Der falsche Postbote.

Der falsche Postbote.

Foto: Bauforum24

 

Sonntagabend Zuhause. Es klingelt an der Tür. „Na, wer klingelt denn um diese Uhrzeit?“, fragte meine Tochter verwundert.

„Hallo?“, – melde ich mich an der Sprechanlage.

„Post!“, – sagt eine Frauenstimme, forsch und leicht drängelnd, so wie ein gewöhnlicher Postbote es sagen würde.

„Am Sonntag?“, – frage ich ungläubig zurück.

„Ja!“ – ziemlich frech und diesmal deutlich drängelnder sagt die Stimme, und fügt dann hinzu: „Ich muss für meine Freundin etwas einwerfen“.

Wie fremdgesteuert drücke ich auf die Taste und mache ihr die Hauseingangstür auf.

Schon wenige Augenblicke später überkommt mich unbehagliches Gefühl, wie aus dem Nichts überrollt worden zu sein. Das Gedankenkarussell geht los: „Sie hat mich aber leicht um den Finger wickeln können. Wer ist sie überhaupt und warum klingelt sie bei mir? Als würde sie gewusst haben, dass sie bei mir ein leichtes Spiel hat. Warum habe ich nicht weiter nachgefragt? Warum war ich so leichtgläubig und nachgiebig? Es könnte ja auch nur ein Trick gewesen sein, um ins Haus hereinzukommen. Usw., usw.

Schnell wurde mir klar, hier wurden Seiten in mir belebt, mit denen ich kein Freund bin – mein Schatten. Diese unbeliebten Seiten von mir sind meine alten Bekannten – die Unfähigkeit, meine Grenzen zu bewahren, Nein zu sangen, kontra zu geben oder schlagfertig zu antworten. In mich kann man so hineingreifen, wie in einen Sahnepudding. Wie weiche Butter für ein Messer leiste ich keinerlei Widerstand. Bzw. doch, wenn ich die Zeit zum Nachdenken habe, aber nicht wenn sich der Autopilot einschaltet und die gewohnten Muster automatisch abspielt.

Bekannt ist mir das alles ja schon lange und ich arbeite auch schon lange daran. Die Situation hat mir nur gezeigt, dass ich mit meiner Arbeit offenbar noch nicht so weit gekommen bin. Da kommt Ärger hoch.  Die eigenen Schwächen so leicht vorgeführt zu bekommen, uff. Dann die erste Entwarnung: Zumindest konnte ich den aufgekommenen Ärger gleich lokalisieren und habe ihn nicht etwa an meinen Kindern abreagiert. Gut gemacht! Erst später am Abend, wenn meine Kinder im Bett waren, habe ich mir den Vorfall noch mal vorgenommen, mich in eine entspannte Lage begeben und in mich hineingeschaut.

Zunächst habe ich den Vorfall wie in Zeitlupe noch einmal durchlebt und auf meine Gefühle in jedem Augenblick geachtet.

  • Es klingelt: Mich treibt die Neugier zur Sprechanlage. Was ich erwarte? Einen netten Überraschungsbesucher vielleicht, der sagt: „Hey, wie geht es dir? Wollte nur kurz Hallo sagen.“ Fehlanzeige, *grmpf*.
  • Die Stimme: „Post!“: Ich spüre meinen Zweifel, doch der Nachdruck der Stimme lässt meine Skepsis weichen. Die Stimme klingt forsch und frech. Ich merke, da ist mehr im Spiel und schaue jetzt in meine Vergangenheit: Wann habe ich mich so ähnlich gefühlt? Tatsächlich hat mich meine (sehr dominante) Mutter oft gedrängelt. „Los, los, los, los!“ peitschte sie mich an, damit sie ihren Alltag bewältigt bekommt. Ich erinnere mich gut an das Gefühl, wie von einer Asphaltwalze überrollt zu werden, absolute Ohnmacht. Ich hatte keine Chance, ihr etwas entgegenzusetzen und fügte mich dem Druck. Und ja, mit der Zeit wurde daraus Automatismus, der offenbar bis heute andauert, besonders wenn dieser Druck wie aus dem Nichts kommt und mich unvorbereitet trifft.
  • „Ich muss etwas für die Freundin reinwerfen“. Dieser Satz hat eine andere Seite in mir berührt – nett zu anderen sein zu wollen (oder müssen?) Etwas für die Freundin, wie kann ich da Nein sagen? Es kam mir nicht mal in den Sinn zu fragen, warum sie dann bei mir klingelt? „Entschuldigen Sie, ich kenne Sie nicht und mache nicht auf“, würde ich jetzt sagen wollen. Doch ich wollte nett sein, Ja sagen, helfen. Wo kommt das wieder her? Ich schaue wieder in meine Kindheit hinein und werde sofort fündig: Ich durfte nie frech sein, ausgelassen toben oder mir „Blödsinn“ erlaufen. Das gewünschte Bild, das ich abgeben musste war ein gut erzogenes, „seriöses“ Mädchen ohne „Flusen“ im Kopf. Bis heute vermisse ich diese freche Seite in mir. Ich denke, daher kommt meine Unfähigkeit, witzig zu sein, anzuecken oder zu provozieren, denn dann bin ich ja nicht „seriös“. Auch diesen Knopf in mir hat die vermeintliche Postbotin in der kürzesten Zeit drücken können.
  • Ich realisierte, dass der Ärger, den ich kurz nach dem Türöffnen verspürt habe, sich in Wirklichkeit nicht gegen die Frauenstimme von der Straße richtete, sondern gegen meine Mutter. Wahrscheinlich war es tatsächlich nur eine Freundin, die eine Nettigkeit vorbereitet hat. Und ihre freche Art war gar nicht böse gemeint, sondern nur spielerisch. Ich habe sie nur so erlebt. Den Ärger konnte ich nun richtig zuordnen.

Ich konnte meine Ohnmacht wieder spüren. Und ja, als Kind war ich ohnmächtig, weil ich klein war. Heute bin ich groß und kann kontra geben, wenn ich das will. Und wenn es mich das nächste Mal wieder unvorbereitet trifft, werde ich sehen, ob ich im Überwinden meiner Automatismen einen Minischritt weitergekommen bin. Auf dem Weg der Verarbeitung kindlicher Verletzungen werden wir wohl nie wirklich am Ziel ankommen und diese wie ungeschehen machen können, aber es ist wichtig, dass wir diesen Weg gehen und in uns hineinsehen, sonst würden wir die Menschen in unsere Umgebung, besonders unsere Kinder und den Partner, als „Mülleimer“ für all die schlechten Gefühle in uns benutzen. Wollen wir das?

Und so war es am Ende doch ein netter Überraschungsbesucher. Es war mein Schatten, der an der Tür klingelte.

Psychopharmaka heilt keine Wochenbettdepression.

Psychopharmaka heilt keine Wochenbettdepression.

Psychopharmaka heilt keine Wochenbettdepression.

Immer häufiger werden Wöchnerinnen mit Stimmungstief Psychopharmaka verschrieben. Junge Mütter berichten, dass sie auf ihrer Suche nach Hilfe im Wochenbett in Kliniken leichtfertig Medikamente verschrieben bekommen, ohne dass ihnen nur eine einzige Fragen zur Vorgeschichte gestellt wird. Es verdutzt sogar die betroffenen Frauen, weil sie spüren, dass es nicht die Lösung sein kann.

Manchmal wird die Behandlung mit Psychopharmaka von eignen Angehörigen nahegelegt. Wenn die Mutter nach der Geburt nicht wieder rasch zu funktionieren beginnt, wenn ihre Laune schwankt und sie kein Mutterglück ausstrahlt, dann schürt es Verunsicherung der Familienmitglieder. Sie erwarten außerdem, dass sie die gleiche Person bleibt, die sie vor der Geburt war. Ihre Veränderung beunruhigt, da sie die gewohnten Beziehungsmuster in der Familie in Frage stellt. Eine Mutter, die ihrem seelischen Schatten begegnet, zwingt alle in ihrer Umgebung dazu, sich ihrem eigenen Schatten ebenfalls zu stellen. Es kann eine Zerreisprobe für die Familie werden, denn nicht alle sind dazu bereit.

So kann sich zuhause ein nervenzerrender Kampf entfachen – zwischen dem Alten und den Neuen, zwischen der Veränderung und der Verharrung, zwischen der Aufklärung und der Verleugnung. Im schlimmsten Fall, wenn der Wiederstand der Angehörigen zu groß ist, wird die junge Mutter für krank erklärt, und mit der besagten Wochenbettdepression stigmatisiert. Eine schnelle „Lösung“ des Problems liegt auf der Hand – Psychopharmaka. Das Rezept fliegt leichtfertig über den Tisch des Psychiaters, die Wöchnerin wird ruhiggestellt und alle atmen auf.

Natürlich werden keine Frauen zwangsbehandelt. Es ist auch die eigene Verunsicherung, die uns dazu bewegt, die Familienmitglieder nicht verärgern zu wollen und doch lieber alles beim Alten zu lassen. Hier hat die fehlende Unterstützung der Angehörigen verheerende Wirkung. Aus Angst vor Abwendung und Isolation stimmen wir der Behandlung zu.

Welche Wirkung hat aber die Behandlung mit Psychopharmaka auf die Mutter im Wochenbett? Die Psychopharmaka schalten die unbewussten Regungen der Seele aus. Sie klemmen den Draht zur subtilen Parallelwelt der unbewussten Emotionen ab und machten sie nicht existent. Die Begegnung mit dem seelischen Schatten findet nicht statt. Medikamente situieren die Mutter wieder in der konkreten Welt und lassen sie erscheinen wie vorher – geordnet, kontrolliert und fröhlich, zur Beruhigung aller Angehörigen. Sie kann wieder funktionieren. Die Tränen hören auf zu fließen, der Alltag kehrt zur „Normalität“ zurück. Nur, mit dem Schmerzen verschwindet auch die Erleuchtung. Mit den Tränen vergeht auch ihre heilende Wirkung. Es findet keine Aufarbeitung statt, keine Veränderung und kein persönliches Wachstum. Alles bleibt bei alten eingefahrenen Mustern.

Die Kosten des vermeintlichen Friedens sind sehr hoch: Wir entfernen uns vom eigenen Kind – dem Wesen, das uns, wie wir immer behauptet haben, am wichtigsten ist. Die Lust, in seiner Wellenfrequenz mitzuschwingen verschwindet. Wir sind zwar in der Lage, das Kind maschinell zu versorgen, aber wir verlieren die Fähigkeit, sich mit unserem Baby emotional zu verbinden, mit ihm seelisch zu fusionieren und es intuitiv zu spüren. Das Stillen bricht ab und mit ihm gehen die körperliche Nähe verloren, das Zusammensein jenseits von Raum und Zeit, die Innigkeit, die Sanftmut und die süße Verschmelzung.

Psychopharmaka erschwert die psychotherapeutische Aufarbeitung oder macht sie komplett unmöglich. Es werden in stationären Kliniken zwar Versuche praktiziert, mit medikamentös behandelten Frauen psychotherapeutisch zu arbeiten, aber es können nur Bemühungen sein, die auf der Ebene des Funktionierens im Alltag bleiben. Der Zugang zum seelischen Schatten mit seinen Verletzungen des inneren Kindes bleibt verwehrt. Damit können die schmerzvollen Erfahrungen nicht aufgearbeitet und nicht angenommen werden. Wir mögen zwar mit Hilfe von Psychopharmaka über die dunkelsten Tagen des Wochenbetts hinüberschaffen, unser seelische Konflikte werden aber geduldig auf die nächste Krise warten und sich dann bei der nächsten Gelegenheit wieder zeigen. Es ist daher nur eine Aufschiebung des Problems und nicht seine wirkliche Lösung.

Über mich

Inga Erchova ist Dipl.-Psychologin, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Autorin und dreifache Mutter. Erfahre mehr über sie und ihre Arbeitsweise…

Mein Buch

Jede Mutter kann glücklich sein

Psychotherapie am Telefon oder Online

Nicht immer müssen wir mit dem Therapeuten im gleichen Raum sein. Das Telefon bietet den Vorteil, dass man in vertrauter Umgebung eigener vier Wände bleibt und sich dadurch besser öffnen kann. Bei einer Online-Sitzung vergisst man oft die räumliche Distanz und einige Zeitzonen Zeitunterschied.

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