Und was macht eigentlich der Vater?
In meiner Nachbarschaft habe ich vor einiger Zeit jeden Tag auf meinem Weg zur Arbeit einen Mann gesehen, der mit einem Baby im Kinderwagen durch die Straßen zog, bei jedem Wetter zur gleichen Uhrzeit. Manchmal kam aus dem Kinderwagen verzweifeltes Schreien des Babys, worauf der Vater mit einem noch zügigeren Schritt und ernsterem Gesichtsausdruck reagierte. Manchmal saß er draußen im Cafe und hat dem Baby Fläschchen gegeben. Auf seinem Gesicht stand „Was mache ich hier eigentlich?“. Ich spekuliere, das war ein Vater in der Elternzeit bald nach der Geburt seines Babys.
Ich höre die protestierenden Stimmen der Leser, die behaupten, dass der Vater für das Baby doch mindestens genau so gut sei wie die Mutter und dass es doch keinen Unterschied mache, solange sich jemand um das Baby kümmert. In einer modernen Familie sind die Aufgaben sowieso gleich verteilt. Es wäre sexistisch oder gendozentrisch zu behaupten, dass der Vater nicht gut genug für den Säugling wäre.
Im Kampf um die vermeintliche Gleichberechtigung vergessen wir unsere spezifischen Rollen als Mann und Frau in Bezug auf den Nachwuchs. Jedem kommt seine besondere und wichtige Rolle zu, sie sind jedoch verschieden und nicht beliebig austauschbar. Daher geht es für den Mann nicht darum, die Frau zu ersetzen, sondern sie zu unterstützen.
Lassen Sie uns nicht vergessen, dass wir über die ersten Lebenswochen und -Monate des Babys sprechen. Später, wenn das Kind ein, zwei oder drei Jahre alt ist, sieht es schon wieder anders aus. Da bekommt der Vater seine wichtige Rolle als derjenige, der das Kind in die Außenwelt einführt, es von der Mutter gewisser Maßen wieder trennt und ihm zum Gewinnen der Autonomie verhilft.
In der ersten Zeit nach der Geburt hat er auch seine eigene ganz wichtige Rolle zu erfüllen. Er kann nichts Besseres für seine Familie tun, als die natürliche emotionale Bindung zwischen der Mutter und dem Baby zu unterstützen anstatt sie zu stören, wenn der Vater z.B. eifersüchtig wird, die Frau wieder für sich reklamiert oder wenn er versucht, mit der Mutter zu konkurrieren. Die Muttermilch ist nicht nur ein besseres Lebensmittel für das Baby, das man in der Mittagspause schnell abpumpen und von beliebigen Menschen in der Flasche verabreichen kann. Das Stillen ist auch die Berührung, der vertraute Geruch der Haut der Mutter, der Klang ihrer Stimme, der Anblick, das Wort, der Schlag ihres Herzens. Fast wie im Mutterleib bleibt das Baby mit der Mutter körperlich verbunden – diesmal nicht durch die Nabelschnur, sondern durch die Brust. Die Verbindung ist aber nicht nur körperlich. Auch seelisch sind die Mutter und das Baby in den ersten Wochen und Monaten nach der Geburt ein Ganzes. Das Baby erlebt die Emotionen der Mutter wie seine eigenen. Ihre Abwesenheit kann zu dauerhaften seelischen Schäden führen.
Daher ist die Aufgabe des Vaters, die Mutter in das Universum Wochenbett abtauchen zu lassen – wie einen Tieftaucher, der auf die Schatzsuche in die tiefe See steigt. Dabei bleibt der Vater das Sicherheitszentrum, das dafür sorgt, dass der Taucher genug Sauerstoff bekommt, dass er die starke Rückendeckung spürt und dass seine Verbindung zur Außenwelt stabil bleibt. Erst dann kann sich der Taucher voll und ganz auf die Schätze des Meeres einlassen.
Der Mutter nicht nur praktische sondern vor allem emotionale Unterstützung zu geben scheint die größte Herausforderung für Väter zu sein. Er wickelt schon und putzt und die Frau bleibt unzufrieden. Die Beziehung steht auf dem Prüfstand. Dabei will die Frau sich mit ihren Veränderungen und der Stimmungsachterbahn nach der Geburt einfach nur angenommen fühlen. Sie will keine Erwartungen spüren, ganz die alte sein zu müssen, sondern in ihrer Entwicklung verständnisvoll begleitet werden. Mit der einfachen Frage „Was kann ich für dich tun?“ kann man ihr wieder das Gefühl geben, dass man ihre Veränderungen wahrnimmt, und für sie da ist.

Illustration Quelle: Puerperios. L. Gutman

