Da sein.

Meine Tochter ist krank – sie hat Kopfschmerzen, ihr ist übel und sie liegt im Bett. Mal klagt sie leise, mal stöhnt vor Schmerzen.

Wahrscheinlich ist es „nur“ die Aufregung vor dem anstehenden Zeugnisgespräch in der Schule. Muss sie denn immer so empfindlich sein, alles so sehr zu Herzen nehmen?

Sie ruft nach mir und will, dass ich bei ihr sitzenbleibe.

Ich setze mich zu ihr, halte ihre Hand, streichle sie über den Kopf, atme mit ihr zusammen die Schmerzen weg. Sie beruhigt sich rasch, schließt die Augen, atmet wieder ruhig und scheint eingeschlafen zu sein.

Im gleichen Moment zieht mich eine unsichtbare Kraft wieder weg vom Bett. Ich habe Termine zu bestätigen oder abzusagen, Emails zu beantworten, die Küche zu putzen, und, und, und. Alles scheint mir wichtiger zu sein als bloß da zu sitzen, und nichts zu tun.

Viel lieber wäre mir gerade das Rotieren, Erledigen, Abhacken, Wegschaffen und die langen To-do-Liste abzuarbeiten. Einfach nur da zu sitzen schaffe ich nicht. Ich zähle im Kopf, was ich in dieser Zeit hätte alles erledigen können.

Ich schleiche mich leise aus dem Zimmer und prompt ruft sie wieder nach mir: wieder Schmerzen, wieder Weinen, alles von vorne.

Ich erinnere mich gut dran, als sie noch Baby war und am liebsten die ganze Zeit auf dem Arm verbringen wollte. Sie ließ sich einfach nicht ablegen, nicht im Schlaf, nicht nach dem Essen, nicht gut gelaunt oder sonst wie.

Wenn ich sie schlafend hingelegt habe, ging der Wettlauf um Minuten los: Schaffe ich es, einen Kaffee zu kochen oder auf Toilette zu gehen? Was ist mir gerade wichtiger? Vom Duschen oder in Ruhe zu frühstücken konnte ich nur träumen.

Nun erlebe ich Déjà-vu und gehe pflichtbewusst und doch widerwillig zurück zu ihrem Bett.

Wieder sitze ich da und halte ihre Hand. Sie ist wieder ruhig und ich will am liebsten wieder gehen.

Wenigstens mal das Handy in die Hand nehmen und ein wenig scrollen und lesen? Doch das wäre das Gleiche wie gehen, nur im Geiste.

Dann fällt mein Blick auf meine Hände. Sie scheinen mir heute so rau und überarbeitet, sie sehen aus wie gebrauchte Werkzeuge.

Sie erinnern mich an die Hände meiner Oma, ihre waren riesig groß, unförmig, drahtig, mit ausgeprägten Venen. Hände, die ein Leben lang angepackt und geschaufelt haben. Mit ihnen hat sie wahrscheinlich ihre Familie versorgt. Wie schwer diese Arbeit auch war, blieb sie für mich aber völlig unsichtbar. Was mir von der Oma präsent geblieben ist, ist ihr Lächeln und liebevolles Gesicht, in dem kein Platz war für Kritik oder Erwartungen. Ihr Gesichtsausdruck strahlte immer pure Freude meines Anblickes aus.

Mich trifft der Gedanke: In 20 Jahren wird meine Tochter nicht mehr wissen, was ich an diesem Tag heute alles erledigt habe, doch sie wird sich erinnern, ob ich an ihrem Bett sitzen geblieben bin.

Ich ringe mit mir: Ich kann ihr doch nicht helfen und ihre Schmerzen nicht wegnehmen. Sich muss da einfach nur durch. Und doch, – sagt die andere Stimme,- ich kann ihr helfen, indem ich einfach nur da bleibe. So verdammt einfach und schwer zugleich.

Denn die bloße Präsenz verlangt mir mehr Kraft ab, als alle physischen Aufgaben der Welt zusammen. Sie beansprucht nicht meine Muskeln, sondern schöpft aus meinen seelischen Reserven, die gerade leer sind. Wo finde ich bloß die Kraft?

Es erscheint wieder das strahlende Gesicht meiner Oma und schickt mir die Kraft, die ich gerade brauche. Ich sauge diese liebevolle Energie auf und tue das Schwierigste.

Und hier bin ich – am Bett sitzend, nicht von der Seite weichend, die Hand haltend, präsent, da.

(später aufgeschrieben)

Das digitale Dorf und die analoge Einsamkeit.

Es braucht ein Dorf

um ein Kind großzuziehen – sagt man doch so. Man glaubt es kaum, aber ein Kind braucht tatsächlich viele Menschen zum Aufwachsen – wie ein Sicherheitsnetz für die junge Familie, damit sie ihrem Kind genug Liebe geben, genug Nervenstärke bewahren, genug Zeit mit ihm verbringen oder ein gemütliches Zuhause herrichten. Da braucht es schon mal viele Hände. Und so war es früher: Die Großeltern und die Tanten, die Freunde und Bekannte, alle lebten nah beisammen in einer Gemeinschaft und leisteten sich gegenseitig Unterstützung. Die jungen Frauen wurden von den Erfahrenen in die Geheimnisse des Frauseins eingeweiht und auf der Reise der Mutterschaft begleitet. Niemand war alleine. Wir Menschen sind soziale Wesen und fürs Alleinsein nicht geschaffen.

Allein mit dem Kind

Heute sieht das Leben anders aus. Im besten Fall ist es eine mini Familie aus Mutter, Vater und Kind. Eine Oma, die einmal pro Woche vorbeikommt, ist bereits ein Privileg. Doch zu oft ist es nur die Mutter ganz alleine, die ihre Kinder versorgt und null Unterstützung im Alltag erfährt. Wir vereinsamen in Großstädten weit weg von unseren Herkunftsfamilien. Das Verhältnis ist aber ohnehin schon so gestört, dass man sich lieber nicht ins eigene Familienleben einmischen lassen möchte. Der Alltag mit Kindern gefüllt von Einsamkeit zerrt an den Nerven. So kann die Mutter nicht ein warmer und weicher Zufluchtsort für ihre Kinder sein, am Limit ihrer Kraft mutiert sie zur chronisch genervten Furie. Wer viel gibt, muss emotional gut gepolstert sein, denn aus dem Leeren kann man nichts geben.

Das digitale Dorf

Vor dieser armseligen Wirklichkeit kommt uns das neue digitale Zeitalter ja fast wie ein Segen vor. Es schafft Menschenverbindungen und füllt uns mit Informationen. Man ist mit dem guten Rat und herzlichem Trost für einander da. Mütter bekommen Tipps für die Alltagsbewältigung. Man findet Verbündete und Gleichgesinnte. Es gibt Foren und Magazine, Interessen-Gruppen, Erklär-Videos, kreative Ideen und grenzenlose Inspiration. Man stellt auch sich selbst gern ins Rampenlicht und präsentiert das eigene Leben von der besten Seite. Es ist sehen und gesehen werden. Nun ist man nicht mehr allein?

Die kritischen Stimmen

Es ist alles so schön bunt hier, in der digitalen Welt, doch es werden Stimmen lauter, die uns das Vergnügen nehmen wollen mit dem Vorwurf, durch die übermäßige Mediennutzung die Beziehungen im realen Leben zu vernachlässigen. Das Smartphone wird zum Hassobjekt erklärt, die gesenkte Kopfhaltung – zum Sinnbild der Verblödung und die Unfälle beim Handynutzen zur Zielscheibe für Spott. Wie die Parallelwelt neben der Digitalen fristet dabei das reale Leben sein ärmliches Dasein.

Doch sind die digitalen Medien wirklich schuld an unseren missglückten Beziehungen, fehlenden Gesprächen und seelischer Leere?

Zugegeben, das Netz hat Suchtpotential. Es ist schon schlau eingefädelt von Twitter und Co. wie sie ihre Nutzer bei Laune halten. Wir unterhalten uns ja nicht nur, wie sammeln Herzchen, Retweets, Follower, Kommentare, batteln uns gegenseitig an, bekommen Bestätigung und wollen immer mehr davon.

Schaft Vernetzung auch Verbindung?

Neue Medien sind natürlich nur der Sündenbock, auf den wir die Last abschieben. Wir verschweigen und verleugnen uns etwas viel Wichtigeres – unsere Unfähigkeit, eine innige Beziehung mit anderen Menschen einzugehen. Auch unseren Kindern weichen wir lieber aus und da kommen die smarten Geräte ja gerade recht. Es ist zu bequem, die Kids mit dem iPad alleine zu lassen und ein wenig Ruhe zu genießen. Wir sind schließlich zu erschöpft, um uns mit den Kleinen zu beschäftigen, auch wenn wir wollten. Im Alltag sind wir ja immer noch alleine.

Das Netz leistet uns zwar große Abhilfe, dem richtigen Problem – unserer Vereinsamung – hilft es aber nicht. Es schenkt uns Herzchen, erwärmt aber nicht unser Herz, gibt Ideen fürs Leben mit Kindern, beschert aber keine quality time mit ihnen, gibt uns Follower, schafft uns aber keine echten Freundschaften, berieselt uns mit Unterhaltung und lässt uns ins Bodenlose fallen, wenn diese „Haltung“ weg ist.

Eine menschliche Verbindung, was ist das? Wir alle haben das Bedürfnis, gesehen, gehört und verstanden zu werden, Kinder noch tausendfach mehr als wir. Es ist jedoch anstrengend und ungewohnt, dem anderen Menschen gegenüber zu sitzen, durch die Augen bis in sein Herz zu schauen, erkennen, was er oder sie durchmacht, mitzufühlen und einen gehaltvollen Austausch stattfinden zu lassen. Wir haben es nicht gelernt und können es daher nicht bieten. Zu schade, denn durch eine menschliche Verbindung werden Gesichter nicht nur blau angeleuchtet, sie lässt diese richtig erstrahlen.

Na, noch schnell ein Paar passende Tipps googeln? 😉

Die Werbekampagne “The more you connect, the less you connect” zeigt, wie alleine und unsichtbar sich Menschen fühlen, wenn der andere geistig abwesend ist.

Elterncoaching

Elterncoaching

Elterncoaching

Vielleicht haben Sie das Gefühl, den Draht zum eigenen Kind verloren zu haben. Vielleicht verstehen Sie es nicht mehr oder fühlen sich von ihm nur noch angenervt. Vielleicht wird die Kluft zwischen Ihnen immer größer und eine „schwierige Phase“ nimmt kein Ende? Dann ist es an der Zeit, ein Gespräch mit dem Therapeuten zu suchen und die Sorgen und Zweifel anzusprechen.

Im Laufe der Arbeitsjahre bin ich zum Schluss gekommen, dass jedes Eltern-Kind-Paar einzigartig ist und besondere Bedürfnisse hat, daher habe ich aufgegeben, nach Der perfekten Arbeitsmethode zu suchen, die zu allen passt. Jemand hat zu Recht gesagt, dass wenn man nur einen Hammer zur Verfügung hat, dann sieht jedes Problem wie ein Nagel aus. Daher habe ich mir einen ganzen Werkzeugkasten – ein reiches Repertoire an therapeutischen Methoden – zurechtgelegt. So können wir uns zunächst einmal kennenlernen und dann aus diesem Werkzeugkasten die passenden Werkzeuge heraussuchen, die der Aufgabe gerecht werden.

Sitzungen können abwechselnd mit nur Eltern, nur Kindern oder im Paar stattfinden.

Folgende Arbeitsmethoden stehen uns zur Verfügung:

  • Rekonstruktion persönlicher Lebensgeschichte (Biografia Humana nach Laura Gutman, Argentinien). Systemischer Blick auf das Familiengeschehen durchleuchtet das Rollengeflecht in der Familie und hilft zu verstehen, dass unsere „Problemkinder“ oft nur das Sprachrohr des Familiendramas sind. Wenn den Eltern dieses Drama bewusst wird, befreit es unsere Kinder von dieser lästigen Aufgabe und entlastet die ganze Familie.

 

  • Familienaufstellung (mit Playmobil-Puppen) knüpft an dem Systemischen Ansatz an und visualisiert das Familiendrama eindrucksvoll. Uns fallen wie die Schuppen von den Augen, wenn wir es „schwarz auf weiß“ vor uns sehen. Wir geraten ins Wirkungsfeld einzelner Familienmitglieder, verfolgen Kommunikationswege, sehen unseren Platz in der Familienkonstellation und können diesen sogar verändern.

 

  • Traumarbeit mit Kindern. Kinder leiden oft an Albträumen und haben deswegen Schwierigkeiten, abends ins Bett zu gehen. Wir können zusammen mit Ihrem Kind die „Monster“ visualisieren, mit ihnen reden und eine freundliche Bekanntschaft machen. Vielleicht entpuppen sie sich ja als ziemlich süße Monster-Freunde. Gleichzeitig nehmen die Eltern die Botschaft des Traumes als Warnsignal zum Familiengeschehen ernst.

 

  • Arbeit mit dem inneren Kind. Am Anfang war alles und in jedem Augenblick unseres Lebens ist unsere Kindheit präsent. Alles, was noch unerledigt ist, noch schmerzt und gesehen werden will, mischt sich in unsren Alltag und in unsere Beziehungen hinein. Ich habe eine eigene Methode entwickelt und sie „Die Zeitreisen zum inneren Kind“ genannt. Seitdem komme ich aus dem Staunen nicht heraus über ihre heilende Wirkungskraft. Probieren Sie selbst.

 

  • Tanztherapie (derzeit in Ausbildung bei Eurolab in Berlin). Tanz und Bewegung bedienen sich nicht der verbalen Kommunikation, sondern der Weisheit des Körpers. Das Zellengedächtnis vergisst nichts. Unsere Bewegungen sind Ausdruck dessen, was uns innerlich bewegt und was man nicht in Worte fassen kann. In der Mutter-Kind-Tanztherapie erleben wir die bewegte Beziehung und finden körperlich und seelisch zu einander.

 

  • “ Jedes Kind ist ein Künstler“, sagte Picasso, weil Kinder sich nicht für die Bewertung interessieren, sondern die Kunst als reines Ausdrucksmittel nutzen und schöpferisch nach außen kehren, was innen ist. Und wenn es einmal draußen ist, dann tut es innen nicht mehr so toll weh. Lassen Sie mich mit ihrem Kind zusammen malen und wir erfahren, was es beschäftigt.

 

  • Darüber hinaus gibt es noch therapeutisches Spielen mit Kindern, Hängetuch-Therapie, Rollenspiele oder Emotionstheater.
Über mich

Inga Erchova ist Dipl.-Psychologin, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Autorin und dreifache Mutter. Erfahre mehr über sie und ihre Arbeitsweise…

Mein Buch

Jede Mutter kann glücklich sein

Psychotherapie am Telefon oder über Skype

Nicht immer müssen wir mit dem Therapeuten im gleichen Raum sein. Das Telefon bietet den Vorteil, dass man in vertrauter Umgebung eigener vier Wände bleibt und sich dadurch besser öffnen kann. Bei einer Sitzung über Skype vergisst man oft die räumliche Distanz und einige Zeitzonen Zeitunterschied.

© 2020 Inga Erchova  Kontakt · Impressum · Datenschutz

Sind die Eltern im Wochenbett austauschbar?

Sind die Eltern im Wochenbett austauschbar?

Sind die Eltern im Wochenbett austauschbar?

In meiner Nachbarschaft sehe ich seit einiger Zeit des öfteren einen Mann, der mit dem Kinderwagen durch die Straßen zieht, bei jedem Wetter zur gleichen Uhrzeit. Manchmal schallt aus dem Kinderwagen verzweifeltes Schreien des Babys, worauf der Vater mit noch zügigeren Schritten und ernsterem Gesichtsausdruck reagiert. Manchmal sitzt er draußen im Cafe und gibt dem Baby die Flasche. Er sieht dabei in die Ferne und sein Gesichtsausdruck sagt mir „Was mache ich hier eigentlich?“. Ich spekuliere, dass es ein Vater in der Elternzeit ist, sehr früh nach der Geburt seines Babys.

Ich höre die protestierenden Stimmen der Leser, die behaupten, dass der Vater für das Baby doch mindestens genau so gut sei wie die Mutter und dass es doch keinen Unterschied mache, solange sich jemand um das Baby kümmert. In einer modernen Familie sind die Aufgaben sowieso gleich verteilt. Es wäre sexistisch oder altmodisch zu behaupten, dass der Vater nicht gut genug für den Säugling wäre. Was ist daran wahr und was sind die Vorurteile unserer Zeit? Sind die Mutter und der Vater tatsächlich austauschbar? Merkt das Baby überhaupt, ob er bei der Mutter oder bei dem Vater ist und macht es für ihn überhaupt einen Unterschied.

Die Gleichberechtigung ist heute ein wichtiges Thema in der Berufswelt, Politik oder Gesellschaft. Wir fordern mehr Frauen in den Vorständen, den gleichen Lohn für die gleiche Arbeit, die gleichen Aufstiegschancen oder Bildungsmöglichkeiten für die beiden Geschlechter. Sollten wir nicht in den eigenen vier Wänden genau so gleich und gleichberechtigt sein wie da draußen? Und das ist genau der kritischer Punkt: Wir verwechseln die Gleichberechtigung mit dem Gleich-sein. Ja, der Mann und die Frau haben gleiche Rechte, sie sind aber nicht gleich, d.h. nicht identisch im Körper, in der Seele und nicht in ihrer Beziehung zum Nachwuchs. Irgendwie haben wir Angst, einen Unterschied zu sehen, weil “unterschiedlich sein” setzen wir gleich mit “unterschiedlich gut sein”. Es ist jedoch nichts als ein Denkfehler. Für das Baby sind die Mutter und der Vater nicht identisch in ihren Aufgaben und in ihrer Beziehung zum Neugeborenen.

In den ersten Wochen und Monaten nach der Geburt haben die Mutter und ihr Baby eine fast schon telepathische Verbindung. Diese Verbindung ist für das bloße Auge unsichtbar, doch jede Mutter, die sich auf die veränderte Wellenfrequenz des Wochenbetts einlässt, spürt sie. Die Geburt trennt zwar die Körper der Mutter und ihres Babys, doch die seelische Abnabelung verläuft bei weitem nicht so schnell. Sie ist lang und graduell und kann sich bis zum Ende des zweiten Lebensjahres des Babys erstrecken. Bis dahin bleiben die beiden seelisch gesehen noch ein Ganzes, als würde eine Seele in zwei Körpern leben. Die Mütter fühlen sich ohne ihre Babys nicht komplett. Das gleiche erlebt das Baby, nur noch viel extremer – ohne seiner Mutter kann das Neugeborene nicht existieren, nicht leben und nicht sein. Nur an der Seite seiner Mutter fühlt es sich sicher und vollständig. Ein Neugeborenes ist nicht einfach nur ein Objekt, das man versorgen muss wie eine Topfpflanze. Ein Neugeborenes lebt in der Seele seiner Mutter und ohne sie fühlt es sich verlassen, auch in den Armen seines Vaters. Die Aufgabe des Vaters besteht daher nicht darin, die Mutter zu ersetze, sonder die Mutter nach Kräften zu unterstützen, damit sie genug Kraft hat, führ ihr Kind zu sorgen.

Diese Aufgabe des Vaters ist nicht weniger wichtig, ganz im Gegenteil. Ohne seine Unterstützung verzweifelt die Mutter manchmal ohne richtigen Grund, was oft Verwunderung der Angehörigen verursacht. Was soll daran schon schwierig sein, für ein Neugeborenes zu sorgen? Leider sind wir gewohnt, nur mit den Augen zu sehen und registrieren und das, was die Mutter tatsächlich tut. Was wir jedoch nicht sehen ist die enorme Verantwortung auf ihren Schultern, ununterbrochen für das Leben ihres Babys verantwortlich zu sein, denn ohne sie ist es nicht überlebensfähig. Alle ihre seelischen Ressourcen sind auf das Neugeborene gerichtet – sie fühlt mit, versucht zu entziffern, was es gerade braucht, sie wiegt, nährt, trägt und weint mit, wenn das Baby nicht zu beruhigen ist.

Moment mal, fragt vermutlich der Leser, tut der Vater nicht das Gleiche, wenn er die Elternzeit nimmt? Er tut vielleicht das Gleiche, aber er fühlt nicht das Gleiche. Er bleibt emotional reserviert, denn er teilt seine Seele nicht mit ihrem Kind, wie es die Mutter tut. Er bleibt die gleiche Person wie vorher, während sie nie wieder die Gleiche sein wird und darauf muss sie erstmal klar kommen. Nicht nur der Körper des Vaters ist im Gegensatz zur Mutter unversehrt geblieben, auch seine Seele erleidet keinen Bruch. Und das ist gut so, denn so behält er die emotionale Stabilität und die Verwurzelung in der konkreten Welt, während die Mutter in die subtile und für sie völlig neue Welt des Wochenbetts mit ihrem Baby zusammen abtauchen kann. Mit seiner Unterstützung kann sie es sich erst leisten, sich auf die Wellenfrequenz ihres Babys einzulassen und ein wenig so sein wie es – empfindlich, emotional, irrational und unausgesprochen. So versteht sie seine Sprache und schwingt mit ihm mit. Die unten stehende Zeichnung verdeutlicht die wichtigste Aufgabe des Vaters in der neu entstandenen Familie als emotionale Sicherheitsschnur für die junge Mutter. Platztausch wäre hier unvorstellbar, oder?

Illustration Quelle: Puerperios. L. Gutman[/caption]

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Sind die Mütter immer schuld? Vom Schuldgefühl zum Verantwortungsbewusstsein.

Sind die Mütter immer schuld? Vom Schuldgefühl zum Verantwortungsbewusstsein.

Sind die Mütter immer schuld? Vom Schuldgefühl zum Verantwortungsbewusstsein.

Im Laufe der psychotherapeutischen Arbeit entsteht oft eine neue Sicht auf die eigene Vergangenheit, die unsere Vorstellung davon verändert, wer wir sind und woher wir kommen. Auch die Menschen in unserem Leben geraten ins neue Licht, vor allem die Mutter – die so wichtige Person im Leben, deren Einfluss man kaum überschätzen kann. Vielleicht hatten wir bisher ein Bild von der Mutter, das uns gefallen hat – eine liebe Person, ein wenig streng aber nicht unmenschlich, eine gute Freundin, ein Mensch mit Macken und Kanten, nicht perfekt aber nah, verwandt und warm. So ein Bild nährt uns von innen.

Eine gute Beziehung zur Mutter ist ungeheuer wichtig für die psychische Stabilität und das sichere Navigieren durch die Stürme des Lebens. Die Verbundenheit mit ihr ist die zentrale emotionale Stütze, vor allem wenn wir selbst Mütter werden und ihre Energie und Unterstützung brauchen, um sie weiter an unsere Kinder zu geben. Es ist ihre sanfte Berührung, die uns beruhigt, eine feste Umarmung, die neue Energie schenkt, ein Witz, der uns wieder aufheitert oder der Augenkontakt, der uns versichert, dass jemand kleinmaschig für uns sorgt. Meine Mutter hat mir immer gesagt, dass sie mich nicht nur sieht, sondern spürt. So eine Verbindung ist telepathisch. Von ihrem Blick, der durch die Augen bis ans Herz geht, kann man nichts verbergen.

Und was ist wenn die gute Beziehung zur Mutter nicht möglich ist? Vielleicht war der Raum zwischen uns schon immer einer Wüste ähnlich, in der nichts wächst, nur sandiger Wind wütet und kein Tröpfchen Wasser zu finden ist. Statt Aufmunterung kommen nur Vorwürfe, statt Verständnis – besserwisserische Ratschläge, statt Mitgefühl – Desinteresse und statt Nähe – endlose Distanz. Wenn wir ohne mütterlicher Wärme aufwachsen mussten, haben wird ein lebenslanges Handicap, das uns viel Kraft abverlangt, um halbwegs ähnliche Chancen im Leben zu haben wie die Menschen mit einem besseren Start.

Oft ist aber die gute Beziehung zu Mutter nur eine Illusion – die fata morgana, ein Wunschbild, eine Idealvorstellung, die mehr in unserer Fantasie als in der Realität existiert. An diesem Bild wird krampfhaft geklammert, auch wenn alle Lebensumstände dagegen sprechen. Eine junge Mutter berichtet zum Beispiel, dass sie im Wochenbett nur bei ihrer Mutter sein kann, wenn sie eine lange Reise mit ihrem Säugling in ihre entfernte Heimatstadt auf sich nimmt. Für die fitte Großmutter selbst ist es „zu umständlich“, so weit zu reisen. Die junge Mutter erleidet einen Tag vor der Abreise Zusammenbruch aus Angst, die Großmutter mit ihrem Besuch und dem neugeborenen Kind zu sehr zu belasten. Auch dann glaubt sie weiterhin an die selbstlose Hilfsbereitschaft ihrer Mutter. Es ist verständlich, so sehr brauchen wir die gute Mutter an unserer Seite, auch wenn dies nur in der Fantasie möglich ist.

Wenn wir im Laufe der therapeutischen Arbeit neue Aspekte der Beziehung zur Mutter realisieren, entsteht ein Konflikt – wir lieben unsere Mutter, wir brauchen die liebevolle Beziehung zu ihr, doch andere neue Gefühle kommen jetzt hinzu. Es ist die Wut, die Traurigkeit oder das Unverständnis bezüglich ihres Verhaltens. Viele Frauen wollen die negativen Gefühle ihrer Mütter gegenüber nicht empfinden und währen sich dagegen. Sie möchten die noch so anfällige aber halbwegs positive Beziehung nicht zerstören. Um potentielle Konflikte machen sie einen großen Bogen, um nicht noch die letzten Krümel der mütterlichen Liebe aufs Spiel zu setzen. Frauen ringen mit sich: Wie sage ich das, was ich während der Therapie herausgefunden habe, meiner Mutter? Kann ich mit ihr darüber reden? Riskiere ich dadurch einen Streit? Wird sich unser Verhältnis von nun an schlechter?

Für die meisten von uns ist ein klärendes Gespräch mit der Mutter leider nicht möglich, heute genau so wie früher. Damals fanden wir auch kein offenes Ohr für unsere Probleme und Anliegen. Wir mussten unsere Sorgen sogar vor der Mutter verstecken, um sie nicht zu verärgern, sie nicht zu enttäuschen oder um nicht womöglich noch einen oben drauf zu bekommen für die abverlangte Mühe, sich um ein Problemkind kümmern zu müssen. Wir haben früh gelernt, alleine zurechtzukommen. Mehr noch, wir mussten sogar für unsere Eltern sorgen, weil sie „den Spieß umgedreht“ haben.

Die Generation unserer Eltern ist vom Krieg gezeichnet, auch wenn sie diesen nicht direkt miterlebt haben. Ihre Kindheit fiel auf die Zeit des Wiederaufbaus, wenn der Fokus nicht gerade auf dem Verarbeiten des erlebten lag. Nein, leiden wollte man nicht mehr. Man stürzte auf das Leben, froh darüber, überhaupt am Leben zu sein. Mehr war einfach nicht drin. Ihre Eltern waren eisern und gefühlslos, anders wäre es für sie wohl nicht möglich gewesen, die Grausamkeiten des Krieges zu ertragen. Sie verlangten von ihren Kindern vor allem eins – das Funktionieren. Das Kindische wurde ihnen verwehrt: statt spielen mussten sie mitanpacken und das Baden in mütterlicher Liebe stand nicht auf dem Tagesplan. Zu klagen und zu fordern hatte einfach keinen Zweck. Sie durften nie Kinder sein und sind deswegen für immer Kinder geblieben. Darum sind unsere Eltern infantil, unreif und egozentrisch. Erinnern wir uns, als wir noch klein waren, wurden sie aus nichtigem Grund beleidigt, sie schwiegen uns tagelang an und erzwangen damit, dass wir uns schuldig bekennen, reumütig zu ihnen gehen und sie um Entschuldigung bitten. Es ist eine kindische Art, die Aufmerksamkeit der Mutter zu erlangen. Aus ihrem Munde wiederum haben wir das Wort “Entschuldigung” noch nie gehört. Diese Generation entschuldigt sich nicht. Sie ist uneinsichtig und trotzig.

Angesichts der unreifen Eltern mussten wir früh „erwachsen“ werden und uns um sie kümmern. Es entstand die verkehrte Welt, in der die Rollen vertauschen wurden. So haben wir versucht, ihnen ihre Eltern zu ersetzen, was natürlich unmöglich ist. Daher ist das Reifen für uns ebenfalls ein Problem. Die Kindheit kann man nicht überspringen. In der Entwicklung folgt ein Schritt nach dem anderen. Abkürzungen gibt es nicht, nur das Steckenbleiben in der nicht durchlebten Phase. Nun altern wir schon, ohne jeweils die Reife erreicht zu haben.

Unsere Eltern konnten nicht für uns sorgen, da sie selbst verletzt worden sind. Das instinktive Sich-Kümmern und das Lieben als natürliche Art der Bindung zum Nachwuchs ist in ihnen gebrochen, wie in Tieren die in Gefangenschaft leben. Können sie für unsere Verletzungen folglich nichts dafür? Ist es deswegen sinnlos, sie dafür zu beschuldigen wie einen Gehörlosen für das schlechte Singen zu tadeln oder einen Übergewichtigen für seine miesen Sportleistungen? Kann man ihr Versagen verstehen? Sehr wohl. Kann man es ihnen verzeihen? Jeder kann diese Fragen für sich beantworten.

Auch wenn wir unseren Eltern gerne einen Vorwurf machen wollen, die Wahrheit ist, Schuldzuweisungen machen alles nur noch schlimmer. Der Druck erzeugt immer den Gegendruck. Jeder Angeschuldigte wird sich rechtfertigen und sich mit Händen und Füßen verteidigen wollen. Die Reaktion auf Vorwürfe ist immer die Defensive, mehr Verneinung, Flucht, Barrikaden und Krieg. Es entstehen zwei Fronten auf beiden Seiten der Barrikaden – hier sind die Guten und da sind die Bösen. Nichts führt weiter weg von einer Versöhnung und Frieden.

Wenn Vorwürfe zu nichts führen, warum empfinden wir dann diese seltsame Lust am Beschuldigen? Es geht sogar soweit, dass wir statt nach Problemlösung lieber nach Schuldigen suchen, in allen Bereichen des Lebens. Ich glaube dahinter steht der alte Wunsch, gehört und beachtet zu werden sowie der unbewusste Drang, einen Platz zu finden, in dem die aufgestaute Wut abgeladen werden kann. Genau darum geht es, die Wut zu spüren und sie zu zeigen. Es fällt leichter, wenn man dafür einen Empfänger hat.

Die Frage nach der Schuld zieht mit sich die Frage nach der Strafe. Sie Strafe hat aber mit der Einsicht wenig zu tun. Die Strafe wird von außen verhängt und bewirkt wenig Bewegung im Inneren der Seele. Viel mehr lähmt sie diese mit Resignation, Stigmatisierung oder der Flucht ins Verleugnen.

Wenn es so was wie ein konstruktives Schuldgefühl gibt, dann kommt es von innen und kann nur zu einer Veränderung führen, wenn der Mensch über genügend Kraft verfügt, sich vom Schuldgefühl nicht paralysieren zu lassen, sondern es als Leidensdruck, als Anstoß und motivierende Kraft zur Veränderung nutzt. Ein Schuldgefühl kann nur nützlich sein, wenn es in Verantwortung übergeht.

Lassen uns anstelle von Schuld lieber von Verantwortung sprechen. Es ist ein Gefühlt, das uns Bewegungsraum gibt. Ja, wir Mütter sind verantwortlich für das Wohlsein unserer Kinder und können viel für sie tun, auch wenn uns wenig finanzielle oder seelische Mittel zur Verfügung stehen, wenn wir selbst aus belasteten familiären Verhältnissen kommen und wenn wir heute durch schwierige Lebensphasen gehen. Das größte Geschenk für unsere Kinder sind Eltern, die sich hinterfragen, die sich selbst zu verstehen lernen und ihren Schatten nicht stellvertretend an ihren Kindern bearbeiten. Dafür tragen wir Verantwortung, ganz egal wie unsere Kindheit verlaufen ist. Und wir tragen Verantwortung für unser eigenes Leben, denn heute haben wir Ressourcen und den Willen eines erwachsenen Menschen, um einen neuen Umgang mit der Vergangenheit zu suchen.

Wir sind aus den Eltern gemacht. Sie waren früher unser Universum, unsere Umgebung, der Anschluss an die Welt und an das Leben. Auf sie einzuhämmern bedeutet, gegen etwas in uns selbst zu kämpfen und Teile von uns abzuerkennen. Die Verbindung zu ihnen ist wie eine psychologische Nabelschnur an das Leben, ohne die wir nicht sein können, oder nur mit einer großen Wunde im Herzen.

Die Erkenntnis, dass bei der eigenen Mutter nichts zu holen ist, mag bitter sein, denn sie lässt uns endgültig alleine, aber sie bringt Gewissheit anstelle von leeren Hoffnungen, die unsere Energie und die wertvolle Zeit verkonsumieren. Es ist nicht zu ändern, dass unsere Eltern uneinsichtig sind, aber wir können es sein, weil wir die Arbeit des Reifens auf uns nehmen und die Verantwortung für unser Leben und das Leben unserer Kinder übernehmen. Und einsichtige Eltern tun etwas Wichtiges – sie entschuldigen sich bei ihren Kindern. Ich glaube jeder von uns findet leicht einen Grund, sich bei seinen Kindern zu entschuldigen, und das können wir gleich heute tun.

Inga Erchova

Aus meinem Buch zum Thema Mutterschaft, das im Sommer 2017 auf den Markt kommt.

familienschatten

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Inga Erchova ist Dipl.-Psychologin, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Autorin und dreifache Mutter. Erfahre mehr über sie und ihre Arbeitsweise…

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“Ich habe eine perfekte Mutter.” Warum die Illusion die Besserungschancen mindert.

“Ich habe eine perfekte Mutter.” Warum die Illusion die Besserungschancen mindert.

“Ich habe eine perfekte Mutter.” Warum die Illusion die Besserungschancen mindert.

„Ich habe eine tolle Mutter!“- höre ich nicht selten von Frauen, die mich bei Stimmungstief im Wochenbett aufsuchen. Sie schwärmen von ihrer Mutter und bezeichnen sie als beste Freundin, großes Vorbild oder Galionsfigur. Ich persönlich fasse diesen Lobgesang mit Latexhandschuhen und langer Pinzette an. Warum glaube ich ihnen kein Wort und warum haben diese Frauen aus meiner Erfahrung geringe Besserungschancen?

Ist es nicht ein Grund zu Freude, fragt der Leser, eine tolle Mutter und eine schöne Kindheit gehabt zu haben? Doch sicher, wenn es stimmt. Nur, wenn wir die Therapiesituation aus der Brille eines Detektiven betrachten, riechen wir sofort, dass etwas nicht zusammenpasst? Was passt nicht zusammen? Der Glaube an die perfekte Mutter passt nicht mit dem heutigen Zustand der jungen Mutter zusammen – ihrer Trauer, ihrer Überforderung bis hin zu Wochenbettdepression. Das Kind schreit, sie kann sich nicht um ihn kümmern, die Muttergefühle stellen sich nicht ein, sie will sich vom Kind lieber entfernen, seinen Nähe ist unerträglich, der Anblick seiner Bedürftigkeit tut weh, sein Verlangen nach Nähe und ihre Fähigkeit es zu bedienen klaffen extrem auseinander, das Stillen wird zur Tortur, das Kind schreit noch mehr, die Welt bricht zusammen und das Leben wird zum Alptraum.

Wenn wir uns im Wochenbett um den Nachwuchs nicht kümmern können, dann ist es ein sicheres Zeichen dafür, dass der Fluss der mütterlichen Energie unterbrochen ist. Wir können nur das geben, was wir selbst bekommen haben – so funktioniert nun mal der seelische Energiefluss. Wenn unsere Reserven an Liebe, Geduld, Zuwendung und Fürsorge leer sind, dann wurden sie nie gefüllt, soviel ist sicher. Doch solange wir es nicht realisieren, tappen wir im Dunklen.

Was ist der Ausweg aus diesem Alptraum? Der Ausweg ist eine Neubewertung der alten Beziehungsmuster und Vorbilder. Unsere Gefühle lügen nicht. Das Wochenbett ist der große Lügentest alter Glaubenssätze.

Doch diese Frauen sind für eine Neubewertung nicht bereit. Sie sind irritiert, gereizt und leisten großen Widerstand. Sie demonstrieren extreme Loyalität und nehmen ihre Mutter in Schutz. Sie sind nicht in der Lage, ihre Handlungen mit ein Wenig Abstand beurteilen zu können. Zu sagen, dass das positive Bild ihrer Mutter für sie wichtig ist, ist eine Untertreibung. Wie ein Wachhund greifen sie alles an, was dieses Bild noch so sanft zu hinterfragen droht.

Übertriebene Reaktionen sind in der Psychotherapie immer ein Zeichen für eine besondere persönliche Bedeutung, verborgene Konflikte, Schutzreaktion oder seelischen Brandherd. Was hängt also am positiven Bild der Mutter alles daran?

Als wir klein waren, war die Bindung zu unserer Mutter überlebenswichtig. Sie ist wie die psychologische Nabelschnur, die uns am Leben hält und ist stärker als Liebe oder Freundschaft. Neugeborene verstehen instinktiv, dass sie auf die Fürsorge eines Erwachsenen angewiesen sind. Sie begreifen, dass wenn es keinen Erwachsenen gibt, der sich um sie kümmert, haben sie keine Chancen in dieser Welt zu überleben. Sie kämpfen um diese Bindung mit aller Kraft. Wenn sie stundenlang schreien, dann ist es genau dieser Kampf um die Zuwendung der Mutter, dass sie endlich kommt und uns rettet. Und wenn die Mutter nicht kommt oder kommt nicht immer oder nur dann, wann sie Lust hat, dann ist die sichere Bindung (und daher das Leben) in Gefahr. Sie ist instabil und unbeständig. Man kann sich nicht auf sie verlassen. Man muss sich immer wieder vergewissern, dass die Bindung noch da ist. Daher „prüfen“ unsichere Kinder immer und immer wieder, ob die Mama jetzt noch kommt, um sich abermals zu vergewissern. Doch je öfter sie rufen, desto mehr ist die Mutter genervt. Eine infantile Mutter reagiert trotzig und geht auf die Forderungen des Kindes nicht ein. Es entsteht eine Abwärtsspirale: Das Kind verlangt immer öfter nach sicherer Bindung, die Mutter verweigert ihm diese und zwingt zur Selbständigkeit, das heißt sie lässt das Kind alleine. Diese Kinder behalten ein lebenslanges Gefühl, dass sie den unberechenbaren Kräften der Welt schutzlos ausgesetzt ist.

Wenn die sichere Bindung zur Mutter nicht möglich ist, dann konstruieren wir diese sichere Bindung nicht selten nur in unserer Vorstellung. Wir glauben fest daran, blenden die Realität aus, denn anders können wir nicht leben. Es entsteht eine Illusion als Überlebensstrategie.

Sind wir besser dran mit dieser Illusion? Ja vielleicht, solange wir keine eigenen Kinder bekommen. Doch „Die Lügen haben kurze Beine“ gilt auch hier. Die Illusion der guten Mutter reicht nur bis zum Zeitpunkt, an dem wir selbst Mütter werden. Dann bricht der gewohnte Lauf der Dinge zusammen.

Was ist die Lösung? Damit wir unsere Kind versorgen und lieben können, müssen wir leider auf die liebgewonnene Illusion verzichten, einen mentalen Re-set durchführen und sich eingestehen, dass wir doch weniger über sich wissen als bisher angenommen und von da an mit einem ehrlichen Blick eine neue Sichtweise auf sich selbst gewinnen.

Leidet dadurch nicht die Beziehung zur eigenen Mutter? Aus meiner Erfahrung wird sie dadurch nur besser – gelöster, ehrlicher, entspannter. Wir verstehen, dass unsere Mutter es nicht anders konnte, weil ihre Mutter es nicht anders konnte, etc. Aber wir können es anders und dann wird es unsere Tochter auch anders können. Was ist uns lieber: der Rockzipfel für das kleine Mädchen oder eine Beziehung auf der Augenhöre zwischen zwei erwachsenen Frauen? Sie entscheiden.

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Jede Mutter kann glücklich sein

Psychotherapie am Telefon oder über Skype

Nicht immer müssen wir mit dem Therapeuten im gleichen Raum sein. Das Telefon bietet den Vorteil, dass man in vertrauter Umgebung eigener vier Wände bleibt und sich dadurch besser öffnen kann. Bei einer Sitzung über Skype vergisst man oft die räumliche Distanz und einige Zeitzonen Zeitunterschied.

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