Mobbing verstehen

Mobbing verstehen

Mobbing verstehen

Bei uns hat die Schule wieder angefangen und eine alte Geschichte kam mir in den Sinn, die mir einmal half zu verstehen, wie Mobbing in der Gruppe entsteht: seine Entstehungsdynamik, seinen Nutzen für die Gruppe und warum alle dabei mitmachen? Es war ein Vorfall am Elternabend, nach dem ich verstand, dass Mobbing nicht das Problem des Einzelnen, sondern ein gruppendynamisches Phänomen ist. Es war einmal so…

An diesem Abend musste ich meine drei Kinder alleine zuhause lassen, um am Elternabend der ältesten Tochter teilzunehmen (Ich bin allein erziehend). Der Abschied von den Kindern zog sich und so war ich um einige Minuten zu spät dran. Ich eilte zur Schule zu Fuß, ging hastig durch den dunklen Schulhof zum Klassenzimmer und sah durch die hell erleuchteten Fenster, dass der Abend bereits begann. Die Klassenlehrerin sprach zu den Eltern, schaute aus dem Fenster und sah mich herbeieilen.

Als ich das Klassenzimmer betrat, donnerte es wie aus dem heiteren Himmel grollendes Lachen. Circa 20 Erwachsene Lachten im Akkord vom Bass bis Sopran, als sie mich reinkommen sahen. Was soll ich sagen, ich fühlte mich so, als ob ein Eimer mit kaltem Wasser über mich ergoss. Ohnehin vom schlechten Gewissen geplagt (Kinder alleine zuhause gelassen, zu spät gekommen), nichts verstehend, sah ich nun endgültig wie ein nasser Pudel aus und verstand nicht, wie mir geschieht. 

Was ist also passiert? Ich spule das Band einmal zurück und rekonstruiere, was auf der anderen Seite der Fensterscheibe geschah.

Zum Beginn des Elternabends gleich nach der Begrüßung stellt die Klassenlehrerin wie immer eine Frage in die Runde, die alle zum Ducken bringt: „Wer schreibt heute das Protokoll?“ Keiner hat Lust dazu, alle senken die Blicke, machen sich klein und schweigen. Es entsteht unangenehmer Druck in der Luft. Das anhaltende Schweigen wird von Sekunde zur Sekunde unerträglicher. 

Für die Leiterin des Abends wird es zum Hochseilakt der Moderation, die Gruppe aus dieser Sackgasse herauszuführen. Normalerweise hält es Einer nicht länger aus und meldet sich freiwillig. Doch diesmal kam es anders. Die Lehrerin sah mich durch das Fenster just in diesem Moment kommen und sagte in die Runde: „Der Nächste, der den Raum betritt, wird das Protokoll schreiben“. Und dann kam ich durch die Tür. Ihr versteht jetzt die Reaktion der Anwesenden. Es war ein Donner der Entladung der angestauten Spannung wie beim Gewitter, wenn sich der Druck mit dem lauten Knall in den Boden entlädt. Das war das Lachen der Erleichterung jeden Einzelnen, dass nicht er oder sie die lästige Aufgabe erledigen muss. Es war ein kollektives Aufatmen. 

Ich wusste nicht, was ich falsch gemacht habe, ich erlahmte und konnte mich nicht währen. Ich war allein gegen alle. „So muss es sich anfühlen, gemobbt zu werden“, -dachte ich später. Was hatte das Ganze mit mir zu tun? Eigentlich gar nichts, es hätte jede andere Person an meiner Stelle sein können, oder etwa nicht? Ich war doch perfekt für die Rolle, da ich schon mit dem gesenkten Kopf ankam. Stellen wir uns vor, nur Verdeutlichung halber, wie es wäre, wenn statt mich eine schwarze Limousine zum Schulhof vorgefahren wäre und ein stämmiger Grauanzug mit Brille daraus ausgestiegen und mit festen Schritten zum Klassenzimmer gegangen wäre. Ich bin mir sicher, dass die Lehrerin in dem Fall nicht den gleichen Geisterblitz hätte. Mein Anblick war für sie dagegen die perfekte Vorlage – der Blitzableiter so zu sagen. 

Was lernen wir aus der Geschichte? Ich habe verstanden, dass Mobbing nicht das Problem des Einzelnen ist, sondern in der Gruppe entsteht. Es ist ein gruppendynamisches Phänomen, wenn sich unangenehme Stimmung auf einen Sündenbock entladen wird. Wenn Mobbing in der Klasse passiert, dann stimmt etwas grundsätzlich mit dieser Klasse nicht (oder mit der ganzen Schule): Es stimmt etwas nicht mit der Atmosphäre, mit der Leitung, mit der Freiheit der Äußerung. Wahrscheinlich können sich die Schüler in dieser Klasse nicht frei äußern, ohne einen Urteil zu befürchten; wahrscheinlich sind die Lehrer dieser Klassen eher wie Attrappen, die alles „richtig“ machen, aber die Schüler nicht sehen und nicht hören; wahrscheinlich ist der Leistungsdruck da oder der Druck, sich konform zu verhalten. Wahrscheinlich sind auch die Cliquenbildung und ein unkreatives Lernumfeld. Dann wird eine sensible Person gesucht, die leicht zu mobben ist, da sie von vornherein von Selbstzweifeln und Schuldgefühlen geplagt ist, die sie vom Zuhause mitbringt. Beim Mobben machen alle mit, da sie sich freuen, nicht selbst gemobbt zu werden und befürchten, sonst in die Rolle des Sündenbocks vorzurücken.

Und die Täter? Sind sie nicht die Bösen? Auch die Täter sind die Leidenden, aber durch ihre Dominanz laden sie ihr Leid wie die Tierquäler bei den Schwächeren ab. Nach dem Motto: „Wenn jemand mehr leidet als ich, fühle ich mich etwas besser.“ Mobbing ist ein kollektives Verschieben vom Leid, bei der die Leitung schweigt und wegschaut. Mobbing kann nur bekämpft werden, wenn man offen in der Runde über Dinge spricht und eine kollektive Lösung der Probleme sucht. 

Und im Falle des Elternabends? Es hätte wahrscheinlich gereicht, wenn die Leiterin die Lästigkeit der Aufgabe zur Sprache bringen würde und in die Runde fragen, ob es andere Lösungsvorschläge gäbe. Da hätte vielleicht der Eine oder Andere mit seiner Kreativität dankbar glänzen können.

Über mich

Inga Erchova ist Dipl.-Psychologin, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Autorin und dreifache Mutter. Erfahre mehr über sie und ihre Arbeitsweise…

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Mobbing verstehen

Bei uns hat die Schule wieder angefangen und eine alte Geschichte kam mir in den Sinn, die mir einmal half zu verstehen, wie Mobbing in der Gruppe entsteht: seine Entstehungsdynamik, seinen Nutzen für die Gruppe und warum alle dabei mitmachen? Es war ein Vorfall am Elternabend, nach dem ich verstand, dass Mobbing nicht das Problem des Einzelnen, sondern ein gruppendynamisches Phänomen ist. Es war einmal so…

An diesem Abend musste ich meine drei Kinder alleine zuhause lassen, um am Elternabend der ältesten Tochter teilzunehmen (Ich bin allein erziehend). Der Abschied von den Kindern zog sich und so war ich um einige Minuten zu spät dran. Ich eilte zur Schule zu Fuß, ging hastig durch den dunklen Schulhof zum Klassenzimmer und sah durch die hell erleuchteten Fenster, dass der Abend bereits begann. Die Klassenlehrerin sprach zu den Eltern, schaute aus dem Fenster und sah mich herbeieilen.

Als ich das Klassenzimmer betrat, donnerte es wie aus dem heiteren Himmel grollendes Lachen. Circa 20 Erwachsene Lachten im Akkord vom Bass bis Sopran, als sie mich reinkommen sahen. Was soll ich sagen, ich fühlte mich so, als ob ein Eimer mit kaltem Wasser über mich ergoss. Ohnehin vom schlechten Gewissen geplagt (Kinder alleine zuhause gelassen, zu spät gekommen), nichts verstehend, sah ich nun endgültig wie ein nasser Pudel aus und verstand nicht, wie mir geschieht.

Was ist also passiert? Ich spule das Band einmal zurück und rekonstruiere, was auf der anderen Seite der Fensterscheibe geschah.

Zum Beginn des Elternabends gleich nach der Begrüßung stellt die Klassenlehrerin wie immer eine Frage in die Runde, die alle zum Ducken bringt: „Wer schreibt heute das Protokoll?“ Keiner hat Lust dazu, alle senken die Blicke, machen sich klein und schweigen. Es entsteht unangenehmer Druck in der Luft. Das anhaltende Schweigen wird von Sekunde zur Sekunde unerträglicher.

Für die Leiterin des Abends wird es zum Hochseilakt der Moderation, die Gruppe aus dieser Sackgasse herauszuführen. Normalerweise hält es Einer nicht länger aus und meldet sich freiwillig. Doch diesmal kam es anders. Die Lehrerin sah mich durch das Fenster just in diesem Moment kommen und sagte in die Runde: „Der Nächste, der den Raum betritt, wird das Protokoll schreiben“. Und dann kam ich durch die Tür. Ihr versteht jetzt die Reaktion der Anwesenden. Es war ein Donner der Entladung der angestauten Spannung wie beim Gewitter, wenn sich der Druck mit dem lauten Knall in den Boden entlädt. Das war das Lachen der Erleichterung jeden Einzelnen, dass nicht er oder sie die lästige Aufgabe erledigen muss. Es war ein kollektives Aufatmen.

Ich wusste nicht, was ich falsch gemacht habe, ich erlahmte und konnte mich nicht währen. Ich war allein gegen alle. „So muss es sich anfühlen, gemobbt zu werden“, -dachte ich später. Was hatte das Ganze mit mir zu tun? Eigentlich gar nichts, es hätte jede andere Person an meiner Stelle sein können, oder etwa nicht? Ich war doch perfekt für die Rolle, da ich schon mit dem gesenkten Kopf ankam. Stellen wir uns vor, nur Verdeutlichung halber, wie es wäre, wenn statt mich eine schwarze Limousine zum Schulhof vorgefahren wäre und ein stämmiger Grauanzug mit Brille daraus ausgestiegen und mit festen Schritten zum Klassenzimmer gegangen wäre. Ich bin mir sicher, dass die Lehrerin in dem Fall nicht den gleichen Geisterblitz hätte. Mein Anblick war für sie dagegen die perfekte Vorlage – der Blitzableiter so zu sagen.

Was lernen wir aus der Geschichte? Ich habe verstanden, dass Mobbing nicht das Problem des Einzelnen ist, sondern in der Gruppe entsteht. Es ist ein gruppendynamisches Phänomen, wenn sich unangenehme Stimmung auf einen Sündenbock entladen wird. Wenn Mobbing in der Klasse passiert, dann stimmt etwas grundsätzlich mit dieser Klasse nicht (oder mit der ganzen Schule): Es stimmt etwas nicht mit der Atmosphäre, mit der Leitung, mit der Freiheit der Äußerung. Wahrscheinlich können sich die Schüler in dieser Klasse nicht frei äußern, ohne einen Urteil zu befürchten; wahrscheinlich sind die Lehrer dieser Klassen eher wie Attrappen, die alles „richtig“ machen, aber die Schüler nicht sehen und nicht hören; wahrscheinlich ist der Leistungsdruck da oder der Druck, sich konform zu verhalten. Wahrscheinlich sind auch die Cliquenbildung und ein unkreatives Lernumfeld. Dann wird eine sensible Person gesucht, die leicht zu mobben ist, da sie von vornherein von Selbstzweifeln und Schuldgefühlen geplagt ist, die sie vom Zuhause mitbringt. Beim Mobben machen alle mit, da sie sich freuen, nicht selbst gemobbt zu werden und befürchten, sonst in die Rolle des Sündenbocks vorzurücken.

Und die Täter? Sind sie nicht die Bösen? Auch die Täter sind die Leidenden, aber durch ihre Dominanz laden sie ihr Leid wie die Tierquäler bei den Schwächeren ab. Nach dem Motto: „Wenn jemand mehr leidet als ich, fühle ich mich etwas besser.“ Mobbing ist ein kollektives Verschieben vom Leid, bei der die Leitung schweigt und wegschaut. Mobbing kann nur bekämpft werden, wenn man offen in der Runde über Dinge spricht und eine kollektive Lösung der Probleme sucht.

Und im Falle des Elternabends? Es hätte wahrscheinlich gereicht, wenn die Leiterin die Lästigkeit der Aufgabe zur Sprache bringen würde und in die Runde fragen, ob es andere Lösungsvorschläge gäbe. Da hätte vielleicht der Eine oder Andere mit seiner Kreativität dankbar glänzen können.