Psychologische Hilfe vor und nach der Geburt

Inga Erchova, Dipl.-Psychologin

Und was macht eigentlich der Vater?

Juli19

In meiner Nachbarschaft habe ich vor einiger Zeit jeden Tag auf meinem Weg zur Arbeit einen Mann gesehen, der mit einem Baby im Kinderwagen durch die Straßen zog, bei jedem Wetter zur gleichen Uhrzeit. Manchmal kam aus dem Kinderwagen verzweifeltes Schreien des Babys, worauf der Vater mit einem noch zügigeren Schritt und ernsterem Gesichtsausdruck reagierte. Manchmal saß er draußen im Cafe und hat dem Baby Fläschchen gegeben. Auf seinem Gesicht stand „Was mache ich hier eigentlich?“. Ich spekuliere, das war ein Vater in der Elternzeit bald nach der Geburt seines Babys.

Ich höre die protestierenden Stimmen der Leser, die behaupten, dass der Vater für das Baby doch mindestens genau so gut sei wie die Mutter und dass es doch keinen Unterschied mache, solange sich jemand um das Baby kümmert. In einer modernen Familie sind die Aufgaben sowieso gleich verteilt. Es wäre sexistisch oder gendozentrisch zu behaupten, dass der Vater nicht gut genug für den Säugling wäre.

Im Kampf um die vermeintliche Gleichberechtigung vergessen wir unsere spezifischen Rollen als Mann und Frau in Bezug auf den Nachwuchs. Jedem kommt seine besondere und wichtige Rolle zu, sie sind jedoch verschieden und nicht beliebig austauschbar. Daher geht es für den Mann nicht darum, die Frau zu ersetzen, sondern sie zu unterstützen.

Lassen Sie uns nicht vergessen, dass wir über die ersten Lebenswochen und -Monate des Babys sprechen. Später, wenn das Kind ein, zwei oder drei Jahre alt ist, sieht es schon wieder anders aus. Da bekommt der Vater seine wichtige Rolle als derjenige, der das Kind in die Außenwelt einführt, es von der Mutter gewisser Maßen wieder trennt und ihm zum Gewinnen der Autonomie verhilft.

In der ersten Zeit nach der Geburt hat er auch seine eigene ganz wichtige Rolle zu erfüllen. Er kann nichts Besseres für seine Familie tun, als die natürliche emotionale Bindung zwischen der Mutter und dem Baby zu unterstützen anstatt sie zu stören, wenn der Vater z.B. eifersüchtig wird, die Frau wieder für sich reklamiert oder wenn er versucht, mit der Mutter zu konkurrieren. Die Muttermilch ist nicht nur ein besseres Lebensmittel für das Baby, das man in der Mittagspause schnell abpumpen und von beliebigen Menschen in der Flasche verabreichen kann. Das Stillen ist auch die Berührung, der vertraute Geruch der Haut der Mutter, der Klang ihrer Stimme, der Anblick, das Wort, der Schlag ihres Herzens. Fast wie im Mutterleib bleibt das Baby mit der Mutter körperlich verbunden – diesmal nicht durch die Nabelschnur, sondern durch die Brust. Die Verbindung ist aber nicht nur körperlich. Auch seelisch sind die Mutter und das Baby in den ersten Wochen und Monaten nach der Geburt ein Ganzes. Das Baby erlebt die Emotionen der Mutter wie seine eigenen. Ihre Abwesenheit kann zu dauerhaften seelischen Schäden führen.

Daher ist die Aufgabe des Vaters, die Mutter in das Universum Wochenbett abtauchen zu lassen – wie einen Tieftaucher, der auf die Schatzsuche in die tiefe See steigt. Dabei bleibt der Vater das Sicherheitszentrum, das dafür sorgt, dass der Taucher genug Sauerstoff bekommt, dass er die starke Rückendeckung spürt und dass seine Verbindung zur Außenwelt stabil bleibt. Erst dann kann sich der Taucher voll und ganz auf die Schätze des Meeres einlassen.

Der Mutter nicht nur praktische sondern vor allem emotionale Unterstützung zu geben scheint die größte Herausforderung für Väter zu sein. Er wickelt schon und putzt und die Frau bleibt unzufrieden.  Die Beziehung steht auf dem Prüfstand. Dabei will die Frau sich mit ihren Veränderungen und der Stimmungsachterbahn nach der Geburt einfach nur angenommen fühlen. Sie will keine Erwartungen spüren, ganz die alte sein zu müssen, sondern in ihrer Entwicklung verständnisvoll begleitet werden. Mit der einfachen Frage „Was kann ich für dich tun?“ kann man ihr wieder das Gefühl geben, dass man ihre Veränderungen wahrnimmt, und für sie da ist.

Rollenverteilung im Wochenbett

Illustration Quelle: Puerperios. L. Gutman

Der Abschied von der guten Mutter.

Mai5

Mit der (übermäßig) guten Mutter ist hier ein idealisiertes Bild gemeint, das einige von uns von ihrer eigenen Mutter in sich tragen. Es wird mit Aussagen beschrieben wie „Meine Mutter ist meine beste Freundin“,  „Meine Mutter war immer für mich da, wenn ich sie gebraucht habe“, „Ich habe nur gute Erinnerungen an meine Mutter, nichts Negatives kommt mir in den Sinn“.

Um eins klar zu stellen –  die ideale Mutter gibt es nicht. So ein idealisiertes und undifferenziertes Bild der eigenen Mutter ist wie ein geistiger Zufluchtsort, in dem wir uns wohl und geborgen fühlen. Wir brauchen uns nicht mit eigenen, vielleicht schmerzvollen Erfahrungen auseinander zu setzen, denn dazu besteht offenbar kein Grund. Wir schützen unsere Mutter und damit schützen wir uns selbst vor eventuellen Schäden, die wir aus der Kindheit hätten mitbringen können.

Dieses Bild ist so hartnäckig wie Unkraut, das immer wieder aus der Erde spießt. Dabei bremst das Bild der idealen Mutter unsere persönliche Entwicklung und die seelische Reifung. Nur in der frühen Kindheit ist das uneingeschränkte Vertrauen in die Mutter und ihre Liebe notwendig, um ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln. Spätestens in der Pubertät machen wir Erfahrungen und gewinnen Einsichten, die unser Bild von der Mutter differenzierter und facettenreicher macht. Nicht alles, was von ihr kommt, schmekt nach süßer Muttermilch. Wenn die Wölfin ihre Babys stillt, ist es ein Meer der Wonne, das die Außenwelt weit hinter sich lässt. Wenn sie ihren Sprösslingen das Jagen beibringt, zeigt sie ihre Zähne und spornt sie zu aggressivem Verhalten an.

Die Frauen, die im Erwachsenenalter noch ein idealisiertes Bild von ihrer Mutter haben, sind häufig ängstlich und infantil. Sie haben Angst, sich offen zu äußern, mit ihrer Meinung anzuecken. Oft haben sie überhaupt keine eigene Meinung. Sie verschenken ihre Talente und machen sich klein.  Die Vorstellungen von der idealen Mutter sind wie Milchzähne, die uns eines Tages ausgedient haben. Sie fallen aus, um den Platz für eine neue Entwicklung frei zu machen.

Verfälschte Erinnerungen.

März23

Wenn wir über unsere Kindheit erzählen, so beschreiben wir uns meistens mit Worten, die – wenn wir genau hinschauen – nicht unsere sind. „Ich war ein pflegeleichtes Kind“ – für wen pflegeleicht? Ich war ein Sorgenkind“  – wer hat sich Sorgen gemacht? Kinder lernen aus den Aussagen der Eltern darüber, wer sie sind, ohne es zu hinterfragen. Das, was unsere Mutter über uns erzählt hat, wird schnell zum Teil unserer Identität. Wir glauben später, dass es die einzige Wahrheit ist. Besonders die Ausführungen, die die Mutter selbst betreffen, lassen uns keinen Raum für Zweifel: „Ich habe meinen Beruf für euch aufgegeben und meine Karriere geopfert.“ „Meine Kinder sind für mich das Wichtigste im Leben. Für euch tue ich alles“. Dabei bleibt das die Perspektive der Mutter und nicht unsere eigene.

Die Eltern haben uns ihre Gefühle mitgeteilt und dabei unsere eigenen übertüncht. Ein pflegeleichtes Kind kann z.B. bedeuten, dass das Kind unter Druck gesetzt wurde, seine Mutter stets zufrieden zu stellen, sie in Ruhe zu lassen, und seine eigenen Bedürfnisse zu unterdrücken. Ein Sorgenkind kann bedeuten, dass die einzige Möglichkeit für das Kind, die Aufmerksamkeit der Mutter zu bekommen, war krank zu werden oder sich zu verletzen. Viele Jahre später wissen wir es nicht mehr. Wir gehen durch das Leben verkleidet in die Identität, die uns aufgesetzt wurde.  Nur der Schmerz, den wir damals empfunden haben, ist nicht verschwunden. Er wurde verdrängt. Er lebt in unserem Unbewusstsein weiter und zeigt sich an unerwarteten Stelle z.B. bei Überempfindlichkeit gegenüber manchen Themen, bei unerklärlicher Traurigkeit, oder wenn wir „nah am Wasser gebaut sind“.  Ganz deutlich kommt dieser Schmerz zum Ausdruck im Wochenbett.  Die Geburt und das Wochenbett öffnen unsere Seele und lassen das Unbewusste sich ungebremst ausbreiten. Wir wissen nicht, warum es uns auf ein mal so schlecht geht, denn unsere Kindheit war ja, wie wir glauben wunderschön.

Nun, wie können wir heute damit umgehen? 1. Trauen wir uns, selbstständig zu denken und unsere wahre Gefühle zu entdecken. Die Wahrheit mag nicht immer schön sein, aber sie fühlt sich echt an und wir verstehen besser, wer wir sind. 2. Achten wir ganz besonders darauf, was wir unseren Kindern über sie erzählen.

Die Wurzeln der Sucht.

Februar10

Vielleicht erscheint es für einige von uns entlastend, für andere – erschreckend – zu wissen, dass eine Sucht – egal nach welcher Substanz oder Gefühl – nicht erst im Erwachsenenalter entsteht. Sie etabliert sich während der frühen Hilflosigkeit, das heißt in der Zeit als wir noch keine Fähigkeiten besaßen, über unser Leben selbst zu bestimmen und darauf angewiesen waren, was unsere Mutter oder die Ersatzperson mit uns macht. Genau so, wie wir früher in der „Gewalt“ der anderen Person waren, befinden wir uns heute in der Gewalt von Alkohol, Nikotin oder Adrenalin und können selbst nicht über uns bestimmen. Wir bleiben, ohne es zu wissen, gefangen vom unbefriedigten Grundbedürfnis nach Nähe und Geborgenheit.

Das tragische ist, dass egal wie viel von der Rauschsubstanz wir zu uns nehmen, werden wir das zugrunde liegende Problem – die Abwesenheit der Mutter – nicht lösen können, es bleibt eine alte Geschichte. Deswegen kann man eine Sucht nicht mit Abstinenz oder Kontrolle besiegen. Das macht die Sache nur noch schlimmer – nicht nur die Mutter wird uns verwehrt, sondern auch noch die Ersatzbefriedigung.

Der Weg aus der Sucht kann nur folgen über die Suche nach der persönlichen Wahrheit und durch das Verstehen, warum es uns in Wirklichkeit geht, wenn wir so verzweifelt zum Stoff greifen. In dem Moment sind wir so beschäftig mit unserer eigenen Hilflosigkeit, dass wir nicht in der Lage sind, Bedürfnisse anderer wahrzunehmen. In dieser Hinsicht sind süchtige Menschen egoistisch, weil sie ihre Bedürfnisse über die der anderen Menschen stellen, vielleicht sogar ihrer eigenen Kinder. Wenn wir aufhören, die Geister der Vergangenheit zu jagen, nach Mama zu rufen und anerkennen, dass wir heute keine hilfslosen Kinder mehr sind und über mehr Ressourcen verfügen als damals, wenn wir die Augen für Wünsche der anderen öffnen, werden wir jede Sucht überwunden haben.

giantbubble1

Kinder-Tyrannen.

November10

und die Bedeutung der Kommunikation.

Der Alltag mit Kindern ist oft weit davon entfernt so zu sein, wie wir uns das harmonische Zusammenleben von Eltern und ihrem Nachwuchs einmal erträumt haben. Viele einfache Alltagssituationen – wie Sich Anziehen, Essen oder Ins-Bett-gehen – werden zu einem scheinbar unlösbaren Kampf der Wünsche: Eltern möchten pünktlich zum Kindergarten und dann zur Arbeit kommen, Kinder wollen endlos herum trödeln. Eltern wollen ein gemeinsames Familienessen am Tisch genießen, Kinder wollen das Spielen für das Essen nicht unterbrechen. Eltern wollen ein paar Stunden abends für sich haben, Kinder machen aus dem Ins-Bett-geh-Ritual einen Marathon, usw.

Dieses Dilemma trifft auf verschiedene Umgangsformen der Eltern, wie z.B.:
1. Nein heißt nein! Eltern machen deutlich, wer der Herr im Haus ist, nehmen dem Kind jegliches Recht darauf, Kind zu sein, missachten seine Bedürfnisse und setzen sich durch. Das fällt ihnen leicht, denn ein Erwachsener ist in seinen Kräften einem Kind weit überlegen. Das passiert natürlich unter der Prämisse, das „pädagogisch Sinnvolle“ zu tun, denn sie wissen besser, was das Kind wirklich braucht – Grenzen, Regeln und „starke“ Eltern. Bald werden diese Kinder vergessen, was sie eigentlich wollten und zu Erwachsenen aufwachsen, die immer noch nicht wissen, was sie aus ihrem Leben machen sollen, denn sie haben nie eine Chance gehabt, es heraus zu finden.

2. Man kann es dir nicht recht machen. Ein anderes Extrem ist, wenn unreife Eltern ihre eigenen Bedürfnisse nicht wahrnehmen und dem Kind in der Ich-Form kommunizieren können, weil sie sie für nicht wichtig halten oder aus einer oben beschriebenen Familie kommen. Kinder solcher Eltern lernen nicht, dass andere Menschen ebenfalls Bedürfnisse haben, denn sie wurden ihnen nie kommuniziert. Sie bekommen nur Pöbel oder Ausreden, wenn ihre Wünsche unerfüllbar sind, doch selten eine sinnvolle Erklärung, warum das so ist. Solche Kinder bitten nicht mehr, sondern sie fordern, fordern und fordern, und werden zu dem, was wir als Tyrannen bezeichnen.

Dabei kommt es im Alltag mit Kindern darauf an, ihre Bedürfnisse zu respektieren und die eigenen in der Ich-Form zu kommunizieren: Ich möchte heute gerne pünktlich zur Arbeit kommen, denn es ist mir wichtig, mit meinen Kollegen (anderen Mamas und Papas) zusammen anzufangen. Ich habe für dich etwas Leckeres gekocht und möchte es mit dir zusammen kosten. Ich habe heute einen anstrengenden Tag gehabt und möchte gerne noch etwas alleine ein Buch lesen, während du schon schläfst. Wenn wir dem Kind unsere echten Gefühle kommunizieren, helfen wir ihm, uns besser zu verstehen und vermitteln, dass wir es wert sind, ebenfalls beachtet zu werden.

Die unsichtbare Gewalt.

September21

Wenn wir über Gewalt sprechen, dann stellen wir uns meistens laute und brutale Szenen vor – mit Schlägen oder Schreien, weinenden Opfern oder Verletzten. So ein Bild lässt bei uns keinen Zweifel daran, wer der Täter und wer das Opfer ist und wessen Partei wir ergreifen wollen. Doch stellen wir uns ein anderes Bild vor.

Ein kleines Mädchen sucht die Zuneigung ihrer Mutter oder bittet ihre Eltern um etwas und bekommt es nicht. Eine Weile später ärgert sie ihren älteren Bruder mit etwas, wovon sie genau weiß, dass er sich aufregen würde, weil es ihm sehr wichtig ist. Sie lässt nicht nach. Es kommt zur Eskalation. Der Bruder wird handgreiflich und attackiert die kleine Schwester. Sie weint. Dann kommen die Eltern. Sie bekommt den Schutz und der Bruder – die Strafe. Doch das ist nicht alles. Was ist der Gewinn der ganzen Situation für das Mädchen? Jetzt, wenn sie noch weinend den Trost ihrer Eltern genießt, regiert sie die Welt. Sie hat die gesuchte Zuneigung der Mutter und kann ihre Eltern um alles bitten und sie bekommt es auch.

Es gibt Gewalt, die für das bloße Auge unsichtbar ist, sie ist schwer zu entdecken – das ist die emotionale Gewalt. Sie ist subtil, subversiv, versteckt, doch ist deswegen nicht weniger schmerzhaft. Emotionale Gewalt kann viele Formen annehmen, eine davon ist die oben beschriebene Manipulation.

Warum wird eine Person manipulativ? In einer Familie, in der die Eltern über wenig emotionale Disponibilität für ihre Kinder verfügen, weil sie mit eigenen seelischen Problemen beschäftigt sind und selbst als Kinder wenig Zuwendung erfahren haben, lernen die Kinder früh, alle Mittel einzusetzen, um den privilegierten Platz an der Seite der Mutter zu bekommen. Weil diese Kinder die Liebe und die Zuwendung nicht auf eine natürliche und selbstverständliche Art und Weise bekommen, müssen sie darum kämpfen. So lernen sie, die Gefühlswelt der Menschen in ihrer Umgebung akribisch aufzuspüren und zu kontrollieren, ihre Wünsche auszutricksen, um an die Mutter ran zu kommen. Und weil der Platz „unter der Sonne“ so knapp ist, lernen Kinder schnell, den anderen (Geschwistern) ihre Wünsche zu rauben oder sie so zu verändern, dass sie mit den eigenen gleich werden.

Später im erwachsenen Alter, setzen sie ihre Fähigkeiten dafür ein, um ganz nah an der Macht zu sein – da, wo Entscheidungen getroffen werden. Sie rauben weiterhin den anderen ihre Wünsche oder lassen sie sich selbst zugute kommen. Doch das fällt niemandem auf, denn sie sind wortgewandt, intelligent und höflich. Sie sind in der Lage, den anderen das Gefühl zu vermitteln, sie glücklich zu machen, während sie in Wirklichkeit für eigene Ziele zu benutzen. Doch ganz egal, wie mächtig oder reich sie werden, niemals werden sie das Gefühl erreichen, das Wichtigste für ihre Mutter zu sein, denn darum geht es uns in Wirklichkeit.

Geburt in einer maskulinen Welt.

August4

Wir leben in einer maskulinen Welt. Maskulin heißt nicht oder nicht nur, dass Männer die Politik, Wirtschaft oder Kultur dominieren. Es geht viel mehr um die Art und Weise zu denken, um Dinge, die wir für glaubwürdig oder seriös halten, um die Werte und Ansichten. Auch wir Frauen haben das männliche Denken angenommen, ohne es zu merken.

Wenn wir die Welt betrachten, dann merken wir, dass sie aus Polaritäten besteht: der Tag und die Nacht, warm und kalt, aktiv oder passiv, männlich oder weiblich. Auch unsere seelische Realität ist polarisiert – wir haben eine rechte und eine linke Gehirnhälfte, bewusste und unbewusste Emotionen, Verstand und Intuition, etc. Leider schenken wir dem maskulinen (rationalen, geradlinigen, logischen) Denken viel mehr Gewicht und Bedeutung als dem Femininen (Intuitiven, Subtilen, Unbewussten und Irrationalen).

Unsere westliche Kultur ist eine Eroberungskultur – ohne Wachstum kann die Wirtschaft nicht funktionieren. Fortschritt, Wissenschaft, Entwicklung sind die Treiber der Kultur, angeheizt durch Adrenalin und Testosteron. Wir suchen nach Konkretem, Greifbarem, Messbarem und Sichtbarem. Selbst wenn wir über Psychologie oder Emotionen sprechen ist das Gehirn das Maß der Dinge. „Die Gestörten reagieren im Gehirn anders als die Gesunden“ – wir fühlen uns wohl mit so einer Aussage, ohne dass sie irgendeinen Sinn ergibt oder hilft, den Gegenstand besser zu verstehen.

Das hat natürlich Auswirkungen darauf, wie wir Kinder zur Welt bringen – zu 90 Prozent im Krankenhaus. Die Geburt wird in erster Linie als eine Gefahrsituation gesehen, die eine ärztliche Intervention benötigt. Wir werden anästhesiert, überwacht, in eine passive Position gebracht. Oft werden wir bevormundet oder eingeschüchtert. Doch wir schenken den Ärzten das Vertrauen, dass sie das Beste für uns und das Baby tun, mehr als wir an uns selbst glauben – an unsere Kraft, ein Kind zur Welt zu bringen. Wir lassen einen Kaiserschnitt durchführen aus Angst um das Baby, nicht wissend, dass es die Mortalitätswahrscheinlichkeit des Babys verdoppelt. Wir danken dem Arzt, dass er unser Leben gerettet hat und der modernen Medizin für diese Möglichkeiten.

posted under Allgemein, Geburt | 1 Comment »

Persönliches Wachstum durch die Mutterschaft.

Juli5

Vieler Frauen, die schwanger werden, sehen trotz aller Freude den herankommenden „Einschränkungen“ mit Bedauern entgegen. „Ich habe doch nicht dafür studiert und Karriere gemacht, um Mama zu sein. Ich werde versuchen, so schnell wie möglich wieder zu arbeiten.“ Oder „ich hoffe, ich verschwinde danach nicht komplett von der Bildfläche und verdumme nicht ganz durch die Zeit zuhause.“ Wir lassen die Außenwelt den größten Teil unserer Persönlichkeit ausmachen – die Arbeit, die Anerkennung, das Aussehen. Wir haben das Gefühl, durch die Mutterschaft unsere Persönlichkeit zu verlieren, ein Niemand zu werden, weil wir nicht gewohnt sind, in unserer Innenwelt zu leben.

Ich möchte nicht missverstanden werden. Ich bin dafür, dass Frauen ihren Berufen und Berufungen nachgehen, das tue ich auch und finde es wichtig. Ich möchte nur nicht die Mutterschaft und die Zeit zuhause als etwas sehen, was uns Frauen aufhält, verlangsamt oder verunstaltet. Ganz im Gegenteil.

Die Geburt und die Zeit nach der Geburt, die ersten Schritte in der Beziehung zum eigenen Kind sind eine einzigartige Gelegenheit im Leben einer Frau, sich selbst wahrhaftig kennen zu lernen. Das sind Grenzerfahrungen, die von der Intensität, wenn man ihnen mit offenem Herzen und Augen begegnet, jede berufliche Herausforderung leicht in den Schatten stellen können. In dieser Zeit erweitert sich der Blickwinkel auf unseren Schatten – die unbewussten Seiten unserer Persönlichkeit. Der Schatten spiegelt sich in dem, wie wir die Geburt und die Zeit danach erleben, aber vor allem in der Beziehung mit unserem Kind. Unsere Kinder halten uns den Spiegel vor. Es erscheint so schwer, Kinder groß zu ziehen, nicht weil man sie viel wickeln oder tragen muss, sondern weil sie uns mit unserem Schatten konfrontieren – Seiten, die wir nicht mögen, die uns weh tun, die wir nicht als eigene anerkennen wollen. Es erfordert viel Mut und liebevolle Unterstützung, dem eigenen Schatten zu begegnen. Doch wenn wir das tun, integrieren wir neue Seiten von uns und werden kompletter. Alte Konflikte lösen sich, die Partnerschaft bekommt neue Impulse, viele Alltagssituationen werden nach ihrem wahrem Maß gemessen.

Deswegen sind die 1-2 Jahre nach der Geburt keine Zeit der Degradierung, sondern die Zeit des persönlichen Wachstums, wenn wir sie so nutzen. Wir verändern uns. Wie vorher sein zu wollen, würde bedeuten, nur mit einer Hälfte weiter laufen zu wollen. Danach sind wir anders – reifer, erwachsener, vollkommener.

Bild Quelle: Flickr.

Essstörungen als Folge mütterlicher Dominanz.

Mai27

Psychologisch gesehen ist Nahrung – die Mutter. Sie ist etwas was uns nicht nur mit Nährstoffen, sondern auch mit Sicherheit, Geborgenheit und Liebe am Leben hält. So ist es nicht verwunderlich, dass kaum einer von uns ein unproblematisches Verhältnis zum Essen genauso wie zur eigenen Mutter hat, doch manchmal nimmt es fatale Ausmaße an.

Frauen oder Männer, die von der Bulimie oder Magersucht betroffen sind, haben etwas gemeinsam – eine dominante und bestimmende Mutter, deren Wünsche und Forderungen verwüstend sind. Manchmal nimmt es versteckte Formen an, z.B. wenn die Mutter chronisch krank oder selbst ein Gewaltopfer war. Doch selbst dann – auf eine subtile Art und Weise – richtet sie es so ein, dass nur ihre Wünsche und Bedürfnisse die einzigen sind, die eine Berechtigung haben zu existieren. Die Töchter und Söhne wachsen unter ständigem Druck auf, die Erwartungen der Mutter zu erfüllen, immer zu ihrer Unzufriedenheit. Sie haben eine einzige Aufgabe im Leben – sie glücklich zu machen.

(An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass es keinen Zweck hat, die Schuldigen zu suchen, sondern die Entstehung der Essstörungen zu verstehen. Die Mütter der Betroffenen hatten keine böse Absicht. Ganz im Gegenteil, subjektiv empfunden, haben sie das Maximum des Möglichen, wie jede andere Mutter auch, für ihre Kinder getan. Sie wurden wiederum von ihren eigenen Mütter emotional vernachlässigt und waren sich dessen nicht bewusst. Die Kette der emotionalen Gewalt wird von Generation zu Generation weiter gegeben, wenn man sie nicht durch Bewusstmachen unterbricht..)

Das Überschwemmen mit eigenen Bedürfnissen der Mutter geht einher mit der extremen Vernachlässigung der Bedürfnisse der Kinder. So wie sich die Magersüchtigen unsichtbar machen, sind sie für ihre Mütter schon immer unsichtbar gewesen. Und so wie sich die bulimischen Frauen nicht gegen Essen wehren können, können sie nichts gegen die Dominanz ihrer Mutter ausrichten.

Die Bulimie und die Magersucht sind zwei Seiten einer Medaille – es sind zwei Überlebensmöglichkeiten angesichts der Abwesenheit von Liebe und Beachtung seitens der eigenen Mutter. Die Magersüchtigen verschließen den Mund, weil es das einzige ist, was sie selbst für sich entscheiden können. Sie finden etwas, wo sie endlich gewinnen können – gegen den eigenen Hunger. Wenn sie Nein zum Essen sagen, sagen sie symbolisch zu ihrer eigenen Mutter „Ich brauche dich nicht, ich komme auch ohne dich klar.“ Magersüchtige tragen den stolzen Blick der Siegerin, auch wenn sie bereit sind, diesen Sieg mit dem Leben zu bezahlen.

Während die bulimischen Frauen gegen das Essen, wie auch gegen ihre Mutter, jedes Mal verlieren. Sie werden vom Essen praktisch aufgefressen. Sie tragen den verschämten Verliererblick. Beide leiden unwahrscheinlich, doch eigentlich nicht unter Bulimie oder Magersucht, sondern unter der Tatsache, ungeliebt und unbeachtet zu sein von der eigenen Mutter.

Literaturhinweis: Laura Gutman, La revolución de las madres.

Es ist nie zu spät.

Mai20

Eines Tages überquert unseren Weg ein Freund, ein Buch oder ein Gedanke, die den gewohnten Fluss unseres Lebens verändern. Es gefällt uns auf ein Mal nicht mehr, wie wir uns unseren Kindern gegenüber verhalten haben. Heute würden wir nicht mehr das Gleiche tun, doch die Vergangenheit können wir nicht ändern.

Vielleicht waren wir zu fordernd mit unseren Kindern, im Glauben, das Richtige zu tun. Vielleicht haben wir sie subtil manipuliert oder erpresst. Oder wir haben gelogen und sind heute für sie nicht mehr vertrauenswürdig. Wir haben ihre Gefühle nicht ernst genommen, verlangten zu streng nach Gehorsamkeit. Und sie antworten mit Rebellion und Protest. Wir haben für ihre Wünsche die Ohren zugehalten und heute hören sie uns nicht mehr zu.

Wir würden das Leben gerne wie einen Film zurück spulen, um es anders zu machen. Es gibt jedoch etwas, was wir heute sehr wohl tun können – es bemerken, realisieren, sich eingestehen. Dann, mit Kindern darüber reden, ganz egal, ob sie 2 Jahre alt sind, 14 Jahre, 30 oder 60. Es ist nie zu spät, eine ehrliche Begegnung aufzusuchen, um über persönliche Einsichten, Wünsche oder neue Absichten zu sprechen. Für ein kleines Kind ist es eine Ermutigung, die Entschuldigung seiner Mutter oder seines Vaters zu hören mit dem Versprechen, in Zukunft mehr Unterstützung und Liebe zu bekommen. Für einen Teenager ist es eine einzigartige Möglichkeit, mit seinen Eltern in einer respektvollen Intimität zu sprechen, die vorher nie zustande kam. Für eine erwachsene Tochter oder einen erwachsenen Sohn ist es eine Chance, sich selbst und den Eltern persönliche Fragen zu stellen.

Jeder Moment kann eine Gelegenheit sein, die Veränderung mit zu teilen, die man angenommen hat. Nichts kann mehr Erleichterung und Frieden geben, als mit eigenen Kindern darüber zu reden, was einem bewusst geworden ist, und dass man die feste Absicht hat, jeden Tag ein besserer Mensch zu werden. Und für Kinder gibt es kein besseres Geschenk, als Eltern zu haben, die auf der Suche nach ihrer Bestimmung sind, jeden Tag.

« Older Entries