die Welt eine andere sein. Bis dahin bleibt uns nur übrig, auf unsere innere Stimme zu hören, ohne Angst und Zweifel, denn diese innere Stimme ist das Einzige, was uns wahrhaftig immun macht, gegen alle Parolen, von welcher Seite auch immer sie kommen mögen.

Woman protesting REUTERS/Christian Mang

Wir haben noch nicht gelitten.

Wir erleben gerade einen Ausnahmezustand – eine Krise – sagt man. Und wir fragen uns, wie unser Leben nach der Krise wohl aussehen wird? 

Ich habe bereits eine schwere gesellschaftliche Krise hautnah erlebt – den Zusammenbruch des sozialistischen Systems. Ich bin in Russland aufgewachsen und diese Erfahrung ist mir noch sehr präsent, dazu erzähle ich gleich mehr. Aber was ist eine Krise eigentlich? Und wie kommen wir aus ihr wieder raus? Können wir danach das alte Leben wieder aufnehmen? Ich wage hier eine Prognose.

Eine Krise erleben wir dann, wenn es nicht mehr so weitergehen kann wie bisher, weil es schlicht unmöglich ist. Eine alte Struktur trägt nicht mehr und fällt in sich zusammen. Es entsteht ein Vakuum und die Notwendigkeit einer neuen Struktur, die nun auf den Trümmern der alten entstehen kann. 

Eine Krise ist nicht unbedingt etwas Negatives, es ist einfach ein Entwicklungssprung. Wenn sich eine Entwicklung nicht länger linear und graduell vollziehen kann, geschieht ein sprunghafter Übergang zu einem neuen qualitativen Zustand. 

Hier ist ein Beispiel einer sehr gewöhnlichen Krise: Ein Küken schlüpft aus dem Ei. Sein gleichmäßiges Wachsen und Reifen im Ei kommt zum Ende und somit auch sein behütetes Leben im Inneren des Eis. Der Küken ist soweit gewachsen, dass er im Ei nicht länger bleiben kann. Er bricht aus dem Ei heraus und ein neues Leben außerhalb des Eis beginnt. Der Küken ist schlagartig mit einer neuen, sehr anderen Realität konfrontiert und muss neue Verhaltensweisen lernen, um sein Überleben zu sichern, wie z.B. die Mutter auf seinen Hunger eindringlich erinnern. Und das ist erst mal anstrengend, kritisch, neu. Und hier sind wir bei dem entscheidenden Punkt – eine Krise beinhaltet immer gewisses, oft sogar sehr großes Leiden. Leidensdruck ist unumgänglich, weil er der Motor der Veränderung ist. Wer nicht leidet, tut keinen Finger krumm. Auch für die Menschenkinder ist die Geburt eine große Krise: Plötzlich muss man atmen, saugen, verdauen und auf seine Bedürfnisse lautstark aufmerksam machen. Die bequeme Versorgung durch die Nabelschnur ist passé, der Wasserraum wechselt schlagartig zum Luftraum, die Anwesenheit der Mutter wird unterbrochen. Das alles ist eine große Umstellung, wenn nicht zu sagen ein Schock. Davon, wie gut wir die neuen Verhaltensweisen beherrschen, hängt unser Überleben ab. Die Not ist existenziell, es geht um das Leben und Tod. Der Leidensdruck ist der Schlüssel zum Überwinden einer Krise. Ohne ihn sind es nur lästige Umstände und bewirken noch lange keine Veränderung.

Nun erleben wir unsere aktuelle Situation als kritisch und trotz der Anspannung sind euphorische Stimmen nicht zu überhören: Die Luft wird sauberer, Fische schwimmen in Venedigs Kanälen, die Menschen singen zusammen auf dem Balkon, usw. Sind wir also in der schönen neuen Welt bereits angekommen, wie Matthias Horx in seinem aktuellen Text behauptet? 

Ich sage: Nein, noch lange nicht. Das große Leiden steht und noch bevor, wenn die wirtschaftlichen Strukturen ins Schwanken kommen. Denn der Geldfluss ist bereits zum Stocken gekommen – das Blut unseres Wirtschaftssystems. Durch den gedrosselten Geldfluss droht uns wirtschaftlicher Infarkt. Noch tragen uns die vorhandenen Geldreserven wie die Nabelschnur nach der Geburt das restliche Blut noch eine Weile auspulsiert, doch diese Reserven sind nicht unendlich.

Ich erinnere mich an die Perestroika-Zeit in Russland Ende der 80 Jahre. Die Schraube des sozialistischen Systems war so stark zugedreht, dass sie überdrehte. Es ging ein Ventil auf. Freedom of speach bescherte uns die nie zuvor erlebte Freiheit der Meinungsäußerung. Wir sprachen uns den angestauten Frust frei von der Brust. Die Parlamentsdebatten waren das Spannendste, was man im Fernsehen sehen konnte. „Wind of change“ von Skorpions war unsere Hymne. Die Euphorie trug uns noch einige Jahre wie eine Welle den Surfer und wir kamen uns dabei verdammt cool vor. Doch es änderte sich zunächst nur das Gefühl, aber nicht unsere Lebensweise und nicht die Versorgungskette. Die alte Planwirtschaft lief träge wie bisher und mit ihr unsere passive Mentalität, dass der Staat uns schon versorgt. Perestroika bedeutet auf russisch der große Umbau und er stand uns noch bevor. Anfang der 90er Jahre brach das gesamte Wirtschaftssystem zusammen. Es kam die Rationierung der Lebensmittel. Wir bekamen jeden Monat Essenskarten auf die einfachsten Lebensmittel wie Mehl, Brot, Milch oder Zigaretten. Das waren düstere, depressive Zeiten, zugleich aber waren sie die Geburtsstunde der freien Marktwirtschaft, des Unternehmertums, der Kreativität und schließlich des neuen heutigen Russlands. „Das Schwierigste nach der Wende war für mich, selbst entscheiden zu müssen, was ich will“,- sagte eine Zeitzeugin, – „und es dann in die Tat umzusetzen“. Vom Staat über sich bestimmen zu lassen war zwar öde, aber sehr bequem. Doch die Selbstbestimmung war diese große, lang ersehnte Veränderung, die uns so unter den Nägeln brannte, aber im alten System unmöglich war. 

Eine Krise ist, wenn es nicht mehr so weitergehen kann wie bisher. Ist es bei uns gerade schon soweit? Ich glaube, dass wir eher noch warten, bis wir das Zuhause endlich verlassen dürfen und das alte Leben wieder aufnehmen. Eine Pause ist es auf jeden Fall, eine Verschnaufpause vom Hamsterrad, aber noch keine Krise. Es ist der erste Riss im Ei und der erste Luftzug von draußen, der etwas Neues verheißt. Wir spüren noch keine zwingende Notwendigkeit der Veränderung, auch wenn wir es vom Verstand aus für nötig halten. Erst wenn wir in der neuen Welt mühsam lernen müssen uns zu bewegen und uns auf eine neue Art und Weise zu versorgen, wird daraus eine Krise.  Wir haben noch nicht gelitten, nicht genug. Es war noch nicht existenziell, noch nicht. Die aktuelle „Krise“ ist nur der Vorbote einer viel größeren, tiefergehenden Krise, die, wenn wir Glück haben, uns grundlegend verändern wird, uns als Gattung homo sapiens.

Wenn die Liebe das Licht des Universums ist, wie Albert Einstein im Brief an seine Tochter schriebt, so ist das Leiden – die dunkle Materie des Universums, die zwar unsichtbar aber ungleich gewichtiger ist. Die wahre Währung dieser Welt ist nicht das Geld, sondern das Leiden. Die Veränderung zum Besseren wird uns nicht geschenkt, sondern muss mit Leiden erkämpft werden. Stellen wir uns besser darauf ein.