von inga | Okt. 26, 2021 | Allgemein, inneres Kind, Kinder, Seelische Heilung

Scheitern.
Dieses schreckliche Wort, der Weltuntergang, das Ende.
Kotzreiz, Schwindel, Apathie. Der Körper lahmt und krümmt sich wie bei Entzugserscheinungen.
Entzug! Genau das ist es. Wir hängen am Tropf des Erfolges: Ich will gewinnen, auf der Spitze sein, triumphieren, sodass alle mich mögen, bewundern, folgen, sharen, zitieren und liken.
Aber was ist, wenn ich Erfolg habe und niemand weiß davon? Wenn ich z. B. im Wald alleine überlebe, alleine ein Berg erklimme, ein Ziel erreiche und nur ich alleine es weißt, ist es dann Erfolg? Oder fehlt da was? Ja, es fehlt die Resonanz, der Klangkörper, die Bestätigung von außen. Erst wenn mein Gelingen schwingt und andere zum Schwingen bringt, kommt der ersehnte Effekt. Ich brauche also die Anderen für meinen Erfolgserlebnis.
Wie auf einer Wolke schwebend von der unsichtbaren Kraft getragen fühlt sich die imaginäre Schar der Fans. Ich bin nicht alleine. Ich werde getragen wie ein Rockstar beim stagediving, wie ein Baby auf dem Arm der Mutter in den Schlaf gewogen.
Und ohne sie? Dann stehe ich alleine auf dem Boden der Tatsachen. Es ist hart, kalt, leer und einsam.
Scheitern.
Looser, Versager, Verstoßener. Du bist nichts wert, Staub, Dreck, ein blinder Fleck, weißes Rauschen. Ich verschwinde in diesem weißen Rauschen, löse mich auf, bin unsichtbar, in der gesichtslosen Masse ein Nichts.
Gescheitert, verloren, nicht recht behalten, das Ziel verfehlt, übertrumpft, abgehängt, schwach, dumm, unfähig.
Kann doch jeder scheitern, sagt ihr? Wirklich jeder?
Aber ein Kind, das spielt, forscht, entdeckt, hüpft, im Dreck matscht, im Wasser plantscht, mit Fingerfarben malt, kann nicht scheitern, oder? Dem Kind (das noch nicht eingeschult ist) ist das Resultat egal. Es hat keine Benchmark zu erreichen, keine Latte zu überspringen, keine Rivalen, keinen Vergleich und kein Ziel, außer das zu tun, was es gerade tut, im Moment sein, bei sich sein, bei der Sache sein.
Ich möchte mich aus den Fesseln befreien und zurückgehen dorthin in dieses Land, wo es kein Scheitern gab, in diesen freien Zustand des Seins.
Kann ich diese Freiheit zurückgewinnen als Erwachsene und als Teil der Leistungsgesellschaft? Ich weiß es nicht, aber ich kann es von meinen Kindern abgucken, eine Weile beim Spielen zusehen und die Welt durch ihre Augen anschauen, mich hineinversetzen und mich wieder daran erinnern, wie es einmal war. Dann bin ich zumindest für diesen einen Moment (scheitern)frei.

Banksys Kid ist bereits im Erwachsensein angekommen.
von inga | Okt. 14, 2021 | Allgemein, Krise, Trauma
Wir Menschen sind so gemacht, dass es für uns keine „objektive“ Realität gibt, sondern eine einzige Projektionsfläche. Wir projizieren unsere Wünsche, Ängste, Widerstände auf das, was uns widerfährt. Wir erleben praktisch nur das, was in uns selbst drin steckt, unbewusst natürlich, mit der Illusion der „objektiven“ Realität.
Und so ist eine Pandemie längst keine Pandemie mehr, sondern eine Religion, in der es Gläubige gibt und Leugner. Eine Impfung ist keine Medizin, sondern eine heilige Kommunion, mit der wir uns bekennen und bekehren lassen. Eine Impfkampagne dient nicht unserem Schutz (wozu sollen sich dann die Genesenen und die Kinder impfen lassen?), sondern sie ist ein Kreuzzug gegen den sich quer stellenden, nicht einlenken wollenden Teil der Bevölkerung. Gleichzeitig will man diejenigen schnell in die eigenen Reihen ziehen, die noch nicht kritisch genug sind – Kinder.
Dass die vorgeschriebenen Tests ab dieser Woche eine Menge Geld kosten, hat wohl die Absicht, den „Trotzkindern“ wehzutun, sie weiter auszuschließen, damit sie aus dem Weltbild am liebsten ganz verschwinden. Es ist unerträglich zu sehen, wie jemand so sehr für seinen Willen kämpft. Wir kennen es alle aus der Kindheit: „Du darfst dein Zimmer erst wieder verlassen, wenn du nicht mehr schreist/ nicht mehr weinst/ nicht zickst und das tust, was von dir verlangt wird.“ „Ich bin wieder lieb Mama,“- sagten wir dann reumütig und entschuldigten uns für etwas, was wir nicht einmal verstanden hatten. Zurückgeblieben sind die gebrochene Seele, eingefrorenen Gefühle, heruntergeschluckte Wut, lähmende Ungerechtigkeit, Scham und Schuldgefühl.
Das Perfide ist, dass dem Kind suggeriert wird, dass es sich selbst in diese Situation gebracht hat. Es wüsste ja, wie es sich zu verhalten hat – lieb, brav, stets gut gelaunt und konform. Es wird ihm eine „Freiheit“ suggeriert, die in Wirklichkeit eine Erpressung ist. Um Liebesentzug und Ausgrenzung zu vermeiden, muss das Kind seine Gefühle ausblenden, sie einfrieren, sich von ihnen distanzieren und auf sein wahres authentisches Ich verzichten. Es wird zur Marionette und verleumdet sich selbst. Das Gleiche passiert heute auf der kollektiven Ebene: Die Ungeimpften haben ja die „Freiheit“ zu entscheiden: hohe Kosten für die Tests oder ein kostenloser Piecks. Na, wie frei fühlt man sich bei diesem „Deal“?
Alles ist nur eine Projektionsfläche, auch diese Pandemie. Darin offenbaren sich unsere Ängste nicht vor dem Virus, sondern vor der Einsamkeit, vor ausgeschlossen werden, vor Liebesentzug und einsamem Zimmer, in dem wir solange alleinbleiben müssen, bis wir uns fügen. Solange das Trauma unbewusst bleibt, wird es sich immer und immer wieder wiederholen, bis es ins Bewusstsein dringt. Die Pandemie könnte uns beim Bewussteren alter Verletzungen weiterbringt, doch es sieht für mich nicht danach aus, als würden wir als Gesellschaft die Chance ergreifen.

von inga | Sep. 21, 2021 | Allgemein
Armin Laschet und die CDU: Ein tragisches Missverständnis.
Es sind nur noch wenige Tage bis zur Stimmabgabe. Trotz aller Prognosen ist der Ausgang der Wahl meiner Meinung nach unvorhersehbar. Das Land ist gespalten, die Stimmung ist aufgeheizt. Viele vertrauen ihre Stimme keinem Wal-o-Maten an oder lassen alle Optionen bis zum Schluss offen.
Ich erinnere mich an die USA-Wahlnacht Trump gegen Clinton und die Überraschung am Ende, an den versteinerten Gesichtsausdruck der Hillary Clinton und auch an den von Trump, der von seinem eigenen Erfolg geschockt war. Daher werde ich den Kandidaten, um den es heute geht, noch nicht abschreiben wollen, just in case. Noch ist alles drin.
Angesichts der fallenden Umfragewerte der CDU wurde Armin Laschet für die TV-Trielle darauf getrimmt, angriffslustiger zu wirken, um den Abwärtstrend zu brechen. Doch seine „Kampfbereitschaft“ wirkte aufgesetzt wie ein Verzweiflungsakt, ähnlich wie das Stampfen von Rumpelstilzchen noch tiefer in den Boden rein. Das besiegelte nur noch seine Verliererposition.
Viel authentischer wirkt er in seiner eigenen Haut als Kümmerer und Menschenversteher in den Momenten, wenn er auf die Opponenten zugehen kann, ihnen zuhört, ihre Argumente ernst nimmt. Dabei gerät er nicht in die Defensive, um nur das eigene Ansehen zu retten, wie es bei Politikern eher üblich ist. Er geht auf Kritiker ein und versteht, wie es den Leuten geht, die mundtot gemacht worden sind.
Eigentlich braucht das Land nach all der Spaltung und verhärteten Fronten genau so einen Vermittler, Versöhner, Versteher. Warum verliert er dann in den Umfragen? Warum schielen die Bürger Richtung dickköpfigen Scholz, der stets zäh und „scholzig“ bleibt, der schnippisch und stur wirkt und sich bei wichtigen Entscheidungen, wie er selber sagt, „nicht reinreden lässt“?
Schon der Name Laschet klingt ein wenig wie Lusche – und das ist die Kehrseite des Kümmerers, die ihm oft angekreidet wird – zu weich, zu gemütlich, zu nachgiebig. Tatsächlich ist er ein Mann mit hohen weiblichen Anteilen, eigentlich sollte das zeitgemäß wirken. Doch das noch herrschende Patriarchat, das allein auf Testosteron setzt, wird für Laschet zum Verhängnis. Er kämpft gegen die Windmühlen und spricht in seinem Werbespot mit Nachdruck „Ich weiß, was Veränderung bedeutet!“ Aber wirkt es glaubwürdig?
Laschet sendet, wenn er darf, die richtigen, integrierenden Signale aus, doch seine Partei ist der falsche Absender dafür. Aus psychologischer Forschung wissen wir, dass Botschaften nicht alleine wirken, sondern immer davon geprägt sind, wer sie ausspricht. Die CDU ist gefühlt der Verursacher der aktuellen Lage, daher kann die CDU nicht auch diejenige sein, die die Lage wieder richtet. Da muss ein anderer kommen, der aufräumt.
Nur ein Gedankenspiel: Wie würde Laschet wirken als Vertreter der SPD, FDP oder den Grünen?
Der Menschenversteher wirkt selbst missverstanden, unterschätzt, fehl am Platz, in die Sackgasse getrieben. Sein gut gemeintes Angebot, das allen so gut tun würde, will niemand haben. Das ist die Tragik des Kandidaten und unserer Zeit.

von inga | Sep. 14, 2021 | Allgemein
SPD und Olaf Scholz: Nüchtern vor dem Inferno?
Olaf Scholz ist sich siegessicher und sieht sich schon im großen Amt. Doch wie wirken seine Wahl-Kommunikation und er als Person? Ist sein Erfolg wirklich nur das Ergebnis der gekonnten Werbekampagne?
Die Plakate der SPD heben sich wahrhaftig von den übrigen auf. Auffällig ist die rote Farbe im Hintergrund – nicht etwa Rot wie die Ampel oder Feuerwehr. Nein, dieses Rot ist anders, – es brennt förmlich, es leuchtet, es strahlt Hitze aus. Man sieht regelrecht die brennenden Wälder im Hintergrund, spürt die Hitze und die Gefahr, sodass man fast davonlaufen will.
Und Scholz? Er sitzt vor dieser brennenden Kulisse entspannt und gelassen, mit verschmitztem Lächeln im Gesicht, in Schwarz-Weiß.

Die Schwarz-Weiß-Abbildung soll im Kontrast zu lichterloh im Hintergrund wahrscheinlich die Nüchternheit des Kandidaten betonen, seinen kühlen Kopf, die Unaufgeregtheit. So der Plan der Strategen. Doch es wirkt eher realitätsfremd, ausgestiegen, Attrappen artig. Gerade in Kombination mit den verzerrten Körperproportionen: Seine Hände wirken vergrößert, der Kopf dagegen wirkt kleiner und die Schulter schmaler. Verzerrte Proportionen vermitteln verzerrte Einschätzungen des Politikers, seine Entgleisungen. Er soll es anpacken, heißt es. Wird er es aber schultern können?
Die vermeintlich nüchterne Natur des Kandidaten scheint sein Trumpf zu sein, worauf viele reinfallen. Doch die Nüchternheit ist trügerisch und hat ihre Kehrseite. Scholz ist mit seinen spitzzüngigen Sprüchen mehrfach aufgefallen, wie z. B. „Wir waren gerne eure Versuchskaninchen“, – sagt er zu den Impfskeptikern, womit er die Rüge von Laschet kassiert hat. Oder „Niemand ist (nach der Impfung) zum Alien geworden“ wieder zu den Impfskeptikern, verschmähend dabei die Sachlage zu den Nebenwirkungen in manchen Fällen mit tödlichem Ausgang. Hier offenbart sich Scholzes saloppe Seite, die ihn immer wieder in die Schieflage bringt. Jeder „Wums“ ist eben ein unkontrollierter Hieb, kein mäßiger Schritt.
Im letzten TV-Triell, vom Konkurrenten in die Defensive getrieben, leuchteten vor Aufregung seine Ohren rot. „Ach, Scholz ist ja doch ein Mensch“ – schrieb darauf hin die Presse. Man kann seine Kehrseite eben nicht ewig verbergen, früher oder später kommt sie zum Vorschein. So kann es mit vermeintlich ruhigem Scholz doch ganz schön brenzlig werden, wie der Hintergrund der Plakate schon richtig andeutet.
Sein Werbespot ist wie ein verfilmter Lebenslauf, in dem seine Stationen und „Errungenschaften“ minutiös aufgezählt werden. Auch das soll nüchtern und sachlich daherkommen. Fast bin ist davon überzeugt worden, nur lässt die geschauspielte Art zu sprechen am Schluss wieder Misstrauen in mir wachsen.
„Scholz packt das an“, verspricht die Werbung, doch man darf mit Scholz Entgleisungen, Verwicklungen in Skandale, Seitenhiebe und Lösungsversuche mit Bazooka erwarten, das ist meine persönliche Prognose.
von inga | Aug. 31, 2021 | Allgemein
Ihr wisst, dass ich in meinem früheren Leben als Nicht-Mama viele Jahre als strategische Planerin in der Werbung gearbeitet und in der Zeit unzählige Kampagnen analysiert und bewertet habe. Heute möchte ich das alte Handwerk wieder herausholen und die Wahlwerbespots der Parteien in diesem geschichtsträchtigen Wahljahr einmal psychologisch unter die Lupe nehmen. Im ersten Teil geht es um die Grünen und FDP.
Die Grünen. Das Singen der Lämmer.
Als Leitmotiv der Kampagne erklingt das altdeutsche Volkslied „Kein schönes Land“, das einen mit der Verneinung im Namen schon leicht abschreckt. Bei seiner Entstehung mag das Lied eine Liebeserklärung gewesen sein, doch in der Grünen-Fassung und in heutiger Zeit klingt es wie ein Kinderlied, einlullend und naiv, passender zur Einschlafbegleitung als zum Wahlkampf. Es hat eine Ohrwurmqualität, doch je mehr es im Ohr wurmt, desto mehr fühlt man sich vom Lied zugedröhnt und betäubt.
Die Protagonisten sollten wahrscheinlich Volks nah wirken, doch sie wirken viel mehr nach strengen Quoten ausgesucht und nach Reihe und Glied zusammengestellt. Man merkt Methode und zwanghafte Hand dahinter.
Man merkt auch, dass es den Schauspielern selbst peinlich ist, dieses Lied zu singen. Sie machen gute Miene zum bösen Spiel. Man schämt sich beim Zuschauen mit, und so wird die Performance zum Fremdschämen. (Das Lied hätte eine gute Chance gehabt, wenn es z. B. von Nena gesungen wäre. Ich kann mir Nenas Stimme wie keine andere mit ihrem Schwung und Lässigkeit für dieses Lied total gut vorstellen.)
Doch von der Lässigkeit ist in diesem Spot keine Spur, überhaupt von jeglicher Lebensenergie, Power, Drive ist nichts zu spüren. Jemand führt Regie, präzise und steif. Man fühlt sich eingepackt, in grüne Schleier eingewickelt wie eine Motte von der Spinne, gebrain- und ge-greenwasht (wie auf den Plakaten auch).
Die Einzigen übrigens, die beim peinlichen Singen nicht mitmachen, sind verständlicherweise die Chefs selbst. Dafür sind sie sich dann doch zu fein. Und so stellen sie sich unbewusst doch über dem „Volk“.
Sind sie die Schäfer oder Wölfe im Schafspelz? Wir werden sehen.

FDP. Selbstgeltungstrip auf Speed
Ein Déjà vu: Wie der Schwarzlichteffekt in der Disco wirken die stockenden Schwarz-Weiß-Bilder im Werbespot der FDP. Lange ist es her, doch die Stimmung weiß ich noch – Tanzen, als gäbe es kein Morgen mit fettem, ohrenbetäubenden Beat im Ohr. Doch nach ein Paar Sekunden fragt man sich, ob das Stocken der Bilder vielleicht mit meiner schlechten Internet-Verbindung zu tun hat und checkt schnell den W-Lan. Wir sind alle ein wenig digital geschädigt.
Im krassen Kontrast zum naiven Grünen-Gedudel wirkt die Anmutung des FDP-Spots wie ein Trip auf Speed, getrieben und rastlos. Es juckt mir fast im ganzen Körper allein schon beim Zusehen. Es mutet wie gestörte Wahrnehmung im veränderten Bewusstseinszustand, wie etwa durch Drogenkonsum?
Und der Protagonist? Oh, der gute Herr Lindner, er hält wohl sehr viel von sich. Er schwimmt in Eitelkeit und Selbstverliebtheit: feine Hände, Wimpernschlag, Glanz in den Augen, nachdenklicher Blick um dunklen Zimmer. Ich komme ins Schwärmen (Scherz ;-))
Er berauscht sich am eigenen Danken. (Oh ja, das Denken kann berauschen, weil man absolut alles in der Welt erklären und begründen kann. Man fühlt sich immer im Recht und fast schon allmächtig.) Doch wie jeder Intellektueller verheddert er sich im Labyrinth seiner Gehirnfalten, verirrt sich in unendlichen Abzweigungen seines Gedankenflusses. Das merkt er natürlich nicht und schreibt die Copy für den Spot gleich selbst. Die Agentur hat da null Mitspracherecht. Wie auch? Niemand ist an den großen „Schöngeist“ herangewachsen, in seinen eigenen Augen versteht sich?
Hier gilt: Ich bin die Partei. Ich bin das Volk.
